Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

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Christin74
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Christin74 »

Danke euch allen für die Willkommensgrüße und für eure vielen Gedanken, Anregungen und für euer Mitdenken. Ich versuche auf einiges einzugehen.

Vorweg möchte ich sagen, dass es natürlich schwierig ist, meinen Sohn für euch zu beschreiben und seine Geschichte so wiederzugeben, dass ihr euch ein umfassendes Bild machen könnt, da ihr uns nicht kennt und einfach ja auch schon so vieles im Laufe der Zeit passiert ist. Ihr könnt halt nur von dem ausgehen, was ich geschrieben habe und wie ihr das dann wahrnehmt, wobei ich versucht habe, mich auf die wesentlichen Punkte zu beschränken, und trotzdem ist ja mein erster Beitrag recht lang geworden.

Zudem stand mein erster Beitrag unter dem Einfluss, dass ich gerade recht verzweifelt war, weil ich mir natürlich wünschen würde, dass es meinem Sohn gut geht und dass er seinen eigenen Weg gehen kann, dass wir gerade vom Arbeitsamt kamen, wo ihm die Maßnahme angeboten wurde, die sich auch passend und gut für ihn anhört, aber ich eben die Befürchtung habe, dass er das nicht durchhält (nicht durchhalten kann?) und ich mich frage, wie es dann weitergehen soll. Denn ich merke schon, dass er auch leidet, dass er eigentlich ein normales Leben führen möchte, und ich möchte ihn gerne unterstützen und halt nicht darüber nachdenken, wie ich ihn zwangsweise aus dem Haus bekomme. Aber andererseits bin ich mir schon bewusst, dass es auch sein kann, dass eine Beziehung in einer bestimmten Phase einfach nicht heilsam ist, sondern Teil des Problems, so viel Mühe und Liebe man da (vor allem als Mutter) da auch reinsteckt.

Also kann ich euch hier immer nur Ausschnitte präsentieren bzw. meine eigene Wahrnehmung. Ich finde jedenfalls jeden eurer Beiträge wichtig und als Anregung für mich gut, und ich habe mir diesen Thread jetzt auch schon mehrfach durchgelesen. Danke für eure Anteilnahme!
Ich denke auch, dass es Krankheitswert hat und eigentlich therapeutische Hilfe nötig wäre. Ich finde auch, dass es sich so liest, als ob zu einer Grunderkrankung eine Depression hinzugekommen ist. Aber was nun... Deswegen fragte ich nach dem Zugang über den Körper. Über Bewegung, Licht und Luft. Es würde je genügen, wenn damit ein Anfang gelegt werden könnte, der die Möglichkeit für weitere Schritte bildet. Wieder das Gefühl bekommen, es geht voran, man hat was geschafft. Bewegung wirkt stimmungsaufhellend, man kriegt den Kopf frei und kann durchatmen. Kreislauf, Hormonsystem springen an. Und viele Möglichkeiten hat Christin ja nicht. Eigentlich fast keine. Sie darf nicht überfordern, aber nichts tun ist auch keine Option. Wenn er sich fürs Gaming interessiert, vielleicht kann er sich über Online-Kurse das Coden beibringen. In seinem Tempo. Dann hätte er eine berufliche Perspektive, die sich auf seine Rahmenbedingungen gut anpassen lässt. Man kann von zuhause arbeiten, wann und so viel man schafft und darf auch ein bisschen kauzig sein...
Ja, eine Depression sieht die Ärztin/Therapeutin auch. Mehr Bewegung und Sonnenlicht wären bestimmt super für ihn.

Hm, ein ganz spontaner Gedanke... Vielleicht liege ich auch völlig falsch... Könnte es vielleicht sein dass er mit Reizüberflutung zu kämpfen hat? Dass er das "normale" Leben deshalb nicht packt, weil er die vielen Reize einfach nicht richtig verarbeiten kann? Ich kam darauf weil du geschrieben hast dass er einbricht, wenn er eine ganze Weile hat. Es sind eben nicht alle Menschen für diese hektische, schnelllebige Zeit gemacht.
Ich kenne das teilweise von mir, aber ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich damit wunderbar zurecht komme. Ich würde es aber z. Bsp. aus diesen Gründen nicht aushalten permanent in einer Großstadt zu leben.

Wie wäre es denn mal mit was ganz anderem für ihn? Zum Beispiel mal ein paar Monate auf einer Alm leben und dort mithelfen? Könntest du dir sowas für ihn vorstellen?
Ich weiß es nicht, ob es auch mit Reizüberflutung zu tun hat, gesprochen davon hat er noch nicht. Auf einer Alm leben wäre bestimmt gut für ihn. Aber er müsste sich halt darauf einlassen, so lange weg in der Fremde zu sein.
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Christin74
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Christin74 »

Danke euch allen für die Willkommensgrüße und für eure vielen Gedanken, Anregungen und für euer Mitdenken. Ich versuche auf einiges einzugehen.

Vorweg möchte ich sagen, dass es natürlich schwierig ist, meinen Sohn für euch zu beschreiben und seine Geschichte so wiederzugeben, dass ihr euch ein umfassendes Bild machen könnt, da ihr uns nicht kennt und einfach ja auch schon so vieles im Laufe der Zeit passiert ist. Ihr könnt halt nur von dem ausgehen, was ich geschrieben habe und wie ihr das dann wahrnehmt, wobei ich versucht habe, mich auf die wesentlichen Punkte zu beschränken, und trotzdem ist ja mein erster Beitrag recht lang geworden.

Zudem stand mein erster Beitrag unter dem Einfluss, dass ich gerade recht verzweifelt war, weil ich mir natürlich wünschen würde, dass es meinem Sohn gut geht und dass er seinen eigenen Weg gehen kann, dass wir gerade vom Arbeitsamt kamen, wo ihm die Maßnahme angeboten wurde, die sich auch passend und gut für ihn anhört, aber ich eben die Befürchtung habe, dass er das nicht durchhält (nicht durchhalten kann?) und ich mich frage, wie es dann weitergehen soll. Denn ich merke schon, dass er auch leidet, dass er eigentlich ein normales Leben führen möchte, und ich möchte ihn gerne unterstützen und halt nicht darüber nachdenken, wie ich ihn zwangsweise aus dem Haus bekomme. Aber andererseits bin ich mir schon bewusst, dass es auch sein kann, dass eine Beziehung in einer bestimmten Phase einfach nicht heilsam ist, sondern Teil des Problems, so viel Mühe und Liebe man da (vor allem als Mutter) da auch reinsteckt.

