Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Sophie-11
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Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von Sophie-11 »

Hallo,

von anderen Kindern, die ADHS-Medikamente nehmen, höre/lese ich immer wieder, dass sie selbst merken, wie es ihnen guttut (oder auch nicht), dass sie konzentrierter sind etc.; und lese auch, wie wichtig die Eigenwahrnehmung gegenüber der Außensicht ist. Nun nimmt mein Sohn seit ca. 4 Wochen Medikinet, und es gab ab der Dosis von 10 mg retard mMn deutliche Auswirkungen. Besonders krass war ja auch sein Verhalten nach der ersten Gabe von 15 mg (siehe ftopic143439.html). Nur sagt er selber, dass er gar nichts merkt. Er findet sich ganz normal, wie immer. Wenn ich ihm sage, was mir auffällt, kann er sichtlich nichts damit anfangen.

Wie sollen wir damit jetzt weiterarbeiten? Ich finde es ziemlich schwer zu beurteilen, welche Dosis jetzt angemessen ist und ob wir schon das passende Medikament gefunden haben, wenn ich das nur von außen beurteilen muss. Denn es ist definitiv nicht alles gut (z.B. Stress morgens und z.T. abends), nur wie sein Verhalten jetzt im Einzelnen zu bewerten ist, wo die Ursachen liegen und vor allem, was man machen kann - keine Ahnung :think: :-? .

Habt Ihr irgendwelche Ideen, Tips, Hinweise?

Danke und lG!
der Große *12/2007 (eher Spektrumsnah)
der Mittlere *09/2010 (ASS, ADHS, Grenzgänger)
die Kleine *02/2014 (Asperger)
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SimoneChristian
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo.
Ich gehe Mal davon aus, dass es um den Mittleren geht.
Mein Sohn hat einfach auch sehr wenig Selbstreflektionsfähigkeiten.

Wir verfolgen da mehrere unterschiedliche Ansätze:
Hausaufgaben: tatsächlich die benötigte Zeit messen, immer wieder loben, wenn überhaupt angefangen oder Mal ohne uns gearbeitet wird

Emotionale Themen, also auch, wie er sich fühlt:
Bildkarten für Emotionen oder Fragen, wie "Gib den folgenden Dingen Punkte von 0 = stresst mich gar nicht bis 10 = ich Flipper völlig aus"
Auch das gerne schriftlich

Beim Stress morgens würde ich an Wahrnehmugsverschiebung bei Wirkeintritt denken.
Abends daran, dass ich mich gerne mit Medikamenten über den Tag zu sehr verausgabe.

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)
OptimisticCatharina
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von OptimisticCatharina »

Hallo Sophie,

mein Sohn (11) hat nie gemerkt, ob Medikinet gerade wirkte. Er fühlte sich immer normal. Den Erfolg musste ich daher selbst beurteilen. Wir hatten Übungsdiktate mit drei Sätzen, wofür er ohne Medikinet 9 Minuten gebraucht hat (wenn es überhaupt klappte und er nicht vorher das Blatt zerrissenen hat) und unter einer passenden Dosis Medikinet nur 4 Minuten, weil er kontinuierlich schreiben konnte und nicht immer geredet, radiert und den Satz wieder vergessen hat.

Meine Tochter (13) bekam diese Woche ihre ADS-Diagnose und wir starten demnächst mit Medikinet. Sie muss die Wirkung überwiegend selbst beurteilen, da die Symptome nur im Unterricht für sie selbst spürbar sind. Da bin ich mal gespannt.

Ich denke, die Eigenwahrnehmung ist hauptsächlich für die Nebenwirkungen wichtig ("mir ist schlecht", "ich hab Kopfschmerzen",...), aber die Konzentration, Ablenkbakeit, Impulsivität usw. kann man als Eltern gut selbst beurteilen.

Viele Grüße
Catharina
Sohn, 2010: ADHS, Tics, impulsiv/aggressiv (alles gut im Griff mit Intuniv)
Tochter, 2008: ADS, sehr emotional/labil (gut mit Agakalin)
Tochter, 2010: nix
OptimisticCatharina
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von OptimisticCatharina »

Noch ein Nachtrag:

Du schriebst, dass definitiv nicht alles gut sei, z.B. Stress morgens und abends: Medikinet wirkt ca. 1h nach der Einnahme und dann nur für einige Stunden (6-7h?). Darum kannst du das aktuell nur beurteilen, indem du die Lehrer fragst, wie es in der Schule lief und am Wochenende guckst, wie es zur Wirkzeit(!) läuft. Alle anderen Zeiten sind nicht relevant bzw. nur insofern, als dass der Nachmittag mit einer weiteren Gabe Medikinet abgefangen werden könnte (nach Absprache) oder ihr auf ein Medikament mit längerer Wirkzeit (Elvanse) oder ein 24h-Medikament umsteigt: Intuniv/Guanfacin (bei uns super) oder Strattera/Atomoxetin. Medikinet ist allerdings immer der Start.

