Unser Sohn ist zu laut für einen anderen Gast

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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ElisaW
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Re: Unser Sohn ist zu laut für einen anderen Gast

Beitrag von ElisaW »

Hallo Simone,
das sind wohl verschiedene Ansichten, ich habe es nicht böse gemeint.

Ich bin ja selbst behindert (körperlich und seelisch). Aber habe auch meine Helferinnen angewiesen, dass sie die Situationen immer diplomatisch managen sollen. Natürlich gehört da aus meiner Sicht ein "Entschuldigung" dazu, wenn ich völlig verpeilt und überfordert jemandem aus Versehen im Baumarkt in den Weg fahre und er flucht weil er nicht ans Regal kommt wo er gerade drauf zugelaufen ist. Auch wenn ihn die paar Sekunden sicher kein echtes Problem machen, es hat zu Unmut geführt. Ich kriege das immer erst mit wenn meine Begleitung sich entschuldigt hat. Es ist eben nicht die Norm, einen Tunnelblick zu haben (wie bei mir).
Oder Fahrstühle können wir nur allein nutzen. Da gibts dann natürlich ein "Entschuldigung, aber mit Fremden auf engem Raum macht ihr zu viel Angst, vielen Dank" - auch wenn das Menschen sind, die ganz gut zu Fuß zu sein scheinen und gar keinen Fahrstuhl brauchen.
Wenn mir alles viel zu viel wird kriege ich nicht mehr wirklich mit was ich mache und weine, beisse mir auf die Lippen, tue mir irgendwie weh und wehre mich wenn mich auch nur eine Helferin oder mein Freund anfassen will um mich vor Verletzungen zu schützen oder zurück in die Realität zu holen. Das ist nicht laut, aber verstörend. Und natürlich sagen sie dann dem Zugbegleiter zum Beispiel oder anderen Leuten sorry, so und so, würden Sie bitte mehr Abstand halten, das würde helfen, vielen Dank...oder bringen mich aus der Situation raus wenn es räumlich möglich ist.
Inzwischen fahren wir eh kein Zug mehr.

Ist auch egal wenn andere offensichtlich selbst nicht angemessen reagieren können wie eben so ein Schreihals im Foyer. Dein Sohn hat (unabsichtlich) für Unmut gesorgt durch ein zumindest nicht ganz normales Verhalten und dafür sollte man sich dann entschuldigen, finde ich.

Ich finde man muss aufpassen sich nicht auf die Position zurückzuziehen, dass nur weil man selbst oder sein Kind behindert ist man eine Sonderstellung automatisch einfordern kann (mehr Toleranz!). Die gibt es oft und das ist dann total angenehm aber oft genug gibt es die auch nicht und in eurem Fall kann man es ihm ja nichtmal ansehen.

"Fehlerhaft" finde ich ein ungünstiges Wort. "Anders" ist wertfrei. Anders kann stören, der Mensch mag Gewohnheit und Verlässlichkeit.

Ich mache ja auch oft Fehler die ich gar nicht bemerke. Oder wie oft ich schon jemanden richtig verletzt habe mit Worten, weil ich Fragen falsch verstanden habe. Aus meiner Sicht werde ich dann unfair behandelt, aber musste lernen dass ich eben oft anders reagiere und verstehe und ein "Entschuldigung" schnell alles wieder besser macht. Mir tut dann nicht leid dass ich etwas falsch verstanden habe, wenn ich das nicht mit Absicht gemacht habe, mir tut dann eben leid, dass der andere sich was anderes gewünscht hat.

Also ich kann verstehen dass Du Dich von solch einem Verhalten angegriffen fühlst. Aber der Mann sieht das aus anderer Perspektive. Und der sollte sich auch entschuldigen.

Du kannst es ja mal ausprobieren wenn Du experimentieren willst einfach ein paar mal entschuldigen oder tut mir leid sagen wenn sich andere genervt fühlen und wenn Dir danach ist noch hinterherschieben, dass Dein Sohn behindert ist oder entwicklungsverzögert und es nicht versteht. Schwupp sind die Leute nett. Ausser ganz schlimme Knötterpötte, aber da hiflt dann eh nichts mehr.

