Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

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Melihcanim
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Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Melihcanim »

Hallo Ihr Lieben,

nach einer langen Pause melde ich mich und gebe ein kurzes Update zu unserem Kuschelprinzen (er erlitt bei seiner Geburt einen Sauerstoffmangel musste reanimiert werden und lag 4 Tage in der Intensiv): Er wird nun bald 4 Jhr alt und hat sich selbst "Lesen und Schreiben" beigebracht, so dass der Kiga Hochbegabung vermutet und eine Testung empfohlen hat. Hierfür sieht jedoch der KiA keine Notwendigkeit nachdem kein Leidensdruck da ist und er auch keine sozialen Schwierigkeiten hat. Er hat viele Freunde, ist empathisch und stets eine Frohnatur.

Mein Sohn ist jedoch schon fast besessen von Buchstaben. Egal ob er malt, mit Knete spielt, seine Legos oder Bausteine baut; es werden vorzugsweise Buchstaben erstellt und das in akkurater Reihenfolge gemäß Alphabet. Ausserdem möchte er sämtliche Sprachen lernen (spricht, liest und schreibt in deutscher und Muttersprache). Mit seinen Cousinen die er im Urlaub getroffen hat sprach er plötzlich englisch, ohne dass ich vorher bemerkt hatte, dass er das überhaupt kann.

Im Grunde ist aber ein unstillbarer Wissensdurst in allen Bereichen vorhanden.

Er liebt Routinen, kommt aber auch mit Veränderungen gut klar. Er bemerkt es sofort wenn ich z.B. eine Geschichte vorlese und auf einer Seite etwas ausgelassen habe (das hat er getan noch bevor er lesen konnte). Er hat nun auch verstanden wie addiert wird, und bittet täglich darum ihm Aufgaben zu stellen.

Was mir auffällt ist, dass er relativ oft gerufen werden muss bis er auf seinen Namem reagiert. Dafür reagiert er auf andere Dinge sofort. Beispiel: Ich rufe ihn mit Namen, rufe und rufe, keine Reaktion, dann sage ich: "ok dann gehen wir nacher eben nicht zum Spielplatz" und er reagiert promt. Mein Mann hat nun schon öfters sehr geschumpfen und meinen Einwand, dass es ggfls autistische Hintergründe haben könnte, will er nicht hören. Auch seine Erzieherinnen erleben ihn als sehr sozial, empathisch und erleben ihn im Rollendspiel, so dass Autismus für Sie absolut nicht in Frage kommt.

Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass er wie ich eben erzählte, es merkt wenn ein Satz auf der Seite eines Buches weggelassen wird. Ausserdem fing er vor langer Zeit an, Gesichtsausdrücke zu erlernen. Das klingt vielleicht komisch. Aber er malt z.B. ein lachenden Smileykopf auf den Buchtaben A (und sagt, A ist glücklich, neuerdings auch Eiii is happy) dann malt er einen traurigen Smiley auf den Buchstanen B und sagt (B ist traurig, Biii is sad) usw. Es kommt mir vor als würde er sich selbst Emotionen beibringen so wie er sich Lesen u Schreiben beigebracht hat. Er schaut keine Kinderserien an, es müssen stets Lernvideos sein.

Er stellt Fragen zum Tod, zu den Jahreszeiten, zu den Wochentagen. Er leitet gerne aus allem eine Regel ab. z.B. habe ich vor einigen Tagen als ich ihm sagte, wenn du jetzt dies od jenes nicht machst lese ich dir später nicht vor und sagte ich zähle bis 3. Seither sagt er wenn ich ihn zu etwas auffordere ich solle vorher bis 3 zählen.

Können Eltern mit hochbegabten Kindern von ihren Erfahrungen berichten? Klingt das für euch nach einem nur sehr schlauen Kind oder steckt da vermutlich mehr dahinter. Haben hochbegabte Kinder manchmal autistische Züge ohne dass Autismus vorliegt (so in etwa war die Aussage meines KiA). Kann ein Kind dass keinerlei soziale Schwierigkeiten hat mit zunehmendem Alter Schwierigkeiten entwickeln sofern Autismus vorliegt?

