Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

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Lotta&Leben
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Re: Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

Beitrag von Lotta&Leben »

Anni7 hat geschrieben: 30.10.2022, 09:15 Hallo Emma,

zunächst mal: Du wirst es nicht gerne hören, aber das, was du beschreibst erinnert mich sehr an mich selbst in meiner Jugendzeit. Und die war, rückblickend betrachtet, sowohl für mich als auch meine Angehörigen ziemlich beschissen. Aber es ging auch wieder bergauf, auch wenn die Talfahrt für uns alle sehr nervenaufreibend war.

Ich picke mir mal ein paar Stellen aus deinem Text raus, zu denen ich halbwegs fundiert, also aus der Innensicht einer ADHS-Erkrankten etwas sagen kann.

“Es lief eigentlich alles so weit ganz gut. Sie kam in der Schule mit, hatte wechselnde Freundinnen.”
Frage 1: Wie gut ist gut? Gerade im Bezug auf die wechselnden Freundinnen innerhalb einer engen Peergroup (vermutlich Schule?) würde ich kritisch hinterfragen, ob Lotta tatsächlich richtige Freundschaften führt, oder sich immer mal an bestimmte Personen “ranhängt” im Sinne von sie geht da mit, weil allein sein eben auch doof ist. Kann sie einen Auslöser dafür benennen, warum die Freundschaften in die Brüche gehen?

“Das finden von Freundschaften und das Pflegen / halten von Freundschaften ist sehr schwierig.”
Das ist gerade für Jugendliche mit ADHS ganz typisch. Neue Leute näher kennenzulernen ist spannend, macht platt gesagt viel Dopamin im Gehirn und das ist genau das, was dem ADHSler fehlt. Entsprechend groß ist dann auch die Motivation weiter Zeit mit diesen Menschen zu verbringen - bis Spannung und Dopaminausschüttung abfallen. Danach wird Freundschaften halten und alles, was dazu gehört wie sich regelmäßig melden, auf Nachrichten antworten, den anderen unterstützen oft als sehr anstrengend empfunden.

“Aber seit das Jugendamt aufgrund der ziemlich guten Noten die Integrationsassistenz eingestellt hat, geht's steil bergab.”
Klingt für mich erstmal sehr nachvollziehbar, denn die Assistenz sorgt für das, was viele ADHSler mühevoll in einer Ergotherapie lernen müssen - Struktur- und Zeitmanagement. Lotta ist offensichtlich schlau, der Schulstoff bereitet keine Probleme. Es ist die Unfähigkeit den Stoff selbst und strukturiert zu erarbeiten, genau das würde ich dem Kostenträger auch so formulieren. Das Kind hat kein Verständnisproblem, das Kind hat ein Problem damit sich selbst eine Arbeitssituation zu schaffen, in der es verstehen kann. Das Problem wird (ohne Therapie und medikamentöse Einstellung) in der Regel mit höherer Klassenstufe immer größer, weil die Freiarbeitsphasen länger und die Eigenverantwortung der Schüler größer werden.

“Schulbesuch sehr sporadisch. Sie ist ständig müde.”
Das klingt 1:1 nach mir im Jugendalter. Gerade bei dieser Müdigkeit würde ich ansetzen. Viele Menschen mit ADHS, die keine Medikation bekommen, kennen den Unterschied zwischen müde/total erschöpft und entspannt sein nicht. Wenn in der eigenen Wahrnehmung alles das gleiche ist und den Eltern gegenüber so kommuniziert wird, denken die das Kind hat keinen Bock. Tatsächlich ist das Kinder aber in Not, weil es eben nur den Zustand der inneren Anspannung (häufig mit der Suche nach neuem sensorischen Input) und Zusammenreißen (um nicht negativ aufzufallen) gibt, oder den Zustand der absoluten Erschöpfung. In diesem Zustand ist oft die innere Anspannung weg und ADHS-Patienten definieren das als “entspann”. Bis sie lernen, dass entspannt nicht bedeutet, dass keine Kraft mehr da ist um auch nur bis zum Kühlschrank zu gehen. Wenn es ihr nach jedem Schultag so geht, wenn sie quasi immer über ihre eigene Leistungsgrenzen gehen muss, kann ich verstehen, dass sie da nicht hingeht. (Und hätte das in dem Alter gern selbst so kommunizieren können wie heute.)

