Merkzeichen B bekommen

In dieser Kategorie geht es um rechtliche Dinge, Fragen zur Krankenversicherung, Pflegegeld etc.

Moderator: Moderatorengruppe

Antworten
Benutzeravatar
Mikalu
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 28
Registriert: 03.06.2022, 09:04
Wohnort: Baden-W.

Merkzeichen B bekommen

Beitrag von Mikalu »

Hallo,

hauptsächlich in bestimmten Situationen (zum Beispiel Arzttermine, Behördentermine, usw.) aber auch Situationen mit mögl. Konfliktpotential (Reizüberlastung, etc.) brauche ich Begleitung.

Bei meiner GdB Klage gab es ein Fachgutachten, vom Gericht eingefordert. Der Gutachter schrieb auch genau das:

"In bestimmten Angst auslösenden oder überfordernden Situationen ist Frau ... auf ständige Begleitung angewiesen, um Aggression (Meltdown) oder Flucht (Shutdown) ... zu vermeiden ..."

Wenn ich völlig überfordert, oder panisch oder verängstigt von z.B. einem Termin weglaufen würde, kann das auch gefährlich im Straßenverkehr werden.

Das Sozialgericht hatte ein Merkzeichen (habe GdB 60 bekommen) aber abgewiesen. Weil ich keine Gehbehinderung habe, nicht dement/orientierungslos bin, nicht blind oder geistig behindert, usw.

Leider schließen die Voraussetzungen für das Merkzeichen B die Probleme autistischer Erwachsener nicht mit ein, also würde ich die Voraussetzung für B nie erfüllen.

Ich habe vom Hausarzt ein Attest, wo auch drin steht das ich aufgrund von meinem Autismus auf die Begleitung angewiesen bin.

Seit Corona ist es aber ein extremes Problem, weil fast alle Arztpraxen eine Begleitperson für Erwachsene pauschal verweigern. Man sieht mir meinen Bedarf auch nicht an.

Es kommt dann leider oft zu Diskussionen mit den Arzthelfern, die nicht verstehen das ich die Begleitperson brauche.

Das Attest hilft dann zwar, aber es wäre oft sehr viel einfacher wenn auf meinem Schwerbehinderten-Ausweis das Merkzeichen B wäre und ich das vorzeigen könnte.

Kann das funktionieren nochmal zu versuchen das Merkzeichen zu bekommen? Oder seht ihr da eher keine Chance?

Es geht mir gar nicht um kostenlos Busfahren, oder Kino und Vergünstigungen, das nutze ich sowieso alles nicht. Sondern um einen einfacheren Nachweis das ich Begleitung brauche.

Vor Corona war das kein Problem, da ging eine Begleitperson mit zum Termin und es war ok.

Herzliche Grüße, Mika.
Ich bin 30 und habe Autismus. :alien:
Werbung
 
kati543
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 5399
Registriert: 12.05.2009, 17:48

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von kati543 »

Hallo,
Atteste vom Hausarzt haben meist den Beigeschmack eines „Gefälligkeitsgutachtens“. Wenn du statt des Hausarzt-Attestes ein entsprechendes Kurzgutachten vom Psychiater beibringen kannst, findet das mehr Beachtung. Du kannst auch dem Psychiater sagen, er kann sich auf das Gutachten des Gerichtes stützen.

Im übrigen gibt es das Merkzeichen H - für hilflos. Dazu muß man nicht geistig behindert sein. Man kann das schon auch als Autist bekommen. Immerhin ist ein Autist bei Reizüberlastung entsprechend hilflos und kann auch zur Gefahr für sich und andere werden. Die Frage ist eher, wie oft passiert das bei dir im Alltag…oder ist der Extremfall überhaupt schon eingetreten?

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Fettstoffwechselstörung (HeFH), Esstörung, Taub R, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Mikrodeletion 3p26.3, Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)
Benutzeravatar
Mikalu
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 28
Registriert: 03.06.2022, 09:04
Wohnort: Baden-W.

