...und nun geht die Suche weiter

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

Moderator: Moderatorengruppe

Leasanne
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Beitragvon Leasanne » 03.11.2019, 13:07

Hallo, ihr Lieben,

am Mittwoch hatten wir ein HPG. Ich habe ein paar Tage gebraucht, um das zu verdauen und nun, wo ich das alles realisiert habe, bin ich vollkommen fassungslos wegen der Dinge, die da nun auf uns zukommen. Zuerst war da Sprachlosigkeit, gepaart mit Hilflosigkeit. Jetzt bin ich nur noch fassungslos und wütend. Eine gefährliche Mischung.

Dass ich auf Widerstand stossen werde, weil ich die rechtliche Betreuung von Lutz übernehmen werde, das war mir klar.
Die Argumentation der Wohngruppe war allerdings schon mehr als dürftig. Es wurde ganz offen und unverblümt versucht, mir die Übernahme der Vermögenssorge auszureden. Ich müsse zu viele Kämpfe dann mit Lutz austragen. Das solle lieber ein Berufsbetreuer machen. Sicher, die Berufsbetreuer vor Ort sind in der Wohngruppe bekannt und aufgrund der hohen Arbeitsbelastung der Berufsbetreuer hätte die Wohngruppe weiterhin gute Möglichkeiten, die Finanzen von Lutz zu kontrollieren. Würde ich die Betreuung übernehmen, dann müssten sie damit rechnen, dass ich ihnen auf die Finger schaue. Sie wären mir gegenüber Rechenschaft schuldig. Argumentiert wurde dann eben mit den Machtkämpfen, die ich mit Lutz ausfechten müsse. Allerdings sehe ich das da ein wenig anders. Ersten sind das alles Alltagskämpfe ("Wofür gebe ich mein Taschengeld aus?"). Das müsste die Wohngruppe weiterhin austragen, egal wer die Betreuung übernimmt. Zum anderen sehe ich es so, dass Lutz ein Recht darauf hat, mit seinem Taschengeld machen zu können, was ER möchte und nicht, was andere für sinnvoll erachten. Den Rahmen würde ich gemeinsam mit Lutz und evtl. seinem Bezugsbetreuer festlegen, also wann er wieviel Taschengeld bekommt und in welcher Form. Was er dann damit macht, ist sein Ding.

Was mir aber nicht klar war und auch entgegen aller bisherigen Absprachen ist, war dass die Wohngruppe nun versucht, Lutz anderweitig unterzubringen. Beim Jugendamt als Kostenträger rennen sie da natürlich offene Türen ein. Dass Lutz nicht ewig dort bleiben kann, war klar, da es sich um eine Einrichtung der Jugendhilfe handelt. Allerdings war vereinbart, dass Lutz zumindest solange dort bleiben kann, bis er die Bildungsmaßnahme in der Werkstatt abgeschlossen hat. Das ist nun alles nichtig. Im März beginnt die Maßnahme, für den Sommer wird der Wechsel angepeilt - soweit sich ein Platz findet. Sollte das nicht der Fall sein, dann zahlt das Jugendamt die Maßnahme noch bis Ende 2020, dann ist dort Schluss. Lutz müsste nach Hause zurück.Wie das funktionieren soll, ist mir vollkommen unklar. Ich bin also mal wieder auf Wohngruppensuche. Leider gestaltet sich das schwierig. Wohngruppenplätze sind rar, erst recht, wenn eine intensive Betreuung in Form von tagestrukturierender Maßnahmen benötigt wird. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Lutz eine sehr engmaschige Betreuung benötigt, teilweise eine 1:1-Betreuung notwendig ist. Sportangebote müssen gegeben sein, Therapeuten und Fachärzte (Psychiater und Kardiologe) müssen vor Ort sein und das Ganze in einer reizarmen Umgebung, also eher ländlich gelegen. Und mein persönliches Kriterium ist auch noch die Einbindung von Angehörigen in die Arbeit. Alles nicht so einfach, wenn Jugendamt und Wohngruppe es als ihr höchstheiliges Recht ansehen, die Wohngruppe zu suchen und mein Wunsch auf Beteiligung als Einmischung angesehen wird.

Im Moment bin ich da ein wenig kopflos. Ich muss mich erst neu strukturieren und einen klaren Kopf bekommen.