“Wir waren bei unterschiedlichen Ärzten/Therapeuten. Aufgrund von mangelnder Kooperation wurde immer die Anforderung gestellt, dass sie Termine vereinbart. trotz Erinnerung, tut sie das nicht.”

So unfassbar das klingt: Ich würde vermuten, dass Lotta diese Termine wirklich nicht vereinbaren kann. Das sind typische Tätigkeiten, die vielen Menschen mit ADHS schwerfallen. Ich habe mir sowas in mehreren Jahren Therapie mühsam aneignen müssen - trotzdem brauche ich einmal die Woche die Hilfe meines Partners, der mich bei der Organisation meiner Post unterstützt. Damit will ich sagen: Sie macht das nicht absichtlich, auch wenn es aus Elternsicht natürlich unheimlich frustrierend und ermüdend sein muss.
Meine nächste Überlegung zur Ablehnung von Therapie ist, ob Lotta den Eindruck hat sie würde dort hin geschickt, damit man ihre Defizite “korrigiert”? Dass sie anders ist als andere, wird sie ja merken. Sie wird auch merken, dass ihr viele Dinge im Alltag schwerfallen, die andere scheinbar so nebenbei erledigen. Das greift das Selbstbild eines Teenagers ganz massiv an, in Kombination mit dem ständigen Gefühle Dinge nicht zu schaffen, entsteht schnell der Gedanke man sei dumm, oder gebe sich einfach nicht genug Mühe. Vielleicht hat euer Kind genau davor Angst, dass sie mit ihrer eigenen “Unzulänglichkeit” konfrontiert wird. Das ist nämlich deutlich unbequemer als sich trotz Leidensdruck einzureden, dass man halt keinen Bock auf viele Dinge hat und sie deshalb nicht tut. An der Stelle auch die Frage: Wieviel “kein Bock” ist wirklich keinen Bock haben und wieviel ist die Unfähigkeit eine gewisse Tätigkeit anzufangen/auszuführen? Wenn man da in der Familie mal offen drüber spricht, wird oft klar, dass andere einfach so aufstehen und den Müll rausbringen. Der ADHSler dagegen verbringt (schlecht therapiert) oft eine halbe Stunde damit sich selbst fertig zu machen und abzuschieben, um überhaupt mal in der Lage zu sein vom Sofa aufzustehen und in die Küche zu gehen. Sowas kostet brutal viel Energie und passt zur ständigen Müdigkeit des Kindes.

“Sie lebt nur in den Tag hinein. Einfache Anforderungen funktionieren nicht. Z.b. duschen gehen, schmutzige wäsche in den Warenkorb, Schulranzen packen. Etc.”
Mangelnde Struktur und mangelndes Dopamin sind bei ADHS absolute Killerfaktoren. Leider habe ich keinen wirklichen Tipp, wie ihr das angehen könnt. Ich krame heute Nachmittag mal meine Therapienotizen raus und schaue, ob ich da etwas finde, das ich persönlich auch ohne Medikation gut geschafft hätte. Ein gewisser Druck von außen hilft definitiv, den aber zu dosieren, sodass es nicht zur Überforderung und Verweigerung kommt, ist meiner Erfahrung nach sehr schwer.

“Die behandelnde Psychologin sagt so lange sie sich nichts oder anderen an tut muss man sich keine Sorgen machen.”
Das sehe ich gänzlich anders, das Kind steckt offenbar in einer Spirale aus “kann nicht - schaffe ich nicht - Selbstvertrauen wird geringer - zum Schutz der eigenen Person wird kann nicht in kein Bock umgedeutet”.


