Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

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Lisaneu
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Re: Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

Beitrag von Lisaneu »

Es kommt darauf an aus welchem Blickwinkel man die "unauffällige Schulzeit" sieht. Bin ja selbst erwachsene ADHSlerin und habe in meiner Schulzeit so ziemlich alles erlebt, von guter Integration über Mobbing, körperlicher und psychischer Gewalt, bis hin zu Morddrohungen.

Gerade im sozial-emotionalen Bereich kommt es sehr aux die Klassenkonstellation und die Lehrpersonen an. Und ob bei Schwierigkeiten des Kindes grundsätzlich hin- oder weggeschaut wird.

Was die Schulnoten betrifft so sehe ich in AD(H)S grundsätzlich keinen Ausschlussgrund für ein gutes Zeugnis. Bei mir selbst war die Motivation mich für schulische Belange anzustrengen minimal. Daher hatte ich nach der Grunschulzeit, wo ich nicht mehr alles mit ohnehin vorhandenem Wissen lösen konnte, ziemlich durchschnittliche Zensuren - trotz nachgewiesener Hochbegabung.

An der höheren Schule bin ich dann wegen mangelnder Motivation gescheitert, nicht wegen mangelnder Konzentration. Denn seit früher Kindheit habe ich gute Strategien entwickelt meine mangelnde Klnzentration zu kompensieren, wenn mich eine Sache interessiert. So habe ich auch als Erwachsene die Studienberechtigungsprüfung nachgeholt und mit 38 mein Traumstudium begonnen (welches ich 3 Jahre später, als mein mehrfach behinderter Sohn zur Welt kam, wieder abgebrochen habe).

Ich denke aber bei einem Kindergartenkind kannman auch dann nicht von einer "unauffälligen Schullaufbahn" ausgehen, wenn es gesund und neurotypisch ist. Mißfits sind immer möglich, nur ist die Wahrsceinlichkeit von einem oder mehreren Mißfits bei AD(H)S-Kindern leider deutlich höher. Wichtig ist da, als Eltern IN DER SITUATION die passenden Lösungen zu suchen, was leider manchmal nur durch Versuch und Irrtum möglich ist.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

RikemitSohn
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Re: Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

Beitrag von RikemitSohn »

Hallo,

ich wollte noch einmal schreiben, dass eine unauffällige Schullaufbahn nicht nur an Noten gemessen werden kann. Mein Sohn bis auf dieses Schuljahr immer ein sehr guter Schüler gewesen. Seine Auffälligkeiten haben sich bis jetzt nicht auf seine Noten ausgewirkt. Wahrscheinlich wäre er ohne Adhs noch besser gewesen, aber auch so hätte er jederzeit eine Klasse überspringen können. Wieviel Mühe und Stress für ihn der Schulalltag bedeutet haben die Lehrer kaum mitbekommen. Wegen seiner guten Noten wurde er sozial und im Arbeitsverhalten auch immer überschätzt.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

Afina
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Re: Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

Beitrag von Afina »

