Atypischer Autismus

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Sa Brina
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Atypischer Autismus

Beitrag von Sa Brina »

Hallo :)
Ich möchte gar keine Frage stellen, sondern mir gerade einfach nur etwas von der Seele schreiben.
Meine 7 jährige Tochter hat ganz frisch die Diagnose "Atypischer Autismus".
Ich habe schon früh gemerkt, dass sie "anders" ist, habe viel nachgelesen und mich auch schon vor Jahren mit Autismus beschäftigt, da sie für mich immer autistische Züge hatte. Das sie aber die Diagnose Autismus bekommt, hätte ich nie gedacht. Da sie einen unerforschten Gendefekt hat, haben die Ärzte immer alles darauf geschoben. Der Kinderarzt sagte vor 2 Jahren mal, ich könne ja vielleicht auch mal mit ihr zum Psychologen gehen. Ich habe es aber nicht getan, da ich keinen Anlass dafür gesehen habe. Ja, Leonie war sehr speziell, aber ich habe ihre Besonderheiten irgendwann dann auch immer dem Gendefekt zugeschoben. Letztes Jahr in der Schule wurde sie dann sehr auffällig, sie war nur überreizt und am schreien. Nach der Bitte der Lehrer bin ich dann mit ihr zum Psychologen gegangen. Die Psychologen äußerte im ersten Gespräch schon den Verdacht auf Autismus und leitete die Diagnostik ein. Das das Wort Autismus ausgesprochen wurde, löste in mir eine riesen Erleichterung aus.Hört sich vllt blöd an, aber ich habe irgendwie gehofft, dass sich der Verdacht bestätigt, damit man endlich weiß, was Leonie's Probleme sind und wo man ansetzen kann und vor allem, damit ich Unterstützung und Tipps im Umgang mit ihr bekommen kann. Eine Erziehungsberatung hat nämlich nichts gebracht. Jetzt sind ein paar Tage seid der Diagnose vergangen und aus der Erleichterung wurden Vorwürfe. Warum bin ich nicht eher mit ihr zu einem Psychologen gegangen, es hätte ihr so einiges Leod erspart, wenn doch nur eher gewusst wurde, was mit ihr los ist. Immer wieder denke ich über alle Möglichen Situationen in den vergangen Jahren nach, wo Leonie echt sonderbar war und ich ihr mehr geholfen hätte mit Geduld und Verständnis, anstatt mit irgendwelchen Erziehungsmethoden und Konsequenzen. Ich habe mein Leben schon immer nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet und habe immer geschaut, dass sie ihre Rituale und eine reizarme Umgebung hat, aber ich denke immer, da wäre noch mehr gegangen. Ich weiß, diese Vorwürfe bringen nichts, aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie schwer sie es anscheinend oft hatte und selbst von ihrer Mutter nicht verstanden wurde. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Tochter erst jetzt so richtig verstehe, wo alle besonderen Verhaltensweisen , die sie schon immer an den Tag legte, plötzlich einen Sinn ergeben.

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Mango(Anna)
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Re: Atypischer Autismus

Beitrag von Mango(Anna) »

Hallo,

ich möchte dir doch mal antworten:

Bei mir wurde die Diagnose erst mit 19 Jahren gestellt. Das war nicht so leicht, denn man fragt sich immer "was wäre wenn". Für mich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nun mal so war und es gut ist, dass ich jetzt Hilfe bekommen kann.
Mit 7 steht sie noch am Anfang der Schulkarriere und ihres Lebens. Das ist toll, dass sie jetzt (im Vergleich mit mir) so früh Unterstützung bekommt und auf ihrem Weg ins Leben begleitet werden kann. An dir liegt es jetzt ihr zu zeigen, dass sie anders ist aber nicht falsch und einfach sie selbst sein darf.

Dem Verhältnis mit meiner Mutter hat es sehr geholfen, die Situationen aus der Kindheit vor dem Hintergrund des Autismus neu zu bewerten. Auch für mich war es gut zu wissen: Ich bin nicht "dumm" oder "unfähig", meine Probleme resultieren aus der Behinderung und für meine Möglichkeiten habe ich (u. a. dank der Diagnose dann) viel geschafft (fester Job, Partnerschaft, eigene Wohnung).

