Wie kann man sich wehren?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

Moderator: Moderatorengruppe

Elena2012
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 93
Registriert: 16.12.2019, 07:08

Wie kann man sich wehren?

Beitrag von Elena2012 »

Hallo,

weiß jemand, vielleicht wie man sich gegen die Schulpflicht wehren kann?

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich die Frage oder mein Anliegen formuliere. Zum Hintergrund: Unser Sohn ist 8, hat das Down-Syndrom und Autismus. Er spricht wenig, ist aber sehr, sehr mobil. Vor zwei Jahren wurde er eingeschult, zuerst in einer Regelschule. Wir hatten im Vorfeld versucht, einen personenbezogenen Schulbegleiter zu bekommen, ohne Erfolg. Uns wurde erklärt, er bekommt ja einen FSJler, der kümmert sich, das sei eine perfekte Lösung. Das war sie aber nicht. Der FSJler war fast nie da, entweder war er krank oder auf einer Fortbildung. So hat unser Sohn die meiste Zeit im ersten Schuljahr eingesperrt in einem Neberaum verbracht, wo er viele Ticks entwickelt hat, mit denen wir jetzt gut beschäftigt sind. Aus Verzweiflung über diese Betreuungssituation haben wir ihn aus der Regelschule genommen und an einer Förderschule angemeldet. Und kamen damit aus dem Regen in die Traufe. Die Klasse war noch schlechter besetzt. Die Lehrerin und die Erzieherin waren nach kurzer Zeit krank und nicht mehr da. Es blieb nur eine Lehrerin, die aber auch nicht die ganze Zeit da war und eine FSJler, die für 8 behinderte Kinder zuständig war. So war unser Sohn nur an 30 Tagen in diesem Jahr in der Schule, die aber dazu reichten, dass er bei einem Unfall ein Stück Zahn verloren hat (ich habe gerade in einem Beitrag davor es beschrieben). Da die Kommunikation mit der Schule nicht möglich war, haben wir ihn wieder umgemeldet und wieder an einer Regelschule angemeldet.

Wir haben seit einem halben Jahr eine Anwältin, mit der wir versuchen einen personenbezogenen qualifizierten Schulbegleiter für ihn zu bekommen. Wir kommen aber überhaupt nicht voran und in ein paar Wochen beginnt ja schon wieder das neue Schuljahr. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, ihn ohne Schulbegleitung in die Schule zu schicken. Das wäre grob fahrlässig! Er hat Null Gefahrenbewusstsein, er ist impulsiv, er läuft unvermittelt auf die Straße, bleibt nicht an der Ampel stehen, würde mit jedem mitgehen und so weiter und so weiter. Und er kann nicht einmal seinen Namen sagen.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, ihn so in eine Schule zu schicken. Und hier in Hamburg, wo behinderte Kinder nur von FSJlern (und dazu in Gruppen) betreut werden hört man immer wieder Geschichten von Kindern mit Down-Syndrom, die das Schulgelände bzw. Kindergärten verlassen und dann mit Polizei gesucht werden. Es ist alles ein Alptraum!

Welche Möglichkeiten gibt es, die Schulpflicht auszuhebeln? Wir kann ich mein Kind schützen? Gleichzeitig ist es in Hamburg überhaupt nicht vorgesehen, dass Kinder mit Down-Syndrom etwas lernen. Es ist also eine völlig sinnlose Veranstaltung, die ich uns und unserem Sohn gerne ersparen würde.

Ich bin dankbar für alle Tipps.

Viele Grüße
Elena
Werbung
 
Marie-Anne
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 304
Registriert: 14.10.2013, 17:31

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von Marie-Anne »

Hallo Elena,

es gibt in Hamburg mehrere Förderschulen für geistige Entwicklung. Kann dein Sohn nicht die Förderschule wechseln?
Regelschule stelle ich mir äußerst schwierig vor, wie soll ein FSJler deinem Sohn gerecht werden?
Liebe Grüße von Marianne,
Kinderphysiotherapeutin :-)
Elena2012
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 93
Registriert: 16.12.2019, 07:08

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von Elena2012 »

