Textaufgaben

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

Moderator: Moderatorengruppe

KäthemitA.
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Textaufgaben

Beitrag von KäthemitA. »

Hallo Ihr Lieben,

mein Sohn (2. Klasse Regelschule) schreibt morgen eine Mathearbeit, die er unter Garantie in den Sand setzen wird. Es geht um Textaufgaben. Seit nunmehr einer Woche versuche ich täglich, ihm mit Material aus der Schule und irgendwelchen Zusatzheften verständlich zu machen, wie er aus den Texten die passenden Aufgaben ableiten kann - vergeblich.
Kein Problem sind Aufgaben wie "Halbiere die Zahl 98 und ziehe vom Ergenbnis 13 ab." Das klappt. Tabellen ablesen und so weiter geht auch, genau wie die Anzahl möglicher Kombinationen erkennen.
Was gar nicht geht ist "Im Fußballcamp sind 40 Kinder. Die Kinder sollen in gleich starke Gruppen aufgeteilt werden. Denke Dir zwei passende Fragen aus und rechne die Aufgabe."
Kind liest den Text. Völlig verzweifelt: "WOHER soll ICH wissen, wie STARK die Kinder sind?!" Also erkläre ich ihm, dass stark in diesem Fall bedeutet Gruppen gleicher Anzahl. Kind liest die Aufgabe erneut. Rauft sich die Haare.
"Aber 40 lässt sich nicht ohne REST durch ELF teilen!"
Wenn ich ihm dann noch vorgeschlagen habe, die Kinder ohne Rücksicht auf die Mannschaftsstärke ELF aufzuteilen, schreibt er statt 40:10=4 auch noch 4x10=40. :roll: .
Etwas besser sieht es aus, wenn die Frage in der Aufgabe schon gestellt ist und nicht selber gefunden werden muss. Die verdrehten Rechnungen kommen dann aber immer noch manchmal vor.

Nun hatte ich schon gelesen, dass Autsiten Ihre Schwierigkeiten mit Textaufgaben haben, aber dass mein Sohn da ein dermassen dickes Brett vorm Kopf hat, überrascht mich jetzt doch.
Die Arbeit morgen ist gelaufen, darum geht es mir nicht. Ich möchte aber wissen: Habt Ihr Tipps, wie ich dem Kind diese Sachverhalte geschmeidig machen kann? Die kommen ja nun immer wieder vor.
Und wenn nicht: Ich hatte auch gelesen, dass man für solche Sachverhalte Nachteilsausgleiche beantragen kann. Da wüsste ich gerne perspektivisch für das kommende Schuljahr, wie die aussehen könnten.

Viele Grüße
Käthe
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

kati543
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Re: Textaufgaben

Beitrag von kati543 »

Hallo,
als Autist müsste er eigentlich einen Nachteilsausgleich haben, dass ihm genau SOLCHE Aufgaben NICHT gestellt werden, wo er etwas deuten muß. Denn das kann er nicht. Die Aufgabe muß für ihn umformuliert werden. Das gilt aber für jedes Fach. Der Lehrer muß in seine Arbeit also schreiben: „Die Kinder sollen in gleich GROSSE Gruppen geteilt werden.“
Mit der Zeit wird dein Kind das lernen. Nur jetzt ist er eben noch zu jung dafür und braucht diesen Nachteilsausgleich. Sprich mit den Lehrern darüber und beantrage dringend den Nachteilsausgleich.

Ich kenne es nur von meinem Ältesten. Er hatte den Nachteilsausgleich bereits in der Grundschule. Seine gesamten Arbeiten wurden vorher durchgesehen und entsprechend geändert. Er bekam also eine ganz andere Version als der Rest der Klasse. Mir fiel das dadurch auf, da die Lehrer mir auch immer die Original-Arbeiten mitgegeben haben. Gerade in Deutsch gab es viele Begriffe, die bei ihm einfach nicht in der Arbeit erschienen und gleich erklärt wurden.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

KäthemitA.
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Re: Textaufgaben

Beitrag von KäthemitA. »

