Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

AnnaMaria72
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 4
Registriert: 22.06.2020, 22:48

Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von AnnaMaria72 »

Grüß euch, ihr lieben Menschen!

Mein Sohn legt sehr großen Wert auf Selbstbestimmung, was ich sehr gut verstehe und auch gern respektieren möchte, da es mir selbst auch so geht. Auch ich gehe nicht mit jedem Wehwehchen zum Arzt, manches geht von allein weg, anderes wird von Ärzten nicht ernst genommen, oder es wird, statt an den Ursachen zu arbeiten nur an den Symptomen gearbeitet, alles was ich hab ist gleichbleibend, egal ob ein Arzt was davon weiß oder nicht... Hach, seufz. Geh mir weg mit Ärzten. :(
Nun hat sich aber bei meinem Jungen in den letzten Jahren eine Gehbehinderung eingeschlichen. Als das vor 5 Jahren mit Schmerzen angefangen hat, waren wir tatsächlich mal bei einem Orthopäden. Der hat meinen damals 8jährigen Sohn ohne Untersuchung weggeschickt, weil dieser Arzt von einem Kind ein respektvolleres Verhalten erwartet hat. Artig aufstehen und höflich grüßen, wenn der Arzt reinkommt, Blickkontakt, sofortige Antwort auf eine Frage. Kam nicht, mein Sohn wurde als Patient abgelehnt, und seitdem weigert er sich, zu Orthopäden zu gehen. Aus den ursprünglichen Schmerzen ist inzwischen eine Muskelverkürzung geworden, die meinen Jungen aber nicht stört. Es macht ihm nichts, und er versteht nicht, was es andere Menschen angehen könnte, wenn nicht daran herumtherapiert wird.
Wie erwähnt, verstehe ich ihn da sehr gut. Andererseits muss ich befürchten, dass die Online-Beschulung vielleicht nicht weiterbewilligt wird, wenn dem Jugendamt bekannt wird, dass es außer dem Autismus noch andere Probleme gibt, die - ich weiß inzwischen, wie beim Jugendamt gedacht wird - nicht entstanden wären, wenn der Junge Schulsport bekommen hätte (Sportunterricht hatte er auch vorher nie, den Versuch hätte kein Lehrer unternehmen wollen). Im Grunde geht es nur genau darum. Ich würde so gern zumindest nachweisen können, dass ich mich drum gekümmert und ihn einem Orthopäden vorgestellt habe.
Hat jemand eine Idee, wie ich das am besten bewerkstelligen kann? - Meine aktuelle Idee ist, erstmal in Orthopädenpraxen anzufragen, ob die Ärzte dort überhaupt bereit sind, Autisten zu untersuchen, die nicht selbst was sagen. Vielleicht lässt sich mein Sohn nochmal auf eine Konsultation ein, wenn er die Zusicherung hat, dass sein Schweigen vom Arzt nicht als bösartig angesehen wird. Wie ich ihn allerdings davon überzeugen soll, dass seine Gehbehinderung nichts ist, was er einfach so ganz gleichgültig akzeptieren kann... Da fällt mir endgültig nichts ein.
Falls jemand Lust hat, ein bisschen zu brainstormen, würde ich mich sehr freuen.

Ganz liebe Grüße!

Anna

Benutzeravatar
Regina Regenbogen
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 7819
Registriert: 12.07.2008, 18:37
Wohnort: Ostfriesland

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von Regina Regenbogen »

Jetzt mal abgesehen vom Orthopäden: Ihr wart in den ganzen 5 Jahren bei keinem Arzt, auch nicht dem Kinderarzt, dein Sohn hat keine Physio bekommen und überhaupt keinen Sport gemacht, auch nicht zu Hause zusammen mit dir oder jemand anderem?
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3963
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von Alexandra2014 »

Hallo Anna,

ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man sich 5 Jahre nicht um die Schmerzen des eigenen Kindes kümmern kann.
Ja, Autisten sind gern selbstbestimmt und ich lasse das auch soweit zu, wie das möglich ist. Es gibt aber Grenzen. Solche Schmerzen, die zu Schonung und Verkürzungen von Muskulatur und damit zu einer Gehbehinderung führen, gehören für mich zu solch einer Grenze.
Dass ihr an einen derart unempathischen Orthopäden geraten seid (wusste er überhaupt vom Autismus?) ist schade, würde mich als Mutter aber nicht davon abhalten, meinem Kind zu helfen.
Dann sucht man sich einen anderen und gut ist.

Stell dir vor, es wäre eine Leukämie. Würdest du da auch zulassen, dass er nicht behandelt wird, weil er nicht möchte, dass an ihm „herumtherapiert“ wird.
Dein Sohn hat doch auch, als Kind, gar keine Vorstellung, was das für seine Zukunft bedeuten kann, wenn man „nichts“ macht. Er kann das nicht entscheiden, das ist deine Aufgabe.

Du scheinst schlechte Erfahrungen mit einzelnen Ärzten gemacht zu haben. Übertrage das nicht auf deinen Sohn.