Also kann ich euch hier immer nur Ausschnitte präsentieren bzw. meine eigene Wahrnehmung. Ich finde jedenfalls jeden eurer Beiträge wichtig und als Anregung für mich gut, und ich habe mir diesen Thread jetzt auch schon mehrfach durchgelesen. Danke für eure Anteilnahme!
Ich denke auch, dass es Krankheitswert hat und eigentlich therapeutische Hilfe nötig wäre. Ich finde auch, dass es sich so liest, als ob zu einer Grunderkrankung eine Depression hinzugekommen ist. Aber was nun... Deswegen fragte ich nach dem Zugang über den Körper. Über Bewegung, Licht und Luft. Es würde je genügen, wenn damit ein Anfang gelegt werden könnte, der die Möglichkeit für weitere Schritte bildet. Wieder das Gefühl bekommen, es geht voran, man hat was geschafft. Bewegung wirkt stimmungsaufhellend, man kriegt den Kopf frei und kann durchatmen. Kreislauf, Hormonsystem springen an. Und viele Möglichkeiten hat Christin ja nicht. Eigentlich fast keine. Sie darf nicht überfordern, aber nichts tun ist auch keine Option. Wenn er sich fürs Gaming interessiert, vielleicht kann er sich über Online-Kurse das Coden beibringen. In seinem Tempo. Dann hätte er eine berufliche Perspektive, die sich auf seine Rahmenbedingungen gut anpassen lässt. Man kann von zuhause arbeiten, wann und so viel man schafft und darf auch ein bisschen kauzig sein...
Ja, eine Depression sieht die Ärztin/Therapeutin auch. Mehr Bewegung und Sonnenlicht wären bestimmt super für ihn.

Hm, ein ganz spontaner Gedanke... Vielleicht liege ich auch völlig falsch... Könnte es vielleicht sein dass er mit Reizüberflutung zu kämpfen hat? Dass er das "normale" Leben deshalb nicht packt, weil er die vielen Reize einfach nicht richtig verarbeiten kann? Ich kam darauf weil du geschrieben hast dass er einbricht, wenn er eine ganze Weile hat. Es sind eben nicht alle Menschen für diese hektische, schnelllebige Zeit gemacht.
Ich kenne das teilweise von mir, aber ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich damit wunderbar zurecht komme. Ich würde es aber z. Bsp. aus diesen Gründen nicht aushalten permanent in einer Großstadt zu leben.

Wie wäre es denn mal mit was ganz anderem für ihn? Zum Beispiel mal ein paar Monate auf einer Alm leben und dort mithelfen? Könntest du dir sowas für ihn vorstellen?
Ich weiß es nicht, ob es auch mit Reizüberflutung zu tun hat, gesprochen davon hat er noch nicht. Auf einer Alm leben wäre bestimmt gut für ihn. Aber er müsste sich halt darauf einlassen, so lange weg in der Fremde zu sein.
Christin74
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Christin74 »

Danke euch allen für die Willkommensgrüße und für eure vielen Gedanken, Anregungen und für euer Mitdenken. Ich versuche auf einiges einzugehen.

Vorweg möchte ich sagen, dass es natürlich schwierig ist, meinen Sohn für euch zu beschreiben und seine Geschichte so wiederzugeben, dass ihr euch ein umfassendes Bild machen könnt, da ihr uns nicht kennt und einfach ja auch schon so vieles im Laufe der Zeit passiert ist. Ihr könnt halt nur von dem ausgehen, was ich geschrieben habe und wie ihr das dann wahrnehmt, wobei ich versucht habe, mich auf die wesentlichen Punkte zu beschränken, und trotzdem ist ja mein erster Beitrag recht lang geworden.

Zudem stand mein erster Beitrag unter dem Einfluss, dass ich gerade recht verzweifelt war, weil ich mir natürlich wünschen würde, dass es meinem Sohn gut geht und dass er seinen eigenen Weg gehen kann, dass wir gerade vom Arbeitsamt kamen, wo ihm die Maßnahme angeboten wurde, die sich auch passend und gut für ihn anhört, aber ich eben die Befürchtung habe, dass er das nicht durchhält (nicht durchhalten kann?) und ich mich frage, wie es dann weitergehen soll. Denn ich merke schon, dass er auch leidet, dass er eigentlich ein normales Leben führen möchte, und ich möchte ihn gerne unterstützen und halt nicht darüber nachdenken, wie ich ihn zwangsweise aus dem Haus bekomme. Aber andererseits bin ich mir schon bewusst, dass es auch sein kann, dass eine Beziehung in einer bestimmten Phase einfach nicht heilsam ist, sondern Teil des Problems, so viel Mühe und Liebe man da (vor allem als Mutter) da auch reinsteckt.

Also kann ich euch hier immer nur Ausschnitte präsentieren bzw. meine eigene Wahrnehmung. Ich finde jedenfalls jeden eurer Beiträge wichtig und als Anregung für mich gut, und ich habe mir diesen Thread jetzt auch schon mehrfach durchgelesen. Danke für eure Anteilnahme!
Ich denke auch, dass es Krankheitswert hat und eigentlich therapeutische Hilfe nötig wäre. Ich finde auch, dass es sich so liest, als ob zu einer Grunderkrankung eine Depression hinzugekommen ist. Aber was nun... Deswegen fragte ich nach dem Zugang über den Körper. Über Bewegung, Licht und Luft. Es würde je genügen, wenn damit ein Anfang gelegt werden könnte, der die Möglichkeit für weitere Schritte bildet. Wieder das Gefühl bekommen, es geht voran, man hat was geschafft. Bewegung wirkt stimmungsaufhellend, man kriegt den Kopf frei und kann durchatmen. Kreislauf, Hormonsystem springen an. Und viele Möglichkeiten hat Christin ja nicht. Eigentlich fast keine. Sie darf nicht überfordern, aber nichts tun ist auch keine Option. Wenn er sich fürs Gaming interessiert, vielleicht kann er sich über Online-Kurse das Coden beibringen. In seinem Tempo. Dann hätte er eine berufliche Perspektive, die sich auf seine Rahmenbedingungen gut anpassen lässt. Man kann von zuhause arbeiten, wann und so viel man schafft und darf auch ein bisschen kauzig sein...
Ja, eine Depression sieht die Ärztin/Therapeutin auch. Mehr Bewegung und Sonnenlicht wären bestimmt super für ihn.