So hart es klingt, ohne Therapie und medikamentöse Einstellung wird das vermutlich nichts. In der Tagesklinik wird es eine Weile gut funktionieren (alles neu, spannend, das Dopamin kickt, äußerer Rahmen vorgegeben) und dann wird der Abfall kommen (Routine kehrt ein, Überforderung mit der Situation äußert sich neben Müdigkeit auch mit psychosomatischen Schmerz, zumindest bei mir). Ich würde deshalb dringend eine Klinik wählen, die gut ADHS kann und mich von guten ersten Wochen nicht in der Sicherheit wiegen lassen, dass jetzt alles so gut bleibt. Das bedeutet nicht, dass ihr mit Therapie und Medikation nicht viel erreichen könntet, aber der Weg wird anstrengend.

Als schnellen Tipp, falls du oder das Kind gerne lesen: Das Buch ADHS bei Frauen ist sehr, sehr gut. Da werden nicht nur Symptome beschrieben, sondern auch die Probleme, die sich im zwischenmenschlichen Bereich und im Alltag daraus ergeben. Das ist kein Lösungs- aber ein Verstehensansatz, der über die typischen Infos aus dem Internet und die in 10min Arztgespräch vermittelt werden, hinausgeht.


Zu den körperlichen Empfindungen und Krankheit schreibe ich gerne heute Abend noch etwas.

Ich wünsche euch alles Gute
Vielen Dank, dass du mir Auskunft gibst. Mit unserer Lotta ist das Recht schwierig. Sie kann oder will nicht reden. Da fällt es wirklich nicht einfach nach einer Lösung zu schauen.

So habe ich jetzt vieles verstanden. Ständig müde ist sie eigentlich nur in der Schulzeit. Da fällt das aufstehen richtig schwer.
In der Schule hat sie bekannte. Freunde eher nicht. Sie ist zwischendurch Mal mit diesen und Mal mit jenen Kindern zusammen. Aber wirklich was festes gibt's eigentlich nicht. Privat gibt's auch wechselnde Kinder. Es kommt eigentlich immer zum Zerwürfnis. Lotta muss sich um alles kümmern. Sie ist gefragt wenn man sein Herz ausschütteln muss etc. Sie versucht immer und jedem zu helfen.
Z.b. eine Freundin hatte Streit mit ihrem Freund und erzählte Lotta davon. Lotta fand das so bescheiden, dass sie den Freund darauf ansprach. Der machte natürlich mit j. Schluss weil sie sowas Rum erzählt. Jetzt will die Freundin nichts mehr mit Lotta zu tun haben.
Ein anderes Beispiel. Lotta hat Mal einen Freund getröstet. Hat ihn in den Arm genommen. Das hat seine Freundin gesehen und einen riesen Aufstand gemacht. Es gab Stress, wieder Mal, aber eigentlich konnte das geklärt werden. Aber der junge behauptete irgendwann Lotta fänd ihn toll und hätte das nur gemacht, weil sie die 2 auseinander bringen wollte.
So und ähnliche Beispiele gibt's oft.

Eigentlich ist der Tag extra strukturiert. Aber auch das hilft nicht. Ich sehe das auch ganz anders als die Therapeutin. Sie hat nochmals mit dem Oberarzt gesprochen und der ist der gleichen Ansicht.

Da stimme ich dir zu ohne Unterstützung wird das nicht funktionieren. Das sehen wir so. Aber alle anderen leider nicht. Die Schule vielleicht noch.

Ich sage auch, dass es sich nicht um Pubertäts typisches null Bock geht. Sie macht es bestimmt nicht absichtlich. Sie brauch Hilfe.
Das wird uns allerdings negativ ausgelegt. Woher soll ich Laie dass den wissen? Tja gute Frage, kann ich nicht beantworten. Ich weiß es halt einfach. Sowas merkt man doch oder nicht ?

Die Klinik die uns empfohlen wurde, hat er im nächsten Jahr was frei. Wann konne man jetzt noch nicht sagen. So lange einfach durchhalten und das beste versuchen.

Sehr hilfreich!

Vielen Dank! Ich schaue Mal ob ich mit deinem Text was aus Lotta entlocken kann......