Falls du Englisch kannst, möchte ich dir gerne noch einen Buchtipp geben. Finde das ganz toll geschrieben zum Thema Beziehung Eltern-Kind und wie geht man mit einem autistischen Schulkind um. Es ist ein Roman und heißt "Autism goes to school" von Dr. Sharon Mitchell.

Wie geht sie denn mit der Diagnose um, hat sie das mitbekommen? (Falls sie irgendwann anfängt zu fragen finde ich so kleine Bilderbücher wie "All Cats have Aspergers Syndrome" und "Dude, I'm an Aspie" nicht schlecht.)

Es ist schön, dass du sie jetzt so viel besser verstehen lernen kannst und ihr werdet eine tolle gemeinsame Zeit vor euch haben.

LG Mango
2005- zentrale Koordinatiosstörung m. Störung der Motorik R27.8 G
2017- Asperger Syndrom F84.5
2020- Ticstörung, nicht näher bezeichnet F95.9
2020- Schallempfindungsschwerhörigkeit bds. H90.5 G B

SimoneChristian
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Re: Atypischer Autismus

Beitrag von SimoneChristian »

Sa Brina hat geschrieben:
21.11.2020, 02:37
Immer wieder denke ich über alle Möglichen Situationen in den vergangen Jahren nach, wo Leonie echt sonderbar war und ich ihr mehr geholfen hätte mit Geduld und Verständnis, anstatt mit irgendwelchen Erziehungsmethoden und Konsequenzen. Ich habe mein Leben schon immer nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet und habe immer geschaut, dass sie ihre Rituale und eine reizarme Umgebung hat, aber ich denke immer, da wäre noch mehr gegangen. Ich weiß, diese Vorwürfe bringen nichts, aber ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie schwer sie es anscheinend oft hatte und selbst von ihrer Mutter nicht verstanden wurde. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Tochter erst jetzt so richtig verstehe, wo alle besonderen Verhaltensweisen , die sie schon immer an den Tag legte, plötzlich einen Sinn ergeben.
Hallo,

du hast ihr so gut geholfen, wie du konntest.
Wir hatten die Diagnose zwar ein paar Jahre eher, aber dem Verständnis hilft das im Alltag bei mir auch nur bedingt weiter.
Die Welt da draußen ist auch nur bedingt zu verändern, weil gerade Schule kaum autismuskompatibel zu gestalten ist.
Bei uns gibt es besonders herausforderndes Verhalten zwar nur zu Hause, es sind aber klar Überforderungen, die aus dem Miteinander mit (zu) vielen anderen Menschen resultieren.
Sei es der andere Humor, die Geräuschkulisse oder die Lichtverhältnisse im Klassenzimmer.

Und wenn gelegentlich nur noch hochfrequent geschrien wird, platzt mir, trotz Gehörschutz für mich, irgendwann der Kragen; unter anderem, weil für mich der Auslöser eben nicht erkennbar ist und ich somit auch keine Abhilfe schaffen kann.

Unser Sohn war z.B. nicht im Kindergarten wegen dieser Überforderung, aber, auch für meine seelische Gesundheit, habe ich ihm immer wieder kleine Kindergruppen, Einkäufe, Schwimmbad und ähnliches zugemutet.
Das war für mich aber auch für ihn und seine Entwicklung enorm wichtig, auch wenn es den ein oder anderen denkwürdigen Zwischenfall gab.

Jetzt ist wichtig, dass die Schule aus der Diagnose die richtigen Schlüsse zieht und der Informationsfluss zu Gunsten deiner Tochter gut läuft.
Eventuell könnte da ein I-Helfer sinnvoll sein?!