Hm, ein ganz spontaner Gedanke... Vielleicht liege ich auch völlig falsch... Könnte es vielleicht sein dass er mit Reizüberflutung zu kämpfen hat? Dass er das "normale" Leben deshalb nicht packt, weil er die vielen Reize einfach nicht richtig verarbeiten kann? Ich kam darauf weil du geschrieben hast dass er einbricht, wenn er eine ganze Weile hat. Es sind eben nicht alle Menschen für diese hektische, schnelllebige Zeit gemacht.
Ich kenne das teilweise von mir, aber ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich damit wunderbar zurecht komme. Ich würde es aber z. Bsp. aus diesen Gründen nicht aushalten permanent in einer Großstadt zu leben.

Wie wäre es denn mal mit was ganz anderem für ihn? Zum Beispiel mal ein paar Monate auf einer Alm leben und dort mithelfen? Könntest du dir sowas für ihn vorstellen?
Ich weiß es nicht, ob es auch mit Reizüberflutung zu tun hat, gesprochen davon hat er noch nicht. Auf einer Alm leben wäre bestimmt gut für ihn. Aber er müsste sich halt darauf einlassen, so lange weg in der Fremde zu sein.
Christin74
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Registriert: 17.11.2022, 08:15

Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Christin74 »

Huch! Erst ging es die ganze Zeit gar nicht, und jetzt taucht mein Beitrag etliche Male auf.... :oops:
grace hat geschrieben: 24.11.2022, 11:47
Anjali hat geschrieben: 23.11.2022, 17:02 Geschützt werden sollen hätte er von Erwachsenen.
In meinen Augen -das soll jetzt kein Vorwurf sein- liegt die Verantwortung für das jetzige Dilemma und die ggf. vorliegende Verfestigung erprobter Schutzmechanismen in erster Linie auf Erwachsenenebene, insofern finde ich die -hier vereinzelt zu lesenden Versuche, deinem Sohn den Buhmann zuzuschieben - nicht gerechtfertigt.
Hallo Anja,

Und wer sind deiner Meinung nach diese „Erwachsenen” und was hätten sie tun müssen ?

Es ist nämlich immer sehr einfach so generell zu schreiben - und mit sehr viel Verständnis für den betroffenen Jugendlichen - das irgendwelche Erwachsenen irgendwas hätten tun sollen, aber was denn bitte wenn der Betroffene nicht mitarbeiten will oder kann?

Wie die TE schon selbst schrieb - und in ähnlichen Fällen ist es fast immer so - wurde von den Eltern schon alles versucht und in der Familie lebende Geschwister haben keine Probleme, also können Erziehungsprobleme ausgeschlossen werden. Die Schule scheint auch mehr oder weniger mitgearbeitet zu haben denn sie wurde ja abgeschlossen. Es gibt Vorschläge, Unterstützung und Hilfe für den weiteren Werdegang, aber die werden alle abgelehnt.

Im übrigen stimmt es überhaupt nicht das viele Betroffene nicht gerne in ihrem Zimmer hocken, wer solche einwende macht ist einfach nicht informiert! Es gibt ganz viele Betroffene die in ihrem Zimmer mit PC, PS, Handy und WLAN in ihrer eigenen Comfort Zone leben und gar keinen Sinn mehr darin sehen raus zu gehen, ganz im Gegenteil, draußen lauern Ängste und Erwartungen welche wieder Ängste schüren. Ich glaube ihr wisst gar nicht wieviele Jugendliche fast nur noch im eigenen Zimmer leben und nur noch am PC spielen und das reale Leben vermeiden, es werden immer mehr und fast immer verbunden mit sozialen Ängsten und Störungen.
Danke dir, ja, das sind auch meine Gedanken.
grace hat geschrieben: 24.11.2022, 11:55 ….

Und wie auch meinem Sohn von allen Therapeuten und Ärzten gesagt bekam: am Ende ist es egal warum er diese Probleme hat, ob nun Gendefekt (mit großer Wahrscheinlichkeit) oder leichte Stoffwechselstörung oder irgendein Trauma (wurde bei uns nicht gefunden), es ist sein Leben und nur er kann entscheiden Hilfe anzunehmen und an seinen Problemen zu arbeiten, alles andere funktioniert auf Dauer nicht.

LG

Grace
Anjali hat geschrieben: 24.11.2022, 15:16

Es ist nämlich immer sehr einfach so generell zu schreiben - und mit sehr viel Verständnis für den betroffenen Jugendlichen - das irgendwelche Erwachsenen irgendwas hätten tun sollen, aber was denn bitte wenn der Betroffene nicht mitarbeiten will oder kann?
Hallo Grace,

ja, man kann ja alles Verständnis saußen lassen, dem Kind die Pistole an die Brust setzten und es zum Auszug oder einer Therapie nötigen. Mit der Haltung, dass das Verhalten des Kindes eine Zumutung für den Rest der Familie sei, erhöht man bei einem sich dauerverweigernden Kind sicher die Erfolgschancen.
Nee, ohne Verständnis und Geduld und eine entsprechende Vorarbeit (wie von einigen Usern hier bereits vorgeschlagen) wird man hier wahrscheinlich nur schwer weiterkommen.

LG
Anja
Anjali hat geschrieben: 24.11.2022, 14:48
grace hat geschrieben: 24.11.2022, 11:47
Anjali hat geschrieben: 23.11.2022, 17:02 Geschützt werden sollen hätte er von Erwachsenen.
In meinen Augen -das soll jetzt kein Vorwurf sein- liegt die Verantwortung für das jetzige Dilemma und die ggf. vorliegende Verfestigung erprobter Schutzmechanismen in erster Linie auf Erwachsenenebene, insofern finde ich die -hier vereinzelt zu lesenden Versuche, deinem Sohn den Buhmann zuzuschieben - nicht gerechtfertigt.
Hallo Anja,

Und wer sind deiner Meinung nach diese „Erwachsenen” und was hätten sie tun müssen ?