Vielen Dank! Alles Gute wünsche ich dir auch ich würde mich freuen mehr von dir zu lesen. Sehr aufschlussreich und wirklich hilfreicher als viele Arzt und Therapeuten Gespräche.
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Lotta&Leben
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Re: Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

Beitrag von Lotta&Leben »

OptimisticCatharina hat geschrieben: 30.10.2022, 10:40 Hallo Emma,

ich habe zwei Kinder mit AD(H)S und zusammenhängenden Baustellen.

Diese immer wiederkehrenden Gedanken, die deine Tochter hat (Krankheiten, Gefahren,...) halte ich für behandlungsbedürftig. Bei meinem Sohn (11, ADHS) hatten wir zwischendurch so etwas als Nebenwirkung eines Medikaments und die Kinderpsychologin sagte dazu "Zwangsgedanken". Egal was man sagte und welche Argumente man vorbrachte, mein Sohn war von den Gedanken nicht abzubringen. Meine Schwägerin wird wegen ähnlicher Gedanken medikamentös behandelt, weil sie sonst nicht arbeitsfähig wäre und aus Angst nur zu Hause wäre (ihre Diagnose ist schizoaffektive Störung, da gehörten bei ihr aber Depressionen und manische Phasen dazu). Das Medikament (Risperidon) wirkt bei ihr seit vielen Jahren sehr gut. Sie merkt die Gedanken nur wieder, wenn sie bei ihrem Freund übernachtet und die Tabletten mal vergessen hat.
Ich will damit absolut keine Diagnose vermuten, da ich kein Arzt bin! Ich will nur sagen, dass ich das für behandlungsbedürftig halte und ihr Leben offenbar stark beeinflusst.

Bei meine Tochter (14, ADS) sind wir dabei, ihre schwankenden Emotionen medikamentös in den Griff zu kriegen. Sie war abends an manchen Tagen so erschöpft, dass sie noch nicht mal Zähneputzen konnte. Saß dann weinend auf dem Badewannenrand mit der Zahnbürste in der Hand und es ging nichts mehr. Morgens war sie alle 1-2 Wochen am weinen, weil sie Angst vor der Schule hatte: dann hatte sie einem Vortrag nicht vorbereitet oder nicht für eine Arbeit gelernt. Sie hatte keine Angst vor der schlechten Note, sondern dass sie wie so oft im Unterricht weinen würde oder den Lärm nicht ertragen wird. Da sind wir bei der Medikamentenfindung, aber es geht aufwärts. Atomoxetin scheint zu passen.

Was für Medikamente habt ihr durch? Du schriebst Kinecteen und Ritalin. Habt ihr die probiert und die passten nicht oder blockt sie generell alles ab?

Viele Grüße
Catharina
Hallo Catharina,

Danke, wir finden das Verhalten auch behandlungsbedürftig. Ärzte oder Therapeuten fanden das bis dato nicht. Lotta streitet das dann auch ab oder sagt sie hätte einfach einen schlechten Tag gehabt. Wollte von anderen Dingen ablenken. welche Dinge weiß sie nicht mehr. Und schon war das kein Thema mehr.

Leider kann ich gerade nicht alle Medikamente aufzählen. Sie hatte bis jetzt immer was auszusetzen. Kopfweh, ich fühle mich wie in Watte gepackt, Hungerattacken, sie könnte sich nicht spüren etc. Deshalb hat sie alle abgeblockt. Dann gab es Mal eine kurze Zeit wo sie das erneut probieren wollte. Allerdings verweigerte sie die dazugehörigen Untersuchungen.
Nur ohne die kein Rezept.

Das werden wir wohl vehementer ansprechen müssen.
Vielen Dank und weiterhin alles Gute!
Lotta&Leben
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Re: Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

Beitrag von Lotta&Leben »

Anjali hat geschrieben: 30.10.2022, 10:41 Hallo,

Mal eine ganz „doofe“ Frage, ist aber nicht respektlos, sondern lösungsorientiert gemeint:
Offenbar schafft eure Tochter nicht, sich zu motivieren und zu organisieren.
Warum greift ihr ihr bei bestimmten Dingen nicht mehr unter die Arme?