Ja, ich habe doch gerade geschrieben, dass die Förderschule noch schlechter besetzt war als die Regelschule. Ich weiß nicht. Woher dieser Mythos herrührt, dass die Förderschulen besser besetzt sind und qualifizierter sind usw. Wir haben es ganz anders erlebt.
Und ich gebe Dir vollkommen recht, dass ein FSJler nicht geeignet ist, deswegen versuchen wir auch qualifizierte Schulbegleitung zu bekommen. An der Förderschule waren im Übrigen auch nur die FSJler. Nur im Unterschied zur Regelschule hatten sie nicht ein oder zwei besondere Kinder zu betreuen, sondern gleich acht. Für mich ist es die Überforderung pur. Das kann man nicht machen.

Aber meine Frage war ja auch, mit welcher Begründung das Kind vom Schulbesuch befreien kann.
Nuria
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 180
Registriert: 18.04.2009, 23:18

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von Nuria »

Hallo Elena, hast du mal an eine heilpädagogische Waldorfschule gedacht, z.B. das Robbe Institut in Wandsbek oder die Christophorusschule in Bergstedt?
Die sind personalmäßig deutlich besser aufgestellt und gehen auch irgendwie anders an die Kinder ran.
Staatliche Förderschule fand ich in HH auch grausig.
Nuria mit drei Kindern:
J.(m) geb.1995
A.(w) geb.2001, Pflegekind, V.a.FAS, leichte geistige Behinderung
L.(m) geb.2014, Pflegekind, Frühchen 24.SSW, FASD
bernstein
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 34
Registriert: 18.08.2008, 21:44
Wohnort: München

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von bernstein »

Hat Deine Anwätin keine Idee dazu?
Elena2012
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 93
Registriert: 16.12.2019, 07:08

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von Elena2012 »

bernstein hat geschrieben: 10.06.2021, 20:40 Hat Deine Anwätin keine Idee dazu?
Nein, leider nicht.
kati543
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 5055
Registriert: 12.05.2009, 17:48

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von kati543 »

Hallo,
also meine Jungs besuchen inklusiv eine Montessorischule. Klar kostet uns das monatlich viel Geld, aber dort ist eben eine absolut individuelle Beschulung möglich. Außerdem ist es eben eine Regelschule und dort gibt es problemlos vom Amt die Schulbegleitung bewilligt.
Bezüglich FSJler habe ich schon ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich habe eine FSJlerin, die so super war, dass wir heute, 7 Jahre später, noch immer engen Kontakt haben und sie über die Verhinderungspflege für uns arbeitet. Eine andere (die aktuelle) FSJlerin ist super empathisch und kommt wirklich sehr gut mit dem Kleinen klar, aber ich bin mir echt nicht sicher, ob sie überhaupt je einen Regelschulabschluß geschafft hat. Selbst das allergeringste schulische Basiswissen korrigiert mein Sohn (Förderbedarf GE) bei ihr. Ich akzeptiere es aber, weil sie wirklich gut auf alle anderen Bedürfnisse von ihm achtet und die Schule kommt auch gut klar mit ihr. Und ich hatte einen FSJler, der hat meinen Sohn glatt dehydrieren lassen, obwohl wir mehrfach gesagt haben, wie wichtig für ihn das regelmäßige Trinken ist.
Aber ungelernt waren bisher alle Schulbegleiter. Jedoch hat mein Ältester derzeit einen Schulbegleiter, der die ganze Zeit Lehramt studiert hat. Jetzt ist er fertig. Vielleicht bekommt ihr ja so jemanden. Das zählt als ungelernt, aber schon allein durch das Studium und den ganzen Unterricht in einer Klasse haben solche Studenten ja schon etwas Erfahrung.

