Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Leasanne
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Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Leasanne » 26.08.2019, 17:11

Hallo, liebe Leute,

ich benötige mal ein bisschen Input.

Mein Sohn wird im Mai 18. Uns (also ihm und mir, sein Vater hält sich da bedeckt), dass er in allen rechtlichen Angelegenheiten wohl Hilfe benötigen wird. Vor allem, was das finanzielle angeht, da kann er sich überhaupt nicht vorstellen, da alleine mit klar zu kommen. Ebenso hat er große Sorge, wer sich dann um alles rund um SBA und Pflegegrad kümmert, mit Behörden verhandelt oder auch ihn bei Ärzten unterstützt.

Eigentlich ist Lutz recht fitt und versteht schnell. Leider ist er aber auch total unreflektiert, ist schnell zu beeinflussen und glaubt alles, was man ihm erzählt. Die Gefahr, unbedacht den 5. Handyvertrag abzuschließen, Versicherungen, die kein Mensch braucht oder Kredite aufzunehmen, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann, ist sehr groß. Lutz ist leicht zu blenden und zu manipulieren.
Zudem ist es ja tatsächlich nicht ganz ohne, im Behördenwahnsinn klarzukommen und bei Ärzten das richtige zu entscheiden.

Lutz und ich sind uns einig, dass ich ihn in rechtlichen Dingen vertreten soll. Das ginge natürlich über eine Vollmacht, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung. Oder aber mit einer rechtlichen Betreuung.
Ich bin da ziemlich hin- und hergerissen, was das bessere ist. Immo halte ich die rechtliche Betreuung für besser, da ein Richterbeschluss deutlich stärkere Wirkung nach außen hat (machen wir uns nichts vor, die meisten Manschen haben keine Ahnung, was rechtliche Betreuung überhaupt bedeutet). Viele Diskussionen und Anfeindungen durch den Vater fielen damit ebenfalls weg, da die rechtliche Betreuung ja deutlich stärker reglementiert und kontrolliert ist. Und sollte doch jemand der Meinung sein, mir ginge es nur um Lutz' Geld (welches Geld? Er wird vermutlich zeitlebens von GruSi leben), dann gibt es dafür offizielle Beschwerdewege. Ob dann da was bei herum kommt: fraglich... Zudem besteht ja bei einer rechtlichen Betreuung Vermögenschadenshaftpflicht im Rahmen von Sammelhaftpflichtversicherungen durch die Justizministerien. Bei einer Vollmacht sieht das anders aus.
ABER: würde ein Richter bei einem durchaus normal intelligenten Menschen, der sich gut verkauft, und augenscheinlich ein ganz normaler junger Mann ist, überhaupt eine Betreuung beschließen? Hätte das ganze Verfahren überhaupt eine Aussicht auf Erfolg?

Fragen über Fragen.... Ich freue mich auf eure Antworten

Liebe Grüße
Eva
Liebe Grüße
Leasanne
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Jonas (*’95), Lutz (*’02), ASS, ADHS, Dyskalkulie, extreme Knick-Senk-Füsse, Skoliose, seit 2019: LQTS, Til (*’05) extrem nervendes Pubertier

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Petra62
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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Petra62 » 26.08.2019, 17:42

Hallo Eva
Ich kann dir natürlich nicht zu dem einen oder anderen raten. Meine Erfahrung war damals, man hat uns verunsichert. Bei der rechtlichen Betreuung muss man alles belegrn, was man für Junior kauft. Ob das so stimmt, weiß ich nicht. Wir haben für unseren Asperger Sohn nur eine Vorsorgevollmacht, in unserem Fall vom Landkreis. Ich habe Vollmacht für alle wichtigen dinge, außer das Wohnrecht. Das will er selber bestimmen. Er kann mit seiner EC Karte einkaufen und bestellt auch im Internet. Ich habe immer ein Auge drauf. Alles was z.B. gerichtlich läuft oder bei der AfA, oder ,oder, das mache ich. Aber ich erkläre ihm alles.
Hier werden sicher noch viele schreiben, du musst es für euch abwägen. Viel Glück.
Viele Grüße
Petra
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Petra ( 1962 )
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Michaela44
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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Michaela44 » 27.08.2019, 08:13

Hallo Eva,

ich kann dir leider auch nicht sagen, welche Variante die bessere ist. Aber eines verstehe ich nicht: du schreibst, du und dein Sohn, ihr seid euch einig, dass er eine Betreuung benötigt. Weiter unten fragst du, ob ein Richter einem jungen Mann, der normal wirkt und sich gut verkaufen kann, überhaupt eine Betreuung bewilligt.