Hallo Kati,

danke für Deine Antwort. Wir hatten mit der Schule schon mal über Nachteilsausgleiche gesprochen, da meinem Sohn der Stoff aber bisher zugeflogen ist und er unter Coronabedingungen mit halber Klassenstärke bisher auch alle benoteten Klassenarbeiten problemlos mitgeschrieben hat, gibt es da noch nichts konkretes.
... Und wie ich oben schon schrieb, da es bisher ganz gut lief, muss ich zugeben, mich bisher zu baluäugig gewesen zu sein. Ich dachte immer der packt das schon, ist ja ein Schlauchen...
Ich nehme aus Deiner Antwort schon einmal mit, dass Aufgaben, in denen man etwas deuten müsste, umformuliert werden sollten.
Da könnte ich mir die Fußballaufgabe mit gleich zwei Fallstricken auf jeden Fall als Beispiel notieren.

Liebe Grüße
Käthe
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

steffimoppel
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Re: Textaufgaben

Beitrag von steffimoppel »

Hallo Käthe,

das wird sich leider durch die ganze Schulzeit ziehen und es wird nicht besser, sondern schwieriger, je älter die Kinder werden.
Manchmal denke ich, man sollte Asperger einsetzen, um Prüfungen zu kontrollieren. Denn leider schreiben viele Lehrer die Aufgabenstellung ungenau oder sogar falsch. So wie Deine gleich starken Gruppen.
Es gibt Lehrer, die ganz tolle genaue Arbeiten schreiben, da ist mein Kind sehr gut, bei manch anderen Aufgaben kann mein Kind sie nicht lösen, weil die Aufgabe ungenau beschrieben ist. Meinem großen NT Kind erkläre ich immer, er soll schreiben, was der Leherer hören will und nicht exakt die Aufgabe beantworten. Der versteht das recht gut. Mein kleiner Autist kann das gar nicht.
Bis jetzt 7.Klasse Gymnasium geht es auch so, weil er gut genug ist. Aber für das nächste Jahr brauchen wir dringend einen Nachteilsausgleich.
Wir hatte aber auch sinnvollere Textaufgabe als ihr. Die Fußballaufgabe ist echt schlecht gewählt, so blöde Aufgaben gab es hier in 7 Jahren noch nicht. Aber trotzdem viele unlösbare Aufgaben. Wir haben jetzt das Fach Ethik, das ist um vieles schlimmer als Textaufgaben.

Viele Erfolg
Steffi

Anne_mit_2
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Re: Textaufgaben

Beitrag von Anne_mit_2 »

Hallo Käthe,

in der 2. Klasse sollten solche Aufgaben keinem Schüler in der Mathearbeit gestellt werden, da sie nicht eindeutig zu beantworten und zu bewerten sind. Eine korrekte Frage in Beantwortung des Wortlauts der Aufgabenstellung wäre z.B. auch: "Wollen wir Gruppen nach Spielstärke oder nach Anzahl sortieren? Dazu braucht man nichts zu rechnen, das muss man zuerst entscheiden." oder auch "Wo ist die Tabelle mit Alter und Spielstärke der Teilnehmer, so dass man eine Einteilung machen kann? Ohne die kann man gar nichts machen." Beide Fragen sind bzgl. des Wortlauts der Aufgabe korrekt, aber aus dem Kontext des Stellens der Aufgabe in einer Mathematikstunde nicht korrekt. Damit ist das Stellen der Aufgabe (ausser als Zusatzaufgabe) in dieser Klassenstufe nicht korrekt begründbar. Hier wird eine Konditionierung der Schüler abgeprüft und Mathematik steht an zweiter Stelle.