Die Probleme traten ja schon im Kindergarten auf. Das Kind verweigerte, konnte damit „aber nicht durchkommen“.

Die Erwachsnen sind z.B. das Kiga-Personal und natürlich auch die Eltern als Fürsprecher des Kindes.

Was man hätte tun müssen?
Ich kenne ja nicht alle Details, kann nur nach dem urteilen, was ich hier lesen konnte und evtl. auch falsch interpretiere.
Ich weiß nicht, was alles versucht wurde, es liest sich so, als hätte man es mehr oder weniger hingenommen, dass das Kind bereits im Kiga anscheinend von einer Überforderung in die nächste getrieben wurde..

Ganz allgemein, nicht auf diesen Beispiel bezogen, kann man ja viel tun, um ein krankes/behindertes Kind zu integrieren. Anpassung der Anforderungen, Gewährung von Rückzugsmöglichkeiten, Nachteilsausgleiche , Schulzeitverkürzung, Wechsel der Schulform, Schulbegleitung, Integrationshelfer etc.
Und was ich auch ganz wichtig finde ist eine Würdigung und Anerkennung der Schwierigkeiten.
Das ist natürlich nicht leicht, wenn einem von man mancher Seite vermittelt bekommt, dass das Kind ja könne, wenn es wolle und das ganze nur ein pädagogisches Problem sei.
Ihr habt beide Recht irgendwie.

Was bei uns vielleicht das Problem war, dass er eigentlich bis es richtig schwierig wurde (mit 13), als "normales" Kind gesehen wurde. Auch von uns Eltern. Ja, er war immer besonders, war sehr schüchtern, sehr sensibel, war nicht gerne in Gruppen, manchmal war es grenzwertig, aber er entwickelte sich immer weiter und vieles wuchs sich aus, und manchmal habe ich auch gedacht, dass ich ihn nicht als mein Sorgenkind sehen darf, sondern ihm ruhig was zutrauen darf. Im Kindergarten war es schwierig, aber auch nur phasenweise, man hat sich da auch sehr bemüht, aber er ist einfach nicht gerne hingegangen. Musste aber halt hin, weil er eben betreut werden musste. Im Vorschuljahr wurden die sozial-emotionalen Defizite angesprochen, wir waren auch beim KiA, der ihn seit Geburt kannte, er hat dann Psychomotorik verschrieben, hat aber insgesamt seine Entwicklung nie kritisch gesehen oder großen Handlungsbedarf gesehen.

Ich hatte große Bedenken wegen der Einschulung, letztlich hat sie ihm aber sogar gut getan, er hat dadurch einen richtigen Schub gemacht und fühlte sich in der Schule wohl (jedenfalls viel besser als im Kindergarten), da habe ich dann auch gedacht, dass ich ja viel zu ängstlich war und mehr darauf vertrauen müsste, dass er seinen Weg schon geht. Er hatte auch immer, im Kindergarten und in der Schule, ein paar Freunde, mit denen er sich nachmittags trag, er hat auch freiwillig in der Schule an AGs (Ballspiele, Tischtennis) teilgenommen.

Kognitiv war die Schule kein Problem für ihn, er war jetzt aber auch kein Überflieger, er wechselte dann ab der 5. Klasse auf die Oberschule/Realschule, und auch da war die Rückmeldung der Lehrer, wie in der Grundschule auch, dass alles soweit okay ist, er halt nur sehr sehr still ist und sich mündlich mehr beteiligen dürfte. Ende der 7. Klasse fing es dann an, dass er häufig über Bauchschmerzen/Kopfschmerzen/Übelkeit/pp. klagte, dass er in der Schule auffällig wurde, da er überhaupt nicht mehr ansprechbar war, zT weinte, zT den Kopf auf den Tisch legte und ihn dort unter den Armen vergrub. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann einen Termin beim Psychologen gemacht. Zu dem er zunächst nicht wollte. Dann aber hingegangen ist.

Schnell verschärfte sich das Problem Anfang der 8. Klasse, da fing dann auch bald die Schulverweigerung an. Der Psychologe, bei dem wir waren, wollte mit dem Sohn sprechen, der konnte zu dem Zeitpunkt kaum mit fremden Erwachsenen reden (das war ja Teil des Problems), ich wollte für meinen Sohn mit dem Psychologen sprechen, der meinte aber nur, nö, wenn er selbst nicht spricht, funktioniert es nicht. Das geht dann nicht. Dann muss er stationär.

Da es in der Folgezeit gar nicht mehr ging mit der Schule, habe ich Kontakt zur KJP aufgenommen, da wurde ihm die stationäre Aufnahme angeboten, zunächst wollte er nicht, wir haben dann als Eltern gesagt, dass er hingehen muss, weil er krank ist und es ambulant nicht ausreicht, letztlich hat er dann sich darauf eingelassen und ist freiwillig in die Klinik gegangen. Es fiel ihm jedes Wochenende zu Hause schwer, wieder in die Klinik zurückzukehren, es fiel ihm auch in der Klinik sehr schwer, sich dort auf alles einzulassen, hatte viel Heimweh, hat viel auf dem Zimmer gehockt. Mit der Zeit wurde es besser, er hat auch ein Medikament bekommen und dann wurde es plötzlich ganz schnell sehr viel besser und dann wurde er auch schon entlassen. Zu Hause ging es aber leider nur eine Woche gut, dann ging es wieder nicht mehr.

In der Folgezeit war ich verzweifelt, weil er morgens sich verweigerte, weil mir die KJP sagte, nö, sie wären nicht mehr zuständig, er müsse jetzt zu Hause klar kommen, weil er die ambulanten Termine verweigerte und ich gar nicht mehr an ihn ran kam. Das Jugendamt hat dann eine Familienhilfe bei uns eingesetzt, aber mit dem Helfer, der extra für den Sohn zu uns kam, wollte er nicht sprechen, er hat sich in seinem Zimmer verbarrikadiert, wenn dieser kam. Der andere Helfer, der mit uns Eltern gearbeitet hat, sprach halt immer von Konsequenz, gemeinsames Handeln als Eltern, feste Regeln und Struktur usw., aber konkret geholfen hat mir das nicht. Denn es gibt ja feste Regeln und eine Struktur bei uns, das ist ja gar nicht das Problem, aber wie wir an ihn ran kommen und das durchsetzen können, da blieb alles schwammig. Auch die ambulante Therapeutin in der KJP blies in das Horn, dass alles nur ein pädagogisches Problem sei, dass wir ihn damit nicht durchkommen lassen dürfen, dass er nicht in die Schule geht, dass wir konsequent sein müssen usw.