Also kurz und knapp:
Ich denke nicht, dass du dich gegen die Schulpflicht wehren kannst. Allerdings kannst du dein Kind in einer Privatschule anmelden. Dort gibt es deutlich mehr Möglichkeiten. Uns wurde von Anfang an eine Unterrichtsverkürzung angeboten.
Es gibt auch Schulen, die zwar Regelschulen sind, die aber barrierefrei sind und die die besonderen Bedürfnisse eines Autisten berücksichtigen. Bei uns ist z.B. das Schulgelände riesig. Die Kinder sind nicht in einem Gebäude untergebracht, sondern in 7. Dazwischen ist ein alter Baumbestand, große Wiesen, behindertengerechter Spielplatz, Bolzplatz,.... Bei uns gibt es sogar stille Rückzugsplätze. Das sind einfach Bänke, die so gedreht sind, dass man direkten Blick auf die Bäume hat. Da rennt dann niemand lang vorbei. Dort gibt es keinen Rundweg.
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)
Sarah-Christine
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 28
Registriert: 05.04.2020, 21:49

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von Sarah-Christine »

Für Deutschland ist mir keine Begründung bekannt, die Schulpflicht gilt immer.
Schau dir andere Schulen an: Förderschulen, private Schulen, Gemeinschaftsschulen.
Das letzte Jahr war für alle Schulen sehr schwierig, manchmal ist es auch nur eine Klasse in der es nicht gut funktioniert.
_Marta
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 230
Registriert: 17.12.2016, 22:14
Wohnort: Hamburg

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von _Marta »

Hallo Elena,

mit Schulpflicht kenne ich mich nicht aus.

In Hamburg läuft das Projekt "möglichmacher". Ich war dabei, als es bei lmbhh vorgestellt wurde und habe einige Beteiligte erlebt. Die sind wirklich sehr engagiert. Die Schulen, die dort mitmachen, findest du hier
https://www.hamburg.de/bsb/pressemittei ... ichmacher/
Vielleicht passt eine?

Bei einer Budenhagenschule arbeitet unsere ehemalige Babysitterin inzwischen als Sonderpädagogin, sowie ein entfernter Bekannter von mir. Beide haben sie mir erzählt, sie würden nicht in einer inklusiven Schule arbeiten wollen - jedenfalls nicht unter den aktuellen Möglichkeiten in HH. Es klang so, als ob die Bedingungen bei Budenhagen besser sind.
Vielleicht passt das?

Schulbegleitungen in HH (das muss man den TN aus anderen Bundesländern erklären) läuft in Hamburg in den allermeisten Fällen NICHT über die Eltern. Im Schulgesetzt ist vorgesehen, dass ohne Elternbeteiligung die Schulen selber die Begleitungen beantragen. Die meisten Schulbegleitungen sind dann gepoolt und nicht personenbezogen. Allerdings gibt es auch personenbezogene - wie genau das alles ist, weiß ich auch nicht.
Allerdings gibt es auch die Möglichkeit, nach SGB 9 eine personalisierte Schulbegleitung zu beantragen. Die meisten Schulen wissen davon nichts, vor 4 Jahren hieß es noch an unserer Schule, sie wüsste nicht, wovon ich rede, so etwas gibt es nicht. Das glauben sie wahrscheinlich immer noch. Aber auf den hamburger Infoseitne der Behörde gibt es inzwischen diese INfo:
https://www.hamburg.de/schulbegleitung/

Ich weiß gut, wie anstrengend und emotional zermürend das Thema Schule sein kann. Ich drücke dir die Daumen!

Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
2018 - F90.0G, F84.1V, F82.1
Werbung
 
SarahmitFlorian
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 623
Registriert: 16.03.2015, 12:11

Re: Wie kann man sich wehren?

Beitrag von SarahmitFlorian »

Hallo,
sobald Du Selbstgefährung nachweisen kann (z.B. durch die entwickelten Tics) oder eine Verletzung während der Schulzeit, unmittelbar Fotos machen und Brief an die Schulleitung. Aufforderung die Selbstgefährdung durch eine qualifizierte Schulbegleitung abzustellen. Brief gleichen Inhaltes an das zuständige Sozial- oder Jugendamt. Danach MÜSSEN sie reagieren.
Wir haben auch mit einem Anwalt es ein Jahr lang vergeblich versucht. Der Nachweis einer Selbstgefährdung hat Wunder bewirkt.
Aussetzen der Schulpflicht würde ich nicht wählen. Die Kinder profitieren von den Kontakten mit Gleichaltrigen und möchtest Du dein Kind wirklich immer zu Hause haben?
LG Sarah
Antworten

Zurück zu „Kindergarten und Schule“