Sohn? Oder ein Traum?

Hier könnt ihr euch und euer Kind bzw. eure Kinder vorstellen.

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Jessi1977
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Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von Jessi1977 »

Hallo zusammen,

ich möchte mich kurz vorstellen. Meine Frau und ich haben bereits eine 6 jährige Tochter, die wir vom Jugendamt als Pflegekind vermittelt bekamen. Wir haben uns anfangs 2020 für ein zweites Kind interessiert und jetzt einen kleinen Jungen vorgeschlagen bekommen. Er ist 3 Monate alt und ist bisher unauffällig in der Entwicklung. Die U4 war unauffällig.
Er ist interessiert an der Umwelt, greift, hebt das Köpfchen in Bauchlage und hat einen guten Tag-Nacht-Rythmus. Er ist ein freundliches Baby, das sich gut trösten lässt. Klingt wirklich nach einer Bereicherung für unsere Familie.Aber:

Beide leiblichen Eltern sind aber intelligenzgemindert. Der leibliche Vater wohl leicht, die Mutter mittelgradig. Jetzt fragen wir uns, was könnte da auf uns zukommen? Wir wissen nicht, wie die Eltern ihre Behinderung erworben haben. Bei der leiblichen Mutter in der Familie ist die Schwester wohl normal entwickelt, ihr Sohn ist aber geistig behindert. Die Mutter ist auch unter Betreuung. Kann natürlich ein Zufall sein, aber auch vererbbar.

Und schreckt die Möglichkeit einer geistige Behinderung nicht ab, wir fragen uns aber sowas wie schwer der Kleine betroffen sein kann. Kann ein Baby bis zur U4 „normal“ sein und trotzdem schwer betroffen sein? Wie hoch ist die Chance der Vererbung der Behinderung? Es wird jetzt noch eine Sonographie gemacht, ob es Fehlbildungen am Gehirn gibt.

Wir möchten im Interesse unserer Tochter genau hinsehen, was auf uns zukommen kann. Gleichzeitig freuen wir uns sehr, dass hier vielleicht ein Baby einziehen wird.

Könnt ihr mir dazu was sagen?

Lg
Jessi

kati543
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von kati543 »

Hallo,
ja, das ist gut möglich bzw. sogar wahrscheinlich. Babys sind anfangs alle gleich. Auch gesunde Babys sind sehr hilfsbedürftig. Kognitive Einschränkungen merkt man eigentlich erst später wirklich, weil die Unterschiede zum gesunden Kind dann wirklich auffällig groß werden. Mein Jüngster hat einen IQ von 50-60. Bei ihm hat man das im Alter von 4 Jahren deutlich gemerkt. Vorher konnte man immer noch „Entschuldigungen finden“.
Bei einem 3-Monate altem Kind muss die geistige Behinderung enorm sein, damit man sie schon merkt.
Allerdings ist die zeitgemäße Entwicklung immer ein sehr gutes Zeichen.
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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LasseUndJohannes
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von LasseUndJohannes »

Hi,
unser Benedikt ist jetzt 6 Jahre alt und schwer geistig behindert. Er kann nur ein Wort sprechen, braucht Tag und Nacht Windeln, hat Pflegegrad 4 usw. Ein sonniges liebes Kerlchen.
Rückblickend waren alle Us im ersten Jahr völlig unauffällig. Alles war gut. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er in seiner Entwicklung deart zurück bleiben würde. Ab einem Jahr fiel die ausbleibende Sprachentwicklung auf. Und dass er erst so spät laufen lernte. Richtig realisiert habe ich alles erst im Alter von drei Jahren. Wenn ich skeptisch gewesen wäre, dann hätte ich, oder der Kinderarzt, es vielleicht mit zwei Jahren schon sehen können.
VG
Lasse

Johannes 2008, extremes ADHS, Fehldiagnose (?) Autismus
Benedikt 2014, süßeste FraXi-Maus der Welt (Fragiles X), non verbal, früher auto aggressiv, ADHS, v.a. frühkindlicher Autismus