Wenn das Jugendamt das mitbekommt, ist glaube auch mehr Gefahr in Verzug, als dass nur der Onlineunterricht gestrichen werden könnte.
Kümmere dich bitte. Und damit meine ich nicht nur eine Vorstellung beim Orthopäden...

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

Benutzeravatar
Engrid
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 15000
Registriert: 24.10.2011, 10:36

Beitrag von Engrid »

Hallo Anna,

der Besuch beim Orthopäden ist natürlich sehr unglücklich gelaufen. Ich habe bei meinem Junior (der auch so ein Autonomer ist) schon ähnliche Probleme gehabt mit Verweigerung von Arztbesuchen. Und auch mit unmöglichen Ärzt*Innen.
Ich habe allerdings eine etwas andere Einstellung dazu, und ich glaube das überträgt sich massiv.

Mit einer grundsätzlichen Arztverweigerung durchs Leben zu gehen (oder auch nur einer grundsätzlichen Orthopädenverweigerung, zunächst) kann ziemlich gefährlich werden und wird ihm, ganz nüchtern betrachtet, auf lange Sicht schaden.
Ich habe es bisher immer geschafft, entweder im Vorfeld einen Arzt zu finden, der sich auf Juniors Besonderheiten (die auch sehr unfreundlich daherkommen können) einlässt. Oder mit Junior in der Vorbereitung einen Weg gefunden, dass er den Arztbesuch mittragen kann. Oder beides.

Es gibt tausende Orthopäden in diesem Land, Ihr werdet einen finden, der für Deinen Sohn soweit passt, einen der tolerant genug ist oder sogar Erfahrung mit Autisten hat.

Wenn es Dir nur darum geht, fürs Jugendamt nachweisen zu können, dass Dein Sohn orthopädisch betreut wird, wirst Du Deinen Sohn - glaube ich jedenfalls - nicht überzeugt bekommen.
Vielleicht kann man aber trickreich „gemischt“ argumentieren. So a la „wir suchen einen vernünftigen Orthopäden, nötig erstmal der Form halber, vielleicht haben wir ja Glück und es ist auch noch ein guter ...“.
Ich habe bisher von jeder „Sorte“ Facharzt welche gesehen, mit denen es mit Junior gar nicht klappt (inklusive entsprechender „Auftritte“), oder eben ganz verblüffend entspannt klappt.
Die Mutter - oder wer sonst die Rolle innehat- als Vertraute, Dolmetscher und Bodyguard spielt da eine ziemlich wichtige Rolle, mitsamt der inneren Einstellung.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Nadine94
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1187
Registriert: 31.01.2013, 15:15
Wohnort: Österreich

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von Nadine94 »

Hallo. Hast du deinen Sohn schon mal gefragt, wieso er nicht zum Arzt will? Ich kenne das bei mir auch sehr gut dass ich Arzttermine oft rausschiebe. Vielleicht hilft es, wenn er den Arzt vorher kennenlernen kann und dazu dich als Vertrauensperson dabei hat? ich gehe z.b. auch nicht zum Arzt ohne meine Bezugsbetreuerin dabei zu haben, die gibt mir dabei Sicherheit.

LG
Nadine
1994, blind, leicht autistisch, kleinwüchsig und andere Besonderheiten

der kleine kurt
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 446
Registriert: 08.07.2012, 15:06

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von der kleine kurt »

Hallo!

Ich weiß nicht ob Dir klar ist wie es sich hier als Außenstehender liest, wenn Du lapidar schreibst, dass Dein Kind sehenden Auges eine Gehbehinderung entwickelt hat. Es ist schon ein starkes Stück, unter dem Label "Selbstbestimmung" einem 8-Jährigen die Verantwortung für die eigene Gesundheitsvorsorge aufzuladen. Leider haut sowas genau in die Kerbe derjeniger, die Heimbeschulung ablehnen, damit die Kinder nicht unter dem Radar laufen.
Konnte der Kinderarzt Euch denn bei der U- bzw. J-Untersuchung keine Tipps geben? Oder lasst ihr die auch weg?

Es schwingt mit, dass Du selbst die Haltung deines Kindes eigentlich gar nicht so verkehrt findest, daher wird es schwierig, da jetzt die "normalen" Vorgehensweisen anzuraten (man geht zum Arzt, evtl. Physio, ihr macht zusammen Sport oder feste Gymnastikeinheiten zuhause, Kind macht einen Sport, ggf. Fahrradfahren usw.), da diese offenbar wohl auch für Dich nicht in Frage kommen.

Wenn es gar nicht darum geht, dem Kind weitere gesundheitliche Einschränkungen abzuwenden, sondern nur darum, pro forma bürokratischen Anforderungen genüge zu tun, dann ist deine Idee, einen Arzttermin zu vereinbaren, da hinzugehen und danach einen Haken dran zu machen wahrscheinlich die einzig in Frage kommende.

Wenn es wirklich so ist wie ich es verstehe, dass da niemand mit im Boot ist und sich keiner gekümmert hat in den letzten 5 Jahren, dann grenzt das für mich an Vernachlässigung.

