Intelligenztest und geistige Behinderung

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

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Lina17
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Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Lina17 »

Guten Morgen,

ich möchte mich kurz vorstellen. Unsere Tochter wird diesen Monat 5 Jahre alt und war eine Extremfrühgeburt aus der 26.SSW mit Hirnblutung und Shunt. Initial hat sie sich für ihre Verhältnisse zu Beginn recht gut entwickelt. Mit ca. 21 Monaten erste freien Schritte, kann laufen, sprechen etwas verzögert aktuell, Spielverhalten nicht sehr abwechselungsreich , aber vorhanden.
In der Kita haben wir bereits gemerkt, dass sie zurückhaltender ist , wenig Interaktion mit anderen Kindern sucht aktiv. Sie würde in kleinen Gruppen auftauen und wenn man sie ins Spiel integriert auch mitmachen. Dennoch hat sie schon sehr früh komplette Lieder auf Englisch, Deutsch und sogar auch in der Muttersprache des vaters gesungen mit einwandfreier Aussprache und mitgetanzt in den letzten Jahren. Aktuell kann sie grammatikalisch korrekte Sätze nutzen , antwortet aber oft auch nur mit 1-2 Worten.
Auffallend früh hat sie sich für Zahlen und Buchstaben interessiert und beherrschte diese auch mit knapp 3 Jahren . Auch hat sie sich eigenständig selbst lesen einiger Wörter beigebracht. Zählen rückwärts und vorwärts von 20 ging auch auffallend früh mit knapp 3,5 Jahren. Malen ist eher auf dem Niveau einer 3 jährigen und Sozialverhalten entspricht auch nicht 5 Jahren. kategorisierungspiele sind auch kein Problem- Ich habe häufiger das Gefühl, dass sie nicht immer alle Fragen versteht zB Präpositionen wohin, woher........Im ersten Moment dachte ich auch , dass sich das nach einem autitistischen Kind anhört. Aber zu Hause kann sie ganz empathisch mit uns Eltern oder Gästen sein und ist in guter Interaktion und sozialen Verhalten.
Weil es Richtung Kindergartenstart ging , hatte ich vor knapp 5 Monaten im Alter von ca. 4,5 Jahren eine neuropsychologische Testung durchführen lassen wo IQ 58 herauskam, was ein Schock für mich war, da dies bereits im Bereich der geistigen Behinderung legen würde. Ich war nicht beim Test dabei, aber laut Psychologin war unsere Tochter leicht ablenkbar bei schwierigen Aufgaben, jedoch wohl führbar. Der Test wurde über mehrere Termine durchgeführt.
Laut dem 1. Kindergarten würde sie Gefahren nicht gut einschätzen können, ist aber in der Gruppe im Wesentlichen angepasst.
Ich habe anfangs dem Testergebnis nicht glauben wollen, nun bin ich aber wieder extrem beunruhigt, weil ich merke, dass sie viel Ansprache braucht und Strukturierung etc. Gerne würde ich hören wollen , was Eure Erfahrungen zu IQ Test im dem Alter sind und ob bei den o.g. Fähigkeiten , dass eigentlich so sein kann. Hatte mich in der Vergangenheit oft damit beruhigt, dass schon nichts Gravierendes sein wird, wenn das Kind sich selbst Buchstaben und lesen beibringt so früh. Wie habens ich Eure Kinder im Verlauf entwickelt nach initial Diagnose eines niedriges IQ Wertes?
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Sinale
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Sinale »

Hallo Lina,

willkommen im Forum!

Ich wurde als Frühchen im 6 Monat geboren.

Von mir kann ich berichten, dass ich gemäß eines psychologischen Gutachtens, welches erstellt wurde, als ich 2,5 Jahre alt war, als nicht bildungsfähig eingestuft wurde. Ein Test in der 4-Grundschulklasse stellte die Gymnasialreife fest. Ein Test beim Arbeitsamt nach der Schulzeit stellte fest, dass eine Ausbildungsreife von der Intelligenz her, dauerhaft nicht vorliege, hier wurde deshalb eine Beschäftigung in einer Behindertenwerkstatt vorgeschlagen. Ein weiterer Test im Erwachsenenalter ergab einen Überdurchschnittlichen-IQ.

Ich gehöre hier im Forum zu den Älteren von einer Körperbehinderung betroffenen Personen und kann berichten, dass ich trotz dieser Tests meinen Lebensweg gehen konnte und selbständig lebe.

Ich denke, es ist gut nachvollziehbar, dass ich aufgrund dieser sehr persönlichen Erfahrungen nichts von entsprechenden Tests und zu frühen Zuschreibungen halte.

