Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

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Barbara68
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von Barbara68 »

Hallo Sandra,

Hämochromatose wird autosomal rezessiv vererbt, d.h. man muss von beiden Eltern die Anlage erben. Dadurch ist das generationsübergreifende Wiedeholungsrisiko ziemlich gering (ca. 5%). In der Geschwisterschaft eines Betroffenen ist es 25%. Aber du bist ja nicht betroffen, lediglich verdeckte Anlageträgerin. Damit ist die Wahrscheinlichkeit bei deinen Geschwistern auch höchstens 5%.
Bei Blutspendern wird nicht nach Anlage für Hämochromatose geforscht. Und regelmäßig Blut zu spenden, ist eine ziemlich gute Vorsorge gegen Eisenüberladung.
Die einzigen Verwandten, die ich als Genetiker informiert wünschen würde, sind die Geschwister deines Mannes - vermutlich ist das schon erfolgt, oder?

VG, Barbara

SandyErgo
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von SandyErgo »

Liebe Barbara!

Danke für die Information.
Da mein Mann keine Geschwister hat - brauchen wir auch keinen zu informieren.

Verstehe ich so richtig:
Es reicht, wenn nur einer der Eltern Anlageträger ist? Ich habe dann einfach nur Pech gehabt - und genau das eine Gen vererbt zu bekommen, auf dem die Anlage sitzt.
Die Wahrscheinlichkeit, dass beide heterozygot bzw. einer homozygot war/ist, ist weniger bis eher unwahrscheinlich?

Bei meiner Tochter war einfach die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, weil mein Mann homozygot und ich zusätzlich noch Träger -- sie hat zusätzlich zu einem der "kranken" Gene meines Mannes das mit der Anlage von mir bekommen >> richtig?? Und das führt ja dann zur Erkrankung.
Und mein Sohn hatte das Glück, neben dem "kranken" meines Mannes mein "gesundes" zu erwischen und ist deshalb auch nur Anlagenträger.

LG
SANDRA

PS: Ich finde es gut, dass wir bei meiner Tochter schon Bescheid wissen. Obwohl der Ausbruch der Krankheit
bei Frauen (bedingt durch die Menstruation) sich ja nach hinten verschiebt.
Wir sind in Betreuung in der Stoffwechselambulanz der Uni bei uns hier und nehmen dort auch an einer
Studie bezüglich der Frühdiagnostik bei seltenen Erkrankungen teil.

Barbara68
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von Barbara68 »

Liebe Sandra,

ja, für deinen heterozygoten Befund reicht es, wenn nur ein Elternteil heterozygot ist.
Ein homozygoter Befund wie bei deiner Tochter führt übrigens vermutlich auch nur bei ca. 10% dieser Personen zur klinischen Erkrankung - wohlgemerkt lebenslang!
An eurer Stelle würde ich vor allem darauf achten, sie nicht zu sehr in der Kindheit/Jugend mit Ärzten zu traktieren, wenn sie Unwillen erkennen lässt. Das kann sonst im Erwachsenenalter zur Gegenreaktion führen. Das Wissen um den Genbefund kann zwar von Vorteil sein, aber in erster Linie muss eure Tochter später damit klarkommen und nicht ihr als Eltern.

Und noch etwas: die Veränderung Cys282Tyr ist kein Defekt und auch kein "krankes" Gen. Sie ist im Gegenteil jahrtausendelang ein riesiger Überlebensvorteil bei heterozygoten Anlageträgern gewesen, weil sie (insbesondere bei normaler, d.h. nicht fleischüberladener Enährung) der häufigen Eisenmangelanämie vorbeugt. Nur deshalb hat sie sich in den letzten 3000 Jahren (von England kommend) rasant über ganz Europa ausgebreitet.

LG, Barbara

SandyErgo
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von SandyErgo »

Noch mal Danke für deine ausführlichen Antworten.
Da reicht einem die Schulgenetik nicht mehr wirklich zum Verstehen und in Büchern steht dann alles so hochwissenschaftlich.

Das "krank" bzw. "gesund" hatte ich extra in Anführungszeichen gesetzt > mir war nur kein anderer entsprechender Begriff eingefallen.
Ich weiß, dass in dem Sinne keine Erkrankung ist.