Der Text wurde wieder mal megalang. Tausend Dank für alle die es gelesen haben.

Liebe Grüße
S (Mama vom süßesten Kuschelprinz Dieser Erde)
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Lisaneu
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Lisaneu »

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen dass sich Hochbegabung und Autismus nicht ausschließen. Aber mit 4 Jahren wird Autismus nur in sehr offensichtlichen Fällen diagnostiziert, weil viele wichtige Entwicklungsschritte (in Sachen Sozialverhalten, Emotionskontrolle, Theorie od Mind, Empathie) erst im 5. Lebensjahr gemacht werden.

Bei deiner Beschreibung deines Sohnes frage ich mich aber, wie du überhaupt auf Autismus kommst. Hat da wer Außenstehender (der sich auskennt) einen Verdacht geäußert?

Da sich deine Beschreibung deines Sohnes ausschließlich auf seine kognitiven Fähigkeiten und seine Interessen beschränkt, ist es praktisch unmöglich sich da ein Bild zu machen. Autismus daraus abzuleiten, dass dein Sohn nicht immer sofort auf Ansprache reagiert, wäre, wie eine Lungenentzündung zu vermuten, weil dein Kind zweimal gehustet hat.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
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Melihcanim
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Melihcanim »

Hallo nochmal,

danke für die schnelle Rückmeldung. Einen solchen Verdacht hat niemand geäußert. Meine Erzählung beschränkt sich doch nicht nur auf seine kognitiven Fähigkeiten u Interessen? (Er ist empathisch, hat Freunde, stets eine Frohnatur usw sind doch keine kognitiven Fähigkeiten?) Gerade die sozial emotionalen Dinge wollte ich unbedingt erwähnen um zu erfragen inwiefern trotzdem Autismus vorliegen könnte.

Und nein es ist natürlich nicht nur das "Nicht reagieren" sondern wie bereits geschrieben, seine Besessenheit von Buchstaben (seit über einem halben Jahr sind Buchstaben in alle Spiele integriert), seine Faszination für Emotionen und Gesichtsausdrücke, seine Art aus ALLEM eine Regel abzuleiten, seine Fähigkeit zu erkennen wenn in einer Geschichte etwas ausgelassen wird und damit zusammenhängend auch das "darauf bestehen, dies zu vervollständigen".

LG
johannaplusdrei
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von johannaplusdrei »

Hallo...
wir haben bei unserem Sohn - auch "schlau", aber mit einigen Schwierigkeiten im Sozialverhalten - eine Diagnostik angeleiert, da wurde uns gesagt, dass HB, ASS und AD(H)S in manchen Bereichen ähnlich aussehen können, ohne dass tatsächlich bspw. ADS vorliegt. Als absolute Laiin klingt das mit den Emotionen für mich so: Euer kognitiv sehr starker Sohn geht auch an Emotionen mit den Kopf ran, einfach, weil er es kann, nicht, weil ihm der emotionale Zugang fehlt. Wenn das Sozialverhalten so stimmig ist, würde ich mir erstmal keine Sorgen machen.. Wie gesagt, ohne Gewähr ;). Liebe Grüße!
Johanna mit Elisa (shuntversorgter Hydrocephalus nach Hirnblutung im Mutterleib, Kleinhirnhypoplasie, Syrinx, spastische Hemiparese links, armbetont) und Zwillingsschwester M. und großem Bruder R. (soweit beide fit)
Lisaneu
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Lisaneu »

Sorry, doppelt!
Zuletzt geändert von Lisaneu am 26.10.2022, 11:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Anne_mit_2
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Anne_mit_2 »

Hallo,

Mach Dir erst mal keine Sorgen. In dem Alter ist eine Diagnostik in Richtung ASS, ADHS und auch HB eigentlich noch nicht solide machbar, wenn es sich nicht um ganz offensichtliche Fälle handelt. Du hast einen wunderbaren, aber etwas anderen Sohn. Freu Dich jetzt daran und lass es erst mal laufen. Ob eine oer mehrere der drei Beeinträchtigungen der Schulteilhabe nun zutreffen, wird die Zeit zeigen und Du bist ja schon sensibilisiert dafür.