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von Mikalu »

kati543 hat geschrieben: 21.06.2022, 12:20 Die Frage ist eher, wie oft passiert das bei dir im Alltag…oder ist der Extremfall überhaupt schon eingetreten?

Ja es ist leider auch schon eingetreten, weshalb ich manche Situationen seitdem vermeide.

Durch das Attest kann ich jetzt eine Begleitperson z.B. mit zu Arztterminen nehmen, dadurch passiert es nicht mehr.

Aber es geht mir darum das ein Nachweis im Schwerbehinderten-Ausweis für mich einfacher wäre.

Herzliche Grüße, Mika.
Ich bin 30 und habe Autismus. :alien:
kati543
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 5399
Registriert: 12.05.2009, 17:48

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von kati543 »

Mikalu hat geschrieben: 21.06.2022, 13:13
kati543 hat geschrieben: 21.06.2022, 12:20 Die Frage ist eher, wie oft passiert das bei dir im Alltag…oder ist der Extremfall überhaupt schon eingetreten?

Ja es ist leider auch schon eingetreten, weshalb ich manche Situationen seitdem vermeide.

Durch das Attest kann ich jetzt eine Begleitperson z.B. mit zu Arztterminen nehmen, dadurch passiert es nicht mehr.

Aber es geht mir darum das ein Nachweis im Schwerbehinderten-Ausweis für mich einfacher wäre.

Herzliche Grüße, Mika.
Hallo Mika,
dann müsste deine Argumentation aber darauf gehen, dass du das Merkzeichen H oder G benötigst. Das ist erstmal die Voraussetzung, damit überhaupt auf das Merkzeichen B geprüft wird. Es gibt kein Merkzeichen B ohne Merkzeichen H oder G. Du definierst die Bedeutung der Merkzeichen zu direkt. „G“ (erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr) bedeutet keineswegs, dass man kaum laufen kann. Mein Jüngster hat z.B. auch G - er kann rennen, klettern und vollkommen normal laufen. G beinhaltet auch den kognitiven und den seelischen Aspekt, der zur sinnvollen und zielgerichteten Bewegung notwendig ist.

Schau dir dieses Urteil mal an:
https://www.ra-buechner.de/newsarchiv/n ... acken.html

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Fettstoffwechselstörung (HeFH), Esstörung, Taub R, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Mikrodeletion 3p26.3, Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)
SimoneChristian
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1425
Registriert: 12.04.2014, 18:46

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo,

mein Sohn hat auch das "G", weil er sich im Straßenverkehr nicht altersgemäß bewegen kann und unter Umständen eine Gefahr für sich und andere darstellt.
Das beinhaltet auch, dass er nicht immer zuverlässig den Weg finden würde, aber auch, dass er nur eingeschränkt in der Lage ist, die nonverbale Kommunikation im Straßenverkehr zu bewerkstelligen.
Bei Personen mit einer Störungen der Orientierungsfähigkeit, mit inneren Leiden oder aufgrund von Anfällen, wird die erheblich Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr angenommen.
https://www.schwerbehindertenausweis.de ... sfahigkeit

Ich würde jetzt Shutdown oder Meltdown unter Orientierungsfähigkeit fassen.

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)
Gaby79
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 94
Registriert: 19.12.2017, 22:07

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von Gaby79 »

Hallo Mika,

deine Geschichte regt mich auf und macht mich wütend. Ich finde das ist diskriminierend und zeugt von Ignoranz. Normalerweise sollte es ausreichen wenn du der Empfangsdame sagst, das ist meine Begleitperson und ggf. deinen SBA zeigst, falls jemand nachhakt. Du musst dich nicht dafür bei ihr rechtfertigen. Ich verstehe, dass du mit dem Merkzeichen diesen Kampf aus dem Weg gehen willst. Aber auch ohne Merkzeichen ist eine Begleitung möglich. Ich empfehle euch, wenn die Dame oder der Herr auf stur stellt, den Arzt oder Chef zu verlangen. Das Personal muss für solche Situationen sensibilisiert werden. Sonst tut sich da nichts. Es gibt einige Personen, die spielen sich auf, denken nicht nach und fühlen sich groß wenn sie andere belehren können.

