Warum ich keine Therapie mehr mache

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Ricco92
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

@Sia

"diejenigen, die es nicht schaffen, sind die, die es nicht wirklich versuchen. Die, die sich die ganze Zeit nur darüber ärgern, dass es die "obere Schicht" viel einfacher hat. Diese Einstellung führt zu nichts!"

Sag das den Obdachlosen auf der Straße. Ich finde sowas sehr zynisch und traurig. Oder manchen aus meiner Familie, die es "angeblich nie versucht haben". Man drückt die Leute runter und spuckt sprichwörtlich noch auf sie. Das ist die allgemeine Mentalität.

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Sia
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Sia »

@ricco - Zynisch und traurig? Möglich. Ich hatte die Wahl entweder ich lande auf der Strasse, wie mein Vater, oder ich kämpfe, wie meine Mutter! Ich habe den Kampf gewählt. Ich drücke niemanden herunter und ich spucke auch auf niemanden. Ich habe selber erlebt wie es ist! Es gibt immer eine Wahl! Auf mich wurde jahrelang "gespuckt"!!!
Eine schöne Zeit wünscht
Sia (aus der Schweiz :wink:)
Stell' dich täglich dem Wind, dann trotzt du dem Sturm. Geh' lachend durch den Regen und du überwindest die Flut
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Ricco92
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Ricco92 »

Nein, eben nicht. Das ist eine zynische Lüge.

Ja, und jetzt "spuckst" du auf andere.
Zuletzt geändert von Ricco92 am 21.02.2021, 19:57, insgesamt 1-mal geändert.

Jörg75
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Jörg75 »

Moin,
Ricco92 hat geschrieben:
21.02.2021, 19:47
Man drückt die Leute runter und spuckt sprichwörtlich noch auf sie.
ich nehme an, die hast Sia Lebensgeschichte gelesen und nicht nur den einen von dir zitierten Satz.

Im übrigen halte ich diese Verschwörungstheorie von "der gehobeneren Schicht" (wer auch immer das sein soll und wer auch immer dazugehört), die die unteren Schichten kleine und dumm halten will, für vollkommenen Unfug, und in den westlichen (Post-) Industrieländern erst recht.
Die westlichen (Post-) Industrieländer haben sich nämlich deutlich weiter entwickelt, weg von der Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungsgesellschaft. Und wenn man sich mal den Arbeitsmarkt anschaut, dann stellt man fest, dass schon jetzt und in Zukunft immer mehr hochqualifizierte Jobs entstehen und hochqualifizierte Menschen auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden.
Den Kumpel unter Tage, dem Industriehilfsarbeiter, den Knecht auf dem Bauernhof - den braucht man immer weniger. In der Dienstleistungsbranche hingegen, aber auch im Handwerk, selbst auf dem Bauernhof braucht man immer qualifiziertere Leute, die mit Hightech u.ä. umgehen können. Die Jobs der "ungelernten Hilfsarbeiter" fallen mehr und mehr weg, werden durch Roboter u.ä. ersetzt.
Menschen klein und dumm halten ist - gesamtwirtschaftlich und arbeitsmarkttechnisch betrachtet - sinnbefreit und vollkommen falsch ... und das weiß "die gehobenere Schicht" auch ausreichend.

Gruß
Jörg
K., *2013, Extremfrühchen (27. +3 SSW), ICP, GdB 100 G aG H B, PS II+/ PG 4
J., *2016, aktuell keine Besonderheiten

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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Sandra9902 »

Ich finde es einfach wichtig und richtig, das erreichen zu wollen, was individuell möglich ist und auch, dass man seine eigenen Grenzen akzeptiert. Das ist unglaublich schwierig, das weiß ich. Ich selber habe durch eine schwere psychische Erkrankung enge Grenzen mittlerweile. Die zu akzeptieren, fällt mir sehr schwer. Auch ich würde mir wünschen, mehr leisten zu können. Aber letztendlich richte ich mich in meinem Leben ein. Suche nach Möglichkeiten, mein Leben innerhalb dieser Grenzen positiv und lebenswert zu gestalten. Ja, ich könnte auch grollen mit meinem Schicksal, mit denen, den ich meine Erkrankung verdanke. Bringt mir aber nichts. Ich bin glücklich in meinem Leben. Und das ist das Wichtigste. Und Menschen in meinem Umfeld, die mich so akzeptieren, wie ich bin.
Mein Sohn hat behinderungsbedingt auch vergleichsweise enge Grenzen. Er kann auch nicht in einer WfbM arbeiten, schafft er nicht. Also ist er in einer Tagesförderstätte tätig. Und er hatte alle erdenkliche Förderung. Er ist glücklich, zufrieden mit sich und seinem Leben. Mehr als jeder, den ich kenne.
Und @ Senem auf gar keinen Fall ist es „schlimm“ in einer Werkstatt zu arbeiten. Nein und niemals. Für so viele Menschen mit einer Behinderung, egal welcher Art, ist es der absolut richtige Ort zum Arbeiten. Ich glaube, dass hier auch niemand das als etwas Negatives sieht.
Sandra mit PS, geb 1999, frühkindlicher Autist,gb, ADHS, Epilepsie, anfallsfrei
PT, geb 2002, PTBS