Hier werden ausserdem zwei Fächer vermischt:
1) Deutsch: Synonyme (stark als Synonym für zahlreich) -- hier liegt das Problem
2) Mathematik: Division -- hier wird der Stoff beherrscht
Das sollte man Deinem Sohn vermitteln und gleichzeitig erklären, dass Lehrer auf bestimmte Aufgabenstellungen bestimmte Antworten erwarten, die ihren Denkstrukturen entsprechen. Je weiter man mit seinen eigenen Denkstrukturen von diesen weg ist, desto mehr kommt es zu Mißverständnissen, die in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis dann zu schlechten Noten führen können. In jedem Fall sollten die expliziten Fragen, die entstehen, wie etwa "Woher soll ich wissen, wie stark die einzelnen Spieler sind?" schriftlich festgehalten und dem Lehrer zur Kenntnis gebracht werden. Dabei muss man aber darauf achten, dass der Lehrer sich nicht auf den Arm genommen fühlt. Denn an dieser Stelle können sich manche von Neurotypie sehr stark betroffene Lehrer (das ist mit Absicht sehr überspitzt ausgedrückt) die Problematik gar nicht vorstellen. Wenn man dann einen alternativen Aufgabentext anbietet und danach die Rechnung steht, dann kann ein guter Lehrer daran viel erkennen.

Alternativer Aufgabentext in Deinem Beispiel: "Im Fußballcamp sind 40 Teilnehmer. Sie sollen sich in mehreren gleich großen Gruppen aufstellen. Welche verschiedenen Möglichkeiten kannst Du dafür finden? Rechne und erkläre Deine Rechnung."
(Das ist nahezu dieselbe Aufgabe von der mathematischen Seite, aber auf der sprachlichen Seite deutlich entschärft.)

Übrigens: Wenn Dein Sohn statt 40:10 =4 eben 4x10=40 schreibt, dann ist das in der Praxis eben nicht falsch (egal, was der Lehrer dazu sagt). Bei 40:10 teilt man in 4 Gruppen a 10 Personen ein; bei 4 x 10 prüft man, ob man bei der erwarteten Gruppenanzahl und Gruppengröße wirklich genau alle Teilnehmer eingeteilt hat. Beides ist legitim und sollte vom Lehrer akzeptiert werden, wenn auch mit einem entsprechenden Kommentar am Rand. Allerdings sollte Dein Sohn seine Rechnung verbalisieren, sofern er das kann. Nur dann kann geklärt werden, ob Rechnung und Sachverhalt korrekt zugeordnet wurden.

Noch eine Anmerkung für Dich: Ein großer Teil der Grundschullehrer lebt am dem Autismus entgegengesetzten Ende des Spektrums, so dass hier mit echten Verständnisbarrieren zu rechnen ist und man auch auf komische Reaktionen gefasst sein muss ("Aber die offene Formulierung macht es doch einfacher, da man hier viel mehr sprachlich als rechnerisch punkten kann und sich eine Aufgabe stellen kann, die man lösen kann"....). Das merke ich in der Praxis schon mit verschiedenen Studiengängen immer wieder: in den einzelnen Studiengängen sammeln sich erfahrungsgemäß jeweils schon als Erstsemester sehr viele Studierende einer bestimmten 'Strickart' und verstärken dadurch auch noch diese Strickart. Das Grundschullehramt ist so ein Studiengang für sehr empathsiche und kontextsensitive junge Leute -- Achtung: nicht bewertend, sondern wertneutral beobachtend gemeint -- denen liegt es natürlich besonders fern, wenn jemand kontextblind ist.

Viele Grüße,
Anne

KäthemitA.
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Re: Textaufgaben

Beitrag von KäthemitA. »

Hallo Anne,

vielen Dank für Deine alternative Formulierung der Aufgabenstellung (und die ausführliche Erklärung dazu).
Ich werde heute Nachmittag gleich mal am lebenden Objekt testen, ob diese Formulierung für meinen Sohn besser geht.

Viele Grüße
Käthe
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

HeikeLeo
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Re: Textaufgaben

Beitrag von HeikeLeo »

Liebe Käthe,

leider weiß ich keine Lösung. Wir hatten das Problem in der Grundschule auch und eine vollkommen unverständige Lehrerin in Klasse 3 und 4. Im Anhang zwei Beispiele, die sich beißen. Bei uns war mit der Lehrerin leider gar nichts zu machen.

Damit stellt die Schule und so eine Lehrerin schon selbst eine Barriere dar.

