1 Klasse und Hausaufgaben

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 27.08.2019, 15:54

Hallo,

ach, wie oft ich dieses „das muss er lernen“ schon gehört habe. Das ist halt der Ansatz verkehrt rum. Autistische Kinder stecken mit ihren Kommunikationseinschränkungen und ihrer extremen Wahrnehmung oft im schulischen Alltag in der permanenten Überlastung. Ich muss gucken, wo das Kind grade steht und was grade geht. Da kann ich ansetzen. Nicht bei „muss er lernen“ - dass man sowas langfristig (!) als Fernziel im Auge hat, ist eh klar und grade Eltern deren autistische Kinder stark herausforderndes Verhalten haben, haben das eher zuviel im Kopf als zuwenig.

Und normale Erziehungshilfe oder Erziehungsberatung ist gewöhnlich nicht autismuskompetent und bringt dann eben rein gar nichts Positives, dafür aber wieder mal das üble Gefühl für die Eltern, Pseudoratschläge zu bekommen und nicht verstanden zu werden. Die Geschichte mit der Konsequenz will ich mir jedenfalls nicht mehr von jemandem reindrücken lassen, der nicht schon gezeigt hat, dass er mit einem Kind wie meinem gut und konstruktiv umgehen kann, der also weiß, worum es geht, auch wenn es schwierig wird. Unsere Ergo ist so ein Megaglücksgriff, von der anderen Fraktion hab ich leider auch schon mehr als genug getroffen. Von den komplexen Feinheiten pädagogischer Konsequenz haben Eltern autistischer Kinder oft ein ganz dickes und beeindruckendes Erfahrungsbündel, das u.a. auch viel mit Demut zu tun hat. Das habe ich bei genügend Fach- und anderen Leuten um Junior herum vermisst.


Lass Dich nicht unterkriegen, Jo!
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HeikeLeo
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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon HeikeLeo » 27.08.2019, 17:17

Liebe Jo,

das mit den Extra-Aufgaben aus der Buchhandlung und mit den LÜK-Karten ist schon mal prima.

Die Tipps mit Zeitbeschränkung ist auch hilfreich, wobei ich 20 Minuten in der ersten Klasse schon für sehr viel halte. Allerdings musste ich bei meinem die Erfahrung machen, dass es besser funktioniert hat, wenn wir den kompletten Wochenplan am Stück gemacht haben und dann den Rest der Woche nichts mehr. Aber bei uns war das größte Problem immer das Anlaufen. In der Schule hat er zwar verhaltenstechnisch kompensiert, aber gearbeitet hat er gar nichts.

Ist es Dir möglich, die Aufgaben so zu zerlegen, dass er in JEDEM FALL schnell und leicht Erfolgserlebnisse hat? Ich habe mir teilweise die Aufgaben diktieren lassen und für Sohn geschrieben, gemalt, Striche gezogen. Er hat gesagt oder gezeigt, was verbunden werden soll.
Die Reimaufgaben waren ihm auch zuerst schwer, weil er gar nicht wusste, auf was er achten soll. Und das Thema Silbenkönig hat bis in die vierte Klasse gedauert, weil er ganz anders gelesen hat. Beim Reimen ist die Frage, ob er vielleicht die Buchstabenbilder sehen kann - dann müssten die Wörter alle geschrieben sein und er aus einer Vormenge raussuchen. Gerade autistische Kinder können besser sehen als hören.

Nebenher essen oder trinken hilft hier auch. Das ist eine gute Idee.

Brief bzw. e-Mail an die Lehrerin ist sicherlich auch sinnvoll. Mit konkreter Kommunikation habe ich schon sehr gute Erfahrung gemacht - allerdings nur, wenn die Lehrerin mitreden kann. Da hatten wir in den ersten beiden Schulklassen beim Jüngsten sehr großes Glück. Da hat ein Gespräch pro Schuljahr gut gereicht. Aber wir waren mit der Lehrerin auch auf einer Wellenlänge. Das ist echt Glückssache.

Liebe Grüße
Heike

Alexandra1984
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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon Alexandra1984 » 27.08.2019, 19:22

Hallo.

