wie steht der Islam zum Thema Behinderung?

Hier könnt ihr Diskussionen bezüglich religiöser Fragen und Meinungen führen - oder auch einfach über religiöse Feste wie Taufen, Konfirmationen etc. brichten. Für Familien mit besonderen Kindern haben religiöse Sitten und Gebräuche schließlich auch einen besonderen Charakter.

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Antje K
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Beitragvon Antje K » 13.01.2013, 22:35

Hallo!

Der Papa von Qendresa ist Moslem und Kosovo-Albaner.Er akzeptiert seine Tochter nicht, ist Montagearbeiter,hält sich strikt an Ramadan, ist jedoch Alkoholkrank und lebt nicht bei uns.

Nun war er mal wieder paar Wochen im Kosovo und als ich ihm gestern telefonisch mitteilte, dass ich langsam mit meiner Kraft am Ende bin (seelisch und auch körperlich, da sie so sehr zunimmt und keiner was dagegen machen kann-sind bald 27kg auf ca,1,04m und knapp 5Jahren schwerstbehindertes Mädel) da meinte er nur, dass er ja so ein Kind nicht haben wollte.

Wenn ich sie nun nicht mehr tragen könnte sollte sie doch länger in der Kita bleiben oder eben gleich im Bett.

Und dann kam der Hammer, er meinte es gäbe ja auch solch Häuser wo man sie lassen könnte!Hallo!

Er kümmert sich nicht, er ist nie da,er unterstützt mich nicht, weiss immer alles besser, denkt seine Tochter kriegt eh nix mit und kann nichts...

Nur durch Zufall hat die Familie im Kosovo vom Dasein der Enkelin erfahren-selbst vom gesunden Enkel wurde erst ein Wort gelassen, als er schon 2 war.
Ich durfte meine angeheiratete Familie nie kennen lernen.(Außer 2 Brüder, die mal in Deutschland waren)

Man weiss ja auch nicht, was der Vater(Opa) ihm einredet.

Ich hab die ganze Nacht durchgeheuelt-ich kann doch nicht mein geliebtes Töchterchen mit 5Jahren einfach abgeben, nur weil´s mir grad nicht mehr passt.
Sie hat sich fürs Leben entschieden und wird von allen (außer dem Papa scheinbar)geliebt, gepflegt und umsorgt.

Es gibt doch Lifter usw und wenn irgendwann mal die Zeit gekommen ist, dann kann man drüber nachdenken(wenn sie 20 ist oder so; ich weiss es nicht)-aber doch nicht jetzt.
Sie würd daran zugrunde gehn.Sie ist total auf mich und ihre "Leute" fixiert und da soll sie irgendwo hin wo der Papa sie vielleicht nie besucht und es für die Restlichen evtl. zu weit weg ist um da tgl. bei ihr zu sein.

Ich versteh die Welt nicht mehr.Wie kann man nur so kalt sein, es ist doch das eigen Fleisch und Blut.

In der kosovarischen Verwandtschaft ist schon ein Todesfall von einem 17 jährigen Jungen gewesen der ähnlich wie Qendresa war.Dass es das gab, davon hat er uns erst 2 Wochen nach ihrer Geburt was erzählt-die Genetiker sehen da aber keinen Zusammenhang.

Um den Kleinen kümmert er sich auch nicht.

Alle Schuld trifft natürlich wieder nur mich..

Ich komme aus der evang.-lutherischen Kirche und bin jedoch nicht so streng erzogen und gäubig.Anfangs hab ich den Verdacht auf Down Syndrom auch als Art Strafe angesehn, aber als es dann nicht zutraf war ich dann um so dankbarer und dann kam die Geburt und damit die Katastrophe.
Klar fragt man sich dann immer warum Gott das zulässt.Ich wünschte mir so sehr ein Wunder, ich würd mein letztes Hemd für ein besseres Leben von Qendresa geben...aber ich liebe sie so wie sie ist(auch wenn es jeden Tag nicht leicht ist Mama einer besondren Tochter zu sein)und warte wohl noch sehnsüchtig auf einen Papa der für uns da ist und mir in jeder Lage beisteht.