Aus meiner Perspektive geht Dein Sohn pragmatisch an die Emotionen heran, als ein Thema, das er gerade ergründen möchte. Also arbeitet er auf allen Ebenen daran, auch auf der kognitiven. Ob er dabei ein intuitives Defizit kompensiert, kann man im Moment sicher noch nicht sagen. Ob er ein Spezialinteresse für Buchstaben hat oder einfach nur zu wissensdurstig für den KiGa ist, kann man auch noch nicht sagen. Vor 20 oder 30 Jahren hätte sich keiner im KiGa-Alter Sorgen gemacht bei seinem Verhalten. Jedes Kind entwickelt sich anders, aber der Normungswahn unserer Gesellschaft und unseres Erziehungswesens läßt heute schon sehr früh Alarmglocken schrillen.

Ach so: Ja, auch HB ist eine gravierende Beeinträchtigung der Schulteilhabe, weil das Curriculum nicht auf die andere (und oft schnellere) Art des Wissenserwerbs ausgerichtet ist und damit das HB-Kind -- selbst bei tadellosem Betragen -- sehr schnell zum Störfaktor für den Lehrer bei der Unterrichtsdurchführung werden kann, was dann in eine negative Spirale münden kann.....

Bleib wachsam, stärke Deinem Sohn den Rücken und lass ihn fühlen, dass genau richtig ist, so wie er ist... Alles andere wird sich in den nächsten zwei Jahren bis zur Einschulung zeigen.

Viele Grüße,
Anne
Seit Generationen nah am/im Autismusspektrum, 2 Kinder:
die Große: unreif am Termin geboren, davon diverse kleine 'Problemchen'; inzwischen erwachsen und verheiratet
der Kleine: gesund, schlau, fit, verhaltensoriginell (aber gefahrenbewusst)
Lisaneu
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Lisaneu »

Melihcanim hat geschrieben: 26.10.2022, 10:15 Hallo nochmal,

danke für die schnelle Rückmeldung. Einen solchen Verdacht hat niemand geäußert. Meine Erzählung beschränkt sich doch nicht nur auf seine kognitiven Fähigkeiten u Interessen? (Er ist empathisch, hat Freunde, stets eine Frohnatur usw sind doch keine kognitiven Fähigkeiten?) Gerade die sozial emotionalen Dinge wollte ich unbedingt erwähnen um zu erfragen inwiefern trotzdem Autismus vorliegen könnte.
Hallo nochmal, Melihcanim,

ok, sorry! Ich hätte genauer erklären sollen, worauf ich hinaus will. Also, eine Frohnatur zu sein ist definitiv nichts, durch das man eine Autismus-Vermutung erhärten oder minimieren könnte. Es gibt fröhnliche autistische Kinder, genauso wie es fröhliche neurotypische Kinder gibt. "Hat Freunde" allein ist auch keinerlei Hinweis auf irgendetwas. Auch "Kuschelprinz" ist keinerlei Hinweis. Das Nähebedürfnis von autistischen Kindern ist noch viel diverser als bei neurotypischen Kindern.

Was interessant wäre (aber erst ab 5 Jahren, bis dahin können völlig neurotypische Kinder auch "autistisch" wirken!) ist die Interaktion mit anderen Kindern. Fühlt sich das Kind in einer Gruppe Kinder wohl? Welche Rolle nimmt es in einer Gruppe ein? Wie ist sein Spielverhalten mit anderen Kindern? Zum Beispiel bei Rollenspielen: Schreibt das Kind den anderen Kindern vor, welche Rolle sie zu spielen haben und was sie in dieser Rolle sagen oder tun sollen? Unterhält sich das Kind WECHSELSEITIG mit anderen Kindern? Spiel es wirklich MIT den Freunden oder eher NEBEN ihnen?