Ich wünsch Dir eine gute Nacht und dass ihr noch einen schönen Urlaub habt wenn ihr noch dort seid,
Elisa

Anton09
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Re: Unser Sohn ist zu laut für einen anderen Gast

Beitrag von Anton09 »

Hallo,
man ärgert sich einfach über solche unnötigen Vorfälle. Eine persönliche Ansprache ist doch wenigstens drin. Man möchte sich auch nicht jeden Tag für die Behinderung seines Kindes entschuldigen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass alle immer drüberstehen. Manchmal platzt einem auch der Kragen vor so viel Hochmut und da gibt es eben mal einen Spruch zurück.
Genießt die Zeit mit euren Kindern, macht tolle Sachen als Familien, egal ob laut, verrückt usw. - denn die anderen Leute kannst du eh nicht ändern.

LG Frauke
Anton 30.01.2009, Therapie-refraktäre Epilepsie, fokal kortikale Dysplasie - epilepsiechirurgische Resektion, Shunt, Button, schwere psychomotorische Entwicklungsretardierung, zentrale Bewegungsstörung, interstitielle Duplikation im Xq-21.1 Gen, VNS-Implantation, PG 5 - ein Sonnenschein zum Verlieben

RikemitSohn
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Re: Unser Sohn ist zu laut für einen anderen Gast

Beitrag von RikemitSohn »

Hallo,
Mein Sohn war früher oft in Öffentlichkeit nicht altersgemäß "angepasst" und ich habe versucht ruhig und sachlich zu bleiben, aber bestimmt. Ein Passant hat ihm mal gedroht, dass er ihn gleich verprügelt. Ich bin dann nicht auch noch unsachlich geworden, sondern habe dem Herren nur sehr deutlich die Gesetzeslage geklärt und dass ich nicht davor zurückschrecke die Polizei zu holen. Diese Haltung einzunehmen schafft nicht jeder gleich gut, aber mir hat sie geholfen Situationen zu entschärfen und so auch an mir abprallen zu lassen.
Ein behindertes Kind und seine Angehörigen können Toleranz erwarten, aber sie haben keinen Freibrief. Das Problem mit dem Freibrief tritt aus meiner Erfahrung aber durchaus bei Familien von gesunden Kindern auf, die dann tatsächlich sehr unangenehm auffallen. Was es wahrscheinlich für die Eltern mit speziellen Kindern noch schwieriger macht, weil sie schnell in diese Schublade gesteckt werden.
Aus meiner Erfahrung ist es wichtig abzuwägen, wann ich mich versuche durchzusetzen und wann ich Rücksicht auf andere nehme. Käme ich mit meinem Sohn in ein Wartezimmer, in dem ein Mensch lautiert, würde ich nie verlangen, dass dieser Mensch zum Schweigen gebracht würde. Das würde ich von keinem Betreuer oder einer Mutter erwarten. Ich würde mich mit meinem Sohn, der Geräusche schlecht aushalten kann, nach draussen setzen und dort warten.
Dagegen war ich vor ein paar Tagen durch Corona in einer doofen Situation. Ein Mädchen mit GB kam auf mich zu und wollte Kontakt aufnehmen. Der Vater hätte früh eingreifen können, hat dies aber erst getan als das Kind bei mir war und somit beide ohne MNS vor mir standen. Ich habe nichts gesagt, aber da war ich sauer. Hätte ein anderer jetzt etwas gesagt, hätte sich der Vater mit der Behinderung seiner Tochter aus meiner Sicht nicht rausreden können.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

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Regina Regenbogen
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Re: Unser Sohn ist zu laut für einen anderen Gast

Beitrag von Regina Regenbogen »

ElisaW hat geschrieben:
18.10.2020, 21:20
Ist auch egal wenn andere offensichtlich selbst nicht angemessen reagieren können wie eben so ein Schreihals im Foyer. Dein Sohn hat (unabsichtlich) für Unmut gesorgt durch ein zumindest nicht ganz normales Verhalten und dafür sollte man sich dann entschuldigen, finde ich.

Ich finde man muss aufpassen sich nicht auf die Position zurückzuziehen, dass nur weil man selbst oder sein Kind behindert ist man eine Sonderstellung automatisch einfordern kann (mehr Toleranz!). Die gibt es oft und das ist dann total angenehm aber oft genug gibt es die auch nicht und in eurem Fall kann man es ihm ja nichtmal ansehen.

