Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

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MajaA
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Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon MajaA » 30.12.2019, 10:11

Hallo!

Nathan, 10 Jahre alt, ist Asperger-Autist und geht seit Sommer aufs Gymnasium. Die Schule ist total bemüht, zudem hat er eine Schulbegleitung, die ihn sehr einfühlsam durch Problemfelder steuert... läuft also alles schick. Gerade deshalb habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dauernd zu den Lehrern renne, um meinen Sohn zu erklären.
Gerade habe ich folgendes Problem in Englisch: Nathan hat vor den Ferien seine erste Sprechprüfung gemacht- eine 2, was echt prima ist und definitiv des Gesprächs mit dem Lehrer nicht wert.
Trotzdem kann ich mir nicht helfen- mich stört die Begründung, warum er keine 1 bekommen hat: seine Lehrerin meinte zu ihm, er hätte: a) zu undeutlich und leise gesprochen und b) zu kompliziertes Englisch benutzt. Dooferweise ist beides mit dem Autismus verknüpft: Nathan ist sich der Wirkung seiner Rede auf andere nicht bewusst, teilweise verlässt er auch den Raum, während er noch spricht- dass er immer leiser und nuscheliger wird, merkt er überhaupt nicht, er ist dann so in sich und die Materie versunken, dass er das nicht mitbekommt. Noch schwieriger ist das mit dem komplizierten Englisch: Englisch gehört halt zu seinen Spezialinteressen, er verbringt einen Großteil seiner Freizeit mit dem Schauen englischsprachiger Wissenschaftsfilme, daher hat er halt einen anderen Wortschatz als seine Klassenkameraden. Da bewusst wahrzunehmen: Oh, das hatten die anderen noch gar nicht, da schraube ich das Niveau dann mal runter? Das könnte doch nicht mal ein neurotypisches Kind, und mein autistischer Sohn, der von den anderen ohnehin immer wenig "merkt", erst recht nicht.
Was würdet ihr jetzt machen: die 2 einfach schlucken und sich denken, sind Sprechprüfungen halt nicht sein Fall, oder doch wieder hintoben und das nochmal erklären? ich will nicht die nervige Übermutter sein, andererseits denke ich auch, vielleicht lieber gleich sagen, dann ist das für die Zukunft klar...
Danke für euren Rat!

Liebe Grüße
Maja
Maja (10/1974)
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Regina Regenbogen
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon Regina Regenbogen » 30.12.2019, 10:29

Moin!
Gerade deshalb habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dauernd zu den Lehrern renne, um meinen Sohn zu erklären.
Warum macht das nicht die Schulbegleitung?
Gerade habe ich folgendes Problem in Englisch: Nathan hat vor den Ferien seine erste Sprechprüfung gemacht- eine 2, was echt prima ist und definitiv des Gesprächs mit dem Lehrer nicht wert.
Trotzdem kann ich mir nicht helfen- mich stört die Begründung, warum er keine 1 bekommen hat: seine Lehrerin meinte zu ihm, er hätte: a) zu undeutlich und leise gesprochen und b) zu kompliziertes Englisch benutzt. Dooferweise ist beides mit dem Autismus verknüpft
Du baust jetzt schon Druck auf (dein Sohn ist jetzt in der 5. Klasse?), weil dein Kind "nur" eine 2 bekommt? Ich kenne genug Kinder, die auch ohne Autismus nuscheliges und/oder fachspezifisches Englisch sprechen. Diese Sprechprüfung ist keine Abschlußprüfung, sie dient dazu, die Kinder auf Problemstellen hinzuweisen, damit die Kids da was verbessern können.

Ich würde meinem Kind nicht gleich zu Anfang des Gymnasiums vermitteln, dass es nicht gut genug ist - zumal gerade Autisten zu Perfektionismus neigen.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

AnnalenaO
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon AnnalenaO » 30.12.2019, 10:40

Hallo Maja!