Auch mit der Empathie ist es so eine Sache. Gerade hochfunktionale (und oft auch hochbegabte) Autisten WIRKEN oft empathisch, weil sie WISSEN, welches Verhalten in welcher Situation von ihnen erwartet wird. Wenn ein Kind einmal ausgeschimpft wurde, weil es ein anderes, weinendes Kind nicht getröstet, sondern ausgelacht hat, wird dieses Kind vielleicht in der nächsten ähnlichen Situation so reagieren, wie es nun weiß, dass es erwartet wird. Das ist von ECHTER Empathie nur schwer bis gar nicht zu unterscheiden.
Melihcanim hat geschrieben: 26.10.2022, 10:15 Und nein es ist natürlich nicht nur das "Nicht reagieren" sondern wie bereits geschrieben, seine Besessenheit von Buchstaben (seit über einem halben Jahr sind Buchstaben in alle Spiele integriert), seine Faszination für Emotionen und Gesichtsausdrücke, seine Art aus ALLEM eine Regel abzuleiten, seine Fähigkeit zu erkennen wenn in einer Geschichte etwas ausgelassen wird und damit zusammenhängend auch das "darauf bestehen, dies zu vervollständigen".
Erkennen, wenn was an einer Geschichte ausgelassen wird, hat in erster Linie mit einem guten Gedächtnis zu tun bzw. mit einer Begabung zum auswendig-lernen. Ich bin nicht autistisch und konnte mit 4 Jahren über 40 Bilderbücher auswendig. Da ist mir auch sofort aufgefallen, wenn was ausgelassen wurde. Und da für mich, wie für die meisten 4jährigen Kinder, regelmäßige Wiederholungen von bereits bekannten Dingen wichtig waren, habe ich natürlich auch darauf bestanden, dass was Ausgelassenes wieder dort eingefügt wurde, wo es "hin gehört".

Allein daraus, dass ein Kind aus allem Regeln ableiten will, würde ich jetzt auch nicht auf Autismus schließen. Gerade kluge Kinder möchten sich ja gern in der Welt um sie herum "auskennen" und daher nutzen sie ihre kognitiven Fähigkeiten dazu, sich in der für sich noch ziemlich unbekannten Welt sicherer zu fühlen.

Zur "Besessenheit" von Buchstaben: kluge Kinder im Kindergartenalten haben oft Spezialinteressen. Das ist - finde ich - auch ein passenderer, weil neutralerer Ausdruck. Zumindest für mich ist "besessen" negativ besetzt, und großes Interesse an etwas haben (sofern es nicht die eigenen Fäkalien oder Schimpfworte oder ähnliches sind :roll: ) ist ja nichts Schlechtes.

Tatsächlich hatten meine Jungs beide sehr früh großes Interesse an Buchstaben und mein jüngerer Sohn (gehörloser, frühkindlicher Autist, normal intelligent mit extrem heterogenen IQ-Profil) hat auch Buchstaben und Zahlen in jedes Spiel "eingebaut". Wenn er mit seiner Kindergartengruppe mit Straßenmalkreiden gemalt hat, hat er die Zahlen von 1-500 aufgeschrieben. Aus Play-Doh hat er das Alphabet gemacht. Das Alphabet konnte er (in Gebärdensprache) auch mit 3 Jahren sowohl vorwärts als auch rückwärts reproduzieren.

Sinnerfassend flüssig lesen konnten meine Jungs mit 4 1/2 bzw. 5 Jahren. Gerade bei meinem jüngeren, gehörlosen Sohn ist das eine besondere Leistung, weil er ja wirklich absolut NICHTS hört und daher schriftliches Deutsch als Fremdsprache lernen musste.

