Warum ich keine Therapie mehr mache

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Ricco92
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Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

Warum sie den Kampf gewonnen haben - oder auch, warum es kein echtes Interesse an Chancengleichheit gibt

Ich muss es leider so sagen: Die gehobenere Schicht hat den Kampf gewonnen. Ich bin derzeit bald 29 Jahre und führe ein eher mittel bis unterdurchschnittliches Leben in einer kleinen Wohnung. Früher bin ich aufgrund einer "Lernbehinderung" auf einer Sonderschule gegangen und habe mich (gemessen an meinen Anfängen) eigentlich ganz gut geschlagen. Vor allem in den letzten Jahren, aber dass hat alles kaum einen Sinn, wenn man unterm Strich immer der Unterlegende bleibt.

Menschen wie mir wird dann häufig eingeredet, dass es okay sei, wenn man nicht so viel im Leben erreicht. Von Therapeuten habe ich das auch schon gehört. Karriere sei doch nicht alles im Leben, so die Therapeutin. Wenn man selbst Matura in der Tasche hat und gleich danach seine eigene Karriere weiter verfolgt hat, dann lässt sich sowas ja auch leicht daher sagen. Und an der Stelle sind wir auch bereits an der Krux der Geschichte angelangt. Denn man will überhaupt nicht, dass Menschen aus benachteiligten Elternhäusern Karriere machen und aufsteigen. Meine Lernprobleme kommen Ihnen ganz gelegen, den Ärzten und Therapeuten in dieser Gesellschaft. Echte Chancengleichheit würde ja bedeuten, dass ich ähnlich viel erreichen könnte und dies gilt, als tunlichst zu vermeiden. Darum die große Lüge von der angeblichen "ist doch okay, wenn es wieder nicht geklappt hat" Mentalität.

Meine Aufgabe als ehemaliger Hauptschüler aus einer Arbeiterfamilie soll sich ausschließlich darauf beziehen, nicht aufzusteigen und nach Möglichkeit (wenn ich mal Kinder haben sollte) weitere Kinder aus der Arbeiterfamilie zu zeugen. Daran arbeiten sie und dieses Ziel verfolgen sie konsequent. Deshalb die große Ungleichheit in unserer Gesellschaft und die mangelnde Fähigkeit dazu, aus den "Schuhen seines Elternhauses" zu entfliehen. Und das Personal, welches für uns "Versager" zuständig ist, macht derweil munter weiter und gibt ihren eigenen Kindern und nahen Verwandten stets die beste Bildung und medizinische Versorgung. Sie sollen ja auch schließlich eine weitere Generation von Benachteiligten "behandeln". Damit sich dieser Teufelskreis auf ewig weiterdreht.

Lisa Maier
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Lisa Maier »

Ach Ricco,
alle anderen sind Schuld und die Welt ist so schlecht. Es stimmt zwar, daß wir aus nicht privilegierten Schichten es schwerer haben, aber ganz so chancenlos ist man doch nicht. Meine Eltern hatten beide 8 Jahre Volksschule und mein Vater war kein Großverdiener, mein Geschwister und ich haben trotzdem beide studiert. Das Wichtigste war, daß meinen Eltern die Bildung ihrer Kinder nicht gleichgültig war und sie alles getan haben, daß wir eine solide Schulbildung bekamen. Sie haben sich auch nicht auf Ämter verlassen, sondern somd selbdt tätig geworden. Wenn es dem Schulamt nach gegangen wäre, säße ich heute in einer WfB. Denke einfach darüber nach, was Du selbst noch tun kannst.

Viele Grüße

Lisa

Ricco92
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

Ich tue den ganzen Tag etwas Produktives für meine Zukunft. Und wieso glaubst du überhaupt, dem sei nicht so?

Ricco92
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

Du bist allerdings eine gute Propagandistin für diese Leute, die davon schwafeln, dass es angeblich doch gehe und man immer selbst schuld sei.

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Sia
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Sia »

Hallo Zusammen

Ich denke da auch eher so wie Lisa. Die Schulbildung der Eltern spielt keine Rolle ... auch nicht, wenn man eine leichte "Lernbehinderung" hat. Man kann sein Leben selber in die Hand nehmen und etwas daraus machen. Es gibt auch nach der offiziellen Schulzeit, die Möglichkeit, "fehlende Schulbildung" nachzuholen.
Und ich finde auch, dass wenn den Eltern die Schulbildung nicht egal ist, können die Kinder sehr wohl etwas erreichen. Mein Sohn macht Matura obwohl er Asperger Autist ist und meine Tochter hat ihr Schulnoten - trotz einer Rechtschreibschwäche und ADHS - dank einer guten Therapie um eine Note verbessert. Meine Kinder werden beide die bessere Schulbildung haben als ich!