Dein Sohn kann die Betreuung selbst beantragen und dem Richter erklären, warum er sie benötigt. Wenn er selbst die Betreuung möchte und sich zudem gut verkaufen kann, sehe ich da kein Problem. Ein eigener Antrag auf Betreuung hat auch den Vorteil, dass er sie leichter beenden kann.

Mein Sohn wird auch bald 18 und auch wenn ich durchaus den Bedarf sehe, werde ich definitiv keine Betreuung beantragen, weil es für sein ohnehin geringes Selbstwertgefühl das falsche Signal wäre (zumal er meint, er kann alles und eine Betreuung nicht wollen würde). Beim Umgang mit Behörden werde ich ihm meine Unterstützung anbieten. Dafür wird oft nicht mal eine Vollmacht benötigt: die von mir geschriebenen Briefe kann er unterschreiben und zu Terminen darf jeder eine Vertrauensperson mitbringen. Ich bin auch sonst da, wenn er Hilfe benötigt, aber ich möchte auch, dass er selbständig wird und das geht nur, wenn er selbst verantwortlich ist.

Viele Grüße
Michaela

Edit: Betreuung hat immer etwas von Fremdbestimmung. Das mag ich nicht und mein Sohn noch weniger.
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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Leasanne » 27.08.2019, 09:18

Hallo Eva,

Beim Umgang mit Behörden werde ich ihm meine Unterstützung anbieten. Dafür wird oft nicht mal eine Vollmacht benötigt: die von mir geschriebenen Briefe kann er unterschreiben und zu Terminen darf jeder eine Vertrauensperson mitbringen. Ich bin auch sonst da, wenn er Hilfe benötigt, aber ich möchte auch, dass er selbständig wird und das geht nur, wenn er selbst verantwortlich ist.
Ich denke, es wird nicht ausreichen, ihm nur die Unterstützung anzubieten. Wenn Lutz bei mir leben würde,dann wäre das alles kein Problem. Lutz lebt aber in einer Einrichtung, für die Elternarbeit Neuland war, als Lutz dort einzog. Das kannten die bisher gar nicht, dass sich Eltern einbringen und Informationen haben wollen. Demnach sind die Betreuer oftmals genervt, empfinden mein Engagement als Einmischung. Das wird garantiert nicht besser werden, wenn Lutz 18 ist. Es ist aber nicht so, dass die Wohngruppe unbedingt das tut, was wichtig wäre. Da bleibt viel auf der Strecke (Pflegegrad, SBA, Impfungen, Berufsbildung etc.). Von daher ist Einmischung leider Gottes von Nöten. Ich denke, da wird einiges an Beeinflussung stattfinden. Lutz erzählt nicht viel, so dass ich vieles erst gar nicht mitbekommen werde. Und dann sind auf einmal PG und SBA weg, niemand hat sich um Sozialleistungen gekümmert und Lutz steht ohne Krankenversicherungsschutz da... . Von daher ist es schon wichtig für mich, dass ich sozusagen rechtlich legitimiert bin, für Lutz handeln zu können. Die Wohngruppe ist dann eher gezwungen, mich ins Boot zu holen.

Dadurch, dass wir nicht zusammen wohnen, würde es mal nicht so einfach gehen, dass mal eben ein Schreiben oder einen Antrag erstelle und er ihn einfach nur unterschreibt. Dafür benötige ich die entsprechenden Info, oft auch mal aktuelle Bescheinigungen oder Berichte. Um die selber besorgen zu können, müsste ich mir dann jeweils für den Einzelfall Vollmachten, Schweigepflichtsentbindungen und Einverständniserklärungen besorgen. Generalisiert wäre das einfacher.

Sicher soll Lutz auch selbstständig werden, aber immo ist das noch nicht möglich und er benötigt Hilfe, die er ja auch einfordert.