Meine Meinung: lass die Note so stehen und besprich die Punkte mit deinem Sohn. Wenn er auf so hohem Niveau unterwegs ist dann kann er das lernen es anders zu machen. Langsam vielleicht, aber es ist nicht unmöglich und einen Versuch wert. Sieh es doch als Chance für ihn an seinen Schwierigkeiten zu arbeiten. Mein Sohn hat schon so vieles durch erklären gelernt was ich nie gedacht hätte. Sieh es als Chance und trau ihm das zu. Natürlich musst du ihm das einfühlsam erklären nicht nach dem Motto: wenn du immer so rumnuschelst bekommst du nie ne 1, sondern eher: stell dir vor, die Kinder im Raum möchten auch hinten hören was du zu sagen hast, versuch doch wenn du nächstes Mal vorne sprichst dir ein Kind in der letzten Reihe auszusuchen dem du was erzählen magst. Und auch mit dem komplizierten Englisch, das kann man ihm schon klar machen dass die anderen Kinder da ein anderes Niveau fahren, das ist bei meinem Sohn nämlich das Gleiche. Und wenn er es dann beim nächsten Mal wieder nicht schafft? So what? Mit ihm drüber lachen und es beim nächsten Mal wieder versuchen!
Mein Sohn hat in der 1. Klasse im Sitzkreis höchstens dem Boden ganz kurz was erzählt wenn überhaupt. Vorne stehend hat er sich nur vor und zurück gewiegt, Hände gerungen und zum Fenster raus erzählt. Das ist jetzt mittlerweile viel besser geworden. Die Jungs können das lernen.

Liebe Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
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Alexandra2014
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon Alexandra2014 » 30.12.2019, 10:42

Hallo!

In meinen Augen hat das „Bemängeln“ einer Note in diesem Fall nichts damit zu tun, dass das Kind nicht „gut genug“ ist.

Das was die Lehrerin von ihm verlangt, kann er nicht, aufgrund des Asperger Autismus, weil er es gar nicht reflektieren kann.
Die Lehrerin bemängelt also etwas an ihm, was er gar nicht nachvollziehen kann und vor allem nicht ändern kann (weil er es nicht bemerkt).
Zu gutes Englisch darf kein Nachteil sein. Von einem muttersprachlichen Engländer würde sie doch auch nicht verlangen, sich auf das zu reduzieren, was die anderen schon können.

Ich an deiner Stelle würde das auch freundlich und sachlich klären. Einfach darauf hinweisen, dass das dem Autismus geschuldet ist und er es selbst gar nicht merkt, dass ihr daran arbeitet, das aber nicht bedeutet, dass er das von heute auf morgen abstellen kann.
Man sieht ja dann, wie sie darauf reagiert. Wahrscheinlich ist es ihr gar nicht bewusst.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Alexandra2014
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon Alexandra2014 » 30.12.2019, 10:50

Nochmal ich: es ist nur schwer möglich, sich sprachlich auf ein Niveau zu begeben, das man nicht kennt. Wie soll er denn einschätzen, was die andere können, wenn er selbst schon viel weiter ist?
Das ist als NT schon richtig schwierig (spreche da aus Erfahrung), als Autist, der selten über seinen Tellerrand schaut, noch um einiges mehr.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon AnnalenaO » 30.12.2019, 10:54

Hallo nochmal, hab grad Reginas Beitrag gelesen und ja, ganz wichtig: mach ihm klar dass ihr das nicht übt damit er eine 1 schafft! Das ist bei meinem zumindest das A und O: die Note die rauskommt ist völlig egal. Du gibst dir Mühe, das langt. Es gibt tausend Sachen die passieren können, du missverstehst was oder sonst was. Wir schauen hinterher was los war und üben das. Du gewinnst dadurch nur! Du kannst dich durch „Kritik“ nur verbessern, Kritik ist nichts was böse gemeint ist sondern eine Chance sich weiterzuentwickeln. Und vielleicht machst du nächstes Mal das jetzt kritisierte besser und was anderes nicht optimal? Macht doch nichts? Nobody is perfekt! Und eine Note ist nichts weshalb man sich aufregen muss, erst Recht keine 2!!!
Viele Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon MajaA » 30.12.2019, 11:11

Vielen Dank für eure Antworten!