Das war eine ganz schlimme Zeit, weil ich wirklich zum ersten Mal in meinem Mutterdasein, komplett das Vertrauen in mich als Mutter verloren habe. Ich habe gedacht, dass ich alles falsch mache, ich habe nächtelang wachgelegen und mir überlegt, was ich sagen kann, was ich tun kann. Ich habe Ratgeber gelesen, mit der Schule gesprochen, versucht an meinen Sohn ranzukommen, habe versucht die Regeln (zB zur Nutzung elektronischer Geräte) durchzusetzen, ihn zu Bewegung und zu Aktivitäten zu bewegen usw. Ich war völlig verzweifelt, fühlte mich allein gelassen und als Versagerin. Denn von allen Seiten (auch natürlich in meiner Umgebung) hörte ich ja, dass ich alles falsch mache (der Vater war fein raus, der war ja nie da). Und ich habe auch selbst gezweifelt, ich kenne ja meinen Sohn und spürte, dass es nicht nur Bockigkeit/Unwilligkeit war, sondern hatte den Eindruck, dass er immer noch krank ist, aber alle Fachleute (KJP, Therapeuten, Familienhilfe, Jugendamt) vermittelten mir, dass es nur ein Erziehungsproblem sei. Ich habe in der Zeit auch nach anderen Therapeuten gesucht, aber mein Sohn wollte sich auf gar nichts mehr einlassen.

Mein Sohn musste dann das Schuljahr wiederholen, was eigentlich ganz gut war, da in seiner Klasse nunmehr sein bester Freund (Nachbarsjunge) war. Allerdings half das auch erst einmal nichts. Ich hatte irgendwann die Therapeutin so weit (nachdem er auch einmal wieder mitgekommen ist), dass sie ihn krank geschrieben hat und wir zu Hause kleine Schritte versucht haben. Also Druck weg und versuchen, zu Hause Zeiten, Bewegung und so zu etablieren. Leider hat das auch gar nicht funktioniert. Letztlich hat die KJP dann tatsächlich gesagt, dass sie ihn erneut aufnehmen. Im Herbst 2018. Und was soll ich sagen? Nachdem er zu Hause nur noch ewig im Bett herumgelegen hatte, hat er sich in der KJP wieder völlig normal verhalten, hat alles mitgemacht, war dort sogar relativ locker und entspannt, er kannte ja die Betreuer und so auch noch. Er wurde dann nach einer Weile entlassen wieder mit der Diagnose, dass es nur Erziehungsprobleme sind. Er hat mir später mal gesagt, dass er in der KJP sich bemüht hat alles mitzumachen, um möglichst schnell wieder nach Hause zu kommen.

Nach der zweiten Entlassung hatte ich dann tatsächlich zum ersten Mal echte Unterstützung durch den Familienhelfer, da wir die Abmachung getroffen haben, dass er morgens zu uns kommt, wenn mein Sohn nicht aufsteht, dass ich also in der Situation nicht allein bin. Das war für mich eine Erleichterung und eine Sicherheit, war doch die morgendliche Situation für mich zum absoluten Horror geworden. Tatsächlich musste ich nicht ein einziges Mal den Familienhelfer dazu rufen. Der Sohn ging jeden Tag zur Schule für den Rest des Schuljahres. Und die Rückmeldungen aus der Schule waren gut. Die Familienhilfe lief letztlich aus. Auch in der 9. Klasse lief es zunächst gut weiter, bis dann im Winter nach mehreren Abwesenheitszeiten wegen Infekten nichts mehr ging. Gleichzeitig kam dann Corona hinzu mit Homeschooling usw. Wieder nur zu Hause und Rückzug bis zum Sommer, zwischendrin kam noch die Trennung von uns Eltern, außerdem hatte ich aufgrund der erneuten Schulverweigerung wieder eine Familienhilfe beantragt. Die wurde im Sommer 2020 eingesetzt, diesmal eine psychologische Praxis, durch sie erneute Kontaktaufnahme zur KJP und dann die dritte Klinikaufnahme in der KJP.

Bereits am ersten Tag in der Klinik schrieb er mir, dass er unbedingt wieder nach Hause will, dass er wieder in die Schule geht, wenn er nur wieder nach Hause kann. Zufällig durfte er dann am Besuchswochenende nicht wieder zurück in die Klinik, weil seine Schwester in Quarantäne war und die Klinik zunächst das Testergebnis abwarten wollte. Er ist dann tatsächlich montags von sich aus in die Schule gegangen und auch in den Folgetagen, die Klinik hat dies dann als Schulversuch gewertet, der positiv verlief, und hat ihn umgehend wieder entlassen. Er ging dann auch wieder in die Schule, bis es dann im Winter zur neuerlichen Verweigerung kam. Er hat dann aber, obwohl er im zweiten Halbjahr nicht mehr in der Schule war, an den Realschulprüfungen teilgenommen und hat auch ein Realschulzeugnis bekommen. Er ist zur mündlichen Englischprüfung angetreten und hat sie mit einer 1 bestanden (er hat tatsächlich ein sprachliches Talent), er hat die anderen drei Prüfungen absolviert, Mathe mit einer 5, Englisch aber mit einer 1 und Deutsch mit einer 2, und das quasi ohne Vorbereitung. Insgesamt hat es noch irgendwie gereicht.

Die Realschule war insgesamt immer sehr kooperativ. Sie haben ja seinen Weg mitbekommen und ihn als krank angesehen, auch wenn er ja oft gar keine Atteste hatte. Es gab viele, viele Gespräche, auch mit dem Schulleiter, man war immer sehr hilfsbereit und unterstützend, da wurde wirklich gemacht, was ging, er hat ja auch ohne Attest dann zuletzt einen Nachteilsausgleich bekommen. Und seine hohen Fehlzeiten im letzten Schuljahr nicht als schädlich für den Abschluss angesehen.