Silvia & Iris
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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Silvia & Iris »

Hallo Ricco,

ja, es gibt schon verschiedene Faktoren, welche eine Rolle spielen...
- dennoch - die größte Rolle spielt der eigene Wille! - Natürlich ist es nicht immer einfach und leicht... und es wird immer jene geben, die scheinbar auf die Butterseite fallen... -
- ich habe gelernt, dass man bevor man an ein Problem ran geht einmal eine Fragestellung braucht, ein Ziel (es sollte ein erreichbares sein) - und dann sucht man sich den Weg dieses Ziel zu erreichen - häufig braucht man dazu auch mal ein paar Jahre... man muss die Grundvoraussetzungen dazu schaffen (die können ziemlich unterschiedlich aussehen) - und dann muss man aber auch bereit sein den Weg bis zum Ziel durchzuhalten und - wenn notwendig - auch einen Umweg zu machen...

und natürlich gibt es Ziele, die man nicht erreichen wird und auch nicht erreichen kann... - daher ist es wohl auch nicht sinnvoll hier Ziele zu setzen... - z. B. werde ich mir nun nicht das Ziel setzen Künstler werden zu wollen - wenn ich dazu nicht wirklich ein Talent besitze. Bilder für den Hausgebrauch kann ich vielleicht dennoch machen, ein Bild aussticken, ein Bild nach Anleitung (Malen nach Zahlen) werde ich auch schaffen...

... und wenn ich dann manchmal diese "gehobene" Schicht anschaue, dann möchte ich da vielleicht auch gar nicht dazu gehören...
viele täuschen auch etwas vor, was gar nicht ist... ich kenne auch hier einige, da bin ich nicht wirklich unglücklich nicht mehr zu wissen... - der eine hat eine andere Identität angenommen, weil er der Meinung war, jedes weibliche Wesen wäre nur hinter seinem Vermögen her, wenn es wüßte, wer er ist... - der andere, ein Schloßbesitzer, hat wohl aufgrund dieser Tatsache eine Frau geheiratet, die erst später drauf gekommen ist, dass er eigentlich nur Schulden hat... - insofern möchte ich vielleicht nicht zu diesem Personenkreis gehören...

Häufig finde ich unter der unteren Schicht mehr Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft als unter den "Besseren Leuten" - wobei man natürlich auch hier nicht wirklich pauschalieren darf... - und ich möchte gar nicht wissen welche Ängste und Probleme wirklich reiche und wohlhabende Menschen haben, wie skrupellos diese manchmal handeln und wie berechnend... - und wer ist denn diese "gehobene Schicht?"

- und was erwartest du denn von den Therapien? - An welchen Baustellen möchtest du denn arbeiten? - Und: willst du daran arbeiten - oder schreiben dir das irgendwelche Menschen vor, dass du daran arbeiten solltest?? - Was sind denn deine persönlichen und auch erreichbaren Ziele??
Ziele, welche du auch innerhalb von 3 - 4 Jahren real erreichen kannst??

hoffe, ich konnte dir hier ein wenig Brauchbares schreiben.
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, Tetraparese, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von MichaelK »

Ricco92 hat geschrieben:
21.02.2021, 19:56
Nein, eben nicht. Das ist eine zynische Lüge.

Ja, und jetzt "spuckst" du auf andere.
Naja, Wahrheiten in solchen Diskussionen sind immer subjektiv. Du kannst eine statistische Wahrheit finden, wo du bestätigt wirst. Aber dir persönlich nützt das auch nix. Du kannst nur versuchen, das Beste daraus zu machen. In einer Eigentumsordnung gibt es immer eine Hierarchie. Ich finde das auch nicht sehr prickelnd, aber eine Alternative gibt es momentan nicht.
Natürlich ist es dein gutes Recht, soziale Missstände zu kritisieren. Mache ich auch, wo ich kann.