Hallo Grace
grace hat geschrieben:
18.02.2021, 14:34
Das ein Mensch mit ADHS völlig unauffällig durch die gesamte Schulzeit kommt und ein super ABI hinlegt halte ich eher für unwahrscheinlich, speziell heute; die Ansprüche der Schulen sind jedenfalls bei uns sehr hoch und es werden die ganzen letzten drei Schuljahre beim Abitur mitge-wertet, die Option „Glück gehabt“ fällt also raus.
Mein Abi ist etwa 25 Jahre her, aber ich war die gesamten 12 Jahre stabil in den schulischen Leistungen. Also „Glück gehabt“ wäre tatsächlich nicht das Argument gewesen.
grace hat geschrieben:
18.02.2021, 14:34
Ich frage mich auch welchen Sinn eine Diagnostik für ADHS im Erwachsenenalter macht wenn die Menschen bisher ohne, mehr oder weniger erfolgreich in Beruf und Schule, durchs Leben gekommen sind, scheint mir irgendwie eine Modetendenz su sein.
Bezieht sich das auf meine Frage? Ich befinde mich nicht in einer Diagnostik, sondern mein Sohn (der definitiv einen sehr starken Leidensdruck hat). Und ansonsten kann ich mir schon vorstellen, dass es jemandem hilft, herauszufinden, warum er immer das Gefühl hat, seine Fähigkeiten nicht ausschöpfen zu können. Einfach um sich selbst klarer zu sehen.
grace hat geschrieben:
18.02.2021, 14:34
Ich habe auch das Gefühl das viele Praxen unter starkem Druck stehen (sonst sucht den Kunde nämlich eine andere) und diese Diagnose immer leichter vergeben.
Das kann ich nicht einschätzen, dazu kenne ich zu wenige Praxen. Bei uns hatten Lehrer und Kinderarzt eine Abklärung angeregt. Das SPZ hatte einen starken Verdacht und uns an einen KJP verwiesen. Der meinte, die Auswertung von Fragebögen (Lehrer, Eltern), Arztbrief des SPZ und Gespräch mit einer Therapeutin meines Sohnes sei für ihn sehr klar. Ich wäre auch ohne Diagno-se in der Praxis geblieben. Mir geht es darum, meinem Sohn zu helfen, der sich ziemlich gut reflektiert und sehr darunter leidet, dass sein „Gehirn Dinge macht, die (er) nicht will“.

Viele Grüße
Afina
Afina mit Sohn, 2014, vis. Wahrnehmungsstörung, V.a. ADHS

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LasseUndJohannes
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Re: Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

Beitrag von LasseUndJohannes »

Hi,
meine Frau und ich habe beide im Erwachsenen Alter eine ADHS Diagnose bekommen. Und wir haben beide sehr starkes ADHS. Notentechnisch sind wir beide gut durch die Schule gekommen und dann durchs Studium bis zu Promotion. Geht alles wobei ich tatsächlich in fast jeder Vorlesung nach einer halben Stunde eingeschlafen bin :-).
Soziale und emotionale Probleme gab es natürlich die ganze Zeit. Aber das fällt bzw fiel früher nicht so auf.
Ich fand unsere eigene ADHS Diagnose sehr hilfreich, um unsere Söhne besser zu verstehen. Wenn du es also wirklich sicher wissen willst, dann wäre eine Diagnostik der Weg.
VG
Lasse

Johannes 2008, extremes ADHS, Fehldiagnose (?) Autismus
Benedikt 2014, süßeste FraXi-Maus der Welt (Fragiles X), non verbal, früher auto aggressiv, ADHS, v.a. frühkindlicher Autismus

rena99
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Re: Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

Beitrag von rena99 »

Hallo Afina,

familiäre Disposition ist, wie Regina ja schon schrieb, bei AD(H)S und auch Autismus nicht so ganz selten. Und bei hinreichend hohem IQ sind auch sehr gute Schulleistungen bei ADHS und/oder Autismus möglich. Da gibt es genug Beispiele dafür.

Es kommt jetzt mehr darauf an, was dir persönlich helfen würde, denn du hast ja für dich im Alltag einen funktionierend Umgang mit dir und deinen Anforderungen gefunden. Im Prinzip hast du drei Möglichkeiten:

1. Du fandest das jetzt einfach einen interessanten Gedanken und damit ist es gut.
2. Du kommst zur Selbsteinschätzung, dass du vermutlich im "ADHS-Spektrum" liegst und schaust mal, ob dir allgemeine Ratschläge für ADHSler im Erwachsenenalter irgendwie weiterhelfen und du mehr Frieden mit den alltäglichen Anforderungen findest.
3. Es ist dir alles sehr wichtig für dich und das Verständnis deines Lebensweges, dann solltest du dich um eine seriöse Diagnostik bemühen. Wobei jede Diagnostik im Erwachsenenalter bei Menschen, die ganz gut klar kommen, schwierig, wenn nicht sogar teilweise auch beliebig ist. Einfach, weil man über die vielen Jahre schon Bewältigungsstrategien entwickelt und verinnrelicht hat, was man dann nur schwer wegsortiert bekommt. Aber eine Diagnose ist nicht unmöglich, wie Lasse ja gerade schrieb.

