Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Regina Regenbogen
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Regina Regenbogen »

Silvia15 hat geschrieben:
31.12.2020, 00:12
Regina Regenbogen jetzt muss ich doch ein wenig schmutzeln.
Dann habe ich ja mein Ziel erreicht. :wink:

Ich bin jetzt 57 Jahre alt und kann mich noch sehr gut an das Gejammere meiner Mutter erinnern. Sie hat mir und meinem Bruder (2 Jahre Altersunterschied) immer vorgeworfen, dass wir sie als schlechte Mutter dastehen lassen, weil wir uns permanent gestritten haben. O-Ton "Alle anderen Kinder machen das nicht, warum habe ich solche Kinder..." :roll:

Ich habe das gehasst, besonders weil ich genau wusste, dass das gar nicht stimmt - alle Geschisterkinder in unseren Freundeskreisen haben sich gestritten wie die Kesselflicker in einer bestimmten Altersstufe. Aufgrund dessen habe ich mir solche Äußerungen bzw. sogar Gedanken verkniffen, als es bei meinen Kindern losging.

Jedes meiner Kinder wurde als Neugeborenes herzlich empfangen von seinen jeweiligen Geschwistern. Erst als die Jüngsten dann anfingen, eigenes Bewusstsein, eigenen Willen zu entwickeln, begannen die Kabbeleien, erst leicht, dann wurden zunehmend richtige Streitereien daraus. Die Mädchen haben sich da relativ schnell rausgenommen, bei den Jungs wurde es aber richtig heftig oder auch handfest als der Jüngste in den Kindergarten kam.

Zuerst war es noch ganz in Ordnung, aber als man im Kindergarten die beiden in verschiedene Gruppen gesteckt hat, weil man verhindern wollte, dass der Große sich zu sehr um den Kleinen kümmert (was er gerne gemacht hat und sich der Kleine auch gerne hat gefallen lassen) wurden die Konflikte zu Hause richtig schwer - das wurde mir allerdings erst rückblickend klar. Also habe ich sie zu Hause auch möglichst getrennt und mich permanent zwischen sie gestellt um ihre Konflikte zu vermeiden. Das war offenbar ein Fehler, es wurde immer schlimmer anstatt besser. Irgendwann war ich so fertig, dass ich aufgegeben habe und mir sagte, sollen sie sich doch die Köpfe einschlagen, ich kann nicht mehr, da waren sie ungefähr 6/7 Jahre alt und jeder in einer anderen Grundschule. Sie haben sich nicht umgebracht, nur die Möbel haben etwas gelitten, auch die Türen und das eine oder andere Spielzeug ging kaputt. Ja, und sie haben gut rumgebrüllt, können meine Nachbarn sich heute noch dran erinnern. Ich habe mich nur noch eingemischt, wenn es sich wirklich gefährlich anhörte und habe dann jeden auf sein Zimmer geschickt - keine Ahnung, warum sie trotz der vielen Konflikte fast zwanghaft die Gesellschaft des anderen suchten.

Aus diversen anderen Gründen sahen wir uns gezwungen, den Kleinen von der Förderschule auf die Regelgrundschule, wo schon sein Bruder war, wechseln zu lassen als die beiden ca. 8 und 9 Jahre alt waren. In der Schule gab es keinen Streit, genauso wenig wie damals im Kindergarten. Und merkwürdigerweise wurde es ab da auch zu Hause besser. Aus teilweise richtigen Prügeleien wurden Wortgefechte, erst noch bösartiger und provzierender Natur, später dann auf eine leicht dissende Art und Weise mit einem Anflug von Humor. Deshalb gingen sie auch beide auf dieselbe weiterführende Schule, ich hatte das Gefühl, sie brauchen beide diese Form der Nähe und Gemeinsamkeiten. Ungefähr seit dem 7. Schuljahr des Jüngsten kommen die beiden gut miteinander klar (selbst das körperliche Kräftemessen in Form von spaßigen Rangeleien läuft problemlos, auch mit ihrem Vater), seitdem sie beide sogar im gleichen Betrieb arbeiten, ist ihr Zusammenhalt großartig. Der Ältere ist zwar mit Eintritt des Kleinen in den Betrieb von zu Hause ausgezogen in seine eigene Wohnung, aber das trat nur zufällig zum gleichen Zeitpunkt ein, er brauchte diese Form von Distanz generell. Sind auch nur 2 Straßen weiter, er ist fast täglich hier. Im Betrieb sind sie nur Kollegen (sie trennen das beide sehr fein), zu Hause richtige Brüder.