Dir möchte ich raten, dich nicht an den Tests zu orientieren, dein Kind entwickelt sich ohne negative Zuschreibungen und Tests. Glaube an dein Kind und nicht an die Tests. Dies wird deinem Kind in seiner Entwicklung helfen!
Viele Grüße
Sinale

Diagnose: Tetraspastik
Rollstuhlnutzerin
melly210
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von melly210 »

Ich würde das wie Sinale sehen. Bei meinem Sohn wurde als er 3 war auch gesagt daß er wahrscheinlich eine geistige Behinderung hat. Der ist jetzt 7, in der 1. Klasse einer Regelschule ohne I oder sonstige Hilfen und hat bisher keine Probleme. Was er tatsächlich hat sind Wahrnehmungsstörungen und eine motorische Dyspraxie. Wir haben ihn deshalb ein Jahr in einer Vorschulklasse mit Motorik-Schwerpunkt mache lassen damit er 2 Jahre Zeit hat um schreiben zu lernen. Das hat sich als sehr gut erwiesen.

Er hat übrigens so wie deine Tochter schon früh gelesen und gerechnet, incl Uhr ablesen. Bücher wollte er auch generell lieber welcher für etwas ältere Kinder. Ich denke, so ein Muster ist bei Kindern die sensorische Defizite haben aber intelligent sind häufig, weil sie sich damit quasi selber besser strukturieren können. Das sagt auch unsere Ergo-Therapeutin
Söhnchen (02/2015) mit motorischer Dyspraxie und Wahrnehmungsstörungen
Jaci1612
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Jaci1612 »

Hallo Lina!

Meine Tochter hat gleich 2 mal einen IQ von 55 bestätigt bekommen und es deckt sich mit unserem Empfinden. Wenn ich deine Beschreibung lese und mit meiner Tochter vergleiche würde ich mal behaupten, dass da was nicht stimmt. Meine Tochter kann weder zählen, noch lesen oder sonst irgendetwas in dieser Richtung. Sie singt keine Lieder nach und hat große Probleme mit der Sprache und natürlich mit dem Verständnis der Welt.
Ihr kognitives Verständnis unterscheidet sich stark von ihrem tatsächlichem Alter.
Was für ein Test wurde denn durchgeführt?
Wenn sie Probleme mit der Sprache hat ein nonverbaler?
Vielleicht wollte sie auch einfach nicht mit machen oder sie kam nicht mit der Psychologin klar?

LG Jaci
Emma 14.04.17 Coffin-Siris-Syndrom, Globale Entwicklungsstörung, Muskelhypotonie, Knick-Senk-Füße, Orofaziale Störung, Mittelstarke Hyperopie mit Einwärtsschielen, Skoliose, periphere Pulmonalstenose, geistige Behinderung, PG4 und GdB 80 mit B,H,G
Alica 15.06.10 kerngesund
Susi2015
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Susi2015 »

Hallo Lina,

ich stehe solchen Tests mittlerweile kritisch gegenüber. Ich hab gleich zwei extreme Frühchen (24. SSW) und ich werde nie mehr einen Test machen lassen. Es kommst soviel auf den angewendeten Test an.
Meine Kinder haben einen visuelle Wahrnehmungsstörung und ich hab nach dem Test erfahren, dass der Test sehr visuell aufgebaut war. Dazu benötigen Frühchen öfters nochmals eine Erklärung und Dinge zu verstehen und bei manchen Dingen mehr Zeit benötigten. Dies heißt aber nicht, dass sie kognitiv weniger können. Es gibt ein sehr gutes Buch dazu.
So wie du deine Tochter beschreibst kann ich mir nicht vorstellen, dass der IQ so niedrig ist. Welcher Test wurde gemacht?

Viele Grüße
Susi
Lisa Maier
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Lisa Maier »

Hallo Lina,

ein IQ-Test kann durchaus fälschlicherweise ein viel zu niedriges Ergebnis haben, gerade bei Kindern. Ich halte von ihnen nichts. So Geschichten wie von Sinale kenne ich auch aus meinem Bekanntenkreis (einer, der angeblich geistig behindert war, hat heute ein abgeschlossenes FH-Studium). Bei mir vermutete man, als ich in der vierten Klasse war, aufgrund eines solchen Tests in genau dem Bereich, welcher für mein erfolgreiches Studium existentiell war, große Probleme.
Der einzige Grund für mich ein Kind zu testen wäre, um beweisen zu können, daß es von den 'Fachleuten' fälschlicherweise als G oder L eingestuft wurde.

Viele Grüße
Lisa
Karin2308
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Karin2308 »

@ Susi

Hallo Susi, darf ich fragen von welchem Buch du sprichst. Ich habe auch ein extremes Frühchen zu Hause und verweigere die Zustimmung bis jetzt für alle Intelligenztestungen, obwohl mein Kind mittlerweile bereits eine inklusive Regelschule besucht. Daher würde es mich interessieren.