Versteh ich es z.B. richtig, dass ambulante Therapien daran scheitern , dass Terminvereinbarungen „verbummelt“ werden?
Termine würde ich z.B. nicht -offenbar erfolglos- erinnern, sondern bei der Terminvereinbarung wenn nötig aktiv zur Hand gehen.

Schulbesuch findet nur sporadisch, weil eure Tochter zu müde ist? Wie kann man sich das konkret vorstellen? Sie kommt einfach nicht aus ihrem Bett? Oder kann sich zu gar nichts aufraffen? Konsequenzen folgen? Oder fruchten nicht? Muss sie ihren Morgenablauf selbst strukturieren? Oder wird sie darin ggf. tatkräftig unterstützt? Gäbe es jemanden, der eure Tochter zur Schule bringen /begleiten könnte?

Alles in allem denke ich, deine Tochter unbedingt professionelle (psychologische) Hilfe bräuchte.
Ihre Ängste kommen mir bekannt vor und ich empfinde sie als einen Ausdruck großer innerer Not.

LG
Anja
Hallo Anja,

Klingt zwar langweilig aber ich gehöre zu den Verfechtern gibt keine doofe Fragen! Warum? Na nur fragenden Menschen kann geholfen werden. Und die Maus singt wer nicht fragt ......

Also alles gut.

Wir strukturieren den Tag. Wir greifen ihr fest unter die Arme. Wir legen ihr anziehsachen heraus. Wir helfen beim Schulranzen packen. Wir wecken sie morgens.

Nicht nur daran scheitern Therapien. Sondern auch an der mangelnden Mitarbeit /Kooperation.
Wenn man in der Therapie sitzt und nur mit dem Kopf schüttelt oder ständig antwortet dazu sag ich jetzt Mal nix. Sind auch den Therapeuten die Hände gebunden.
Daher gab es die Auflage dieser Therapeutin. Sie muss das wollen. Es bringt nichts Lotta gegen ihren Willen in die Praxis zu schleifen.

Die andere Therapie scheiterte an den Medikamenten. Lotta war nicht bereit dazu. Und diese Praxis war nicht bereit mit Lotta zusammenzuarbeiten so lange sie keine Medikamente bekommt.

Wir vereinbaren Termine in Absprache mit ihr. Bis dahin ist alles gut. Wir erinnern sie an die Termine. Wir haben einen Wochenplan am Kühlschrank hängen wo die Termine notiert sind.

Aber wenn dann der Termin kommt ( und es sind nicht wirklich viele) dann kommt nie habe ich Freizeit, gefolgt von ich will da nicht hin, oder ich brauche das gar nicht.
Und ja wir haben sie dennoch mit der Androhung von Konsequenzen in die Praxis bekommen.
Das hätten wir uns sparen können.

Sie würde nicht aufstehen. Wenn man sie lassen würde.sie muss nichts selber Strukturieren. Sie wird oft aus dem Bett gescheucht. Wenn alle 5 Minuten jemand nörgelnd am Bett steht, steht selbst der müdeste Mensch freiwillig auf. Na ja ganz freiwillig vielleicht nicht.

Konsequenzen folgen. Fruchten allerdings selten. Sind vermutlich die falschen. Aber unser Latein ist irgendwie am Ende. Was gestern funktionierte, klappt am nächsten Tag gar nicht mehr.

Sind es vielleicht die falschen Konsequenzen?

Klar gäbe es jemanden der sie zu Schule bringt. Das wurde auch gemacht. Half nicht viel, weil Lotta vor e rein und ungesehen hinten wieder raus ging.