Im Sommer 2021 ist er dann an der Berufsfachschule Chemie gestartet. Dies war sein eigener Wunsch, er hat sich auch selbst darum gekümmert und sich wahrscheinlich dort einen Neustart erhofft. Er hatte immer den starken Wunsch, normal zu sein, nicht aufzufallen, den Anforderungen zu entsprechen. Leider hat es an der Schule gar nicht geklappt, es war wohl zu groß, zu viel, die Anforderungen zu hoch. Es gab dann Gespräche mit der Schule, die nicht mehr so kooperativ war, sondern auf die Schulpflicht gepocht hat (sie kannte ihn halt auch nicht und er hatte ja auch kein Attest o.ä.). Letztlich sind wir dann über die Schule an eine Schulersatzmaßnahme gekommen in einer Jugendwerkstatt. In einem gemeinnützigen sozialen Wirtschaftsbetrieb, der sich u.a. speziell um die Integration von Personen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten kümmert. Die Maßnahme war eigentlich ideal für ihn, er hatte einen speziellen Betreuer, der sich sehr gekümmert hat, die Anforderungen waren niedrig, er konnte sich ausprobieren, hatte nicht mehr die Gruppensituation in der Schule. Er kam total zufrieden und aufgeblüht jeden Tag daher.

Trotzdem fing es dann nach einer Weile wieder an. Er ging nur noch an 2-3 Tagen in die Werkstatt. Dann nur noch 1x., dann gar nicht mehr. Alle Beteiligten, Jugendwerkstatt, Familienhelfer, wir Eltern, bemühten uns sehr, ihm irgendwie den Weg zu ebnen, dass er in der Maßnahme bleiben kann, und ihm irgendwie zu helfen. Er verweigerte aber alles, vor allem wollte er auch nicht zum Arzt o.ä. Zu Beginn des Jahres hatten wir uns auch noch eine andere Klinik angeschaut, die ihn aufnehmen wollte, als Alternative zur KJP, aber auch das lehnte er rigoros ab. Im Mai 2022 kündigte die Jugendwerkstatt dann die Maßnahme, er hätte dann wieder in die Berufsschule gemusst, aber das ging dann erst recht nicht mehr.

Zugleich drängte ich halt auch darauf, dass er sich überlegt, wie es ab dem Sommer weitergehen soll, zumal da auch die Schulpflicht endete und er volljährig wurde.

Im Juli 2022 ließ er sich dann plötzlich auf den Besuch bei einer Ärztin und Psychotherapeutin ein, den ich vermittelt hatte. Sie schrieb ihn krank und meinte, dass er erst einmal gar nichts machen sollte, zumindest nichts in Richtung Arbeit/Ausbildung, da er krank sei. Sie schlug kleine Schritte vor, konkret zunächst den Führerschein zu Ende bringen, an dem er schon lange sitzt. Bei ihr hat er 1x im Monat einen Termin, einen hat er jedoch auch schon verweigert, zuletzt war er wieder dort. Da die Familienkasse aber das ärztliche Attest nicht akzeptierte und mir das Kindergeld ablehnte, forderte ich meinen Sohn auf, sich beim Arbeitsamt als suchend zu melden, um wenigstens das Kindergeld zu bekommen. Das hat er auch getan, er hat Termine dort wahrgenommen und war beim Psychologischen Dienst des Arbeitsamtes. Da ist er ja jetzt im Reha-Bereich gelandet.

So, jetzt habe ich sehr viel geschrieben, um etwas deutlicher zu machen, wie der Weg war, dass es ein Auf und Ab war, dass es nie so richtig greifbar war, woran es hakt bzw. was helfen würde. Dass er auch immer wieder gute, quasi gesunde Phasen hatte. Und dass alle Leute um ihn herum, auch die wohlmeinenden und die Fachleute, schwankten zwischen "Kann er nicht oder will er nicht?"

ZB. hat er ja auch am Homeschooling so gut wie gar nicht teilgenommen. Obwohl ihm das ja mit seinen sozialen Ängsten sehr entgegenkommen müsste. Oder er hat die Jugendwerkstatt nicht mehr besucht, obwohl er da keine Angst hatte, sich wohl fühlte, keine Gruppensituation hatte. Er selbst sagt, dass er es nicht erklären kann, warum es an manchen Tagen nicht geht. Und wenn es erst einmal einige Zeit nicht mehr geht, ist es ihm so unangenehm und peinlich, wieder hinzugehen. So ist es jetzt auch mit dem Führerschein.
Anjali
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Anjali »

Ich denke du weißt sehr gut das im Kindergarten die wenigsten verhaltensauffälligen Kinder schon eine Diagnose bekommen, besonders wenn diese Auffälligkeiten nicht sehr markant und störend sind. Viele Kinder haben in jungen Jahren Auffälligkeiten welche sich hinterher rauswachsen und ganz bestimmt kann man in dem Alter keine Angststörung diagnostizieren.

Im übrigen sind Erzieher keine Therapeuten und dürfen sich auch nicht einfach so erlauben Verdachtsdiagnosen aufzustellen, besonders bei Kindern welche im allgemeinen keine großen Probleme machen.

Angststörungen und viele andere Psychischen Probleme sind oft erst Anfang der Pubertät wirklich richtig zu erkennen, oft auch deswegen weil das Kind vorher wenig selbst entscheiden kann und gewissermaßen gezwungen ist seine Ängste teilweise zu überwinden. Mit der Pubertät werden diese verstärkt und auf Eltern und Lehrer wird immer weniger gehört.

Mit den gängigen Hilfsmittel wie du sie beschreibst bekommt man übrigens keine starken Angststörungen in den Griff, dazu braucht es oft jahrelange spezielle Therapien und starke Mitarbeit der Betroffenen.

LG

Grace
Hallo Grace,

Ich glaube, wir schreiben aneinander vorbei. Von einer Diagnostik im Kindergarten war bei mir nie die Rede.
Man muss kein Fachmann sein und eine Diagnose stellen, um ein Kind da abzuholen, wo es ist. Spätestens, wenn ein Kind wiederholt oder sogar regelmäßig in die Verweigerung geht, sollte man das als Anlass nehmen, seine jeweiligen Anforderungen kritisch zu reflektieren und nicht einfach weiter seinen Willen durchzusetzen . Ein Kind hat ja nicht viele Instrumente, um Hilfe zu rufen. Als Pädagoge sollte man Hilferufe erkennen können und entsprechend reagieren. Es geht mir schlichtweg um Rücksichtnahme und Anpassung der Anforderungen an die Fähigkeiten eines Kindes.