LG Karin
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Inga
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Inga »

Vielleicht das Buch:
https://www.fruehgeborene-rlp.de/index. ... roschueren

Wirklich sehr zu empfehlen!
Ich würde auch dazu tendieren, dass da Teilleistungsstörungen einen große Rolle spielen und den IQ verfälschen.
Da ist dann die Frage, wie stark diese Teilleistungsstörungen sind und mit welchen Hilfen das Kind sein Potential voll ausschöpfen kann.
Josephine 05 Albinismus
Emma 07
Nico 09 ADHS, gB
Joshua 14 Epi, Hemi, Blind
Joleen 16 Schinzel-Giedion-Syndrom

Betreuer von Danielo 96 (FAS), Steven 98 (gB) & Michelle 02 (Apert-Syndrom)

Unsere Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic2393.html
Lina17
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von Lina17 »

Liebe Teilnehmer,

herzlichen Dank für Eure zahlreichen Beiträge. tatsächlich ist es so, dass unsere Tochter im Bereich der räumlichen Wahrnehmung Probleme hat zB Puzzle spielen , Basteln, Malen etc. Auch benötigt sie für das Anziehen trotz schon seit Monaten Üben häufige Anleitung und auch allgemein um eine Aufgabe durchzuführen muss man sie anleiten oder bis sie ein Spiel im Detail versteht.Sie hat eine leichte linksseitige CP ist aber sonst mobil. Mir fallen zudem auch kurze Momente der Abwesenheit auf,
Es wurde der WPPSI-IV (Wechselr Preschool and Primary Scale of Intelligence) durchgeführt im Alter von 4,5 Jahren, was wohl der frühste Zeitpunkt für so einen Test ist.
Auch hat sie ein gutes Gespür für Stimmungen im Raum und kann gut Gesichter lesen. Nach Euren Beiträgen frage ich mich tatsächlich, ob nicht wirklich eine sensorische Problematik im Vordergrund ist. Im test wurde jedoch die Verabeitungsgeschindigkeit sowie das Arbeitsgedächtnis als weit unterdurchschnittlich gewertet. Auffallend ist aber , dass sie sich extrem gut Namen merken kann, wenn sie sie zB nur einmal gehört hat und Lieder eben dann zu Hause komplett richtig singt und auch weiss was sie am selben Tag in der Kita zB gegessen hat. Ich war so schockiert initial über das Ergebnis, dass sich erst ignoriert habe und nun häufiger panisch werde und Sorge um die Zukunft meiner Tochter habe.
Wir werden sie logopädisch einmal abklären lassen. Physiotherapie und Ergotherapie bekommt sie bereits, aber ob dies spezifisch genug ist, ist mir nicht klar. Wie würdet ihr da jetzt weiter vorgehen?
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der kleine kurt
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Re: Intelligenztest und geistige Behinderung

Beitrag von der kleine kurt »

Hallo!

Ich kenne mich mit dem Thema nicht gut aus, wollte aber darauf hinweisen, dass es, falls die Werte sehr weit auseinandergehen, vielleicht gar nicht möglich ist, einen "Gesamt-IQ-Wert" abzuleiten.

Mein Sohn (Autist) wurde damals mit HAWIK getestet, und während Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit unterdurchschnittlich waren bzw. im Bereich der geistigen Behinderung lagen, waren die Werte bei Sprachverständnis und logischem Denken (hießen die so?) alle im Bereich der Hochbegabung. Einen Gesamtwert gab es dadurch nicht.

Mein Sohn hatte dann auch zusätzlich die Diagnose Dyspraxie bekommen. Er hat Schwierigkeiten in der Handlungsplanung und Umsetzung, Stichwort Anziehen, wie oft da die Unerhose über der Hose war... :D Obwohl er eine wahnsinnige Auffassungsgabe hat bei theoretischen Aspekten, kann er oft ganz praktische Dinge nicht, nur langsam oder verzögert umsetzen. Und bei multiplen Anforderungen, Multitasking, ist er auch raus. Sobald also Sachverhalte mit Handlungen verknüpft werden müssen (Anziehen, Dinge erledigen, "richtig" essen usw.).

Bei manchen machte bei uns Übung der Meister (Anziehen, er hatte Bildkarten), an manchen arbeiten wir auch immer noch...
Logo und Ergo hatte er auch, aber eigentlich gebracht hat es nur das Dranbleiben und die konkreten Hilfen zuhause, in Form von Karten, "Dran-denken-Üben" usw.

Viele Grüße
Kurtine
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