Diese Seite ist super, um sich dazu zu informieren:
https://adxs.org/seite/158/eindosierung ... n-bei-adhs

Viele Grüße
Catharina
Sohn, 2010: ADHS, Tics, impulsiv/aggressiv (alles gut im Griff mit Intuniv)
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Sophie-11
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von Sophie-11 »

Hallo,

mittlerweile hat sich die Situation drastisch geändert. Mein Bachgefühl, dass noch lange nicht alles gut ist, wird offenbar noch von der Wirklichkeit übertroffen :icon_pale: . Gestern abend ist er regelrecht zusammengebrochen hat uns erzählt, dass er vor allem nachts unter schlimmen Ängsten leidet, teilweise Albträume hat, mittlerweile schon Angst vor der Angst vor der Angst hat... Außerdem nimmt er sein Beharren auf verschiedene Dinge, z.B. wie seine Stühle zu stehen haben, die ich auf ein stärkeres Durchbrechen des Autismus geschoben hatte, tatsächlich selbst als Zwänge wahr.

Wir haben nun die Einnahme von Medikinet gestoppt und ich werde morgen versuchen, die KJP zu erreichen.

Die ganze Situation ist ziemlich unbefriedigend, da es so schwer ist, seine Befindlichkeit zu beurteilen. Wenn zur mangelnden Eigenwahrnehmung auch noch kommt, Probleme nicht kommunizieren zu können - bzw. erst, wenn es gar nicht mehr geht. Ich würde mir dringend eine engmaschige Begleitung durch einen Profi in diesen Dingen wünschen, aber wie kann man die bekommen? Ich habe hier schon von Einstellung auf Medikamente während eines stationären Aufenthalts gelesen, aber sowas muss vermutlich beantragt werden und es gibt lange Wartezeiten?

Ich möchte nur nicht wieder ein Medikament geben und erst nach Wochen erfahren, dass es meinem Kind damit ganz dreckig geht...

Danke auch für Eure Antworten bisher! Ja, es geht um den Mittleren, 11 Jahre, 6. Klasse Regelgymnasium als Regelkind, das hatte ich vergessen zu erwähnen. Eine positive Wirkung des Medikinet war definitiv zu bemerken, auch noch am Nachmittag bei den Hausaufgaben, wenn die Wirkung eigentlich schon vorbei gewesen sein sollte. Entweder es wirkt bei ihm sehr lange oder er hatte einfach noch mehr Energie übrig oder auch Beides. Wenn er aber tatsächlich so schlecht geschlafen hat, kann man damit auch den morgendlichen Stress erklären, der übrigens immer vor der Einnahme auftrat. Außerdem spielten wohl auch die Zwänge mit rein. Er hat sich z.B. ständig an ein Buch geklammert, auch bei unpassenderen Gelegenheiten wie Zähneputzen, Essen, kürzesten Unterbrechungen...

Ich hatte gehofft, es gehe endlich wieder aufwärts :( . Wenigstens wissen wir jetzt mehr.

LG!
der Große *12/2007 (eher Spektrumsnah)
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von OptimisticCatharina »

Hallo Sophie,

wir haben bei unserem Sohn (11, 5. Klasse Gymnasium) auch festgestellt, dass Stimulanzien bei ihm bereits leicht vorhandene Zwänge verstärken. Eindeutig war es allerdings erst nach einigen Wochen mit drei verschiedenen Stimulanzien (Medikinet, Kinecteen, Elvanse). Daher ist es zwar super unpraktisch, weil das die Medikamentenwahl einschränkt, aber sehr gut, dass ihr das jetzt schon merkt. Bei uns hat das ca. vier Monaten in den Wind geschossen, weil es nicht so krass war wie bei euch.

Wir sind jetzt auf Intuniv (Guanfacin) eingestellt. Das hatte unsere Neurologin anschließend verschrieben und funktioniert sehr gut. Bei uns ging erst die Impulsivität ganz weg und mit höheren Dosierungen kann er erstmals allein Hausaufgaben machen, weil er sich konzentrieren und Störgeräusche ausblenden kann.

Nur als Hinweis: Wir hatten nochmal einen kurzen Versuch mit Medikinet plus Intuniv. Drei Tage später ging es wieder los mit Zwangshandlungen und 50% mehr Tics. Es hat tatsächlich zwei Wochen gedauert, bis sich das wieder komplett gefangen hat. Also falls es nicht sofort wieder wie früher ist, obwohl ihr Medikinet absetzt: tief durchatmen und abwarten.

Viel Erfolg bei dem Gespräch mit dem KJP!

Viele Grüße
Catharina
Sohn, 2010: ADHS, Tics, impulsiv/aggressiv (alles gut im Griff mit Intuniv)
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von SimoneChristian »

Ach Mensch.

Ich weiß nicht, ob ein stationärer Aufenthalt helfen würde.
Mein Sohn braucht auch mehr so lange, bis er auf ganz konkrete Nachfragen, über sein Innenleben sprechen kann.
Ich vermute, dass er das nur wirklich bei uns Eltern kann.