In Absprache mit der Schule wurde Lotta eröffnet, dass sie bis in die Klasse begleitet werden müsste.
Das fand sie so Klasse, dass sie gar nicht mehr in die Schule gehen will. Die Verwünschungen und Beleidigungen die ihr da eingefallen sind wiederhole ich besser nicht.
Lotta muss jeden Tag das Haus verlassen. Pünktlich. Damit sie jederzeit rechtzeitig in die Schule kommt. Auch die Regel ist Anlass zur Diskussion.
Da wir wegen der Schulbegleitung mit dem JA in Kontakt stehen haben wir uns, da aus ärztlicher Sicht ja wenig möglichkeiten bestehen zu helfen, ans JA gewandt.

Die Dame hat mir Lotta gesprochen und mit ihr eine Vereinbarung getroffen. Wenn Lotta 2 Tage in die Schule geht hintereinander, dann wird sie die Schulbegleitung nicht wieder genehmigen. Aber sie bräuchte dafür lottas Hilfe.

Die Dame legte uns nahe, gewisse Regeln z.b. wenn Lotta krank ist, und nicht in die Schule geht, darf sie nicht raus, zu überdenken. Wir sollten mehr Kompromisse eingehen.
Dabei weiß die Dame nicht wie viele Kompromisse wir eingegangen sind und was Kompromiss für Lotta bedeutet. Es ist nicht wir treffen uns in der Mitte!
Die Dame war so euphorisch. Sie wirkte sehr zufrieden. Blöd nur das Lotta das Telefonat bereits am nächsten Tag vergessen hatte. Es folgte kein Schulbesuch.

Ja aber das hatte ich doch mit Lotta vereinbart, meinte sie als wir sie darüber informieren müssten, dass Lotta an der Schule vorbei gegangen ist.
Es folgte die Bewilligung der Schulbegleitung.
Jetzt kam die Dame auf die Idee, Lotta jemanden an die Seite zu stellen der schöne Dinge mit ihr macht. Der Lotta begleitet.
Einmal die Woche. Lotta könne gemeinsam mit dieser Person spontan entscheiden was sie machen.

Das haben wir Lotta vorgeschlagen. Wir haben der Sachbearbeiterin dann politisch korrekt übermittelt, was Lotta davon hält. Außer viel Abstand nichts
Wir haben sie nicht, wie Lotta es gerne getan hätte, gefragt ob das alles ist was der *Piep* einfällt. Hat wohl im Studium nicht gut aufgepasst.
Dafür wird die bezahlt?

Ich durfte mir dann noch anhören, dass ich für solche Deppen auch. Noch steuern zahle.

Da Pflichte ich dir bei. Sie braucht auch aus meine Laien Sicht dringend Hilfe. Aber weil sie das selbst nicht artikuliert und weder fremd- noch Eigengefährdung zu erwarten ist, sollen wir halt warten.

Wir sind erschöpft. Wir machen alles falsch, weil wenn wir was richtig machen würden, würde man Lotta helfen.

Ich hab wirklich keine Ahnung mehr was wir noch tun sollten.


Alles Gute auch für euch. Und danke!

Ich Versuche das Chaos in meinem Kopf Mal zu ordnen. Eure Nachrichten sind da hilfeich!
Anjali
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Re: Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

Beitrag von Anjali »

Vielen lieben Dank für die ausführliche Antwort.
Nun habe ich eine genauere Vorstellung davon, was ihr schon alles durchgemacht und ausprobiert habt.
Ich wünsche Dir einen hilfreichen Erfahrungsaustausch.

LG
Anja
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (21 Jahre / Asperger-Autismus)
Anni7
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Re: Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

Beitrag von Anni7 »

Zu den Ängsten und körperlichen Empfindungen bei ADHS: Sorgen würde ich mir tatsächlich über die geschilderten Szenarien machen, die nie passiert sind. Wie der vermeintliche Spinnenbiss oder das Essen des Fliegenpilzes.