Gruß, Eva
Liebe Grüße
Leasanne
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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon monika61 » 27.08.2019, 09:49

Hallo Eva,

vielleicht helfen Dir die Infos (Thema Vollmacht) vom bvkm weiter :
https://bvkm.de/wp-content/uploads/2019 ... mich-2.pdf

LG
Monika

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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Michaela44 » 27.08.2019, 10:36


Lutz lebt aber in einer Einrichtung, für die Elternarbeit Neuland war, als Lutz dort einzog. Das kannten die bisher gar nicht, dass sich Eltern einbringen und Informationen haben wollen. Demnach sind die Betreuer oftmals genervt, empfinden mein Engagement als Einmischung. Das wird garantiert nicht besser werden, wenn Lutz 18 ist. Es ist aber nicht so, dass die Wohngruppe unbedingt das tut, was wichtig wäre. Da bleibt viel auf der Strecke (Pflegegrad, SBA, Impfungen, Berufsbildung etc.). Von daher ist Einmischung leider Gottes von Nöten.
Ja, das kenne ich auch von meinem Sohn. :roll: Mir wurde von Dritter Seite geraten, mich trotzdem zurückzunehmen, denn solange ich agiere, ruht sich die WG darauf aus und braucht ja gar nicht tätig zu werden. Das war mir aber auch zu riskant. Mein Sohn lebt jetzt mit ambulanter Unterstützung alleine. Bei eurer Situation ist ein offizielles Schriftstück natürlich wichtiger als bei uns.

Trotzdem noch ein Tipp, solange es das nicht gibt: dein Sohn ist doch sicherlich bei dir gemeldet (das Meldegesetz wurde vor ein paar Jahren geändert und wenn er bei dir noch ein Zimmer hat, ist das seine Meldeadresse), da kannst du offizielle Schreiben (SBA, Pflege,...) über seine Meldeadresse laufen lassen und es geht nichts verloren.
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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Jörg75 » 27.08.2019, 11:13

Moin,
ABER: würde ein Richter bei einem durchaus normal intelligenten Menschen, der sich gut verkauft, und augenscheinlich ein ganz normaler junger Mann ist, überhaupt eine Betreuung beschließen? Hätte das ganze Verfahren überhaupt eine Aussicht auf Erfolg?
naja, manchmal hilft einfach ein Blick ins Gesetz - und da steht in § 1896 Abs. 1 BGB folgendes:
Kann ein Volljähriger auf Grund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen, so bestellt das Betreuungsgericht auf seinen Antrag oder von Amts wegen für ihn einen Betreuer.
Die Frage ist also:
1. Besteht eine medizinisch nachgewiesene psychische Krankheit oder eine körperliche, geistige oder seelische Behinderung?
2. Kann dein Sohn wegen diese Krankheit seine Angelegenheiten nicht besorgen?

Wenn beide Antworten positiv beantwortet werden können (und das entsprechend durch Atteste oder Gutachten nachgewiesen werden kann), dann liegen die Voraussetzungen einer Betreuerbestellung nach BGB vor und ein Richter wird eine Betreuung einrichten.

Gruß
Jörg
K., *2013, Extremfrühchen (27. +3 SSW), ICP, GdB 100 G aG H B, PS II+/ PG 4
J., *2016, aktuell keine Besonderheiten

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Re: Rechtliche Betreuung / Vollmacht

Beitragvon Leasanne » 27.08.2019, 18:46

Trotzdem noch ein Tipp, solange es das nicht gibt: dein Sohn ist doch sicherlich bei dir gemeldet (das Meldegesetz wurde vor ein paar Jahren geändert und wenn er bei dir noch ein Zimmer hat, ist das seine Meldeadresse), da kannst du offizielle Schreiben (SBA, Pflege,...) über seine Meldeadresse laufen lassen und es geht nichts verloren.
Ja, Lutz ist mit Hauptwohnsitz bei mir gemeldet. Auch das gab damals ein Aufschrei in der Wohngruppe. "So was wäre total unüblich, alle anderen Kinder.... "
Komisch nur, dass das Melderecht da was anderes sagt.
Liebe Grüße
Leasanne
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