Er erkundigt sich die ganze Woche nicht nach uns.Wenn er mal anwesend ist, dann macht er auch nichts und schläft viel....man sollte doch jede Sekunde mit seiner Tochter genießen, wo man ja weiss oder eben nicht weiss, wie lange sie noch bei uns ist.

Es bricht mir das Herz, wenn ich erleben muss, dass meine Kinder "unerwünscht" sind und dies auch zu spüren kriegen.Die Antwort hab ich dann abends oder auch tagsüber, wenn der Kleine mit Trennungsängsten zu kämpfen hat und mir sagt, dass der Papa weg ist und wir einen andren suchen müssen.

Ich weiss echt nicht , was ich machen soll.Muss ich meinen Mann "verstehen"?Oder wär es nicht endgültig besser den Papa aus unserem Leben zu streichen?

Sorry, ist bissl lang geworden...

LG ANGI mit 2 wunderbaren Kids
Qendresa 02/2008-02/2013,NF4,8 weiße Asphyxie,Reanimation,multizyst.Encephalomalazie,Apgar 2/2/4,Nabelph 6,66 ,Temperaturregulationsstörung,Hirnödem III°,Puppenaugenphänomen,nachweislich kein O2-MAngel unter Geburt,PS3,bds luxierte Hüften OP 11/11 und 09/12,PEG,Diagnose?

Arian 03.2010 36+3SSW, gesund und munter

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rashida*
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Beitragvon rashida* » 13.01.2013, 23:31

Hallihallo,


also es ist so dass wirklich gläubige Muslime alles was im Leben passiert als schicksal und von Allah gewollt ansehen.
Das heisst bekommt man ein behindertes Kind wird es so angenommen wie es ist!
Wir und unser Freundeskreis sind sehr gläubig, es wird sich immer um Farid gekümmert, für Ihn gebetet und extra besucht.

Was aber nicht heisst dass automatisch ALLE Muslime so handeln. Auch hier gibt es weniger Gläubige... Genauso wie es in jeder Religion ist. Nicht automatisch alle Christen nehmen Ihre behinderten Kinder an...

Man muss auch ganz stark zwischen Tradition und Religion unterscheiden. Viele verwechseln das...

Angi,
so wie der Vater von Deiner Kleinen sich verhält hat das nix mit Islam zu tun. Ich bezweifle auch stark ob es an seinem Verhalten was ändern würde wenn Eure Tochter gesund wäre...
Ich hoffe für Dich/Euch dass Ihr eine gute Lösung finden könnt.

Liebe Grüße
Rashida
Rashida (08/80, Kinderkrankenschwester), Papa, Farid (9.7.07 war gesund, 6.10.10 Hirnblutung im dritten Ventrikel durch Zyste, schwerer hypoxischer Hirnschaden, Tetraspastik, Minimal responsive state, Epilepsie, HC, VP-shunt 10/10 und PEG 11/10 und Malik (2.1.10) und Bilal (15.5.13)

Frage nicht warum, mach immer das Beste daraus...

michi79
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Beitragvon michi79 » 14.01.2013, 09:55

Ich kann mich der Meinung von Rashida zu 100% anschließen. Auch wir sind gläubige Muslime, und auch wir nehmen unseren Sohn wie er ist. Er ist für uns genauso Geschenk wie unseren anderen beiden, und wir lieben ihn genauso!

Wenn dein Mann sich nicht um eure Kinder kümmert, dann solltet ihr/ solltest du wirklich überlegen, ob ein leben ohne ihn für euch nicht besser wäre. Aber glaub mir, sein verhalten ist definitiv nicht korrekt und hat mit Islam nicht im geringsten zu tun (sieht man schon das er fastet aber Alkohol trinkt...).

Ich wünsche Dir viel kraft!
Liebe Grüße
Michaela

Kathrin_Sophie
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Beitragvon Kathrin_Sophie » 14.01.2013, 12:29

Hallo!

Wir leben zur Zeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten! Hier gelten strenge Regeln, aber ich beziehe mich mal nur auf behinderte Kinder hier!
Wir werden hier sehr schön angenommen! Gerade die Araber und deren Frauen sind sehr nett und anstatt uns nachzuschauen, sprechen sie uns an, sie sind neugierig, aber auf einer positiven Art und Weise! Am liebsten wollen sie uns helfen, uns umarmen und sagen immer Allah wird uns beschützen!