Nun sind Menschen mit ADHS im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich häufig von Angststörungen betroffen. Ganz platt formuliert vermutet man mittlerweile, dass zu Angststörungen neben sozialen und genetischen Faktoren auch eine neurobiologische Komponente dazu kommt. Der Spiegel der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin im Gehirn ist bei einer Angststörung zum Teil erniedrigt. Dabei gibt es gewisse Überschneidungen mit ADHS, dort vermutet man einen zu niedrigen Spiegel von Dopamin und Noradrenalin. Da könnte(!) es einen Zusammenhang geben, geklärt ist das allerdings noch nicht.
Klar ist: Menschen mit ADHS neigen oft zu emotionalen und sehr impulsiven Reaktionen. Diese starke Reaktion kann auch Angst sein. Wenn diese immer wieder sehr intensiv erlebt wird, kann das eine größere psychische Auswirkung haben, als bei Personen, die weniger intensiv von ihren Gefühlen überrollt werden.

Dazu kommt in Bezug auf das körperliche Unwohlsein, dass ADHSler lernen können/müssen ihre Aufmerksamkeit gezielt zu steuern. Sie haben in der Regel kein Problem mit einem Defizit an Aufmerksamkeit, sondern mit Aufmerksamkeitskonsistenz. Das bedeutet, dass sie schnell abgelenkt werden und der Fokus sich dann auf einen anderen Reiz richtet. Dies zeigt sich auch darin, dass als sehr selbstbelohnend wahrgenommene Tätigkeiten oft mit großer Konzentration ausgeführt werden können, was Eltern gerne zu dem Schluss kommen lässt: Kind kann sich konzentrieren, will es aber nicht. Ja, das Kind kann sich auch konzentrieren, es hat nur nicht gelernt seinen Fokus lange auf einer bestimmten Sache zu halten und ihn nicht ständig zu verschieben. Spannende Dinge werden oft als sehr stimulierend empfunden, der gemeine ADHSler ist dann so von seiner Tätigkeit/Empfindung gefangen genommen, dass er alles um sich herum vergisst und den Fokus auch halten kann. Blöderweise ist dieser Zustand ohne ordentliche Behandlung nur schlecht steuerbar. Das kann man in der Therapie lernen. Denn an sich kann der Mensch mit ADHS ganz wunderbar aufmerksam sein, nur die Konstanz und willentliche Steuerbarkeit fehlt.

Wenn jetzt irgendwo eine körperliche Empfindung ist, wie das Gefühl an Stelle XY befinde sich ein Splitter, dann kann das einen solchen starken Fokus auslösen. Auf genau dieses Gefühl, das ganz viele „normale“ Menschen einfach so in den Hintergrund schieben können. Sie steuern ihre Aufmerksamkeit ganz bewusst von dieser Empfindung weg. Das kann der ADHSler blöderweise so nicht, umso stärker die Empfindung, umso intensiver beschäftigt er sich damit. Wir alle wissen, dass Symptome von Krankheiten googeln nicht so der Knaller ist. Deshalb sagen wir uns zum Beispiel: „Ich warte mal ein paar Tage ab, bis ich zum Arzt gehe. Vielleicht geht es auch von alleine weg.“ Bin ich aber nicht in der Lage meine Aufmerksamkeit von diesem Thema weg zu bewegen, dann ist der Schritt dahin mir immer mehr Sorgen zu machen und immer größere Schreckensszenarien zu konstruieren ein kurzer.
Liebe Grüße von Anni
Jannice
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Registriert: 16.04.2015, 12:51

Re: Lottas Familie auf der Suche nach Unterstützung/Hilfe

Beitrag von Jannice »

Ich bin über diesen Beitrag gestolpert und Lotta erinnert mich sehr an die Tochter meines Exmannes, die 6 Jahre bei mir aufgewachsen ist. Letztendlich bekam sie die Diagnose juvenile Schizophrenie, nachdem sie vorher ein Sammelsurium von Diagnosen bekam, von Bindungsstörung, ADHS über Depression und sonst was.
LG Jannice
mit "der Kleine" ( 18J. , Entwicklungsverz., atypischer Autismus, Depression, Asthma, Myopathie, Mutation auf Col11A1, Rollifahrer u.a.) und "der Große" ( 22 J. , Entwicklungsverz. , Depression, Hashimoto, Schwerhörig, Asperger, ADHS, Adipositas) .
Beide mit Duplikation auf dem ARX-Gen
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