LG
Anja
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (21 Jahre / Asperger-Autismus)
Christin74
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Christin74 »

Es gab noch viel mehr, was ich jetzt gar nicht mehr im Einzelnen beschreiben möchte, in der Schulzeit etliche Arztbesuche und auch Krankenhausaufenthalte, um vermeintliche Krankheiten aufgrund von körperlichen Symptomen abzuklären. Ich habe in 2020 etliche Male eine Erziehungsberatungsstelle aufgesucht. Etliche Bemühungen der Familienhelferinnen (beim zweiten Mal in 2020-2022), zeitweise hat ein junger Mann von der psychologischen Praxis mit ihm gearbeitet, darauf konnte er sich einigermaßen einlassen, ganz viele Termine mit mir, in denen wir überlegt haben, was ich konkret machen kann, es gab den Versuch, an ihn über die Methode der gewaltfreien Erziehung an ihn ranzukommen, auch der Vater hat im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht, den Sohn in Gesprächen zu unterstützen, es gab Gespräche mit den Schulsozialarbeitern usw.

Und natürlich habe ich mich auch immer wieder bemüht, habe mit ihm gesprochen, und ich bin ja auch seine engste Bezugsperson, wenn er was erzählt, dann am ehesten noch mir, ich habe versucht, überall seine Interessen so gut wie möglich zu vertreten, ihn irgendwie zu schützen und gleichzeitig für ihn Wege zu suchen. Manche haben mir gesagt, dass ich zu viel gemacht habe. Andere wieder, dass ich zu wenig gemacht habe. Letztlich habe ich es so gut gemacht, wie ich konnte, und wollte eigentlich immer nur sein Bestes. Wie sicherlich alle Eltern. Aber es war irgendwie auch immer ein Stochern im Nebel.

Auch er hat phasenweise kooperiert und wollte seine Probleme angehen, gleichzeitig hat er sich über Jahre dieses Verweigerungsverhalten als Muster angewöhnt.

Ich weiß aber auch, dass ich jetzt loslassen muss. Nur er ist derjenige, der bestimmt, wie er sein Leben lebt. Das schwierige bei Ängsten ist ja, dass das Vermeidungsverhalten erst einmal Erleichterung bringt und man sich besser fühlt. Und dass es Anstrengung kostet, die Ängste zu bearbeiten. Sich der Angst und angstbesetzten Situationen zu stellen. Und dafür braucht man irgendeine Art von Motivation. Warum man diese Anstrengung auf sich nimmt. Die meisten Menschen können sich irgendwie motivieren. Oder der Leidensdruck ist irgendwann so groß. Ob er sich auf Dauer motivieren kann, sich anzustrengen und sich seinen Ängsten zu stellen, das liegt an ihm. Oder ob er sich in seinem Vermeidungsverhalten einrichtet, weil es sich so ja auch einigermaßen lebt.

Ich für mich muss mich halt auch fragen, wie es dann weitergeht. Und welche Möglichkeiten es noch gibt. Die Ärztin sprach davon, dass dann seine Behinderung festgestellt werden muss, ich darüber Kindergeld bekomme und er irgendwann Grundsicherung. Das mag auch ein Weg sein.
Anjali
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Anjali »

Hallo Christin,

vielen lieben Dank für den ausführlichen Bericht, nun habe ich einen viel besseren Einblick in das, was ihr bereits alles durchgemacht und versucht habt.
Es ist alles ehr berührend und ich hoffe, dass ich dich mit meinen Beiträgen nicht allzu sehr vor den Kopf gestoßen habe.Es ging mir nie um Schuldzuweisungen, sondern darum, die Position deines Sohnes argumentativ zu vertreten.

Ich muss deinen langen Beitrag erst einmal auf mich wirken lassen.
Ein spontaner Gedanke: wurde schon einmal in Richtung „Selektiver Mutismus“ abgeklärt?

lG
Anja
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (21 Jahre / Asperger-Autismus)
grace
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von grace »

Guten Morgen Christin und vielen Dank für deine ausführliche Antwort.

Ich denke es ist zweifellos klar das du alles getan hast um deinen Sohn zu helfen und zu verstehen und das er auch von außen verschiedene Hilfen bekommen hat und es ist ja auch im allgemeinen gar nicht schlecht gelaufen mit deinem Sohn, ganz im Gegenteil, viele Ziele wurden erreicht und er hat Interessen für die Zukunft.

Das ist jetzt halt ein schwieriger Wendepunkt, dein Sohn ist eigentlich erwachsen, aber (noch) nicht in der Lage genügend Verantwortung für sich zu übernehmen und du müsstest jetzt ja eigentlich einen Schritt zurücktreten und deinen Sohn in seinen eigenen Entscheidungen nur noch begleiten, das ist auch bei völlig gesunden Kindern nicht immer einfach.

Ich rate dir bis zum neuen Jahr mal in Ruhe und emotionslos darüber nachzudenken wie es weitergehen könnte und welche Hilfen und Konsequenzen du deinem Sohn anbieten könntest, in der Zwischenzeit informiere dich darüber welche Hilfen dein Sohn von außen bekommen könnte und was du machen kannst sollte er wirklich weiterer Hilfe verweigern und nicht arbeitsfähig sein.

Die letzten drei Jahre waren und sind auch für psychisch gesunde und nicht behinderte Jugendliche nicht einfach gewesen, erst die Pandemie und jetzt der Krieg… dazu bei vielen der Schulabschluss und das unbekannte Neue.

Mein Sohn kommt mit sehr viel Routine und kleinen Zielen am besten voran, ein Schritt nach dem anderen und immer nach hinten schauen was schon alles geschafft wurde! In sehr schwierigen Zeiten hat er ein Medikamente genommen auf das er sehr gut reagiert hat, schon auf kleinste Dosen. Er geht zweimal in der Woche in den Fitnesscenter und ich achte sehr auf unsere Ernährung denn ich habe herausgefunden das diese einen großen Einfluss auf seine Psyche hat, das ist anstrengend und teuer, aber es hilft uns allen.