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

Sa Brina
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Re: Atypischer Autismus

Beitrag von Sa Brina »

Hallo,

@ Mango :
Danke für die Buchtipps, hört sich interessant an :)
Sie kann mit der Diagnose nichts anfangen. Sie hat wohl nachgefragt, warum sie immer zu der Psychologin musste und ich habe es ihr so gut es geht erklärt, aber verstehen tut sie es nicht so wirklich. Sie ist sich ihrer Probleme auch gar nicht so wirklich bewusst.
Schön, dass du es geschafft hast, ein gutes und eigenständiges Leben zu führen :)

@ Simone:
Sie geht schon auf eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung von einer Klassengröße mit 7 Kindern und 3-4 Erziehern. Als sie in der Schule so auffällig wurde, war sie noch in einer anderen Klasse, mit 2 anderen Autisten, die sehr viel geschrien haben. Das wurde ihr einfach zu viel und sie war ständig überreizt. Ich musste ganz schön dafür kämpfen, aber jetzt hat sie die Klasse gewechselt . Sie ist jetzt in einer Klasse, wo sie besser reinpasst und zufrieden ist. Sie ist nämlich schon sehr " fit" und in der Schule total angepasst. Die neuen Lehrer sagten, sie sei eine Traumschülerin. Mit den Lehrern das Gespräch suchen, muss ich jetzt aber schon. Die wussten bis vor kurzem gar nicht, dass es zuhause oft so anders läuft, als in der Schule und hätten aufgrund ihres Verhaltens auch im Leben nicht damit gerechnet, dass sich der Autosmusverdacht bestätigt .

JennyK
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Re: Atypischer Autismus

Beitrag von JennyK »

Ich kann dich sehr gut verstehen. Beim Großen gab es ab ca. 4,5 massive Probleme im Kindergarten, auch in der Schule später war es schwierig. Wir haben viel probiert, Psychomotorik, Ergotherapie, Erziehungsberatung, Diagnostik beim Kinderpsychiater... so richtig klar war es nicht, was los war. Im SPZ wurde es als Erziehungsproblem betrachtet und auf die Geburt des kleinen Bruders bezogen. Die Auffälligkeiten waren aber schon 2Jahre vorher da... Erst der Hinweis einer Lehrerin und die dritte Diagnostik brachten den Verdacht auf, eine 4. Diagnostik hat es dann bestätigt. Da war er dann mittlerweile 11 Jahre alt...
Die Diagnose brachte Erleichterung, hat den Druck raus genommen, gleichzeitig aber auch die Vorwürfe, warum wir nicht früher darauf gekommen sind... das alles haben wir auch durch, aber letztlich kann ich nur sagen, dass er sich seitdem absolut super entwickelt hat. Wir haben uns viel Hilfe geholt, gerade seit der Diagnose vom Kleinen. Es ist anstrengend, aber es lohnt sich, zu kämpfen und die Kinder in ihrer Entwicklung eng zu begleiten. Schulbegleitung, Therapie, Pflegegrade, Familienhilfe, .... es entlastet uns und gibt uns die Möglichkeit, mehr Energie in die Kinder zu stecken.

Alles Gute euch! Dass sie in der neuen Klasse gut zurecht kommt, ist doch super.
Sohn 1 (2006), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (2013), Asperger Autismus, ADHS; PG 3; SBA 70 mit B, G, H

SimoneChristian
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Re: Atypischer Autismus

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo,

trotz Förderschule könnte eine I-Kraft noch mal deutliche Erleichterung bringen. Als Übersetzer von sozialen Situationen z.B. (bei uns gaaanz wichtig) in beide Richtungen, aber auch um einfach mal "Pause" von der Gemeinschaft zu machen.
Besonders eben in sehr sozialen Situationen, wie beim Essen z.B. und weil sie in der Schule ihre Bedürfnisse noch nicht so gut geltend machen kann.

Unser Sohn wäre auch auf einer Förderschule nicht ohne I-Kraft zurecht gekommen und macht jetzt immer noch keinen Schritt Richtung Schule ohne seinen I-Helfer, auch wenn er gut integriert ist und super mit der Klasse zurecht kommt.

Im Übrigen lernt mein Sohn völlig anders, als wir und die Lehrer oft denken. Schon im Kleinkindalter war uns nicht klar, wie er überhaupt Fähigkeiten erwirbt. Er scheint wenig durch Nachahmung zu lernen (das wird jetzt in der Schule jetzt aber deutlich besser) und ist eigentlich nie beim Üben zu überraschen.
Plötzlich kann er etwas Neues, oft auch über dem altersgerechten Niveau.
Gerade auf einer GE Schule würde ich also genau hin schauen, dass deine Tochter nicht unterfordert wird.

Ach so: auch an Höherstufung von Pflegegrad und SBA denken, falls da noch was zu hohlen ist.

Viele Grüße
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

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