Studie an der Uniklinik

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Ingrid84
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Re: Studie an der Uniklinik

Beitrag von Ingrid84 »

Moin,

Ich bin auch auf der anderen Seite. Ich arbeite in dem Bereich und betreue Ärzte, die klinische Studien durchführen, mein Arbeitgeber ist ein Auftragsforschungsinstitut mit weltweit ca. 20.000 Mitarbeitern.

Studien sind wichtig, und zwar gerade im Bereich Pädiatrie. An jeder Studie würde ich kein Kind auch nicht teilnehmen lassen, man sollte sich vorher alles genau erklären lassen.

Ganz "grob" gibt es drei Arten von Studien:
1) Studien, bei denen ein neues Medikament ausprobiert wird. Goldstandard sind doppel-blinde placobo-kontrollierte Studien
2) Studien, bei denen ein Medizinprodukt (=Technisches Gerät, z. B. Blutzuckermessgerät) getestet wird
3)Beobachtungs - bzw Registerstudien. Hier wir der Patient "nur" beobachtet, es werden i. d. R. bereits zugelassene Medikamente/Medizinprodukte verwendet

Es gibt noch weitere Einteilungen. Es gibt Studien, die von Pharma Firmen in durchgeführt werden, es gibt Studien, die von einem oderehreren Ärzten, meist an Unikliniken, durchgeführt werden. Man unterscheidet auch zwischen den verschiedenen Phasen der Studien (Phase I - IV). Die Unterschiede zu erklären, sprengt hier den Rahmen.

Klinische Studien, die hier durchgeführt werden, unterliegen strengen gesetzlichen Vorschriften
Diese Vorschriften werden unter anderem von mir überwacht. Zu diesen Vorschriften gehört z. B. , dass jeder Patient über die Studie umfassend aufgeklärt wird, genug Zeit hat Fragen zu stellen und auch eine mehrseitige Einverständnis - Erklärung unterschreibt. Die Einverständnis Erklärung ist meist recht umfassend und erstreckt sich bei den Studien, die ich so mache, auf ca 20-25 Seiten. Darin ist recht genau beschrieben, was im Rahmen der Studie mit welchen Untersuchungen wann gemacht wird.

Dass jemand unwissentlich an einer Studie teilnimmt und vorher keine Einverständnis Erklärung unterschrieben hat, ist mir in den letzten zehn Jahren nicht untergekommen und der größte Verstoß, den sich ein Studienzetrum Leisten kann. Genau das überprüft man zuerst, wenn man am Studienzetrum ist.

Auch gut zu wissen: an jedem Zeitpunkt der Studie kann man ohne Angabe von Gründen die Studie verlassen.

Falls ich je danach gefragt werde, ob ich oder meine Kinder an einer Studie teilnehmen möchten, würde ich folgende Fragen stellen:

Wer finanziert die Studie, wer ist der Auftraggeber (Uni oder Pharma Unternehmen?)
Welche Vorteile hat die Teilnahme an der Studie? (mehr Untersuchungen, bessere Überwachung der Grund Krankheit?)
Welche Nachteile gibt es für die Studie (häufige Visiten, gibt es Fahrtkosten erstattet?)
Bei Medikamenten Studien:welche Risiken/Nebenwirkungen sind bis jetzt bekannt? Gibt es andere Medikamente, die ich während der Teilnahme an der Studie nicht einnehmen darf? Gibt es andere Dinge, die ich während der Studie nicht machen darf?
Bekomme ich einen Patienten Ausweis, sodass im Notfall jeder weiß, an welcher Studie ich teilnehme bzw wer der Ansprechpartner (Arzt) meiner Studie ist?
Ich hoffe, dass hilft weiter.


Ingrid
Sohn *2013, Mikroduplikation 22q11.21, entwicklunsgverzögert in den Bereichen Sprache, Kognition, Motorik. Muskuläre Hypotonie, I-Kind im Regel-Kindergarten.

elke.theaterfisch
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Re: Studie an der Uniklinik

Beitrag von elke.theaterfisch »

Liebe Ingrid,
Du hast zum Thema Studien eine tolle Orientierungshilfe für Eltern gegeben. Vielen Dank!
Liebe Grüße Elke
Elke + Mann mit Sohn früh geboren im Mai 2009, 29. Woche, 1200 g. Motorisch entwicklungsverzögert. Muskulär hypoton bein- und fußbetont, schwache Bänder, Knick-Senk-Füße. Erste Schritte mit dreieinhalb Jahren. Trug jahrelang Unterschenkel-Orthesen und Ringorthesen. Seit 2006 ohne Orthesen, zeitweise Einlagen.

r.bircher
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Re: Studie an der Uniklinik

Beitrag von r.bircher »

Hallo zusammen

Ich habe auch schon an Studien teilgenommen, aber auch schon Studienanfragen abgelehnt. Wenn die Studie sowieso auf dem medizinischen Weg liegt, kann man die auch machen. Wenn man etwas tun muss, oder vielleicht ein Medikament bekommt, dass man sonst nicht zwingend bräuchte, würde ich mir das drei mal überlegen. Eine Studie war zu meiner Krebszeit. Da ging es darum ob Epo die Lebensqualität von Chemopatienten verbessern kann. Während der Chemotherapie gehen oft die roten Blutkörperchen in den Keller. Was dann körperliche Anstrengung sehr viel anstrengender macht, da weniger Sauerstoff transportiert werden kann. Epo fördert die Bildung der roten Blutkörperchen. Da Epo allerdings auch ein Doping ist, war die Studie für mich ein No Go (rein aus moralischer Sicht) Die Entscheidung war auch richtig, da ich schon natürlich ein sehr hoher HB wert habe (18) und ich kaum Nebenwirkungen der Chemo hatte, wäre eine Behandlung mit Epo sogar ein Risiko gewesen. Bei zu hohen HB Werten kann es zu Ablagerungen kommen, und zu Trombosen oder Herzinfarkt. Ausserdem hätte man mich wohl gar nicht mehr vom Rad runtergekriegt :) Ich fuhr damals so schon 1000 km im Monat.

Eine andere Studienanfrage, wo es darum ging, wie man mit dem Krebs psychisch umgeht habe ich angenommen. Das kostete mich zwar etwas Zeit, aber wenn ich damit helfen kann, ist das ok. Also es kommt ganz auf die persönliche Situation und weniger auf die Studie an.

Gruss Raphael
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