Das wäre eigentlich ein langfristiges Thema für die Autismus-Therapie, um da vielleicht mit Visualisierung einen Zugang zu finden.
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von Sophie-11 »

Danke für Eure Antworten und Euren Beistand! Das ist wirklich viel wert!

Zwänge kannte ich von ihm bisher eigentlich nicht, nur dieser autismus-typische Wunsch nach Ordnung, der nicht damit verwechselt werden sollte. Ich weiß auch nicht, ob der Begriff "Zwang" richtig ist, er hat ihn selbst verwendet, hatte aber auch mit den Ängsten zu tun - die Stühle in seinem Zimmer mussten an einer ganz bestimmten Stelle stehen, so hat er es erzählt. Gleichzeitig konnten wir beobachten, dass er wie getrieben ständig ein Buch dabeihaben musste und ausgeflippt ist, wenn sein Bruder sich ein Buch nahm, dass er selbst später lesen wollte.

Mit der KJP habe ich Montag noch telefoniert und hatte den Eindruck, sie sah das nicht ganz so dramatisch wie ich - gut, sie hat sicherlich schon eine Menge mehr gesehen... Sie war eigentlich dafür, erstmal nur wieder runter auf 10 mg zu gehen, hat aber akzeptiert, dass wir lieber ganz stoppen wollen. Ansonsten lassen wir ihn jetzt in Ruhe bis zum nächsten Termin Anfang Juni, dann überlegen wir weiter.

Am Montag, dem 2. Tag ohne, ging es ihm übrigens richtig gut, er kam mir sehr, sehr erleichtert vor :D . Mein Mann schläft aber erstmal weiter mit bei ihm im Zimmer.

Die Überlegung, das Ganze stationär zu machen ist auch der Problematik geschuldet, dass es im Alltag sehr schwer ist nachzuvollziehen, wie es ihm geht. Hier hat er ja jetzt lange gebraucht, bis er uns davon erzählen konnte, wie dreckig es ihm eigentlich geht, und dazu musste der Leidensdruck erst erheblich sein :( . Deswegen zögere ich, es doch nochmal mit 10 mg zu versuchen. Und andererseits bekomme ich ja quasi gar nicht mit, wie es in der Schule läuft. Die Kommunikation mit den Lehrern ist sehr zäh, und die haben natürlich auch nicht nur ihn vor sich, sondern noch 29 andere Kinder... Da er sich mittlerweile sehr um Unauffälligkeit bemüht, geht dabei vermutlich sehr viel unter. Ein Versuch in den Ferien würde aber auch nicht viel bringen, denn ohne Unterricht/Hausaufgaben besteht die Aufmerksamkeitsproblematik eher nicht, und es wäre ein Mega-Kampf, von ihm Schulaufgaben in den Ferien zu verlangen :roll: . Zumal er im 1:1 eben auch viel besser fokussieren kann.

Andererseits merke ich jetzt ohne Medikamente bei den Hausaufgaben deutlich, wie viel das Medikinet doch gebracht hatte... Auch am Nachmittag noch. Aber der Preis ist mir dann doch zu hoch.

LG!
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von Rebekka7 »

Ich finde es ganz großartig, dass Du so sensibel auf das seelische Empfinden Deines Sohnes unter Medikamenteneinnahme achtest und Ihr die Einnahme sofort gestoppt habt! Medikinet kann durchaus sehr heftige Nebenwirkungen haben, u.a. auch die von Dir beschriebenen: https://www.nebenwirkungen.de/melden/me ... wirkungen/
Es handelt sich immerhin ein Medikament, das in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. In den USA ist es als Klasse-II-Narkotikum klassifiziert und somit in der gleichen Kategorie wie Morphin, Opium und Kokain. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ärztlicherseits nicht ausreichend gewissenhaft auf mögliche Nebenwirkungen aufmerksam gemacht wird, sondern routinemäßig nur die sehr häufigen wie Appetitlosigkeit etc. genannt werden. Umso wichtiger, dass Ihr da genau auf Euren Sohn schaut!
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Anniplus4
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Re: Eigenwahrnehmung unter Medikamenteneinfluss

Beitrag von Anniplus4 »

Hallo, es tut mir so leid was ihr da durchmachen müsst.
Mein Sohn hatte bei seiner ADS auch Medikinet bekommen und erst dachte ich dass es ganz gut wirkt.Lässtig waren die Appetitlosigkeit und Schlafprobleme, aber gestoppt haben wir das Medikament auch, als seine Depressionen (bis dahin mir gar nicht bekannt!) ganz ganz übel wurden und er mir Dinge erklärt hat, dunkle Gedanken hat er sie genannt, die mich in die Verzweiflung getrieben haben.

Wie sehr macht dein Sohn denn mit, bei Terminen und Behandlungen? Also ist er kooperativ und meinst du dass er einem stationärem Aufenthalt zustimmen würde? Ich bekomme meinen Großen kaum zur KJP, geschweige denn dass er dort wirklich was von sich preisgibt oder eine weitere Praxis/Klinik aufsuchen würde.

Bitte sei so lieb und halte uns auf dem Laufenden.
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