Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

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melly210
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Re: Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

Beitragvon melly210 » 22.08.2019, 11:54



Wir bekommen Logo in einer sehr kompetenten Praxis. Die Logo hat am Anfang an eine Apraxie (?) gedacht, weil es bei unserem Sohn den Anschein hat, dass er versuchen will zu sprechen, aber die Worte nicht raus wollen. Diese Therorie hat die Logo aber wieder verworfen, weil sie meinte, dass er sonst die Vokale nicht aussprechen könnte, was er aber kann. Sie unterstützt ihn trotzdem mit Taktkin.

Ergo bekommen wir auch, wobei das leider nciht so gut ist. Die Ergo behandelt hauptsächlich ältere Kinder und ich habe das Gefühl, dass sie leider keinen Plan hat, was sie mit meinem Sohn machen kann/soll/muss Er geht im Raum umher, macht nie, was die Ergo von ihm will. Dann wuselt sie um ihn herum und versucht ihn 30 Minuten lang zu einer Sache zu bewegen und dann ist die Stunde schon um :? Aber ich habe mit der Frühförderung geredet und deise haben ihn jetzt auf die Warteliste für Ergo gesetzt. Dauert aber mind. 6 Monate bis was frei wird.


Liebe Grüße,
Anna
LG
Ok, Logo klingt kompetent :-) Ergo würde ich Druck machen daß ihr schnell wechseln könnt. 6 Monate ist deutlich zu lange. Ich würde mal fragen ob du dir die Ergo von der Frühförderung anschauen kannst, damit du siehst wie gut die sind und ob die sich mit SI-Störungen auskennen. Nicht daß ihr da jetzt monatelang wartet und dann heißt es wieder nichts dort. Parallell würde ich mal google bemühen und schauen ob ihr in eurer Gegend nicht noch andere Ergopraxen finden könnt die sich auf SI-Störungen bei Kindern spezialisiert haben und euch die anschauen. Dann seht ihr im Vergleich wer wie arbeitet, welche Fragen gestellt werden etc. Und wenn ihr euch für eine Praxis entschieden habt, egal ob das dann die von der Frühförderung ist oder eine andere: Druck machen was das Zeug hält. Nicht abspeisen lassen. Wir haben uns eine sehr gute Praxis gesucht die ausschließlich SI-Störungen bei Kindern behandelt. Da hat man uns auch gesagt sicher 6 Monate Wartefrist. Ich war lästig und habe alle zwei Wochen angerufen und gefragt wie es steht, ob sie schon was sagen können etc. Wir hatten dann nach 3 Monaten einen Platz.

Auch mein Sohn hat eine Wahrnehmungsstörung, aber sehr wahrscheinlich ist er kein Autist. Eine zeitlang war ich mir nicht sicher, vorallem im Alter von zwei und 3 hat er autistische Züge gezeigt:
- wollte nicht berührt werden/umarmt werden, nie ohne lange Kleidung sein, sehr lärmempflindlich
- hat sich vor anderen Kindern und unbekannten Situationen gefürchtet
- hat sehr stereotyp gespielt, hat oft 30 Min an Rädern oder der Waschmaschine gedreht
- visuell hatte er eine ganz grottige Wahrnhemung, er konnt zb absolut nicht puzzlen oder Muster nachlegen. Es war für ihn so als ob die Puzzleteile leer wären, hatte ich das Gefühl. Er konnte mir nie einem sechsteiligen Puzzle mit 3 x Himmel und 3 x Grasteilen nicht mal sagen auf welchen Himmel und auf welchen Gras ist. Dh er konnte mit fragmentierten Bildern genau 0 anfangen

Nun jetzt ist er 4,5 und hat über ein Jahr Si-zentrierte Ergotherapie hinter sich.
- weit nicht mehr so berührungsempfindlich, läuft auch gern nackt herum, durchs Gras etc. Berühren und Lärm geht auch deutlich besser.
- Geht jetzt souverän und ganz entspannt mit anderen Kindern und neuen Situationen um. Letztes Jahr waren wir auf einem Osterfest, da hat er geheult und gezittert und nur auf den Schultern vom Papa konnten wir kurz mal durchgehen. Heuer ist er mit Juhu reingelaufen und hatte den Spaß seinen Lebens :D Er freundet sich auch schnell mit fremden Kindern an, hat im Kindergarten einen besten Freund und mehrere andere Freunde.
- er spielt absolut gar nicht mehr stereotyp, sondern sehr variantenreich, viele Rollenspiele mit Handlungsketten, baut große Systeme für seine Holzeisenbahn etc.
- er puzzlet jetzt altersgemäß, sowas 30 Teile schafft er alleine, 45 mit etwas Hilfe.