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag euch allen
Liebe Grüße
Leasanne
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Susanne 61
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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon Susanne 61 » 03.11.2019, 21:21

Hallo Leasanne,
ich bin zwar noch nicht so weit wie du, aber so - oder ähnlich - stelle ich mir das auch mal bei uns vor! Nach dem ersten Versuch einer stationären Unterbringung bin ich davon ganz schnell und gänzlich wieder abgekommen.
Wie alles mal werden soll, wenn wir Eltern nicht mehr da sind, keine Ahnung, derzeit verdränge ich das einfach.
Ist jetzt keine Hilfe für dich, völlig klar, aber wenigstens eine kleine Reaktion auf deinen Beitrag. Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute und dass sich irgendwie ein Weg findet. Halte uns auf dem Laufenden!
LG,
Susanne
Susanne mit Dorothea, 18 Jahre, frühkindlicher Autismus und drei gesunden Geschwistern 26, 29 und 30 Jahre

Leasanne
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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon Leasanne » 03.11.2019, 22:09

Danke, Susanne.
Im Moment bin ich davor, alles hinzuschmeissen.
Liebe Grüße
Leasanne
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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon Gixi » 04.11.2019, 12:18

Hallo Leasanne,

hinzuschmeissen!!! kann ich gut nachvollziehen, wäre aber langfristig gesehen falsch.

Wir haben für unseren Sohn beide die rechtliche Betreuung und das war zu keinem Zeitpunkt ein Problem. Gut, als unser Sohn volljährig wurde wohnte er noch zuhausen. Insofern hat da keine Wohngruppe dazwischengefunkt.

Bitte übernehme die Betreuung in allen Angelegenheiten.

Dein Sohn muss eh bald die Jugendeinrichtung verlassen. Von daher verstehe ich schon gar nicht, warum man jetzt so erpicht darauf ist, Mitspracherecht in den finanziellen Dingen zu haben???

Die Suche ist schwer, da gebe ich dir vollkommen recht. Wir haben da auch eine lange Odysee hinter uns und viele andere hier im Forum auch. Gute Plätze sind rar gesät und die Wartelisten ensprechend lang - leider !!

Ich wünsche dir Kraft und Zuversicht für die Zukunft, aber lass dir nicht Zuviel reinreden.

Glg
Gixi

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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon Gixi » 04.11.2019, 12:23

Und Hallo Susanne,

schön, mal wieder von Euch zu hören.

Ich hatte dir glaube ich im Sommer mal eine PN geschrieben, weil ich u.a. auch wissen wollte, wie weit ihr mit der Suche nach einem geeigneten Wohnheim seid.

Wie ich aber jetzt lesen kann, seid ihr da anscheinend noch nicht weitergekommen.

Wie geht's Dorothea und geht sie jetzt tagsüber noch in die Schule oder in die Tafö?

Wenn du Lust und Zeit hast, würde ich mich über eine Antwort von dir sehr freuen!

Tschö
Gixi

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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon IlonaN » 04.11.2019, 12:51

Hallo,
ich bin bereits zwei mal Betreuer gemeinsam mit meinem Mann, beide Sind bereits volljährig und leben in Einrichtungen. Einer bereits zwei Jahre bevor er volljährig wurde die andere seit sie 22 ist. Ich habe es nie bereut weiter die Geschicke meiner Kinder(Pflegekind und Adoptivkind) mit bestimmen zu dürfen und klar hat hier eine Einrichtung es so gar nicht prickelnd gefunden das wir z.B. auch das Taschengeldkonto verwalten und auch auf wiederholtes "Nachfragen" es nicht der Einrichtung übertragen und die andere Einrichtung, die das Taschengeldkonto hat, mußte sich schon des Öfteren bei der Abrechnung des Kontos rechtfertigen und auch schon umbuchen, was ihnen garnicht gefiel. Oder zum Beispiel Arztbesuche die aufeinmal nicht mehr beim vertrautem Arzt gemacht werden sollten da doch alle anderen auch zu dem anderen Arzt gingen, tja mein Kind halt nicht. Das hatte und habe ich in der Hand. Ich würde das nie aufgeben und falls wir nicht mehr sind, tja da haben wir vorgesorgt und jemanden benannt der das dann machen würde. Und das ist beim Betreuungsgericht hinterlegt.
Ich 1961 Ösophagusatresie
Großfamilie mit leibl.Kindern/Ado-Kind und Pflegekindern mit FASD, ADHS, Autismus, Bindungsstörung mit Enthemmung ,Asthma, Neurodermitis u.v.m.

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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon BettinaDA » 04.11.2019, 14:26

Alles nicht so einfach, wenn Jugendamt und Wohngruppe es als ihr höchstheiliges Recht ansehen, die Wohngruppe zu suchen und mein Wunsch auf Beteiligung als Einmischung angesehen wird.
Ich habe gerade Deinen anderen Beitrag bezüglich des Horror-Wochenendes gelesen - willst Du es wirklich darauf ankommen lassen, daß Dein Sohn wieder bei Dir zu hause wohnen muss? Denn das wird unweigerlich passieren, wenn nicht rechtzeitig eine Wohngruppe für ihn gefunden wird.