Aber das allein ist noch längt kein "Anzeichen" für Autismus! Wie eine andere Userin so schön geschrieben hat, ist Autismus ein ganzer Blumenstrauß an Symptomen und wenn man nur ein Gänseblümchen hat ist das eben KEIN Blumenstrauß :wink: .
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
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Melihcanim
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Melihcanim »

johannaplusdrei hat geschrieben: 26.10.2022, 10:26 Hallo...
wir haben bei unserem Sohn - auch "schlau", aber mit einigen Schwierigkeiten im Sozialverhalten - eine Diagnostik angeleiert, da wurde uns gesagt, dass HB, ASS und AD(H)S in manchen Bereichen ähnlich aussehen können, ohne dass tatsächlich bspw. ADS vorliegt. Als absolute Laiin klingt das mit den Emotionen für mich so: Euer kognitiv sehr starker Sohn geht auch an Emotionen mit den Kopf ran, einfach, weil er es kann, nicht, weil ihm der emotionale Zugang fehlt. Wenn das Sozialverhalten so stimmig ist, würde ich mir erstmal keine Sorgen machen.. Wie gesagt, ohne Gewähr ;). Liebe Grüße!
Hallöchen, vielen lieben Dank für die liebe Rückmeldung.

Deine Erklärung klingt plausibel und stellt eine ähnliche Sicht wie mein KiA dar.

LG
Melihcanim
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Melihcanim »

Anne_mit_2 hat geschrieben: 26.10.2022, 11:08 Hallo,

Mach Dir erst mal keine Sorgen. In dem Alter ist eine Diagnostik in Richtung ASS, ADHS und auch HB eigentlich noch nicht solide machbar, wenn es sich nicht um ganz offensichtliche Fälle handelt. Du hast einen wunderbaren, aber etwas anderen Sohn. Freu Dich jetzt daran und lass es erst mal laufen. Ob eine oer mehrere der drei Beeinträchtigungen der Schulteilhabe nun zutreffen, wird die Zeit zeigen und Du bist ja schon sensibilisiert dafür.

Aus meiner Perspektive geht Dein Sohn pragmatisch an die Emotionen heran, als ein Thema, das er gerade ergründen möchte. Also arbeitet er auf allen Ebenen daran, auch auf der kognitiven. Ob er dabei ein intuitives Defizit kompensiert, kann man im Moment sicher noch nicht sagen. Ob er ein Spezialinteresse für Buchstaben hat oder einfach nur zu wissensdurstig für den KiGa ist, kann man auch noch nicht sagen. Vor 20 oder 30 Jahren hätte sich keiner im KiGa-Alter Sorgen gemacht bei seinem Verhalten. Jedes Kind entwickelt sich anders, aber der Normungswahn unserer Gesellschaft und unseres Erziehungswesens läßt heute schon sehr früh Alarmglocken schrillen.

Ach so: Ja, auch HB ist eine gravierende Beeinträchtigung der Schulteilhabe, weil das Curriculum nicht auf die andere (und oft schnellere) Art des Wissenserwerbs ausgerichtet ist und damit das HB-Kind -- selbst bei tadellosem Betragen -- sehr schnell zum Störfaktor für den Lehrer bei der Unterrichtsdurchführung werden kann, was dann in eine negative Spirale münden kann.....

Bleib wachsam, stärke Deinem Sohn den Rücken und lass ihn fühlen, dass genau richtig ist, so wie er ist... Alles andere wird sich in den nächsten zwei Jahren bis zur Einschulung zeigen.

Viele Grüße,
Anne
Hallo Anne,

das auch Hochbegabung in der Gesellschaft (da normabweichend) als Beeinträchtigung erlebt werden kann, sehe ich genauso. Daher bin ich was die Zukunft angeht auch diesbezüglich besorgt und versuche ihm den Rücken zu stärken und ihm zu vermitteln, dass er perfekt ist so wie er ist.

Vielen lieben Dank für deine einleuchtende Perspektive.

LG
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Melihcanim
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Re: Nur ziemlich schlau, hochbegabt oder doch etwas mehr?