Mein persönliches Fazit: Hätten wir uns weniger eingemischt, sie weniger getrennt, hätten sie sich bestimmt trotzdem laufend gestritten (ich vermute, dass Geschwister auf diese Weise die Sache mit der sozialen Kommunikation lernen, denn beide standen in der Schule und auch jetzt im Betrieb in dem Ruf, sehr teamfähig und sozial zu sein und körperliche Rangeleien müssen bei Jungs wohl auch sein), aber bei weitem nicht so heftig und nervenaufreibend für alle. Unser übertriebenes Verhalten als Eltern war ihr Booster.

Meine Güte, was für ein Roman .............. :oops:
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Silvia15
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Silvia15 »

Bei unseren Beiden ist es ja nicht nur Streit. Unser Großer kann auch uns nicht in Ruhe lassen, heiß er ist auch bei uns ständig zu nah dran griffelt an uns rum, umarmt, pickst etc. nicht böswillig. Keine Ahnung einfach oft auch uns to much, aber wir können uns besser abgrenzen wie der Kleine. Für den Kleinen ist das anfänglich ein Spiel und wird ihm dann aber auch sehr schnell zuviel. Andersrum imitiert er das Verhalten von seinem Bruder und tut es ihm gleich, es ist ja sein einziger Zugang zu seinem Bruder, anderweitig Spielen ist ja kaum möglich. Sie lieben sich auch auf ihre Art und Weise.

Dazu kommen natürlich die üblichen Streitereien und Rivalitäten unter Geschwister und die Tatsache, dass man unseren Großen halt ganz schnell verärgern kann wenn etwas nicht so ist wie er sich das vorstellt. Er kann aus dem nichts explodieren und verletzt dann schon auch mal den Kleinen richtig oder es wird gefährlich. Er hat ihn ne ganze Zeit immer wieder z. B. gewürgt. Da kann man nicht wegsehen und hat auch keine Minute Ruhe.

Maximi zeigt dieses Verhalten auch anderen gegenüber im Kindergarten, deshalb haben wir ja den Regelkindergartenplatz verloren. Im HPK geht es trotz dass nur 8 Kinder in der Gruppe sind auch nur mit Individualbegleitung.
Silvia mit Maximi (Juli 15, F84.5) und Minimi (Mai 17, ein normaler Wirbelwind)

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Regina Regenbogen
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Regina Regenbogen »

Eins noch: Ich habe immer viel Wert darauf gelegt, meine Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht gleich zu erziehen, alle hatten die gleichen Pflichten zu Hause. Dennoch muss ich mir eingestehen, dass Jungs und Mädchen eine sehr unterschiedliche Form der Entwicklung durchlaufen. Jungs brauchen teils die laute, verbale und auch körperliche Auseinandersetzung mit dem Gegenüber, Mädchen können sich sehr gut in ihr Rumgezicke reinsteigern und äußern ihre Emotionen gerne sehr laut. Dadurch, dass meine Kinder Geschwister beiderlei Geschlechts haben, haben sie sehr gut gelernt, sich mit dem anderen Geschlecht auseinanderzusetzen, aber auch, das andere Geschlecht zu akzeptieren. Meine Jungs sind sehr beliebt bei Mädchen (und deren Müttern), meine Mädchen sind sehr selbstbewusst geworden und lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen von irgendwelchen Macho-Typen. ;-)

Bezüglich meiner Jungs habe ich aber auch viel gelernt von einer Mutter mit 4 Söhnen, Bauernfamilie, alle Kinder haben maximal 2 Jahre Abstand zueinander, wir kennen uns seit dem Kindergarten unseres Älteren, also ca. 16 Jahre. Diese Eltern haben ihre Söhne zwangsläufig früh in die Verantwortung für den familliären Betrieb genommen, da mussten sie miteinander funktioneren. In der Freizeit durften sie sich hingegen frei auseinandersetzen, da kam es auch schon mal zu einem blauen Auge. Auch spielerische körperliche Rangeleien mit dem Vater waren da etwas völlig normales, dieses Kräftemessen gehört offenbar irgendwie dazu. Nach aussen haben diese Jungs immer felsenfest zueinander gestanden, da hat niemand ein Blatt zwischen bekommen. Jetzt ist auch der Jüngste schon 12 Jahre alt und bekommt genauso "sein Fett weg" von seinen Brüdern wie alle anderen vorher. Die Mutter hat es immer locker gesehen und ging auch nur dazwischen, wenn es tatsächlich gefährlich wurde.
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Silvia15
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Silvia15 »

Wir lassen sie schon auch nur wenn wir merken jetzt wird es wirklich zuviel oder es wird ernsthaft verletzt gehen wir dazwischen. Unser Kleiner sah im ersten Lockdown wirklich massiv misshandelt aus und hat jetzt noch eine Narbe im Gesicht. Für mich war das schlimm.