LG
Gaby
Tochter 2014 Extremfrühchen nach Hellp und Präeklampsie, Hirnblutung in utero, Hirnfehlbildung, Hydrazephalus, VP Shunt. Kämpferin und Superhirn.
Sohn 2016 Frühgeburt, Sonnenschein und Kuschelprinz
Zusammen unschlagbare Alltagshelden.
Sophie-11
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 484
Registriert: 11.02.2019, 17:04

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von Sophie-11 »

Hallo,

nach der Versorgungsmedizin-Verordnung wird das Merkzeichen "B" unter folgenden Bedingungen gewährt:
Eine Berechtigung für eine ständige Begleitung ist bei schwerbehinderten Menschen (bei denen die Voraussetzungen für die Merkzeichen „G", „Gl" oder „H" vorliegen) gegeben, die bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln infolge ihrer Behinderung regelmäßig auf fremde Hilfe angewiesen sind. Dementsprechend ist zu beachten, ob sie bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel regelmäßig auf fremde Hilfe beim Ein- und Aussteigen oder während der Fahrt des Verkehrsmittels angewiesen sind oder ob Hilfen zum Ausgleich von Orientierungsstörungen (z. B. bei Sehbehinderung, geistiger Behinderung) erforderlich sind.
Nachzulesen z.B. hier unter Teil D, Punkt 2, Berechtigung für eine ständige Begleitung (Merkzeichen B)

Bedingungen sind also Merkzeichen G, Gl oder H und die Notwendigkeit einer Begleitung im öffentlichen Nahverkehr. Andere Bereiche sind uninteressant, warum auch immer :roll: . Das Merkzeichen G erhält man z.B. auch bei Orientierungsschwierigkeiten, nicht nur bei körperlichen Gehbehinderungen - meine beiden Autisten sind körperlich absolut fit, haben aber trotzdem G (und B und H).

LG!
der Große *12/2007 (eher Spektrumsnah)
der Mittlere *09/2010 (Asperger und Vd auf ADHS)
die Kleine *02/2014 (Asperger)
Benutzeravatar
Mikalu
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 28
Registriert: 03.06.2022, 09:04
Wohnort: Baden-W.

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von Mikalu »

kati543 hat geschrieben: 21.06.2022, 14:18 Schau dir dieses Urteil mal an:
https://www.ra-buechner.de/newsarchiv/n ... acken.html
SimoneChristian hat geschrieben: 21.06.2022, 14:57
Bei Personen mit einer Störungen der Orientierungsfähigkeit, mit inneren Leiden oder aufgrund von Anfällen, wird die erheblich Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr angenommen.
https://www.schwerbehindertenausweis.de ... sfahigkeit

Danke! Wie es scheint hat dann das Sozialgericht völlig falsch argumentiert bei der Ablehnung von dem Merkzeichen. Von denen kam das, dass ich nicht gehbehindert, dement, geistig behindert, etc. wäre.

Gaby79 hat geschrieben: 21.06.2022, 15:20 Du musst dich nicht dafür bei ihr rechtfertigen. Ich verstehe, dass du mit dem Merkzeichen diesen Kampf aus dem Weg gehen willst. Aber auch ohne Merkzeichen ist eine Begleitung möglich.

Ja da hast du Recht! Teilweise war es leider auch schon so, das es mir trotz dem Attest abgesprochen wurde "ach, das können Sie doch alleine!" und solche Sachen.

Klar ich bin erwachsen und sehe auch nicht so aus, als ob ich eingeschränkt wäre. Aber eine Begleitung zu brauchen macht doch auch keiner aus Spaß, wenn man es alleine könnte.

Oft erlauben Arztpraxen von vorne herein Begleitung nur für Kinder oder ältere Menschen. Das es auch erwachsene behinderte geben kann, so weit wird oft nicht gedacht.