Aber die Länder hier sind schon noch sehr hinten nach....Hier werden keine Therapien oder Spezialisten von den normalen Krankenkassen bezahlt! Hilfsmittel sind schwer zu bekommen und immer komplett selbst zu bezahlen!
Also manche können sich Hilfe einfach nicht leisten und manche haben auch einfach die Einstellung, jedes Kind wird akzeptiert, darf ganz normal in der Familie leben, (Hier hat die Familie und die Kinder so einen hohen Stellenwert, dass niemand seine Kinder her geben würde) aber Geld für Therapien, Hilfsmittel, Spezialisten wird selten ausgegeben! Auch haben die Leute hier oft nur zu lokalen Ärzten, die weit weniger Erfahrung wie zB die Deutschen Ärzte hier, Vertrauen!

Ich habe mal eine Frau kennen gelernt, unsere Kinder sind sehr ähnlich! Sie hat mich gefragt, ob diese Schuhe, Walker, Therapien was bringen....Ich meinte, ja schon, sie meinte, Allah passt auf ihr Kind auf, sie braucht keine Ärzte und Therapeuten, die die Kinder nur quälen! Ihr Kind soll so leben, wie es ist!

Eine andere Mutter sagt immer wieder Allah wird alles richten, ihr Kind (spastische Diparesen) wird wieder ganz gesund......


Sophie's Therapeutin hat auch mal erzählt, dass sie heimlich zu einem Mädchen einer Araberin geht,weil es der Vater verbietet!

Ich habe hier die Erfahrung gemacht, dass sie Leute zwar ihre Kinder annenhmen und aktzeptieren, aber nicht viel mehr....Ob es einfach Unwissenheit ist, oder ihnen vielleicht zu wenig geholfen wird, oder sie zu wenig Geld haben, oder für diese Kinder kein Geld ausgeben wollen....Ich weiss es nicht!

Wie viele schon geschrieben haben, verallgemeinern kann man es auf jeden Fall nicht! Was im Koran wirklich steht, und wie man eine Religion dann im echten Leben auslebt, ist oft unterschiedlich!

Liebe Grüsse
Kathrin mit Sophie *09: Frühgeburt -> ICP als beinbetonte spastische Tetraparese und Pflegekind *14 ->Klumpfüße

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PapaBernhard
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Beitragvon PapaBernhard » 14.01.2013, 12:42

Hallo Angie,

unabhängig von allen religiösen Fragen ist das Verhalten von Quendrasas Papa nicht zu akzeptieren und ein Leben komplett ohne ihn ist in meinen Augen durchaus eine Option.

Liebe Grüsse
Bernhard
Bernhard *69, Christiane *70
Dominik *15.10.07 Asphyxie bei Geburt, Entwicklungsverzögerung, Epi, Pflegestufe 2
Adoptivschwester *2006
Leon 2005 (+10SSW) Björn 2004 (+15SSW)

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 14.01.2013, 12:47

Hallo,

ich glaube, man sollte sauber trennen zwischen Kultur und Religion (schon klar, Religion ist was Kulturelles, trotzdem). Es gibt riesige Kulturunterschiede zwischen Christen in USA, Christen in Polen, koptischen Christen, und und und. Das ist im Islam auch so. :wink:
Ein kosovarischer Moslem wird kulturell von einem arabischen Moslem ziemlich verschieden sein usw. ... Soweit hier scheinbar religiöse Geschichten reinspielen wie Glauben an böser Blick oder Fluch oder Strafe, wird es mit der regionalen Kultur und Geschichte zu tun haben, NICHT mit der Religion.
Diese "Schicksalsergebenheit", was Katrin in den Arabischen Emiraten so auffällt, gab/gibt es im Katholischen auch ganz massiv ... War und ist aber doch immer eine Frage der Auslegung des Einzelnen. Manchen gibt es Kraft, und sie bewegen dennoch viel, manche lähmt es, manche nehmen es als Ausrede.