"Fehlerhaft" finde ich ein ungünstiges Wort. "Anders" ist wertfrei. Anders kann stören, der Mensch mag Gewohnheit und Verlässlichkeit.
Ich denke, es ist wichtig, einen guten Mittelweg zufinden. Mein Sohn war früher desöfteren auch unangemessen laut und unruhig, auch ihm sah man seine Besonderheiten nicht an. Natürlich habe ich mich auch im Umfeld angemessen entschuldigt, wenn ich gemerkt habe, dass er störte und mein Kind angehalten, sich ebenso zu verhalten und aus Kritik zu lernen. Allerdings hätte ich niemals bei einem Menschen wie im Eingangsbeitrag beschrieben, so unreflektiert eine demütige Büßerhaltung eingenommen -besonders nicht, wenn mein Kind anwesend ist. Was würde ich ihm damit vorleben, dass er fehlerhaft, unangenehm anders ist?

Man darf auch mit Behinderung (sichtbar oder unsichtbar) ein Selbstwertgefühl haben und sich nicht nur als störender und nervender Ballast am Rande der Gemeinschaft fühlen.

Mein Jüngster ist heute mit 17 ausgesprochen höflich und auf ein gutes soziales Miteinander bedacht, er kann konstruktive Kritik annehmen und umsetzen. Trotzdem kommt er immer mal wieder in Situationen, wo er alleine wegen seiner leicht sonderbaren Art von anderen Jugendlichen getriezt wird, völlig ohne Anlass, nur weil jemand anderes mit sich selbst unzufrieden ist. Heute nimmt er es cool und selbstbewusst, dreht sich zu der entsprechenden Person oder Gruppe um und fragt freundlich nach, welches Problem der- oder diejenige mit ihm hat/haben - ganz so wie ich es ihm vorgelebt habe. Wahre Nörgler verstummen dann meist, mit einigen anderen ergeben sich oftmals sehr konstruktive Gespräche mit Aha-Erlebnis auf beiden Seiten.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Martina Tinchen
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Re: Unser Sohn ist zu laut für einen anderen Gast

Beitrag von Martina Tinchen »

Hallo,
auch mein Sohn, fast 6, ist geistig und körperlich behindert. Er lautiert manchmal sehr laut, aber - gerade jetzt - muss er in der Öffentlichkeit eigentlich immer husten (er hat Reflux) und niesen.
Soll ich jetzt schreiben: “zum Gück“ ... sitzt er im Rehabuggy?
Ist ja kein Glück.
Im “Müller“ kam vor kurzem extra ein Mann von einem anderen Regal zu uns, um zu sehen wer sich da so Corona verdächtig aufführt.
Ich habe seine Reaktion gesehen (ich zucke innerlich ohnehin bei jedem Husterer meines Kindes in der Öffentlichkeit zusammen und lauere auf mögliche Reaktionen des Umfeldes) und wartete auf ein Anpampen. Keine Ahnung, was ich gesagt hätte, sicher nichts Nettes. Aber als er ihn im Buggy mit verschlossenem Verdeck sah, hielt er die Klappe.
Ich werde mich garantiert nicht für mein schwerbehindertes Kind entschuldigen.
Was ist die Norm? Vollidioten, die durchs Foyer plärren? Ja, dann bin ich froh, dass wir nicht dieser Norm entsprechend.
Da unser Kind sicher die anderen stört (wie oft stören mich “gesunde“ Menschen, ohne ein Wort der Entschuldigung!), haben wir vor Corona immer nur ein paar Tage in einem Familotel geurlaubt (und den fragend blickenden Leuten und Kindern erklärt, was los ist), seit diesem Sommer sind wir auf Ferienhäuser umgestiegen, da man da für sich ist.
Essen gehen wir seit 3 Jahren nicht mehr. Ich mag nicht mehr meine Lebensgeschichte erzählen.
Fazit: Wir machen unser eigenes Ding, machen Urlaub, aber versuchen möglichst, den Leuten aus dem Weg zu gehen oder eben für Kinder typische Ziele zu nutzen.
Lasst euch nicht unterkriegen.
💜
Wir mit 💜 *2014, mehrf. schwerstbehindert, 💗
*2014, 💙 *2018

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