Beitrag von Melihcanim »

Lisaneu hat geschrieben: 26.10.2022, 11:09
Melihcanim hat geschrieben: 26.10.2022, 10:15 Hallo nochmal,

danke für die schnelle Rückmeldung. Einen solchen Verdacht hat niemand geäußert. Meine Erzählung beschränkt sich doch nicht nur auf seine kognitiven Fähigkeiten u Interessen? (Er ist empathisch, hat Freunde, stets eine Frohnatur usw sind doch keine kognitiven Fähigkeiten?) Gerade die sozial emotionalen Dinge wollte ich unbedingt erwähnen um zu erfragen inwiefern trotzdem Autismus vorliegen könnte.
Hallo nochmal, Melihcanim,

ok, sorry! Ich hätte genauer erklären sollen, worauf ich hinaus will. Also, eine Frohnatur zu sein ist definitiv nichts, durch das man eine Autismus-Vermutung erhärten oder minimieren könnte. Es gibt fröhnliche autistische Kinder, genauso wie es fröhliche neurotypische Kinder gibt. "Hat Freunde" allein ist auch keinerlei Hinweis auf irgendetwas. Auch "Kuschelprinz" ist keinerlei Hinweis. Das Nähebedürfnis von autistischen Kindern ist noch viel diverser als bei neurotypischen Kindern.

Was interessant wäre (aber erst ab 5 Jahren, bis dahin können völlig neurotypische Kinder auch "autistisch" wirken!) ist die Interaktion mit anderen Kindern. Fühlt sich das Kind in einer Gruppe Kinder wohl? Welche Rolle nimmt es in einer Gruppe ein? Wie ist sein Spielverhalten mit anderen Kindern? Zum Beispiel bei Rollenspielen: Schreibt das Kind den anderen Kindern vor, welche Rolle sie zu spielen haben und was sie in dieser Rolle sagen oder tun sollen? Unterhält sich das Kind WECHSELSEITIG mit anderen Kindern? Spiel es wirklich MIT den Freunden oder eher NEBEN ihnen?

Auch mit der Empathie ist es so eine Sache. Gerade hochfunktionale (und oft auch hochbegabte) Autisten WIRKEN oft empathisch, weil sie WISSEN, welches Verhalten in welcher Situation von ihnen erwartet wird. Wenn ein Kind einmal ausgeschimpft wurde, weil es ein anderes, weinendes Kind nicht getröstet, sondern ausgelacht hat, wird dieses Kind vielleicht in der nächsten ähnlichen Situation so reagieren, wie es nun weiß, dass es erwartet wird. Das ist von ECHTER Empathie nur schwer bis gar nicht zu unterscheiden.
Melihcanim hat geschrieben: 26.10.2022, 10:15 Und nein es ist natürlich nicht nur das "Nicht reagieren" sondern wie bereits geschrieben, seine Besessenheit von Buchstaben (seit über einem halben Jahr sind Buchstaben in alle Spiele integriert), seine Faszination für Emotionen und Gesichtsausdrücke, seine Art aus ALLEM eine Regel abzuleiten, seine Fähigkeit zu erkennen wenn in einer Geschichte etwas ausgelassen wird und damit zusammenhängend auch das "darauf bestehen, dies zu vervollständigen".
Erkennen, wenn was an einer Geschichte ausgelassen wird, hat in erster Linie mit einem guten Gedächtnis zu tun bzw. mit einer Begabung zum auswendig-lernen. Ich bin nicht autistisch und konnte mit 4 Jahren über 40 Bilderbücher auswendig. Da ist mir auch sofort aufgefallen, wenn was ausgelassen wurde. Und da für mich, wie für die meisten 4jährigen Kinder, regelmäßige Wiederholungen von bereits bekannten Dingen wichtig waren, habe ich natürlich auch darauf bestanden, dass was Ausgelassenes wieder dort eingefügt wurde, wo es "hin gehört".

Allein daraus, dass ein Kind aus allem Regeln ableiten will, würde ich jetzt auch nicht auf Autismus schließen. Gerade kluge Kinder möchten sich ja gern in der Welt um sie herum "auskennen" und daher nutzen sie ihre kognitiven Fähigkeiten dazu, sich in der für sich noch ziemlich unbekannten Welt sicherer zu fühlen.