Jessi1977
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von Jessi1977 »

Ich danke Euch sehr. Vielleicht brauchen wir auch einfach Mut und müssen uns einlassen

CarolaBerlin
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von CarolaBerlin »

Hallo Jessi,
ich hab schon im anderen Forum gelesen.
Ich traue es Euch zu, gerade bei einem so kleinen Säugling ( und verliebt bist du ja schon) kann man so viel erreichen.
Anregungen, die er bei seinen LE vermutlich nie bekommen würde.
Wir haben ( vor 10 Jahren) einen gedacht geistig behinderten Jungen bekommen der uns alle überrascht und "nur" eine leichte Lernbehinderung hat.
Ich wünsche Euch eine supertolle Weihnachtsbabyzeit!
LG Carola

grace
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von grace »

Hallo Jessi,

Man müsste wissen warum die leiblichen Eltern geistig behindert sind un ob das vererbbar ist. Viele geistige Behinderungen kommen ja auch durch Sauerstoffmangel zustande und in diesem Fall sind die Kinder der betroffenen völlig normal entwickelt.

Wenn die Eltern keine vererbbaren Krankheiten haben, Schwangerschaft und Geburt unauffällig verliefen und man keine Auffälligkeiten am Gehirn feststellen konnte ist die Wahrscheinlichkeit das sich das Kind eher normal entwickelt groß, du musst aber natürlich einplanen das es trotzdem anders gehen könnte.

Ich weiß nicht wie weit du dich über die leiblichen Eltern informieren kannst/darfst, aber das würde euch natürlich weiterhelfen.

Wünsche eine gute Entscheidung!

LG

Grace

Ayala
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von Ayala »

Hallo Jessi,

bei einer reinen geistigen Behinderung, die nicht im Zusammenhang mit Syndromen steht, handelt es sich oft nur um eine Intelligenzminderung, die aber vielfach weiter vererbt wird. Eine medizinische Erklärung durch Hirnanomalien gibt es in der Regel nicht.
Im SPZ wird eine geistige Behinderung in der Regel auch erst im Alter von sechs Jahren als solche benannt, vorher spricht man noch von Entwicklungsverzögerung u.ä.. Doch auch diese dafür relevanten Auffälligkeiten zeigen sich meistens erst nach dem ersten Lebensjahr, häufig sogar deutlich später.

Sicherlich spielen in der Entwicklung eines so kleinen Kindes auch die Förderung im Umfeld zu einer positiven Intelligenzentwicklung, die es dem Kind ermöglichen kann, sein Potential zu entfalten, die Anlagen lassen sich jedoch nicht verändern. Da die Symptome einer geistigen Entwicklung jedoch erst in der deutlichen Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, wie z.B. Sprache, Konzentration, Spiel- und Lernverhalten wirklich zum Tragen kommen, ist der U4 hier noch unerheblich.
Wohin die Reise geht, lässt sich daher nicht einschätzen.

Ich wünsche euch eine gute Entscheidung!

VG
Ayala
Lehrkraft an einer Förderschule mit den Förderschwerpunkten ganzheitliche und motorische Entwicklung

Schwester J. Smith-Lemli-Opitz-Syndrom
Kusine A. Angelmann-Syndrom

Lisaneu
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von Lisaneu »

Hallo Jessi!

Rein statistisch gesehen sind die Kinder von geistig behinderten Eltern klüger und die Kinder von hochbegabten Eltern "dümmer" als ihre Eltern. Der IQ geht immer in Richtung Durchschnitt.