Wichtig bei der Entscheidung zwischen den drei Punkte wäre auch, was du dir für die Zukunft davon erhoffst.

LG
Rena
Rena mit (mittlerweile erwachsener) Tochter (V.a. Autismusspektrumsstörung, Zwangsstörung)

Afina
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Re: Unauffällige Schullaufbahn auch mit ADS möglich?

Beitrag von Afina »

Hallo Lisaneu,
Lisaneu hat geschrieben:
19.02.2021, 08:56
Es kommt darauf an aus welchem Blickwinkel man die "unauffällige Schulzeit" sieht. …….
Gerade im sozial-emotionalen Bereich kommt es sehr aux die Klassenkonstellation und die Lehr-personen an. Und ob bei Schwierigkeiten des Kindes grundsätzlich hin- oder weggeschaut wird.
Ich war tatsächlich in jeder Hinsicht unauffällig. Ich war immer das nette 1er Mädchen, das neben die „Chaoten“ gesetzt wurde. Nach der Grundschule hatte ich zwar keine wirklich enge Freundin mehr, aber ich kam mit allen aus und mehr brauchte ich nicht.
Lisaneu hat geschrieben:
19.02.2021, 08:56
Was die Schulnoten betrifft so sehe ich in AD(H)S grundsätzlich keinen Ausschlussgrund für ein gutes Zeugnis. Bei mir selbst war die Motivation mich für schulische Belange anzustrengen mini-mal.
Das ist sicher ein wichtiger Punkt. Ich fand tatsächlich fast alles Neue interessant und wollte fix fertig und auch gut sein :wink: Und ich hatte wenig Lust, nachmittags die Pferdebücher für Schul-aufgaben beseite legen zu müssen … Da hab ich die lieber gleich in der Stunde erledigt.
Lisaneu hat geschrieben:
19.02.2021, 08:56
Denn seit früher Kindheit habe ich gute Strategien entwickelt meine mangelnde Klnzentration zu kompensieren, wenn mich eine Sache interessiert. So habe ich auch als Erwachsene die Studi-enberechtigungsprüfung nachgeholt und mit 38 mein Traumstudium begonnen (welches ich 3 Jahre später, als mein mehrfach behinderter Sohn zur Welt kam, wieder abgebrochen ha-be).
Wenn mich etwas interessiert, kann ich auch dranbleiben – solange es mich interessiert. Aber es gibt immer so viele andere interessante, spannende Dinge, die ich noch lernen möchte :wink:
Lisaneu hat geschrieben:
19.02.2021, 08:56
Ich denke aber bei einem Kindergartenkind kannman auch dann nicht von einer "unauffälligen Schullaufbahn" ausgehen, wenn es gesund und neurotypisch ist. Mißfits sind immer möglich, nur ist die Wahrsceinlichkeit von einem oder mehreren Mißfits bei AD(H)S-Kindern leider deutlich höher.
Klar, mir ging es ja auch bei der Frage nicht um meinen Sohn (inzwischen auch kein KiGa-Kind mehr :wink: ), sondern um mich.
Lisaneu hat geschrieben:
19.02.2021, 08:56
Wichtig ist da, als Eltern IN DER SITUATION die passenden Lösungen zu suchen, was leider manchmal nur durch Versuch und Irrtum möglich ist.
Ja, da sind wir jetzt dran und drücken uns allen die Daumen.

Herzliche Grüße
Afina
Afina mit Sohn, 2014, vis. Wahrnehmungsstörung, V.a. ADHS

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