LG

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sabine g
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von sabine g »

Liebe Christin,

nach deiner nun längeren Beschreibung deines Sohnes möchte ich nochmal den Verdacht äußern, dass es sich möglicherweise um eine Schilddrüsenfehlfunktion handeln könnte.Besonders diese „keine Ahnung warum heut nicht geht was gestern ging“, die Antriebslosigkeit, ich würde sofort an ein Hormonscreening denken. Sollte sich solch eine Ursache für das Verhalten herausstellen, dann ist sie medikamentös gut einstellbar und würde ggf. ein völlig anderes Leben möglich machen. Ich weiß nicht, ob psychiatrische KHs solche Checks der guten Ordnung halber mal gemacht haben oder ob jeder nur in seinem Fachgebiet verbleibt ohne über den Tellerrand hinauszuschauen?

LG Sabine

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Christin74
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Re: Christin und Sohn (18) mit sozialen Ängsten

Beitrag von Christin74 »

Anjali hat geschrieben: 24.11.2022, 19:51 Hallo Christin,

vielen lieben Dank für den ausführlichen Bericht, nun habe ich einen viel besseren Einblick in das, was ihr bereits alles durchgemacht und versucht habt.
Es ist alles ehr berührend und ich hoffe, dass ich dich mit meinen Beiträgen nicht allzu sehr vor den Kopf gestoßen habe.Es ging mir nie um Schuldzuweisungen, sondern darum, die Position deines Sohnes argumentativ zu vertreten.

Ich muss deinen langen Beitrag erst einmal auf mich wirken lassen.
Ein spontaner Gedanke: wurde schon einmal in Richtung „Selektiver Mutismus“ abgeklärt?

lG
Anja
Liebe Anja, vielen Dank, nein, es wurde nie so richtig abgeklärt, so dass es immer bei der Diagnose soziale Ängstlichkeit geblieben ist.
grace hat geschrieben: 25.11.2022, 14:42 Guten Morgen Christin und vielen Dank für deine ausführliche Antwort.

Ich denke es ist zweifellos klar das du alles getan hast um deinen Sohn zu helfen und zu verstehen und das er auch von außen verschiedene Hilfen bekommen hat und es ist ja auch im allgemeinen gar nicht schlecht gelaufen mit deinem Sohn, ganz im Gegenteil, viele Ziele wurden erreicht und er hat Interessen für die Zukunft.

Das ist jetzt halt ein schwieriger Wendepunkt, dein Sohn ist eigentlich erwachsen, aber (noch) nicht in der Lage genügend Verantwortung für sich zu übernehmen und du müsstest jetzt ja eigentlich einen Schritt zurücktreten und deinen Sohn in seinen eigenen Entscheidungen nur noch begleiten, das ist auch bei völlig gesunden Kindern nicht immer einfach.

Ich rate dir bis zum neuen Jahr mal in Ruhe und emotionslos darüber nachzudenken wie es weitergehen könnte und welche Hilfen und Konsequenzen du deinem Sohn anbieten könntest, in der Zwischenzeit informiere dich darüber welche Hilfen dein Sohn von außen bekommen könnte und was du machen kannst sollte er wirklich weiterer Hilfe verweigern und nicht arbeitsfähig sein.

Die letzten drei Jahre waren und sind auch für psychisch gesunde und nicht behinderte Jugendliche nicht einfach gewesen, erst die Pandemie und jetzt der Krieg… dazu bei vielen der Schulabschluss und das unbekannte Neue.

Mein Sohn kommt mit sehr viel Routine und kleinen Zielen am besten voran, ein Schritt nach dem anderen und immer nach hinten schauen was schon alles geschafft wurde! In sehr schwierigen Zeiten hat er ein Medikamente genommen auf das er sehr gut reagiert hat, schon auf kleinste Dosen. Er geht zweimal in der Woche in den Fitnesscenter und ich achte sehr auf unsere Ernährung denn ich habe herausgefunden das diese einen großen Einfluss auf seine Psyche hat, das ist anstrengend und teuer, aber es hilft uns allen.

LG

Grace
Liebe Grace,

dir ebenfalls vielen Dank, ja, das ist genau das, was mich umtreibt, nämlich wie es weitergeht und vor allem wie ich weitermache! Mir wurde auch immer von der Familienhelferin gesagt, dass ich loslassen soll, dass ich ihm die Verantwortung übergeben soll, ich würde das auch gerne tun, nur ist es ja halt so, dass es doch dann wieder an mir hängen bleibt, schon allein finanziell. Denn wenn er die Maßnahme des Arbeitsamtes nicht beginnt/abbricht und er beim Arbeitsamt raus ist, wird auch das Kindergeld eingestellt, was dann wieder Konsequenzen für mich hat, wenn er eben nichts macht, zumal am Kindergeldanspruch für mich auch noch mehr hängt.

Ja, kleine Ziele, Routine, das ist wichtig, ich hoffe ja immer noch, dass er irgendwie seinen Weg gehen kann, zumal ich schon grundsätzlich den Eindruck habe, dass ihm durchaus bewusst ist, wie die Situation ist. Wenn er gerade nicht mal wieder komplett dicht macht.
sabine g hat geschrieben: 26.11.2022, 14:40 Liebe Christin,

nach deiner nun längeren Beschreibung deines Sohnes möchte ich nochmal den Verdacht äußern, dass es sich möglicherweise um eine Schilddrüsenfehlfunktion handeln könnte.Besonders diese „keine Ahnung warum heut nicht geht was gestern ging“, die Antriebslosigkeit, ich würde sofort an ein Hormonscreening denken. Sollte sich solch eine Ursache für das Verhalten herausstellen, dann ist sie medikamentös gut einstellbar und würde ggf. ein völlig anderes Leben möglich machen. Ich weiß nicht, ob psychiatrische KHs solche Checks der guten Ordnung halber mal gemacht haben oder ob jeder nur in seinem Fachgebiet verbleibt ohne über den Tellerrand hinauszuschauen?

LG Sabine

LG Sabine
Liebe Sabine,

vielen Dank für deine Anregung, ich werde noch mal mit ihm sprechen, dass er sich einen Termin beim Hausarzt besorgt.
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