Autismusdiagnostik bei Mädchen

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Lesslo
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Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Lesslo »

Hallo ihr Lieben

Lang war ich nicht hier, was aber nicht heißt dass alles gut ist.

Ich überlege doch eine Autismus Diagnostik anzustreben.
Hier wurde mir ja auch schon ab und an dazu geraten.

Isa ist jetzt 12. Bei unserem letzten Termin bei der KJP wurde gesagt dass einiges an ihrem Verhalten definitiv nichts mit AD(H)S zu tun hat. Autismus hat sie aber ausgeschlossen weil Isa ja "Freunde" hat. Ja, Isa will Kontakt und hat Kontakte. Freunde sind alle, die gerade nett zu ihr sind. Freunde sind alle, die ihre Interessen (Pferde) teilen. Sie merkt aber zB. nicht wenn sie andere durch ihr Verhalten auf die Füße tritt. "Freundschaft" ist zB. auch sofort beendet, wenn eine "Freundin" sich mit anderen Kindern beschäftigt, verabredet oder spielt.

In der Schule ist sie komplett unauffällig, ruhig, hält sich penibel am Regeln, also eher überangepasst und unsichtbar. Eine Lehrerin sagte jetzt zu mir dass Isa sich bei ihr komplett aus dem Unterricht raus zieht und abschaltet. Die Klassenleitung sagt auch dass sie sehr ruhig ist und sich kaum mündlich beteiligt. Isa sagt dazu dass sie sich nicht meldet, weil sie Angst hat, etwas falsches zu sagen.

zu Hause ist sie das ganze Gegenteil. Dort lässt die ihren ganzen Frust raus. Ist aufmüpfig, aggressiv, Wutausbrüche. Benimmt sich also komplett anders. Alles muss sich nach ihr richten usw.

Wenn wir einkaufen fahren, flippt sie irgendwann im Geschäft komplett aus, ist einfach überfordert. Vor allem wenn wir etwas erledigen was vorher nicht abgesprochen war oder sie etwas nicht bekommt was sie möchte.

Vor kurzem haben wir ihr Zimmer renoviert. Sie saß wie ein Häufchen Elend in der Ecke und hat ihrer Tapete und ihren "alten" Sachen nachgeheult.

Kann man als Eltern eigentlich eine Autismusdiagnostk anstoßen, auch wenn Ärzte keinen Anlass sehen? Die KJP sieht neben dem AD(H)S und der Störung des Sozialverhaltens noch eine Depression und außerdem könne man ja auch nicht sagen, welche emotionalen Auswirkungen die Epilepsie habe. Ihre Therapeutin sprach auch von sozialer Kommunikationsstörung.

Gibt es Stellen, die sich besonders auf Autismus bei Mädchen spezialisiert haben?

LG Lesslo
Tochter * 09.07 mit Epilepsie, Pinealiszyste, ADS, F83, LRS...
kleiner Bruder mit Infekt Asthma

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Alexandra2014
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Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Alexandra2014 »

Hallo Lesslo,

unsere beiden Kinder sind fast gleich alt. Wir haben die Diagnose auch erst ein Jahr.
Die Diagnostik habe ich angestoßen, unser Kinderarzt hat das belächelt, mich fast ausgelacht.

Wichtig ist, nicht zu irgendeinem KJP zu gehen. Wir waren in der Ambulanz einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik. Dort lief und läuft alles sehr professionell, unsere KJP hat 25 Jahre Erfahrung im Bereich Autismus, auch mit Mädchen.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Lesslo
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Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Lesslo »

danke Alex,

darf ich fragen welche Klinik das ist? Wir wohnen ja gar nicht so weit voneinander entfernt glaube ich.
Tochter * 09.07 mit Epilepsie, Pinealiszyste, ADS, F83, LRS...
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Alexandra2014
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Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Alexandra2014 »

Hast Post! ;-)
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

ehemalige Userin

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von ehemalige Userin »

Hallo Leslo,

es ist leider häufig so, dass Autismus bei Mädchen nicht erkannt wird und sie stattdessen eine Reihe anderer Diagnosen erhalten oder gar keine.

Wenn ein Arzt Autismus pauschal ausschließt, weil das Mädchen Freunde hat, hat er keine Ahnung. Es gibt sogar jede Menge Autisten und Autistinnen, die heiraten und Kinder haben! Alle Asperger Autisten, die ich persönlich kennengelernt habe (mind. 15) leben in Beziehungen oder hatten schon welche (so wie NTs auch).

Die Art der Freundschaften, wie du sie bei deiner Tochter beschreibst, finde ich geradezu typisch für autistische Kinder, genau wie das Verhalten in der Schule und zu Hause.

