Diagnostik sinnvoll?

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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Sophie-11
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Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von Sophie-11 »

Hallo,

wir sind mit unserem 9-jährigen seit bald 3 Jahren am SPZ, seit März haben wir die feste Diagnose Asperger. Von Anfang an stand aber auch der Verdacht ADHS im Raum, und ich denke nach allem, was ich bisher weiß, dass auch beides zutrifft.

Für die ASS sind jetzt diverse Hilfemaßnahmen angelaufen. Seit September hat er Therapie und ganz neu haben wir nun auch eine Schulbegleitung genehmigt bekommen, muss halt noch gefunden werden. Die Therapie ist aber schon sehr gut gestartet, es läuft momentan schon deutlich besser in der Schule. Allerdings kompensiert er auch stärker, was wir nun zu Hause mehr merken, aber insgesamt sind wir momentan auf einem wirklich guten Weg. :D

Nun hatte ich wieder ein Gespräch mit der Ärztin und sie fragte, ob wir die ADHS-Diagnostik noch angehen sollen. Im Sommer steht der Schulwechsel an, daher wäre es besser, es jetzt zu machen, solange wir noch die Lehrer, die ihn gut kennen, einbinden können. Danach wird es erstmal eine Zeit dauern, bis wieder gute Einschätzungen von Schulseite möglich sind (und so dicht wie an der Grundschule werden die Lehrer dann ja auch nicht mehr "an ihm dran" sein).

Mein Mann ist dafür, er findet aber auch, dass die ADHS-Problematik stärker im Vordergrund steht als ASS (er ist eher leistungsorientiert und notenfokussiert). Ich frage mich aber, ob uns das wirklich etwas bringen würde außer weiteren Terminen für die Diagnostik. Wäre es nicht sinnvoller, erstmal die Autismustherapie laufen zu lassen und sehen, wie es sich mit Schulbegleiter entwickelt und dem Kind etwas Ruhe zu gönnen? Neben dem SPZ hatten wir in diesem Jahr noch diverse Termine wegen Zahnspange und Asthma mit regelmäßigen Kontrollterminen. Den Augenarzt (Brillenträger) habe ich bei dem ganzen Stress schleifen lassen :oops: , der ist nächstes Jahr auch wieder dran.

Also, was konkret würde uns eine Diagnose bringen, die der Verdacht noch nicht abdeckt? Welche Hilfemaßnahmen wären noch möglich und wären sie sinnvoll, wo wir doch schon die Autismushilfen haben?

Ich werde es noch mit der Autismustherapeutin und der Klassenlehrerin besprechen, aber ich wollte hier vorher erstmal nachfragen um für mich selbst klarzuwerden, denn bisher habe ich mich mit den Hilfemöglichkeiten für AD(H)S bei Autisten noch nicht sehr beschäftigt :oops: .

Vielen Dank und LG!
fünfköpfige, irgendwie ASS-nahe Familie mit dem Großen *12/2007, dem Mittleren *09/2010 mit Diagnose Asperger und Vd auf ADHS, und der Kleinen *02/2014 (Vd auf Autismus)

SimoneChristian
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von SimoneChristian »

Hallo Sophie!

Ich vermute, dass es schwierig wird, bei Bedarf und Wunsch, eine medikamentöse Therapie anzugehen, wenn nicht die Diagnostik zu ADHS gelaufen ist.
In sofern fände ich eine Diagnostik schon sinnvoll.
Falls ihr eine Medikation komplett ausschließt, braucht ihr die Diagnostik wahrscheinlich nicht.
Hierbei solltet ihr aber nicht nur an heute denken, sondern auch daran, wie euer Sohn das später angehen wird.
Als Erwachsener einer vernünftig gestellte ADHS Diagnose zu bekommen, ist ungleich schwieriger, weil es nur wenige Diagnostikstellen gibt.
Außerdem werden Aussagen über das Verhalten bis zum etwa 7. Lebensjahr benötigt. Auch das wird später ungleich schwieriger.