Und bezüglich der Betreuung durch die Uniklinik - seit Diagnosestellung haben wir 1*mal pro Jahr Blutwertkontrolle bei unserer Kinderärztin gemacht. Da diese sich aber in diesem Bereich nicht wirklich auskennt - und einige Speicherwerte zwar nicht massiv, aber schon erhöht waren > hat sie uns an die Profis an die Stoffwechselambulanz verwiesen. Und ob wir ein Mal pro Jahr die Blutwerte bei der KÄ checken lassen - und die die Werte ggf. nicht sicher interpretieren kann - oder die Uni-Doc's das ein Mal pro Jahr machen - ausführlicher - und dann beurteilen > ich glaube, dass kann man vertreten.
Wir hoffen sowieso, dass sich die etwas erhöhten Werte mit der nun regelmäßig stattfindenden Menstruation wieder in den Rahmen des normalen bewegen.

LG und ein schönes Wochenende
Sandra

rondra1
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von rondra1 »

Hallo,

ich arbeite mich gerade ein bisschen in das Genetik-Thema ein und mir wurde gesagt, ich darf hier meine Fragen stellen.
Beide Kids haben ein Array gemacht. Da wurden verschiedene Auffälligkeiten gefunden. Bislang hatten wir nur ein kurzes Gespräch und den Befund. Da noch eine ausführliche Endokrinologische Untersuchung gemacht wurde und die Ergebnisse noch ausstehen, haben wir im Januar das "große" Gespräch.

Nun habe ich aber noch einige Dinge, die ich noch nicht verstanden habe. Vielleicht kann mir jemand die Begriffe und die Arbeitsweise der Chromosomen nochmal erklären :D

1. Was ist genau der Unterschied zwischen:
Duplikation -> Mikroduplikation und Gendefekte oder Punktmutationen?
Zwischen Dublikation und Mikroduplikation nehme ich an, ist es die größe des duplizierten Bereich, oder? Wo ist die Grenze und wo sieht man die Größe im Bericht? Bei uns steht z.B. min. 115,63kb max. 934,83 kb - Was genau ist die Größe das min. oder das max oder die Differenz dessen?
In den Abschnitten liegen ja auch immer Gene. Hat man auf den Genen dann automatisch auch Gendefekte? Oder macht es nichts aus, wenn die doppelt vorhanden sind? Wie ist es dann bei deine Deletion? Dann fehlt das Gen komplett, oder?

2. wenn auf einem Chromosomenarm eine Duplikation ist, stehen auf dem Bericht ja auch immer die Positionen, wo es zur Duplikation / Deletion kam. Wie funktioniert dann der Rest vom Chromosom? Ich weiß ja nun nicht genau, wie sowas arbeitet, aber wenn eine Information hinter der Duplikation liegt, wird die dann richtig gefunden, oder kann es dann im Nachfolgenden Teil des Chromosoms auch zu Fehlern kommen? Versteht ihr, was ich meine? Ich kann es etwas schlecht erklären.
Also ähnlich wie ein Computer. Haben die Stellen auf den Chromosomen feste, oder variable IP Adressen?

Danke schön!

Barbara68
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von Barbara68 »

Hallo rondra,

ja, der einzige Unterschied zwischen Duplikation und Mikroduplikation ist die Größe. Die Grenze liegt bei ca. 5000 kb. Manchmal wird aber auch eine Mikroduplikation einfach Duplikation genannt.
Min. ist die Mindestgröße der Duplikation oder Deletion, max. die maximale Größe. Der Unterschied kommt dadurch zustande, dass die Grenzen oft nicht genau festlegbar sind, weil sie DNA-Sequenzen enthalten, die sich mehrfach wiederholen (sogenannte repetitive Einheiten).
Auf euren Fall angewendet: die Duplikation bei eurem Kind ist mindestens 115 kb groß, sie könnte aber auch bis zu 934 kb betragen. Wahrscheinlich liegt die "echte" Größe irgendwo in der Mitte.
Nein, die Gene, die in den duplizierten Abschnitten liegen, haben keine Gendefekte (bzw. Punktmutationen oder andere Mutationen, die sie außer Funktion setzen). Sie sind nur in dreifacher, statt doppelter Dosis vorhanden. Vielen Genen macht das überhaupt nichts aus, einigen aber schon. Genau weiß man das nur bei relativ wenigen Genen. Deshalb kann man vermutlich an dem Befund eures Kindes auch nicht eindeutig erkennen, ob er krankheitsrelevant ist. Ein häufig angewendeter Ausweg besteht darin, die (gesunden) Eltern auf die gleiche Duplikation zu untersuchen. Liegt sie bei einem gesunden Eternteil ebenfalls vor, ist sie wahrscheinlich nicht krankheitsverursachend. Wenn sie dagegen neu entstanden ist, ist eine Krankheitsrelevanz gut denkbar.
Ja, bei einer Deletion fehlt das Gen komplett, aber in der Regel nur auf einem der beiden Chromosomen (sogenannte heterozygote Deletion). Auch dieses einfache statt doppelte Vorliegen macht vielen Genen nichts aus, sie funktionieren auch bei einfacher Dosis noch ausreichend gut.