Ich drücke dir die Daumen, dass du eine kompetente Diagnostikstelle findest.

ehemalige Userin

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von ehemalige Userin »

Michaela44 hat geschrieben:Alle Asperger Autisten, die ich persönlich kennengelernt habe (mind. 15) leben in Beziehungen oder hatten schon welche (so wie NTs auch)
Das glaube ich dir, dass das in deinem Freundeskreis so ist. Ich glaube dennoch, dass Autisten (egal welcher Ausprägung) es sehr viel schwerer haben, eine/n Partner/in zu finden und deshalb überdurchschnittlich oft beziehungslos bleiben. Die Fachliteratur bestätigt ja diese Tendenz.

ehemalige Userin

Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von ehemalige Userin »

Dario hat geschrieben:
Michaela44 hat geschrieben:Alle Asperger Autisten, die ich persönlich kennengelernt habe (mind. 15) leben in Beziehungen oder hatten schon welche (so wie NTs auch)
Das glaube ich dir, dass das in deinem Freundeskreis so ist. Ich glaube dennoch, dass Autisten (egal welcher Ausprägung) es sehr viel schwerer haben, eine/n Partner/in zu finden und deshalb überdurchschnittlich oft beziehungslos bleiben. Die Fachliteratur bestätigt ja diese Tendenz.
Es war nicht mein Freundeskreis sondern Selbsthilfe- bzw. Therapiegruppen. Ansonsten gebe ich dir Recht, ich denke auch, dass es Autisten in Sachen Partnerschaft und Freundschaft schwerer haben. Aber darum ging es mir nicht.

Ich wollte untermauern und Leslo zeigen, dass es absoluter Quatsch ist, wenn ein Arzt Autismus ausschließt, weil jemand Freunde hat oder sich wünscht. Das ist viel zu oberflächlich gedacht. Das erkannt man ja auch daran, was Leslo über die Freundschaften ihrer Tochter schreibt, aber das scheint den Arzt nicht interessiert zu haben.

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Alexandra2014
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Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Alexandra2014 »

Michaela44 hat geschrieben:
Dario hat geschrieben:
Michaela44 hat geschrieben:Alle Asperger Autisten, die ich persönlich kennengelernt habe (mind. 15) leben in Beziehungen oder hatten schon welche (so wie NTs auch)
Das glaube ich dir, dass das in deinem Freundeskreis so ist. Ich glaube dennoch, dass Autisten (egal welcher Ausprägung) es sehr viel schwerer haben, eine/n Partner/in zu finden und deshalb überdurchschnittlich oft beziehungslos bleiben. Die Fachliteratur bestätigt ja diese Tendenz.
Es war nicht mein Freundeskreis sondern Selbsthilfe- bzw. Therapiegruppen. Ansonsten gebe ich dir Recht, ich denke auch, dass es Autisten in Sachen Partnerschaft und Freundschaft schwerer haben. Aber darum ging es mir nicht.

Ich wollte untermauern und Leslo zeigen, dass es absoluter Quatsch ist, wenn ein Arzt Autismus ausschließt, weil jemand Freunde hat oder sich wünscht. Das ist viel zu oberflächlich gedacht. Das erkannt man ja auch daran, was Leslo über die Freundschaften ihrer Tochter schreibt, aber das scheint den Arzt nicht interessiert zu haben.
Oder er wusste es nicht besser, was leider oft der Fall ist.

Es gibt sogar eine renommierte Autismusambulanz, die Kinder nach 20 Minuten nach Hause schickt, weil sie Blickkontakt aufgenommen haben und sich im Gespräch auf einen Erwachsenen einlassen (und das nach zwei Stunden Anfahrt).
Ich kenne den Jungen. Inzwischen hat er die Diagnosen Asperger und ADHS.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

SandyErgo
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Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von SandyErgo »

Hi!

Zuersteinmal möchte ich betonen, dass ich mich mit dem Thema Autismus nicht wirklich auskenne > dir also auch nicht sagen kann - ob die Probleme daher rühren könnten.

Aber was ist mit dem Thema Pubertät > mit 12 Jahren dürfte deine Tochter doch schon mitten drin sein??
Denn deine Tochter erinnert mich stark an meine. Aus der Schule höre ich auch: hält sich an alle Regeln, ist unauffällig, eher der ruhige Typ.
Momentan nimmt sie, besonders auch von Schulkameraden, jede Aussage für bare Münze - die die Mitschüler oftmals vermutlich ohne Hintergedanken gemacht haben. Kommt dann weinend nach Hause, ... Engerer Kontakt wird dann "abgebrochen" - nur um Tage bzw. Wochen später wieder - als wäre nie was gewesen - normal zu laufen.
Zuhause ebenfalls aggressiv, fordernd, alles muss nach ihrem Kopf gehen, der jüngere Bruder wird bei jedem kleinsten Fehler gemaßregelt, selbst gemachte Fehler werden geleugnet, Türen werden geknallt, getrampelt wie ein Kleinkind (wenn es nicht nach ihrem Kopf geht),...