Mir geht es echt nicht um die Note, Nathan ist lange nicht in jedem Fach Spitze, und weder ihn selbst noch mich stört das in irgendeiner Weise. Er weiß natürlich, welche Bedeutung die Noten haben, aber letzten Endes sind es für ihn immer noch Zahlen auf einem Papier, die ihn gar nicht direkt beeinflussen.
Mich stört halt nur, dass das, was sie bemängelt, Dinge sind, die er aufgrund seines Autismus so nicht ändern kann, jedenfalls jetzt nicht. Dass er kontinuierlich dazulernt, und dass man ihm deshalb solche Dinge sagen muss, ist mir klar.
Wahrscheinlich spreche ich die Lehrerin einfach mal an... zum Glück sind an der Schule wirklich alle supernett und interessiert, da haben wir echt Glück.

Liebe Grüße
Maja
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon AnnalenaO » 30.12.2019, 11:13

Hallo Alexandra!

Doch, mein Sohn geht ja in den Englischunterricht in der Klasse und weiss schon was die da machen und weiss auch welche Vokabeln in dem Unit dran sind und welche davor dran waren. Er kann schon auseinanderhalten ob er gerade auf englisch chattet und da fachsimpelt oder ob er im Unterricht spricht. Englisch 5. Klasse da gibt es einfach gar keine komölizierten Wörter oder Fachwörter. Da kann man schon sich etwas anpassen. Meine Meinung jedenfalls.
Viele Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon RikemitSohn » 30.12.2019, 11:15

Hallo,

ich würde definitiv nicht zur Lehrerin gehen. Es gibt für die Zwei ja eine Begründung. Wenn dein Sohn genuschelt und leise gesprochen hat, dann ist das keine EIns. Auch dieser Bereich gehört zur Bewertung. Da dein Sohn mit einer Zwei eine gute Note hat, würde ich das hinnehmen. Ich würde bei den Problemen einhaken, bei denen dein Sohn wirklich leidet und Leistung autismusbedingt nicht erbringen kann.
Ich bin bei einer ungerechten Note noch nie zum Lehrer gegangen. Solange so etwas nicht die Versetzung gefährdet, kann man das als Übungsfeld nehmen. Ich rede mit meinem Sohn darüber und erkläre ihm, dass es im Leben nicht alles fair ist. Und man schauen muss, wo es wichtig ist sich aufzuregen. Als er gemobbt wurde , war ich sofort in der Schule, denn das halte ich für wichtig. Das solltest du für deine Nerven auch sortieren lernen, denn sonst wirst du in den nächsten Jahren viel zu tun haben und bei wirklich wichtigen Dingen hört dir keiner mehr zu.
Zusätzlich gebe ich Regina recht, dass du durch dieses Verhalten bei deinem Sohn Druck aufbaust. Freu dich mit ihm, dass er trotz Autismus die Sprechprüfung so gut geschafft hat.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

AnnalenaO
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Re: Bewertung bei Sprechprüfungen- spreche ich das lieber gleich an?

Beitragvon AnnalenaO » 30.12.2019, 11:20

Hallo Maja!

Wenn du einen guten Draht zur Lehrerin hast kannst du ihr das natürlich erklären warum es so ist, das mache ich auch oft.
Ich persönlich würde aber nicht erwarten dass sie diese Punkte jetzt in Zukunft aus der Bewertung rausnimmt. Wenn sie sich dessen bewusst ist wird sie da vielleicht weniger streng sein bzw merken wenn er es versucht besser zu machen und das schon positiv bewerten auch wenn es noch wenig Verbesserung ist.

Viele Grüsse
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit


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