Wohnheim behinderte Erwachsene

Zum Teil unterscheiden sich die rechtlichen und organisatorischen Strukturen zwischen Deutschland und den verschiedenen Nachbarländern erheblich. Hier in dieser Rubrik sammeln wir alle landesspezifischen Infos.

Moderator: Moderatorengruppe

Silvia & Iris
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 4051
Registriert: 20.03.2007, 18:32
Wohnort: Österreich

Re: Wohnheim behinderte Erwachsene

Beitrag von Silvia & Iris »

Hallo Bastelia,

Ja, das ist so gewesen, und wird - auch heute noch - so gesehen: auch normal entwickelte Kinder, so sagt man zumindest, ziehen nicht punktgenau zum 18. Geburtstag aus dem Haushalt der Eltern aus. Viele bleiben doch bis etwa 23, 24 Jahren den Eltern erhalten um sich auch finanziell genug anzusparen um alleine durchstarten zu können... auch die Ausbildungszeiten haben sich verlängert, selten sind junge Erwachsene heute wirklich schon so weit, dass sie zum 18. Geburtstag total unabhängig vom Elternhaus und ganz alleine leben...

Allerdings gibt es inzwischen bei jungen immobilen Erwachsenen, Pflegestufe 5 - 7, wo auch von den baulichen Gegebenheiten zu Hause keine Spur von behindertengerechter Ausstattung zu sehen ist, bzw. auch die Eltern (gesundheitlich) vielleicht mit über 60 Jahren (nachdem die Mütter immer älter werden auch ein Thema) gar nicht mehr in der Lage sind ihre gerade volljähirgen Kinder umfassend zu Hause zu betreuen...

Thema 24-Stunden-Kraft:
(wer hat schon ein Zimmer und extra Bad für eine weitere familienfremde Person in seiner Wohnung?) - vor allem auch durch den Pflegekräftemangel - wo gibt es denn adäquate Pflegekräfte die junge behinderte Erwachsene gut betreuen können? - Vor allem, wenn es hier um nonverbale, bewegungsunfähige, junge Personen geht... wo auch eine Freizeitassistenz aufgrund dessen nicht möglich ist usw...

Deshalb darf man nun, wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, einen jungen Erwachsenen bereits vor dem 25. Geburtstag für einen Platz in einer Wohneinrichtung anmelden. - Allerdings gibt es nicht gar so viele Plätze und häufig muss man da schon auf einige Listen stehen... (das Land NÖ hat nun aber erkannt, dass hier durchaus ein Bedarf gegeben ist und baut derzeit neue Einrichtungen, bzw. setzt bauliche Maßnahmen um den Großteil des Bedarfs abzudecken! - Im schulischen Bereich ist NÖ bei weitem schlechter aufgestellt, als bei den Wohnheimen...

Auch haben einige Einrichtungen schon Meldungen gemacht, dass es eben schier unmöglich ist, Klienten aufzunehmen im Alter von 40 Jahren und mehr, die bereits seit Jahren keine geregelten Tagesstrukturen mehr kennen, nie unter Menschen waren, und nur an der Seite ihrer (meist weiblichen) Eltern ihr Dasein gefristet haben, fernab von Tageseinrichtungen oder gar Wohnheimen... Häufig diente in diesen Situationen das Pflegegeld als Lebensgrundlage für Mutter und Kind... (Mütter häufig ohne Erwerbstätigkeit, wenn sie in der Landwirtschaft geholfen haben, so waren sie nicht versichert... und diese Zeiten und auch das dadurch bedingte Einkommen damals sind nirgends erfasst und registriert, diese Landfrauen haben so keinen Pensionsanspruch erworben, selbst, wenn sie in jeder Saison am Acker gestanden sind, das behinderte Kind im Schatten eines Busches abgelegt war...

Ja, da hat sich schon einiges getan...
und nun ist es so, dass all jene, die so fit sind, dass sie in einer Werkstatt arbeiten können, ihr Pflegegeld nun als "Lohn" ausbezahlt erhalten, mit allen daraus erwachsenden Begleiterscheinungen... - sie müssen nun alle daraus erwachsenden Lohnnebenkosten auch damit abdecken (KV, PV, AV...) - es bleibt nun unterm Strich weniger, als vorher... Da sich dadurch also keine Änderungen im Staatshaushalt abzeichnen, wird das politisch auch nicht weiter thematisiert... damit wird nun die UN-Menschenrechtskonventionen gnüge getan...

Behindertensprecher in Einrichtungen müssen verbal unterwegs sein, es kann also durchaus vorkommen, dass es in manchen Einrichtungen diese gar nicht gibt - weil eben alle Klienten nonverbal sind... und PS 6 - 7 eingestuft wurden... (hier kämpfen wir ja auch gerade, damit zumindest eine gewissen Durchmischung entsteht...) Ist es ja auch so, dass die Heimordnungen vorsehen, dass gewisse Tätigkeiten doch von den Bewohnern einer Wohneinrichtung selbst auszuführen sind (Wäsche einräumen, Geschirrspüler einräumen...) - und so die Zeiten für solche Tätigkeiten, welche hier durch die Betreuer verrichtet werden müssen, nirgends einkalkuliert werden...