Wurde im alten Teil des Threads ja auch schon geschrieben ...

@Antje:
Du und Dein Mann, ihr habt wahrscheinlich AUCH ein interkulturelles Problem, nicht nur ein persönliches. Aber wenn Du so fragst:
Ich weiss echt nicht , was ich machen soll.Muss ich meinen Mann "verstehen"?Oder wär es nicht endgültig besser den Papa aus unserem Leben zu streichen?

dann weißt Du doch eigentlich die Antwort schon :wink:

Liebe Grüße, Ingrid
Engrid
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"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Annette R.
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Beitragvon Annette R. » 14.01.2013, 13:12

@Antje: Ich glaube dein mann hat nur eine sehr willkommenAusrede gefunden, sich nicht um sein Kind ( und um dich) kümmern zu müssen. Und du darfst deinen Mann gerne verstehen...aber du musst ( und solltest meiner Meinung nach) sein Verhalten schon aus Liebe zu deinem kind nicht akzeptieren.
Lena 2001: möglicherweise leichtes ADHS ( Diagnose und Gegendiagnose), ansonsten einfach ein Mädchen, was anders ist als andere....
Nellie 2006: Selbstbewußte Knutschkugel mit " Fräulein Rottenmeyer-Syndrom" ;) die gerne im Mittelpunkt steht.
Max 2008: leicht hypoton, motorisch retadiert, v. a. auf ASS und HB ( Diagnose zur Zeit nicht möglich)

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Beitragvon EsmaS » 23.01.2013, 11:46

Hallo an alle,

ich bin moslem, mein Mann auch und wir haben ein 2 Kinder, meine Tochter ist 4 und mein Sohn 2 und er ist autistisch.

Wir lieben beide Kinder über alles, weder mein Mann noch ich verstecken den kleinen..

Tut mir leid, dass es solche Menschen die denken das sie ihr Kind verstecken müssen.

Ich arbeite Voll und mein Mann kümmert sich um die Kinder, er geht mit ihm in die Ergo und Krankengymnastik. Er war 5 Wochen mit ihm in der Klinik, wegen seiner Lungenentzündung.

LG
Esma (75), Tuana (2008) und Murat (2010) Frühkindlicher Autismus mit schwerer Entwicklungsstörung

MarinaH
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Beitragvon MarinaH » 29.03.2017, 14:09

Hallo!

Ein sehr interessantes Thema, das jetzt häufiger auf uns zukommt. Ich erlebe muslimische Eltern auch immer sehr um ihre Kinder bemüht, auch besorgt. Sie fragen auch immer wieder nach Hilfsmöglichkeiten.
Oft kommt natürlich die Frage nach der Heilung auf, die wir dann fast immer enttäuschen müssen- aber das ginge wohl jedem so.
Vieles ist sicher mehr Kultur als Religion. So z.B. das Verständnis für die Ursachen einer Krankheit- das kann für uns bizarr erscheinen (wie beim bösen Blick)- aber wer hätte sich nicht schon einmal die Frage gestellt, was beim eigenen Kind falsch gelaufen ist. Wir hätten eben immer gern eine Ursache. Meine georgische Kollegin sagte mir, dass in ihrer Kultur sehr oft die Frau die Schuld bekommt, wenn etwas mit dem Kind nicht stimmt. In vielen Gegenden scheint ein behindertes Kind auch eine Schande zu sein- man liebt es und versorgt es und muss das Getuschel der Leute ertragen...

Was mir auffällt ist auch, dass häufig behinderte Kinder sehr behütet werden. Das sorgt schon ab un zu für Verwunderung, wenn ich darauf bestehe, dass ein Kind seinen Rollstuhl selbst fährt oder sich selbst anzieht (sie konnten es selbst). Ist einfach eine andere Einstellung als hier, wo Kinder möglichst selbständig werden sollen.

LG Marina
Kinderärztin im SPZ

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Valentin2014
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Beitragvon Valentin2014 » 29.03.2017, 14:33

Hallo Antje,

der Islam hat kein "Problem" mit Behinderung.

Hier liegt eindeutig ein Ehe/Beziehungsproblem.


LG Valentin s Eltern


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