Unser erstes Halbjahr in der ersten Klasse war auch die reinste Katastrophe. Unser hat direkt dicht gemacht, da die ersten Aufgaben aus „Male deine Schultüte“ uä bestand, für ein Kind, welches feinmotorisch extreme Defizite aufweist und im kiga schon nicht mehr malen wollte, da er nur Krickelkrakel kann, eine absolute kontraproduktive Angelegenheit. Jetzt haben wir zum zweiten Mal die erste Klasse durchlaufen, um genau diese Defizite anzugehen und aufzuholen. Bei den Hausaufgaben gab es nur Geschrei, Gemecker, fliegenden Stifte und mit Gewalt durchradierte Zettel :roll:

Wir haben zunächst die Schulzeit verkürzt, damit er im System ankommen kann. So hatte er täglich locker ne Stunde extra Spielzeit vor dem Mittagessen und den HA. In den Stunden bei Überforderung konnte er mit SB auf den Schulhof um seine aufgestaute Energie rauszulassen. Er konnte nach dem ersten Schuljahr die Zahlen schreiben und einige Buchstaben erkennen. So hat er das System Schule ohne noch mehr Druck erstmal verinnerlichen können und den gesamten Ablauf studieren können. Dann der zweite Anlauf...er hat die erste Klasse bestanden. Kann rechnen, schreiben und lesen, unvorstellbar vor 1 Jahr :D

Hausaufgaben sind noch immer „schwierig“ größtenteils werden diese glücklicherweise in der Schule mit Begleitung vom SB erledigt (machen die anderen Kinder ja auch) und wenn noch welche zuhause sind, dann darf er sich aussuchen, wann er diese wo erledigt...Hauptsache gemacht (sonst gibt es ein Zeichen der Lehrer dran und die müssen wiederholt werden). Ruhe ist wichtig, damit meine ich unsere Ruhe. Ich habe geschrien, geheult, gedroht, versucht zu belohnen...chancenlos. Wir mussten lernen zu warten, wann es bei ihm Klick macht.

Wichtig ist, die Lehrer ins Boot zu holen. Wenn es zu viel war und es trotzdem ansatzweise versucht wurde, belohnen. Er erkennt evtl. zwei Reimwörter von 5 direkt? Super! Stempel von Mama dran, prima gemacht und dann entspannt den Nachmittag genießen.

Viel Kraft und Erfolg.
mit N. (2011) Epilepsie und Asperger

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Regina Regenbogen
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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon Regina Regenbogen » 28.08.2019, 05:41

Nun ist seit heute auch das Thema Ergo vorerst erledigt, heute ist die letzte Stunde, danach haben wir nur noch Logo, da wir in einer geeigneten Praxis auf der Warteliste "schmoren". Übrigens stellen die Ergo und Logo Termine für Marcel keine Überforderung dar, ganz im Gegenteil er hat dort viel Spaß, geht gern hin und meckert wenn ein Termin ausfällt. Lediglich ist er an solchen Tagen nachmittags/abends zu nichts mehr zu gebrauchen, da mental ausgepowert.
Unabhängig davon, dass Ergo und Logo meinem Jüngsten auch Spaß gemacht haben, habe ich zur Einschulung alle Therapien auf Eis gelegt. Zu dem Zeitpunkt war die Eingewöhnung in der Schule wichtiger, unser Sohn brauchte dafür mehr Raum. Nach einem halben Schuljahr haben wir die Autismustherapie begonnen.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

melly210
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Re:

Beitragvon melly210 » 28.08.2019, 11:28

Hallo,

ach, wie oft ich dieses „das muss er lernen“ schon gehört habe. Das ist halt der Ansatz verkehrt rum. Autistische Kinder stecken mit ihren Kommunikationseinschränkungen und ihrer extremen Wahrnehmung oft im schulischen Alltag in der permanenten Überlastung. Ich muss gucken, wo das Kind grade steht und was grade geht. Da kann ich ansetzen. Nicht bei „muss er lernen“ - dass man sowas langfristig (!) als Fernziel im Auge hat, ist eh klar und grade Eltern deren autistische Kinder stark herausforderndes Verhalten haben, haben das eher zuviel im Kopf als zuwenig.

Und normale Erziehungshilfe oder Erziehungsberatung ist gewöhnlich nicht autismuskompetent und bringt dann eben rein gar nichts Positives, dafür aber wieder mal das üble Gefühl für die Eltern, Pseudoratschläge zu bekommen und nicht verstanden zu werden. Die Geschichte mit der Konsequenz will ich mir jedenfalls nicht mehr von jemandem reindrücken lassen, der nicht schon gezeigt hat, dass er mit einem Kind wie meinem gut und konstruktiv umgehen kann, der also weiß, worum es geht, auch wenn es schwierig wird. Unsere Ergo ist so ein Megaglücksgriff, von der anderen Fraktion hab ich leider auch schon mehr als genug getroffen. Von den komplexen Feinheiten pädagogischer Konsequenz haben Eltern autistischer Kinder oft ein ganz dickes und beeindruckendes Erfahrungsbündel, das u.a. auch viel mit Demut zu tun hat. Das habe ich bei genügend Fach- und anderen Leuten um Junior herum vermisst.


Lass Dich nicht unterkriegen, Jo!
Daß man sich jemand Autismus-kompetenten sucht habe ich schon vorausgesetzt. Daß viele Stellen sich da nicht gut auskennen ist mir bewusst.