>> Bei meiner Tochter kann ich aber definitiv sagen, dass die ganze Problematik mit Beginn der Pubertät so massiv ist - und habe ähnliches auch im Bekanntenkreis mitbekommen > das die Töchter dann ähnliches Verhalten an den Tag legten > ohne das die Diagnose Autismus besteht.

Oder gibt es bei euch noch andere Probleme, die dich an das Thema Autismus denken lassen??

LG
Mama 12/77
mit Tochter 11/06 FG 30+6 (nach HELLP-Syndrom) Kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung mit noch leichter Sprachentwicklungsstörung, Hämochromatose (homozygot C282T im HFE-Gen)
und Sohn 08/09 FG 34+1 ADHS und kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung mit starker Betonung der aktiven Sprache

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Alexandra2014
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Re: Autismusdiagnostik bei Mädchen

Beitrag von Alexandra2014 »

Das hier schreibt die Uniklinik auf ihrer Homepage:

„Mit den Begriffen "autistische Störungen" und "autistische Syndrome" sind alle tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, wie sie in den Klassifikationsschema ICD-10 und DSM-IV aufgeführt sind, gemeint. Das "Autismus-Spektrum" (auch "autistisches Kontinuum" genannt) umfasst insbesondere den frühkindlichen Autismus, den atypischen Autismus und das Asperger-Syndrom. Diese Bezeichnung basiert auf der Auffassung, dass die autistischen Störungen sich nicht qualitativ unterscheiden, sondern lediglich quantitativ, d.h. in Bezug auf den Schweregrad der Störung. Damit wird ein dimensionaler Ansatz vertreten, der davon ausgeht, dass sich verschiedene autistische Störungen nicht in klar unterscheidbare Kategorien unterteilen lassen, jedoch eindeutig von anderen Störungen abgrenzen lassen.

Symptomatik der Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen

Qualitative Beeinträchtigungen wechselseitiger sozialer Interaktionen

Z.B. unangemessene Einschätzung sozialer und emotionaler Signale, geringer Gebrauch sozialer Signale.
Dies bedeutet: Die Kinder kapseln sich von der Umwelt ab. Darin zeigt sich eine extreme Kontaktstörung. Die Beziehungsaufnahme zu Personen, Ereignissen und Dingen ist abnorm. Es fehlen nahezu alle Zeichen der normalen kindlichen Kontaktaufnahme zu den Eltern, insbesondere zur Mutter: kein Antwortlächeln, keine Aufnahme von Blickkontakt, keine Unterscheidung von Eltern und anderen Personen. Wenn die Kinder älter werden, wird ein Fehlen des kooperativen Spielens deutlich und die Unfähigkeit, freundschaftliche Bindungen mit anderen Kindern einzugehen, sowie ein nicht vorhandenes Einfühlungsvermögen in die Gefühle anderer Menschen.

Qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation und Sprache

Z.B. Fehlen eines sozialen Gebrauchs sprachlicher Fertigkeiten, Mangel an emotionaler Resonanz auf verbale und nonverbale Annäherungen durch andere Menschen, Veränderungen der Sprachmelodie.
Dies bedeutet: Eine verzögerte Sprachentwicklung sowie eine Neigung zu Wortneubildungen und echoartiges Nachsprechen von Worten oder Lauten. Die Kinder kommen nicht oder sehr verspätet ins Fragealter und stellen dann stereotyp die gleichen Fragen, deren Antwort sie bereits kennen. Sie verwenden die Sprache nicht kommunikativ, sondern in mechanischer Weise.

Eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster und Interessen

Z.B. Starre und Routine hinsichtlich alltäglicher Beschäftigungen, Widerstand gegen Veränderungen.
Dies bedeutet: Die Kinder können in Angst- und Panikzustände geraten, wenn sich in der unmittelbaren Umgebung etwas ändert (sogenannte Veränderungsangst).
Unspezifische Ängste wie Befürchtungen, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen, Selbstverletzungen.
Beginn der Auffälligkeiten liegt in der frühen Kindheit.“

-> einerseits schreiben sie, dass sich die Störungen im Schweregrad unterscheiden, dennoch schreiben sie dann das, was ich fett markiert habe, als beträfe es in der Ausprägung alle Autisten gleichermaßen.
Für mich beschreibt das einen frühkindlichen Autisten, aber keinen Asperger.

Wenn ich als Mutter eines potentiellen Asperger Autisten das oben markierte auf der Suche nach Infos und Hilfe lesen würde, würde ich denken „hat mein Kind nicht“.

Denn tatsächlich denke auch ich gerade „hat mein Kind nicht“.
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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