Rein rechnerisch bedeutet das:
Wenn beide Eltern einen IQ von 70 haben ist der IQ der Kinder 85 [(70+100):2]
Wenn beide Eltern einen IQ von 130 haben ist der IQ der Kinder 115 [(130+100):2]
Wenn ein Elternteil einen IQ von 70 und der andere einen IQ von 90 hat ist der IQ der Kinder 90 [(160:2+100):2]

So viel mal zur reinen Statistik ;-). Und diese trifft auch nur dann zu, wenn die Intelligenzminderung der Eltern NICHT durch Vernachlässigung, kindliche Traumata oder ein Krankheit zustande gekommen ist, sondern quasi "natürlich". Bei Syndromen kommt es darauf an ob es erblich ist oder nicht, da gelten wieder andere Wahrscheinlichkeiten.

Aber im echten Leben ist es so, dass die Intelligenzentwicklung wirklich SEHR stark damit zusammen hängt, unter welchen Bedingungen ein Kind aufwächst. Der IQ ist nämlich nicht komplett sondern nur in einem gewissen Ausmaß genetisch bedingt. Im Verhältnis ist ein liebevolles Elternhaus mit ausreichend Entwicklungsmöglichkeiten der beste Garant dafür, dass ein Kind, welches rein genetisch mit einem etwas niedrigeren IQ ausgestattet ist, sein Potential voll ausschöpfen kann.

Daher unterscheide ich zwischen einem "genetischen IQ" und einen "Bedingungen-IQ". Vereinfacht gesagt bedeutet das: wenn der genetische IQ eines Kindes bei 80 liegt, kann bei dieses Kind bei guten Bedingungen im Elternhaus IM LAUFE DER JAHRE durchaus 90 erreichen und fällt damit in den unteren Durchschnitt. Ein anderes Kind mit genetischem IQ von 80 mit "durchschnittlichen" Startbedingungen erreicht dann eben den IQ von 80, was einer "Lernbehinderung" entspricht. Unter schlechten Bedingungen kann ein Kind mit einem genetischen IQ von 80 aber auch nur 70 erreichen (bei Vernachlässigung, Gewalt, fehlender Förderung und vor allem bei fehlenden, engen Bezugspersonen). Das alles merkt man aber beim Baby noch nicht. Die in diesem Absatz beschriebenen Unterschiede zeigen sich erst im Laufe der Jahre.

Klar ist das alles nur Statistik und kann keine Vorhersagen für den Einzelfall treffen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Kind mit weniger gutem genetischem IQ dennoch gut entwickelt, und sein Potential voll ausschöpft, ist bei einem liebevollen, fördernden Elternhaus sehr groß. Vor allem ist für die Intelligenzentwicklung wichtig dass ein Kinder verlässliche, zugewandte Bezugspersonen hat. Meistens sind das natürlich die Eltern, aber es kommen auch andere Personen in Frage.

Sehr interessant in dem Zusammenhang ist ein "Experiment", welches in den 1930er Jahren in Amerika stattfand. Da gab es in einem Heim zwei geistig schwer behinderte Mädchen, die man - in Ermangelung adoptionswilliger Eltern - mit 13 bzw. 16 Monaten in eine "Schule für Schwachsinnige" steckte, wo sie in eine Abteilung mit geistig behinderten Frauen im Alter von 18-50 Jahren kamen. Völlig wider Erwarten entwickelten sich die beiden Mädchen innerhalb eines halben Jahres dort großartig und hatten in der kurzen Zeit fast den kompletten Entwicklungsrückstand aufgeholt (der IQ hatte sich fast verdoppelt!). Grund für diese unerwartete, positive Entwicklung war, dass die geistig behinderten Frauen viel Zeit damit verbracht hatten und eine sogar die "Mutterrolle" übernommen hatte. Bis die Kinder 3 1/2 Jahre alt waren blieben sie auf dieser Station, dann wurden sie adoptiert.