Viele Grüße
Kurtine

der kleine kurt
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 446
Registriert: 08.07.2012, 15:06

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von der kleine kurt »

Edit:
Habe gerade erst noch Eure Vorstellung gesehen: Die Befürchtung, dass manches als Vernachlässigung gesehen werden kann, ist wohl nicht ganz unbegründet... Wenn sich Euch da jetzt die Augen öffnen, ist es ja vielleicht noch nicht zu spät, da bei einem 13-Jährigen jetzt noch korrigierend einzuwirken.

LovisAnnaLarsMama
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1479
Registriert: 12.10.2016, 22:23
Wohnort: OWL

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von LovisAnnaLarsMama »

Hallo,
mein Großer hat auch panische Angst vor Ärzten. In dieser Beziehung bin ich aber etwas fies: was muss, das muss- gerade bei Angst ist es kontraproduktiv, wenn man nur wartet.
Habt ihr einen Hausarzt/ Kinderarzt, den dein Sohn evtl. akzeptiert?
Eventuell hätte er mit Physio kein Problem- das ist ja kein Arzt. Ich würde einen guten Physiotherapeuten drauf schauen lassen- das kann unter Umständen besser sein als ein Orthopäde.
Lg
Meine drei kleinen Wunder: Wunderkind (2009), Schneckenkind (2011) und der kleine Bruder (2015): Hemiparese, expressive Sprachenwicklungsstörung, Epilepsie und diverse Baustellen nach Asphyxie/Frühgeburt

Anjali
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3144
Registriert: 15.02.2008, 11:15

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von Anjali »

Hallo,

Du bist doch sicherlich auch persönlich (und nicht nur in Vermeidung kritischer Nachfrage des Jugendamtes) daran interessiert, dass dein Sohn gesund und ohne Schmerzen aufwächst.
Vermittle ihm unbedingt auch diese persönliche, fürsorgliche Botschaft.

Dein Sohn hat -verständlicherweise- ein negatives Bild von Ärzten.
Nun liegt es an dir, dieses Bild auch positiv zu besetzen.
Ärzte sind Helfer, die man sich zur Seite stellt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.
Mit einem Arztbesuch tut man etwas für sich, nicht für andere.

Ihr seid damals leider an einen unsensiblen Arzt geraten, der vielleicht auch nicht über die Besonderheiten deines Sohnes informiert war?
Diese negative Erfahrung kann man leider nicht revidieren.
Aber man könnte aktiv etwas dafür tun, dass sich solche Erfahrungen nicht wiederholen müssen.

Man muss nicht ohnmächtig ausgeliefert sein, man kann selbst die Zügel in der Hand halten.
Man kann sich vorbereiten, einen Plan machen (und einen Plan B parat halten).
Das wäre (für mich) eine wichtige Botschaft an mein Kind.

Die Ärzte im Vorfeld zu informieren, finde ich eine gute Idee.
Und auch während einer Konsultation kann man ja vermittelnd einschreiten.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (19 Jahre / Asperger-Autist)

HeikeLeo
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 1010
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Re: Pubertierenden Autisten zum Arztbesuch bewegen

Beitrag von HeikeLeo »

Liebe Anna,
Im Grunde geht es nur genau darum. Ich würde so gern zumindest nachweisen können, dass ich mich drum gekümmert und ihn einem Orthopäden vorgestellt habe.
viele Praxen nehmen keine neuen Patienten an bzw. haben Aufnahmestopp. Das macht schon die Praxishilfe.
Bei uns z.B. hat sich die Autismusdiagnosik mindestens um ein Jahr verschoben, weil die einzige Praxis im weiten Umkreis, die so etwas macht, Aufnahmestopp hatte. Das hatten wir auch schriftlich bestätigt. Und wir wohnen in einem Ballungsraum! Die schriftliche Bestätigung haben wir auch tatsächlich gebraucht und benutzt.
Zur jetzigen Zeit ist es wahrscheinlicher eine Praxis zu finden, die Aufnahmestopp hat, als eine, die ganz willig ist. DAS ist dann schon mal etwas.

Ansonsten ist vielleicht eine Idee, gleich zur Erstvorstellung einen Hausbesuch zu erbetteln. Mit dem Ansinnen trennt sich schon mal gleich Spreu vom Weizen. In Facharztpraxen, wo Hausbesuche von vornherein ausgeschlossen sind, ist mit Entgegenkommen eher nicht zu rechnen. Da hättest Du schon mal einen Ansatz, für den Fall, dass Sohn doch hingehen würde.

Viele Physiotherapeuten/Physiotherapeutinnen machen auch selbst Diagnostik. Gerade wenn funktionelle Dinge betroffen sind, ist ein physiotherapeutischer Fachmensch eventuell sogar der richtigere Ansprechpartner.
Suche mal nach Schulen für Physiotherapie - da gibt es öfters Praktika in der Schule für die Auszubildenden unter Aufsicht der Lehrkräfte und dort kennt man auch die umgebende therapeutische Landschaft.

Liebe Grüße
Heike

Antworten

Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“