Ich finde, die Chancengleichheit gibt es heutzutage schon! Man muss sie vielleicht suchen ... sie liegt nicht jedem einfach so zu Füssen ... aber die Möglichkeit besteht!
Eine schöne Zeit wünscht
Sia (aus der Schweiz :wink:)
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Ricco92
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

Es melden sich ja in aller Regel die Leute, die es trotz Probleme geschafft haben. Weshalb so eine Diskussion zu Gunsten der oberen Schicht verwässert wird. Die vielen die es nicht geschafft haben, diese melden sich natürlich nicht. Und am Ende bleibt ein verzerrtes Bild der Realität.

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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von MichaelK »

hallo Ricco,

wen meinst du denn mit "obere Schicht" ?

LG Michael
Michael für den Liebling der Familie: Lars, geb 04/03 Lumbale Spina bifida mit HC (v-p-Ableitung), Arnold-Chiari-Malformation Typ 2
"Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unserer Gehälter oder nach der Größe unserer Autos zu bestimmen als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer Menschlichkeit."
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Ricco92
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

Marin Luther King, jedenfalls nicht. Wenn es zumindest nach einigen Menschen geht.

Die Frage ist etwas "unseriös" und dient wohl eher dem Ziel einer rhetorischen Deutungshoheit, denn ich habe bereits veranschaulicht, wer unter anderem dazu gehört.

Senem
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Senem »

Hallo,

also soo schlimm ist es nun auch nicht, in einer WfbM zu arbeiten.

Schade das es immer noch viele (was ich so mitbekomme) gibt, die gegen die WfbM sind.
Lisa Maier hat geschrieben:
21.02.2021, 18:51

Wenn es dem Schulamt nach gegangen wäre, säße ich heute in einer WfB.
Gruß

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Sia
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Sia »

@Ricco - diejenigen, die es nicht schaffen, sind die, die es nicht wirklich versuchen. Die, die sich die ganze Zeit nur darüber ärgern, dass es die "obere Schicht" viel einfacher hat. Diese Einstellung führt zu nichts!
Aber ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es anders sein kann. Weisst du, du willst wahrscheinlich gar nicht wissen, wie ich aufgewachsen bin ... aber mein Vater war Alkoholiker, gewalttätig und er wurde immer wieder von der Polizei abgeholt. Glaub mir, wir waren alles andere als beliebt in der Umgebung! Auch in der Schule hat sich keiner darum bemüht, dass ich gute Noten schreibe. Meine Mutter hatte keine Zeit, sich um die Schulbildung ihrer drei Kinder zu kümmern. Sie musste arbeiten, damit wir zu Essen haben. Ende Monat war das Geld immer knapp ... manchmal hatten wir einige Tage nichts zu essen. Wir waren definitiv "untere Schicht". Ich weiss also sehr wohl, wie sich das anfühlt!
Ich wollte das aber um jeden Preis anders machen. Ich wollte Kinder und denen sollte es anders gehen. Also habe ich gelernt. Ich habe nichts unversucht gelassen und ich - sowie auch meine Schwestern - haben eine Ausbildung gemacht. Meine Schwestern haben sogar beide zwei Berufsbildungen - und das, obwohl wir alle drei "Lernbehinderungen" haben!
Ich habe mich also von der "unteren Schicht" zumindest in die "mittlere Schicht" entwickelt. Um dies zu erreichen, habe ich mehrmals in meinem Leben über 100 Bewerbungen geschrieben, bis ich die Chance bekommen habe, von der ich "geträumt" hatte! Ich habe NIE aufgegeben. Und ich gebe auch heute nicht auf. Es gibt Momente, in denen ich verzweifelt bin und aufgeben möchte. Momente, in denen ich schwach bin und jammere. Aber ich stehe immer wieder auf und kämpfe, um das was ich erreichen möchte.
Meine Kinder beginnen in der "mittleren Schicht" - sie haben diese Armut, die ich erlebt habe, nicht erleben müssen. Ich bin gespannt, was sie aus ihrem Leben machen!

Vielleicht musst du auch ein bisschen lernen, zu akzeptieren, was möglich ist und was nicht. Ein schönes, erfülltes Leben kann man in allen Schichten führen! Ich empfinde meine Kindheit, die definitiv in der unteren Schicht stattgefunden hat, nicht als "schlimm". Meine Mutter, ich und meine Schwestern waren eine Familie, die miteinander gekämpft hat. Wir hatte als Kind auch sehr schöne Zeiten. Akzeptieren kann manchmal vielleicht sogar entspannter sein als immer nach höheren zum Streben. Mir würde ein bisschen mehr "akzeptieren" auch gut tun :wink:
Zuletzt geändert von Sia am 21.02.2021, 19:51, insgesamt 1-mal geändert.
Eine schöne Zeit wünscht
Sia (aus der Schweiz :wink:)
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