LG Michael
Michael für den Liebling der Familie: Lars, geb 04/03 Lumbale Spina bifida mit HC (v-p-Ableitung), Arnold-Chiari-Malformation Typ 2
"Wir neigen dazu, Erfolg eher nach der Höhe unserer Gehälter oder nach der Größe unserer Autos zu bestimmen als nach dem Grad unserer Hilfsbereitschaft und dem Maß unserer Menschlichkeit."
(Martin Luther King)

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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von RikemitSohn »

Hallo Ricco,

du hast recht, dass es keine Chancengleichheit in Deutschland gibt. Kinder aus schwierigen Verhältnissen, in denen Eltern nicht soviel helfen können, haben immer noch schlechtere Chancen. Das wird durch Corona nochmal deutlicher. Und auch Vorurteile diesen Kindern gegenüber gibt es. Z.B. werde ich immer wieder erstaunt angeschaut, wenn jemand erfährt, dass ich alg2 beziehe und mein Kind auf ein Gymnasium geht. Mir wurde sogar schon geraten ihn doch jetzt schon mit dem System Jobcenter bekannt zu machen. Das würde man keinem Arztkind vorschlagen und das ist sehr unfair.
Jetzt kommt ein aber, denn du bist erwachsen und kannst trotzdem aus deinem Leben etwas machen. Ja, es ist viel schwerer, aber es ist möglich. Du wirst wahrscheinlich kein Studium absolvieren können, aber das braucht nicht jeder zum glücklich sein. Glück kann man sich in seinen Grenzen schaffen und da du erwachsen bist, liegt das schon in deiner HAnd das beste aus deinem Leben zu machen.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Lisa Maier »

Hallo Ricco,
noc etwas: ich lebe keineswegs in einer Bildungsbürgertumsblase. In meinem Umfeld tummeln sich alle Schichten. Und, weil mir sehr wohl bewusst ist, daß nicht jeder so viel Glück hat wie ich, habe ich schon wiederholt versucht, Leuten beim Verbessern ihrer Lebensumstände zu helfen. Sie waren durchaus nicht dumm, aber in keinem Fall bereit sich auch nur einen Hauch anzustrengen. Lieber wurde weiterhin RTL2 geschaut und anschließend auf die Schlechtigkeit der Welt und wie unfair doch alles ist geschimpft.
Setze Dir realistische Ziele und Du wirst sehen, daß es weitgehend in Deiner Macht steht, diese zu erreichen.

Viele Grüße
Lisa

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Re: Warum ich keine Therapie mehr mache

Beitrag von Inga »

Ich denke ihr habt alle Recht!
Jeder ist seines Glückes Schmied! Aber es ist auch wahr, dass viele Kinder allein wegen ihrer Herkunft abgestempelt werden und daher viel mehr für das Glück kämpfen müssen. Was nicht wirklich fair ist, zumal sie es ja eh schon schwerer haben, da die Umstände ja sowieso schon schwierig sind!
Aber so oder so, Glücklich sein und eine hohe Bildung gehört nicht zwingend zusammen!

Ich komme aus einer Arbeiter-Familie. Aus einer tollen heilen Familie, uns Kindern ging es immer gut, meine Eltern sind nach wie vor zusammen.
Ja, ich habe Fach-Abi, aber das wurde mir so gut wie geschenkt, ich hätte es nicht gebraucht und auch von mir aus nicht extra gemacht. Ich habe eine solide Ausbildung und bin sehr glücklich in meinem Leben! Das habe ich so gewollt und auch nie bereut. Es ist nach wie vor mein Traumjob, auch wenn ich ihn ganz anders "auslebe" als andere Leute mit dieser Ausbildung.
Mein Ältester geht in eine WfbM und er ist - mittlerweile - sehr glücklich mit seinem Leben. Okay, es gab immer auch mal Zeiten in seinem Leben, da war er nicht so glücklich und ja, das lag immer an anderen, die über ihn bestimmt haben und nicht immer so, wie er es gerne gehabt hätte. Letztendlich hat er es aber geschafft, dass er nun so leben kann, wie er gerne möchte.
In wie weit mein Zweiter glücklich ist, mh, schwierig, er ist wirklich sehr stark behindert, er kann es mir nicht sagen. Aber auch bei ihm sehe ich eher Zufriedenheit.
Meine Älteste ist widerrum definitiv glücklich, sie liebt das Leben und alle Menschen! Sie geht auf eine Förderschule, wird später ziemlich sicher uach in den WfbM gehen, sie freut sich jetzt schon darauf!
Wer sagt, dass "einfache" Leute immer automatisch auch unglücklich sein müssen.
Ein Mensch in der Strasse wo unsere 3 Großen wohnen neidet es "den 3 Behinderten", dass es ihnen so gut geht. Sie alles vom Staat in den Hintern geblasen bekommen. Er tut mir wirklich leid, obwohl er ja eigentlich besser da steht als unsere drei, welche von Grundsicherung leben, ist er unglücklich und unsere Großen sind glücklich!

Gruß, Inga
Josephine 05 Albinismus
Emma 07
Nico 09 ADHS,...
Joshua 14 Epi, Hemi, Blind
Joleen 16 Schinzel-Giedion-Syndrom

Betreuer von Danielo 96 (FAS), Steven 98 (gB) & Michelle 02 (Apert-Syndrom)

Unsere Vorstellung: http://www.REHAkids.de/phpBB2/ftopic2393.html

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