Meistens macht eine Deletion oder Duplikation dem Rest des Chromosoms überhaupt nichts aus. Es gibt seltene Ausnahmen (z.B. wenn Gene von irgendwelchen Steuereinheiten getrennt werden), aber kaum Möglichkeiten, diese sicher festzustellen. Im allgemeinen wird davon ausgegangen, dass Gene die neben einer Duplikation oder Deletion liegen, voll funktionsfähig bleiben.

Ich hoffe, das hilft fürs erste. Ansonsten kannst du dir auch Fragen für die genetische Beratung aufschreiben.

VG, Barbara

rondra1
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von rondra1 »

Hallo Barbara,
vielen Dank, dass hat mir sehr geholfen. Ich denke, dass eventuell noch weitere Untersuchungen stattfinden werden, da die Kinder ja 2 bzw. 3 Anomalien aufweisen. Zudem kommt, dass die Kinder eine Vierfingerfurche haben, die sowohl ich als auch meine Mutter haben und ebenfalls mehre diagnostische Gemeinsamkeiten aufweisen. Die Unterschuchung wurde letzendlich auch gemacht, da wir eine familiäre Autismushäufung seit mind. 4 Generationen haben (davor ist es nicht mehr nachvollziehbar). Daher gilt es nun wohl aufzubröseln, welcher Defekt was verursacht und aus welcher Familienlinie was kommt. Und ungekärte Schwierigkeiten in eine Diagnose bzw. eine Behandlung übergeben können.

Vielen Dank für die Hilfe.

Sophie*
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von Sophie* »

Hallo Barbara,
Ich hätte eine kurze Frage: Werden durch eine klinische Exomsequenzierung die Gene PPP2R5D und ADNP abgedeckt? Oder ist das je nach Praxis, die die Untersuchung durchführt, unterschiedlich?
Danke schonmal. :)

Ps.: Hast du vielleicht Erfahrungswerte, wie lange eine CES dauert? Wir warten jetzt seit März 2019.

Barbara68
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von Barbara68 »

Hallo Sophie,

eine Exomsequenzierung hat das Ziel, alle Gene abzudecken. Da das aber viele Tausende sind, kommt es immer wieder vor, dass einzelne nicht gut abgedeckt sind (z.B. nur die Hälfte der kodierenden Sequenz erfasst ist o.ä.). Wenn diese beiden Gene nicht explizit im Befund erwähnt sind, solltest du daher lieber nachfragen um sicher zu gehen. Wobei es Sicherheit in Wortsinn bei genetischen Untersuchungen nie gibt, weil auch Genveränderungen denkbar sind, die mit einer Sequenzierung nicht erfasst werden.
Meistens werden Exome im Rahmen von Forschungsprojekten durchgeführt, weil sie zumindest für gesetzlich Versicherte keine Routine-Kassenleistung sind. Dann ist das Ende offen. Wenn die Analyse jedoch auf offizieller diagnostischer Basis erfolgt, solltet ihr das Ergebnis innerhalb eines Jahres (nach Erteilung des Auftrags) erwarten können.

VG, Barbara

MarionB76
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Re: Noch eine Humangenetikerin: Barbara L. (Düsseldorf)

Beitrag von MarionB76 »

Hallo Barbara,

der Vater unseres Pflegesohns leidet am CADASIL-Syndrom, wir sollen PS jetzt darauf testen lassen.
Was ist das genau für ein Syndrom?
Wie und wo wird der Test gemacht?

DAnke für Deine Antwort.

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