Angeregt durch diese Erfahrung entschloss sich ein Psychologe (Harald M. Skeels) daraufhin, geistig zurückgebliebene Kinder aus Waisenhäusern in ein Heim für geistig Behinderte Erwachsene zu verlegen. Das waren durchwegs Kinder, deren Eltern auch einen niedrigen IQ hatten. Diese Kinder holten intelligenzmäßig sehr schnell auf, während die Kinder, die im Waisenhaus geblieben waren, in der gleichen Zeit zurückfielen. Der Großteil von ihnen konnte dann im Erwachsenenalter ein normales Leben führen. Dabei machten diejenigen Kinder die größten Fortschritte, die im Behindertenheim eine enge Bezugsperson hatten.

Vor einigen Jahren gab es in Rumänien einen ähnliche Studie: 136 Babys und Kleinkinder aus einem Waisenhaus wurden einem IQ-Test unterzogen. Ein Teil der Kinder blieb im Waisenhaus, ein anderer wurde in Pflegefamilien untergebracht. Schon mit 4 Jahren hatten die Kinder aus den Pflegefamilien einen um durchschnittlich 8 Punkte höheren IQ.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wenn euer Pflegesohn schon mit 3 Monaten zu euch gekommen ist, stehen die Chancen gut, dass er sich - im Rahmen seiner genetischen Möglichkeiten - bei euch super entwickelt. Wie sich ein einzelnes Kind dann TATSÄCHLICH entwickelt zeigt erst die Zeit. Wie schwer euer Kleiner betroffen sein kann, kann euch daher niemand seriös sagen. Aber jeder Tag hat nur 24 Stunden und ihr habt ein süßes Baby, bei dem gerade JETZT alles in Ordnung ist. Auch bei einem leiblichen Kind kann niemand garantieren, dass es sich gut entwickelt und nie eine Krankheit, einen Unfall oder sonst etwas hat, was es daran hindert, sein Potential auszuschöpfen. Kinder sind immer ein Risiko, aber für mich lohnt es sich, darauf einzulassen :-).
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

melly210
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von melly210 »

Ich schließe mich da Lisaneu an. Der IQ ist schon auch stark von der Umwelt abhängig. Wie die genetische Ausstattung bezüglich IQ bei dem Kind ist kann man mit 4 Monaten noch nicht wirklich sagen. Nur daß er wohl nicht mehrfach schwerstbehindert ist lässt sich relativ sicher sagen, da wäre die Entwicklung i.d.r. auch mit 4 Monaten auffällig.
Söhnchen (02/2015) mit motorischer Dyspraxie und Wahrnehmungsstörungen

mel1220
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Re: Sohn? Oder ein Traum?

Beitrag von mel1220 »

Hallo,

unser Adoptivsohn kam mit 2 Jahren, kerngesund, zu uns. Nach und nach wurde es immer herausfordernder. Viele Termine, Untersuchungen folgten irgendwann ab 4. Erst da viel auf, dass er „anders“ war. Er ist schwer traumatisiert. Aber alles kein Ding. Wir fördern wo wir können. Psychotherapie seit 2 Jahren, ewiger Kampf mit den Ämtern zusammen mit der Schule. Lange Rede, kurzer Sinn. Er ist jetzt 9, wir haben mittlerweile eine traumhafte Klassenlehrerin, Schulbegleitung auch endlich bewilligt und am Start seit diesem Jahr. Förderbedarf SE steht auch. Endlich steht sein Setting und er macht Fortschritte wo es nur geht. Das alles war und ist ein großer Kraftakt, hätten wir uns so nie vorgestellt. Aber wir sind da zusammen reingewachsen und ernten jetzt die Früchte aller Kämpfe und Bemühungen für ihn. Er ist ein super Junge der aktuell gelernt hat durchs Leben zu fliegen.

Ich habe mir immer gesagt, ich hätte ein leibliches gesundes Kind haben können dass irgendwann vor ein Auto läuft ind behindert ist. Man steckt nie drinnen. Das Leben besteht zum Teil auch aus Risiko.

Wir sind froh es gewagt zu haben, jeder Tag ist es wert.

Wenn ihr euch aktuell wohl fühlt, traut euch

LG
Mel

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