Zur Entscheidungsfindung können Berichte von (Erwachsenen) ADHSlern helfen, die Innenansichten und den Nutzen von Medikamenten besser zu verstehen.

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

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Engrid
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Beitrag von Engrid »

Hallo Sophie,

erstmal Gratulation, dass Du die Schulbegleitung durchgedrückt hast. :icon_thumright:

nachdem das früh vermutete ADS doch eine größere Rolle spielen könnte, würde ich die Diagnostik nicht weiter vor mir herschieben, sondern machen lassen. Abhaken.
Tatsächlich könnte sein, wenn die ASS mit den ganzen Hilfen weniger Probleme macht, dass dann die ADS-Problematik hervortritt. Und er soll doch jetzt endlich genug gute Erfolgserlebnisse haben.
Ich würde es machen lassen. Sind ja letztlich auch „nur“ ein paar überschaubare Termine. Die für Eltern und Kind belastende seelische Komponente einer Diagnostik ist da jetzt vielleicht nicht so groß, wenn sie quasi ein Anhängsel ist, um „komplett“ zu sein?

Dieses „erst schon das Asperger, und dann ist noch nicht Schluss mit Diagnosen“-Gefühl, kann ich auch gut verstehen. Aber letztlich ist das ADS ja bei Eurem Sohn wahrscheinlich halt einfach die zweite wichtige Facette seiner Wahrnehmungsbesonderheit. Es ist also nicht „noch was oben drauf, als würde das andere nicht schon reichen“, sondern es ist ein zusätzlicher Aspekt der Art, wie Euer Sohn ist (wenn er es denn hat, aber das scheint ja relativ wahrscheinlich?)

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Alexandra2014
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von Alexandra2014 »

Hallo!

Ich sehe es im Grunde wie Engrid, ich halte aber noch einen weiteren Grund pro Diagnostik für wichtig.
Du schreibst, er wird nächstes Jahr die Schule wechseln. Das ist eine enorme Umstellung für deinen Sohn, es wird ihn viel Kraft kosten.
Auch wenn ihr mit der ASS auf gutem Weg seid, kann es auf der weiterführenden Schule sehr schnell auch erstmal wieder anders werden, evtl. die ADHS Problematik auch noch mehr in den Vordergrund treten. Es wird sicher sehr viel schneller und leichter Hilfen und Nachteilsausgleiche geben, wenn die Diagnose schon steht, als wenn ihr diese dann erst noch anleiern müsst. Auch eine potentielle Medikamentengabe, könnte so von heute auf morgen starten, wenn sie benötigt würde.
Bei all dem Stress des Schulwechsels, wäre die Diagnostik dann noch eine weitere Belastung für ihn.

Mein Fazit daher: jetzt, wo er noch im gewohnten Umfeld ist, würde die Diagnostik ihn sicher weniger belasten und ihr seid für den Schulwechsel bestens gewappnet.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

RikemitSohn
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von RikemitSohn »

Hallo,

ich rate dir auch zur Diagnostik. Vielleicht ändert es akut nichts an der Behandlung, aber es schafft Klarheit und die Möglichkeit bei Schwierigkeiten schneller zu reagieren.
Ich wurde erst als Erwachsene diagnostiziert. Im Nachhinein sind viele Dinge sehr viel logischer und verständlicher, die damals bei mir schief gegangen sind. Vor meiner Diagnose habe ich mich oft als unzureichend wahrgenommen, weil es keine Erklärung gab, warum Dinge nicht funktionierten. Heute kann ich durch mein Wissen andere Herangehensweisen ausprobieren und mir auch mal verzeihen.
In der Schule ist es für meinen Sohn auch sehr wichtig gewesen. Ich konnte ihm erklären, warum er mehr Struktur braucht oder warum andere die Dinge leichter abarbeiten. Es entstand auch bei ihm ein besseres Gefühl für sich selbst. Bei ihm gab es jahrelang Frust, weil er gehemmt durch sein Adhs nie wirklich zeigen konnte, was in ihm steckt. Ohne das Wissen neigen viele Undiagnostizierte dazu das Problem auf ihre vermeintliche Unfähigkeit zu schieben und verlieren ihr Selbstbewusstsein.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