... so, jetzt habe ich doch ein paar Punkte angerissen... - vielleicht helfen sie dir weiter?
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

gilek
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 12
Registriert: 03.04.2014, 12:01

Re: Wohnheim behinderte Erwachsene

Beitrag von gilek »

Hallo,
vielen Dank für den link.
Ja, ich finde es auch unglaublich, dass es jetzt in NÖ (ob das nur für NÖ gilt, weiß ich nicht), dass man "schon" mit Beendigung der Schulpflicht in einer Wohneinrichtung aufgenommen werden kann. Ich hab vor ca. 3 Jahren mit dem Land NÖ telefoniert und mir wurde als Grund dafür genannt, dass jeder junge Mensch bis 27 Jahre von seinen Eltern abhängig sei. Ich hab damals sehr deutlich meine Meinung zu diesem unglaublichen Blödsinn kundgetan - aber das geht dort bei einem Ohr rein und beim anderern raus.
Es wurde aber offenbar auch noch was anderes geändert - das fehlt allerdings in der Pressemitteilung. Und zwar war es bis vor Kurzem möglich, einige Stunden in einer Wohneinrichtung betreut zu werden. Z. B. haben das Eltern oder pflegende Angehörige in Anspruch genommen, die um 16 Uhr (wenn die behinderten Menschen mit dem Werkstatt-Bus gebracht werden), nicht immer zu Hause sein konnten. Das wurde offenbar im Zuge dieser Änderung abgedreht. Ich muss mir deshalb eine 24-Stunden-Pflege nehmen, denn ich hab leider niemanden im Haus, der meine Tochter um 16 Uhr übernehmen kann - ich bin berufstätigt bzw. habe halt Termine wie jeder Mensch oder ich könnte mich ev. auch verspäten und nicht um 16 Uhr, sondern ev. 10 min. zu spät kommen. Ich habe dem Land Nö Diese Problematik erklärt und konkret gefragt, was ist, falls ich mich wegen Stau, Unfall, (aus unvorhergesehenen Gründen halt), verspäten würde. Was der Fahrer dann mit meiner Tochter zu tun gedenkt. Denn sie kann nicht alleine bleiben - er muss sie mir übergeben. Mir wurde mitgeteilt, dass dieser Fall nicht vorgesehen ist. Der Fahrer würde weder auf mich warten, noch meine Tochter wieder mitnehmen noch sie zu einer anderen Adresse bringen. Und auch im Notfall in keine Wohneinrichtung bringen. Da war ich echt sprachlos. Mir wurde als Lösung empfohlen, meine Tochter in eine vollstationäre Einrichtung zu geben. Vor ca. drei Jahren (nach Schulende meiner Tochter) wurde genau das vom Land NÖ ausgeschlosen "erst mit 27 Jahren". Damals hab ich gefragt, was denn wäre, wenn ich sie nicht mehr pflegen könnte. Die Antwort war "wissen wir auch nicht".
Tja - die 24-Stunden-Pflege muss ich tageweise zahlen. Egal, wie viel meine Tochter da ist und egal, wie viel die zu tun hat.
LG

gilek
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 12
Registriert: 03.04.2014, 12:01

Re: Wohnheim behinderte Erwachsene

Beitrag von gilek »

.... der Unflexibilität des Landes NÖ ist es auch zu verdanken, dass meine Tochter 3 Jahre nach Schulende noch in keiner Werkstatt war. Denn der Bus würde sie ausschließlich zur Wohnadresse bringen. Ich hatte bis 3/20 allerdingse eine stundenweise Betreuung außer Haus (5 km entfernt). Es wäre unmöglich gewesen, dass der Bus sie dort hinbringt. Eine 24-Stunden-Pflege konnte ich mir nicht leisten und eine Wohnheimaufnahme wollte ich nicht bzw. war nicht notwendig, weil ich ja eine verlässliche Betreuung hatte.
Es stimmt, das manche Mütter aus Kostengründen vor einer Heimaufnahme zurückschrecken. Wer nimmt sie denn nach 20 Jahren Pflege? Wie fit sind sie noch? Oftmals besteht nicht mal ein Anspruch beim AMS (da offiziell "nicht gearbeitet"). Und wenn die dann auch noch alleinstehen sind,.. Wovon sollen sie leben? Von der Sozialhilfe? Pensionsanspruch haben sie auch nicht, denn viele beantragen aus Unwissen keine Pensionsversicherung für pflegende Angehörige und falls doch, dann war die Beitragszeit sowiezu zu kurz. Altersarmut vorprogrammiert.
Diese Dinge wären mal eine APA-Meldung wert.

gilek
Mitglied
Mitglied
Beiträge: 12
Registriert: 03.04.2014, 12:01

Re: Wohnheim behinderte Erwachsene

Beitrag von gilek »

Hallo Bastelia,

stimmt, meines Wissens darf man sein Kind tatsächlich nur 62 Tage im Jahr sehen.

Da die Klienten in den Werkstätten max. 50 freie Tage haben, sind das plus Wochenenden (52 x 2 Tage = 104 Tage) ingesamt 154 freie Tage (sogar mehr, denn Feiertage gibt's ja auch...) von denen der Klient 92 in der Einrichtung verbringen muss - mit den Feiertagen dürften es dann an die 100 Tage sein.
Und so wie ich das Land kenne, würden sogar Arzt- und Krankenhausfahrten, die ich übernehmen musss, da sie die Wohngruppe wegen Personal- und Budgetmangel (viele Wohngruppen sind ja vormittags nicht mal besetzt) nicht übernimmt, zu diesem Kontingent der 62 freien Tage zählen.

Silvia & Iris
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 4051
Registriert: 20.03.2007, 18:32
Wohnort: Österreich

Re: Wohnheim behinderte Erwachsene

Beitrag von Silvia & Iris »

Hallo ihr Lieben,

habt ihr noch offene Fragen?
- Ich habe jetzt den ersten Termin (Mitte August) und kann nun Fragen stellen an die Personen vor Ort, die bereits die Neuerungen kennen müssten und mir meine Fragen bzgl. Wohnheim NÖ (Pflegestufe 6 und 7) beantworten können.
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

Antworten

Zurück zu „Österreich, Schweiz und Nachbarländer“