Zur "Besessenheit" von Buchstaben: kluge Kinder im Kindergartenalten haben oft Spezialinteressen. Das ist - finde ich - auch ein passenderer, weil neutralerer Ausdruck. Zumindest für mich ist "besessen" negativ besetzt, und großes Interesse an etwas haben (sofern es nicht die eigenen Fäkalien oder Schimpfworte oder ähnliches sind :roll: ) ist ja nichts Schlechtes.

Tatsächlich hatten meine Jungs beide sehr früh großes Interesse an Buchstaben und mein jüngerer Sohn (gehörloser, frühkindlicher Autist, normal intelligent mit extrem heterogenen IQ-Profil) hat auch Buchstaben und Zahlen in jedes Spiel "eingebaut". Wenn er mit seiner Kindergartengruppe mit Straßenmalkreiden gemalt hat, hat er die Zahlen von 1-500 aufgeschrieben. Aus Play-Doh hat er das Alphabet gemacht. Das Alphabet konnte er (in Gebärdensprache) auch mit 3 Jahren sowohl vorwärts als auch rückwärts reproduzieren.

Sinnerfassend flüssig lesen konnten meine Jungs mit 4 1/2 bzw. 5 Jahren. Gerade bei meinem jüngeren, gehörlosen Sohn ist das eine besondere Leistung, weil er ja wirklich absolut NICHTS hört und daher schriftliches Deutsch als Fremdsprache lernen musste.

Aber das allein ist noch längt kein "Anzeichen" für Autismus! Wie eine andere Userin so schön geschrieben hat, ist Autismus ein ganzer Blumenstrauß an Symptomen und wenn man nur ein Gänseblümchen hat ist das eben KEIN Blumenstrauß :wink: .
Hallo nochmal,

ich muss nun doch sehr schmunzeln über deine ausführliche Antwort (für die ich dir natürlich sehr danke).

Ich habe wirklich keine Ahnung wie du aus meiner Beschreibung meines Sohnes darauf schließt, dass ich autistische Kinder für nicht fröhlich halte :shock: Bist du mit derartigen Vorurteile in deinem Umfeld in Berührung gekommen? Wenn ja tut es mir sehr leid. Auch das "verschmust sein" meines Sohnes habe ich weder als Ausschlusskriterium noch als Diagnosemerkmal aufgeführt. Lediglich beschrieben habe ich meinen Sohn.

Das Wort besessen habe ich benutzt um zu verdeutlichen wie extrem und intensiv sein Interesse für Buchstaben ist. Es tut mir leid, wenn das für deinen Geschmack zu negativ besetzt ist.

Das Alphabet rückwärts kann mein Sohn tatsächlich nicht und kam bislang auch nicht auf die Idee 💡 😊.

Im Spielvererhalten mit anderen Kindern empfinde ich ihn als nicht auffällig, aber wenn er mit mir oder seinem Papa spielt gibt er durchaus auch Mal vor was zu tun ist.

Die Erzieherinnen haben mir mitgeteilt, dass er oft nachgibt wenn Kinder mit ihm streiten aber dies nicht wie mangelndes Selbstbewusstsein wirkt sondern eher umgekehrt (wobei ich mir an diesem Punkt gar nicht so sicher bin). Manchmal frage ich mich schon ob er selbstbewusst genug ist. Beim Kinderturnen gibt es z.B. Tage da beobachtet er akkurat seinen besten Freund und macht ihm alles 1 zu 1 nach. Er fragt auch manchmal ob sein Freund x auch ein Glas Milch vor dem zu Bett gehen trinkt, oder ob sein Freund y auch dies oder jenes macht.

Bei uns Eltern und Cousins usw setzt er sich dur h wenn er etwas möchte, bei Freunden seltener.

Nicht nur autistische Personen sondern alle Lebewesen sind meiner Meinung nach einzigartige Unikate.💗

LG
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