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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon ninona » 28.08.2019, 13:42

Hallo,

ich händele es inzwischen so :
Sollten die nicht gemachten Hausaufgaben auf die Noten Einfluss nehmen, Nachteilsausgleich beantragen und/ oder ärztliches Attest einreichen.
Sollten die Hausaufgaben notwendig sein um Stoff zu erlernen oder zu vertiefen, mit Belohnung verbinden.
Aber andersrum 4x Hausaufgaben gleich 1x Kino, egal welcher Zeitraum, die erarbeitete Belohnung verfällt nicht!
Wenn es um den inhaltlichen Stoff geht wird dieser von mir alternativ aufbereitet, oder angeboten. Video, Apps, Verknüpfung mit Spezialinteresse etc. Ich habe in 85 Prozent mit alternativen Lernmitteln gearbeitet.
Diese Frustrationen sind schädlich, das Kind lernt nichts und man selber ist dabei oder kurz davor durchzudrehen.

An der Motorik für die Schreibschrift oder zum malen arbeite ich mich nicht ab. Kommt schon und wenn nicht, dann nicht. Ohne Druck schreibt das Kind (10) oft freiwillig und sonst am Computer... unser Weg, da wird man wenigstens in seinem Selbstwert nicht beschädigt.

Mein Kind ist Inhaltlich jedoch auch immer sehr gut mitgekommen.


Viele Grüße
ninona

maikeb
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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon maikeb » 31.08.2019, 17:57

Ich habe mal eine Fortbildung zum Thema Autismus an einer weiterführenden Schule gegeben, auch zum Thema Elternarbeit - und war enorm überrascht, wie schlecht LehrerInnen (auch ausgebildete Sonderpädagogen) sich vorstellen können, wie der Alltag in Familien mit autistischen Kindern aussieht. :shock:

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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon MarcelundMama » 02.09.2019, 19:36

Ich habe mal eine Fortbildung zum Thema Autismus an einer weiterführenden Schule gegeben, auch zum Thema Elternarbeit - und war enorm überrascht, wie schlecht LehrerInnen (auch ausgebildete Sonderpädagogen) sich vorstellen können, wie der Alltag in Familien mit autistischen Kindern aussieht. :shock:
Hallo!

Das Gefühl beschleicht mich im Falle meines Sohnes auch immer mehr, denn die Hausaufgaben entsprechen absolut nicht dem, was er kann.
Er bekommt stets Aufagebn mit der Aufforderung: "male aus/an", "verbinde miteinander", "kreise ein", "zeichene nach", heute der absolute Hammer: "zeichne selbst" oder ein Labyrinth in dem er mit dem Stift den Weg einzeichnen soll... :roll: Und das alles bei einem Kind welches absolute graphomotorische Schwierigkeiten hat!
Außerdem sind da so "lustige" Dinge dabei wie: "Zeichne die Bilder fertig" - es ist z.B. eine halbe Schere, halbe Schultüte, eine halbe Aktentasche usw. aufgezeichnet und man muss die andere Hälfte selbst zeichnen. Das ist für mein Kind absolut nicht machbar.


Habe heute in das "Nachrichtenheft" für die Schule geschrieben: "Bitte vorerst keine graphomotorischen Hausaufgaben für Marcel. Er ist damit absolut überfordert (bitte ggf. Marcels SPZ Berichte lesen)" - was man offensichtlich nicht getan hat, geschwiege denn sich mal die Mühe gegeben zu schauen, was das Kind kann...


Bin echt gefrustet...

Gruss!

Jo
Joanna (49) & Marcel (11.2011) ASS Diagnose Juni 2014 und ADHS im Januar 2018 als "Sahnehäubchen" oben drauf... ;o)

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 02.09.2019, 23:59

Hallo Jo,

und die Schulbegleitung? Das wäre doch ein Job für sie, die Hausaufgaben für Marcel zu individualisieren, und als HP müsste sie das auch können? Und das ist doch genau das Prinzip bei TEACCH, dass die Aufgaben so sind, dass das Kind sie selbständig bewältigen kann? Kommt sie bei der Lehrerin nicht durch damit?

Grüße
Engrid
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sandra8374
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Re: 1 Klasse und Hausaufgaben

Beitragvon sandra8374 » 03.09.2019, 03:33

Sicher das es die passende Schule ist?
LG Sandra

S+F mit PT(*00 FAS, Microdelitation 16p11.2, ADHS, GB, Z.n.Absencen?, Sehfehler, Lordierung LWS, Skoliose 17,8%, Beckenschiefstand, Hüftkontraktur, Korsettversorgung, mit SBA 90 HBG) u. PS (*01 ADS, GB, Sehfehler, Knick-Senk-Füße, Z.n.Epilepsie, mit SBA 60)


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