KäthemitA.
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von KäthemitA. »

Liebe Sophie,

wir stehen gerade am selben Punkt.
Nachdem unser Sohn Anfang des Jahres mit Asperger diagnostiziert wurde, steht nun auch noch (von mehreren Seiten geäußert) der Verdacht ADHS im Raum.
Morgen haben wir hierzu das erste Gespräch mit unserer KJP.
Den Ausschlag hat für uns gegeben, dass wir uns überlegt haben, wie viel leichter/angenehmer es für A. in der Schule sein könnte, wenn sich der vermutlich dem ADHS geschuldete Teil seiner Probleme durch passende Therapie reduzieren lassen würde.
Ich meine, dass ein umfassendes Bild der Problematik die Grundlage für pass genaue Hilfen ist.

Liebe Grüße
Käthe
Käthe mit A. *06.13 Asperger Autist

Sophie-11
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von Sophie-11 »

O.k., das Votum ist wohl eindeutig :lol: .

Aber im Ernst, Ihr habt sicherlich recht und ich danke auch sehr für den Input. Es liegt vermutlich auch daran, dass ich unseren Mittleren einfach gerade gerne mal abhaken würde, um mich den Baustellen bei den anderen Beiden widmen zu können. Dabei hat mich die Erfahrung doch gelehrt, dass frühzeitige Diganostik wichtig ist, um bei Problemen schnell reagieren zu können.

Ich stehe mir wohl auch manchmal gerne selbst im Wege :oops: .

@ Engrid
Engrid hat geschrieben: erstmal Gratulation, dass Du die Schulbegleitung durchgedrückt hast. :icon_thumright:
Danke! Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt :mrgreen: !

Liebe Grüße an alle!
fünfköpfige, irgendwie ASS-nahe Familie mit dem Großen *12/2007, dem Mittleren *09/2010 mit Diagnose Asperger und Vd auf ADHS, und der Kleinen *02/2014 (Vd auf Autismus)

Sophie-11
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von Sophie-11 »

Nachtrag:
Der Verdacht ist m.E. schon begründet, er ist zappelig, sehr impulsiv, gerade bei ungeliebten Hausaufgaben schwer zu fokussieren, neigt zu Flüchtigkeitsfehlern und kann sich hervorragend in einem Satz zweimal komplett widersprechen und von himmelhochjauchzend zu zu Tode betrübt wechseln :lol: . Allerdings finde ich, dass sich diese Sprunghaftigkeit schon sehr gebessert hat, deswegen mein Zögern. Trotzdem - Ihr habt ja recht...
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von Regina Regenbogen »

Ich würde auch zur ADHS-Diagnostik raten. Unser Jüngster wurde mit 5 Jahren im ATZ gleich mit einer Doppeldiagnose "belohnt", damals wusste ich nicht, wo die das ADHS gesehen haben. Es hat sich in den letzten Jahren aber gezeigt, dass der Autismus zwar vordergründig ist, aber das ADHS sich bei jedem Entwicklungsschub massiv bemerkbar macht.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

JennyK
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Re: Diagnostik sinnvoll?

Beitrag von JennyK »

Bei uns war es andersherum, wir haben erst die Diagnose ADS bekommen und dann erst Asperger. Da es unserem Sohn zu dem Zeitpunkt richtig schlecht ging, haben wir uns für eine medikamentöse Behandlung entschieden und es nie bereut. Eher, dass wir das nicht schon früher gemacht haben... Mehrere Jahre haben wir mit Ergo, Verhaltenstherapie etc herumgedocktert, ohne wirkliche Fortschritte. Das Medikament hat unserem Sohn dann geholfen, sich in der Klasse wohl zu fühlen und zeigen zu können, was er kann. Diese positiven Erlebnisse haben ihm unheimlich gut getan und er ist richtig aufgeblüht.
Sohn 1 (2006), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (2013), Asperger Autismus, ADHS; PG 3; SBA 70 mit B, G, H

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