So, wie Du die Bedürfnisse Deines Sohnes beschreibst, wird es sehr sehr schwierig werden, eine passende Einrichtung zu finden und an Deiner Stelle würde ich mir die Vorschläge des Jugendamtes und des derzeitigen Wohnheimes erst einmal anschauen. Kompromisse wirst Du auf jeden Fall machen müssen.

Warum die Wohngruppe Probleme wegen der gesetzlichen Betreuung macht, ist mir immer noch nicht klar. Es geht doch dabei um wesentlich mehr als nur um die Zuteilung des Taschengeldes und ich kenne es eigentlich nur so, daß Wohngruppen sehr froh sind, wenn einer oder beide Elternteile die Betreuung übernehmen. Denn Eltern übernehmen meist klaglos viele Aufgaben, die eigentlich die Wohngruppe übernehmen müsste, beispielsweise Begleitung zu Arztbesuchen, Feizeitgestaltung, neue Kleidung besorgen und noch einiges mehr.

Was Du aber tun könntest, ist Dich selbst um eine gesetzliche Betreuung zu kümmern und die Bereiche, die Dir besonders wichtig sind, beizubehalten.

Viele Grüße
Bettina
Sohn 8/90 atpischer Autismus, Hypogonadismus.

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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon Leasanne » 04.11.2019, 17:46

Hallo Bettina,

ich werde es sicherlich nicht darauf ankommen lassen, dass er zurück zu uns geht. Das kann ich nicht leisten und ehrlich gesagt will ich das auch nicht mehr. Das würde nämlich bedeuten, dass ich nicht mehr in dem Umfang wie bisher arbeiten könnte (eigentlich gar nicht mehr), wieder fest gebunden an zuhause bin. Auch für die Kämpfe hab ich keine Kraft mehr. Rechtlich wäre ich nicht einmal dazu verpflichtet. Moralisch sieht das natürlich anders aus.

Ich werde es mir auch nicht nehmen lassen, selber zu suchen. Ansonsten wird das nix. Ich weiss aber jetzt schon, dass all meine Vorschläge abgelehnt werden und das wieder Kampf bedeuten wird, wie schon so oft.

Alle Punkte, die du bzgl. der Aufgaben der Wohngruppe angegeben hast, haben nichts mit der Betreuung zu tun. Das könnte ich auch unabhängig von einer Betreuung machen, mache ich ja jetzt auch und auch jetzt wird es als Einmischung angesehen. Ansonsten kann ich dir nicht sagen, warum die Wohngruppe konkret mich als Betreuer ablehnt. Vermutlich bin ich zu anstrengend. Ich weiss es nicht.

Gerade die Bereiche die mir wichtig sind, sind die Bereiche mit dem meisten Konfliktpotential: Finanzen & Gesundheit.
Liebe Grüße
Leasanne
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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon BettinaDA » 04.11.2019, 18:30

Rechtlich wäre ich nicht einmal dazu verpflichtet.
Wenn Dein Sohn unter Deiner Adresse amtlich gemeldet ist, dann hat sowohl Kostenträger als auch das Wohnheim das Recht, ihn dorthin wieder zurückschicken.

Viele Grüße
Bettina
Sohn 8/90 atpischer Autismus, Hypogonadismus.

Leasanne
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Re: ...und nun geht die Suche weiter

Beitragvon Leasanne » 04.11.2019, 18:49

Rechtlich wäre ich nicht einmal dazu verpflichtet.
Wenn Dein Sohn unter Deiner Adresse amtlich gemeldet ist, dann hat sowohl Kostenträger als auch das Wohnheim das Recht, ihn dorthin wieder zurückschicken.

Viele Grüße
Bettina
Gut, dass sich die Unterhaltspflicht nicht nach der Melde Adresse richtet. Der Junge hat ja auch noch einen Vater. Und nur weil das volljährige Kind nicht bei ihm gemeldet ist, soll dieser nicht dazu verpflichtet werden können, seinen Sohn aufzunehmen? Ich habe (genauso wie der Vater auch) u. U. eine lebenslange Unterhaltspflicht. Das heisst aber nicht, dass er zwangsläufig bei mir wohnen müsste und ich dieser Unterhaltspflicht durch Betreuungsunterhalt nachkommen muss. Es gibt da auch noch so etwas wie Verhältnismäßigkeit.
Liebe Grüße
Leasanne
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