Aber wie gesagt ich meine gar nicht so die Streitereien um ein Spielzeug oder etwas anderem, da müssen sie durch.

Ich meine diese permanenten Übergriffigkeiten, sich einfach mal 5 Minuten sich nicht anfassen. Einfach zu akzeptieren dass der andere das jetzt nicht mag. Die Streitereien kommen oben drauf und würden mir dicke reichen.
Silvia mit Maximi (Juli 15, F84.5) und Minimi (Mai 17, ein normaler Wirbelwind)

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Regina Regenbogen
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Regina Regenbogen »

Silvia15 hat geschrieben:
31.12.2020, 12:03
Ich meine diese permanenten Übergriffigkeiten, sich einfach mal 5 Minuten sich nicht anfassen. Einfach zu akzeptieren dass der andere das jetzt nicht mag.
Auch das ist meiner Erfahrung nach durchaus ein normaler Entwicklungsschritt, der durch vorhandene Besonderheiten der Kinder bestimmt nicht einfach zu akzeptieren ist.

Wir haben sehr viel davon in der Autismustherapie (die bei uns zu Hause stattfand) behandelt, z. B. lagen überall selbstgebastelte Stopp-Schilder rum, die bei Bedarf gegriffen werden konnten. Es war wirklich keine einfache Zeit für unsere Familie.

Trotzdem wäre es sinnvoll, wenn du und dein Mann versucht darüber nachzudenken, ob euer Verhalten nicht auch der Booster für eure Jungs ist. Niemand ist davor gefeit, in eine gewisse Überfürsorglichkeit zu rutschen, gerade bei besonderen Kindern.
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MamaMonika0912
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von MamaMonika0912 »

Ich kenne das auch nur zu gut. Auch das mit dem Einschreiten kann ich nur unterschreiben. Ja es war wirklich notwendig in dem Alter. Beide konnten nicht die Grenzen des jeweils Anderen erkennen. Der Große aufgrund seines ASS, die Kleine weil sie noch zu klein war um zu erkennen, dass der Große andere Grenzen hat als ein NT.
Die Probleme sind zwar immernoch da (mit 11 und 8 Jahren) aber mittlerweile lasse ich es auch mal laufen wenn es eskaliert, denn es besteht keine Gefahr mehr für Leib und Leben.
Früher hatte ich wirklich Angst um die Kleine, denn wenn der Große würgt und nicht aufhört oder auf dem Kopf sitzt weil er möchte dass die Kleine aufhört zu schreien, ist das nicht mehr lustig.

Chaosmarie2
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Chaosmarie2 »

Hallo Silvia,

nein, so war es bei uns nie. Hin und wieder gab es kurz Zoff, aber dann wurde sich schnell wieder vertragen. Zwar sind unsere beiden Großen arg dicht beieinander, aber vom Charakter und von ihren Vorlieben her so unterschiedlich, dass es sich fast immer gut ausging. Meist war und ist es eher so, dass sie sich gegenseitig brauchen und ergänzen. Bis vor einiger Zeit weigerten sich beide, alleine zu schlafen, also stand ein Kinderzimmer immer leer. Von daher bin ich ratlos, wie Du Abhilfe schaffen kannst.

lg
Marie

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Mango(Anna)
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Mango(Anna) »

Hallo,

mein Bruder und ich waren da jeweils auch nicht einfach denke ich und wir haben in dem Alter beide viel gerauft (jeweils unabhängig da 7 Jahre auseinander, aber teilweise auch miteinander).

Bei mir hatte dann die Kampfkunst geholfen wo meine Eltern mich mit 3 hinschickten. Da würde gezielt das "Stop" geübt und auch gelernt wie viel Kraft man selbst hat.

LG Mango
Selbstbetroffen:
2005- zentrale Koordinatiosstörung m. Störung der Motorik R27.8 G
2017- Asperger Syndrom F84.5
2020- Ticstörung, nicht näher bezeichnet F95.9
2020- Schallempfindungsschwerhörigkeit bds. H90.5 G B

Silvia15
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Re: Sie können sich nicht in Ruhe lassen.

Beitrag von Silvia15 »

Danke Euch und entschuldigt dass ich nicht mehr geantwortet habe. Ich gabe natürlich alles gelesen und vieles war sehr hilfreich.

Vor allem auch Reginas Beiträge.

Danke nochmal
Silvia mit Maximi (Juli 15, F84.5) und Minimi (Mai 17, ein normaler Wirbelwind)

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