Sophie-11 hat geschrieben: 21.06.2022, 17:23 Bedingungen sind also Merkzeichen G, Gl oder H und die Notwendigkeit einer Begleitung im öffentlichen Nahverkehr. Andere Bereiche sind uninteressant, warum auch immer :roll: . Das Merkzeichen G erhält man z.B. auch bei Orientierungsschwierigkeiten, nicht nur bei körperlichen Gehbehinderungen - meine beiden Autisten sind körperlich absolut fit, haben aber trotzdem G (und B und H)

Vielleicht hat da dann auch der Anwalt Mist gebaut, der hatte nämlich nur "B" beantragt/argumentiert, aber nicht G oder H. Scheinbar klar das ich so "B" dann auch nicht bekomme.

Ein "H" wäre für mich stattessen genau so ok. Bei Autisten wird das so weit ich weiß nur bis zum 18. Geburtstag auch eingetragen.

3. Besonderheiten Merkzeichen H bei Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen
Tief greifenden Entwicklungsstörungen, die für sich allein einen GdB/GdS von mindestens 50 bedingen, und bei anderen gleich schweren, im Kindesalter beginnenden Verhaltens- und emotionalen Störungen mit langdauernden erheblichen Einordnungsschwierigkeiten bis in der Regel zum 18. Geburtstag. https://www.betanet.de/merkzeichen-h.html

Ab 18 ist man dann scheinbar automatisch nicht mehr hilfsbedürftig. Oder hat es sehr schwer nachzuweisen das man Hilfe braucht.

Ich wurde leider erst mit ü25 diagnostiziert. Und musste mir von Behörden oft anhören "Sie brauchen doch keine Hilfe, Sie sind doch bisher auch zurecht gekommen" usw.

Ich habe auch einen Pflegegrad, kann das vielleicht auch belegen das ich "dauernd und in erheblichem Maße fremde Hilfe" brauche für das Merkzeichen "H"?

Danke für die Hinweise, das war sehr hilfreich!

Herzliche Grüße, Mika.
Ich bin 30 und habe Autismus. :alien:
SimoneChristian
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1425
Registriert: 12.04.2014, 18:46

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo.

Anwälte sind besonders in der Argumentation für die Merkzeichen nicht so bewandert.
Wir haben damals den größten Teil des Schriftverkehrs bei der Klage selber gemacht, teilweise mit Hilfe hier aus dem Forum.

Ich meine, mich erinnern zu können, dass wir auch den Pflegegrad als Argumentation für den SBA herangezogen haben.

Was das Verständnis der Leute angeht:
Ich fürchte, das ändert sich mit dem SBA nicht so deutlich, wie du dir wünscht.
Nach außen bist du ein gut funktionierender erwachsener Mensch.
Zumindest ist das meine Erfahrung mit pädagogischem Personal im Bezug auf meinen Sohn. "Er verhält sich doch normal. Das schafft er schon. Wieso kann er denn nicht xy?", obwohl Pflegegrad, SBA und sonderpädagogischer Förderbedarf bekannt sind.

Irgendwo hatte ich aber mal Kommunikationskarten bzw. kurze Autismus-Erklärkarten zum Download gesehen, um die solchen Menschen in die Hand zu drücken.

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)
Werbung
 
Benutzeravatar
Mikalu
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 28
Registriert: 03.06.2022, 09:04
Wohnort: Baden-W.

Re: Merkzeichen B bekommen

Beitrag von Mikalu »

SimoneChristian hat geschrieben: 22.06.2022, 13:04Irgendwo hatte ich aber mal Kommunikationskarten bzw. kurze Autismus-Erklärkarten zum Download gesehen, um die solchen Menschen in die Hand zu drücken.

Danke für diesen Tipp, da suche ich mal danach.

Herzliche Grüße, Mika.
Ich bin 30 und habe Autismus. :alien:
Antworten

Zurück zu „Rechtliches (Krankenvers., Pflegegeld etc.)“