Wir müssen die ganze Zeit an den Kindern schnitzen und sie auf Irgendetwas hinbiegen. Dabei müsste nur das Umfeld ein Minimum an Barrieren weglassen.

Meiner kam heute auch entnervt von einer Mathearbeit heim. Sie sollten ausrechnen, wie hoch ein Stapel aus 1 000 000 Geldscheinen wird, bei 0,92 mm dicken Scheinen. Eigentlich eine einfache Aufgabe. Aber wenn einem der Inhalt idiotisch vorkommt, dann ist sie unlösbar.

Manchmal helfen Skizzen und Zeichnungen, um die Worte zu visualisieren. Das ist vielleicht eine Idee für den NTA.

Liebe Grüße
Heike
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KäthemitA.
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Re: Textaufgaben

Beitrag von KäthemitA. »

@ Heike, ich lache mich schlapp, bezüglich der zweiten Aufgabe: Genau so wie Deiner (nur hatten in unserem Fall die Kinder Schlagbälle geworfen), hat meiner diese Woche auch eine Aufgabe gelöst.
Wie weit werfen alle Kinder zusammen? Ich finde, da ist die Aufgabe einfach zu ungenau gestellt.

@Anne, zu Deiner Formulierung bezüglich der Fußballaufgabe hat mein Sohn gestern tatsächlich selbständig Fragen gefunden. Danke für den Formulierungsvorschlag!

Ich werde das Thema Nachteilsuasgleich für die Textaufgaben in Angriff nehmen und auch berichten, wie die Arbeit heute bei meinem Sohn gelaufen ist.

Liebe Grüße
Käthe
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

KäthemitA.
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Re: Textaufgaben

Beitrag von KäthemitA. »

nochmal @Heike: Was mir auch nach mehrmaligem Lesen nicht klar wird: Inwiefern löst das Wort "nur" zwingend eine Minusaufgabe aus? Wurde das in der Klasse so geübt?
Ich hätte, wenn die Fragestellung (nach meinem Empfinden) so offen ist, erwartet, dass auch die Lösung Deines Sohnes akzeptiert wird, oder zum Beispiel eine Gleichung mit größer und kleiner zur Beantwortung der Frage "Wer warf weiter?" statthaft gewesen wäre.
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

HeikeLeo
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Re: Textaufgaben

Beitrag von HeikeLeo »

Liebe Käthe,
Ich hätte, wenn die Fragestellung (nach meinem Empfinden) so offen ist, erwartet, dass auch die Lösung Deines Sohnes akzeptiert wird, oder zum Beispiel eine Gleichung mit größer und kleiner zur Beantwortung der Frage "Wer warf weiter?" statthaft gewesen wäre.
Jepp, hatten wir uns auch gedacht. Bei uns gab es sogar einen NTA!!!

Die Lehrerin ist da ganz standhaft geblieben. Für sie gab es nur die eine Lösung - auf eine völlig offene Frage. Fanden wir extrem unfair. Besonders, da im Schulbuch ja ähnliche Lösungen wie bei meinem Sohn auch vorgesehen waren.

Das mit der Ungleichung hat mein Mann im Elterngespräch extra so gefragt. Sie hat dann gemeint, sie berät sich nochmal in der Fachkonferenz. Damit war das Thema auf den Sanktnimmerleinstag vertagt.
Inwiefern löst das Wort "nur" zwingend eine Minusaufgabe aus? Wurde das in der Klasse so geübt?
Das wurde in der Klasse nicht geübt. Es wurde in der Klasse praktisch gar nichts Derartiges geübt, es wurde ganz viel gewandert und gemalt. Das ist nämlich gut für die Entwicklung der Kinder.
Das Wörtchen "nur" löst zwingend eine Minusaufgabe aus. Das war der Lehrerin und der Fachkonferenz ganz klar. Das bedarf keiner Erklärung.
Wenn man keine Argumente hat, wird es eben kategorisch. Na denn.

Ich bin vom Glauben abgefallen.

Liebe Grüße
Heike

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