Also ja, eine gute (!) Ergo kann bei so kleinen Kindern viel bewirken.

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Regina Regenbogen
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Re: Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

Beitragvon Regina Regenbogen » 22.08.2019, 12:12

Leider geht er nicht in die Kita, er ist bei einer Tagesmutter zurzeit. Es ist ja nicht so, dass nur mir die Auffälligkeiten auffallen. Den anderen fällt es auch auf
Wer sind diese anderen? Wirklichen Glauben schenkt man dir mit sachlichen Bestätigungen durch ErzieherInnen, Therapeuten oder ähnlich fachlich qualifizierten Leuten in deinem Umfeld.

Vermutlich wird dein Kind schon so einiges aufholen an fehlender Entwicklung, wenn er in den Kindergarten kommt. Zumindest haben dann noch andere Leute eine objektive Meinung dazu.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Re: Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

Beitragvon Silvia & Iris » 22.08.2019, 15:38

Hallo Anna,

nein, es wurde dann eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung diagnostiziert. Dieses Problem hat mit der Hörverarbeitung zu tun und nicht mit dem Ohr an sich, weshalb sich manchmal die Diagnostik als schwierig herausstellt... - Auffälligkeiten: Schwierigkeiten beim Nachsprechen, hypotone Körperhaltung, Dyspraxie (gute Grobmotorik, kaum Feinmotorik), auffällig ist auch, dass die Kinder sich die Ohren zu halten in Kirchen, oder auch wenn sie bei einer Trafostation sind, Elektroautos... - überall wo du Hochfrequenz hören könntest (wir hören da (fast) nichts...) Man spricht mit ihnen und sie scheinen dich nicht zu verstehen...
Diese Kinder haben Probleme Anweisungen auszuführen: gerade in dem Alter von deinem Sohn sehr gut zu sehen, da die Kinder da sehr bemüht sind zu zeigen was sie können! - Wenn dann so eine Aufforderung "Setze den blauen Stein auf den roten" - nicht ausgeführt wird (also ohne vorzeigen, nur verbale Anweisung) - so kannst du vielleicht doch auch ein wenig in diese Richtung schauen...

Schwierig ist die Diagnosestellung auch insofern, da es immer wieder vorkommt, dass Kinder nicht "reine" Autisten sind, sondern auch noch weiteres im Gepäck haben... (wie eben AVWS oder / und ADHS)...

Um eine reine AVWS diagnostizieren zu können wird auch im Alter von 5 Jahren ein Intelligenztest durchgeführt - wenn dieser eine Intelligenzminderung ergibt, dann schließt das eine AVWS als Diagnose aus...
Allerdings zeigen sich gerade bei Kindern, die eine AVWS haben, häufige Mittelohrentzündungen... (das gibt sich dann im Alter von etwa 8 Jahren, wenn die Gehörgänge größer und besser durchlüftet sind).
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

MamaEmiljan
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Re: Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

Beitragvon MamaEmiljan » 22.08.2019, 18:26

Hallo Anna,

Mein Sohn hat auf jeden Fall Probleme mit der Körperwarnehmung. Er ist hypoton und hat leichte Gleichgewichtsprobleme. Er läuft gerne und viel. Wenn er müde wird, merkt man aber das die körperspannung nicht mehr reicht. Er schlenkert rum und läuft ein wenig eirig. Er kann klettern, schaukeln uns rutschen. Ist aber sehr vorsichtig in seinen Bewegungen. Fordert auch noch hilfe ein.
Er kann schwer springen uns hüpfen. Baut halt keine richtige körperspannung auf.
Die ergo meinte, dass dies auch das Problem mit der Nachahmung erklärt. Wer nicht spürt wo seine Arme und seine beine sind, kann diese nicht bewusst setzen. Seit wir daran arbeiten hat die Nachahmung eingesetzt. Er wird auf dem spielplatz mutiger etc.

Die aktive Sprache war bei uns gar nicht so das Problem. Eher das sprachverständnis. Er konnte vor 10 Monaten aufforderung nur mit Gestik meinerseits befolgen. Er konnte keine körperteile zeigen. Keine bilder. Keine Fragen verstehen. Keine formen etc. ... das sprachverständnis war echt schlecht. Also auditiv auffällig. Davon ist fast gar nichts mehr zu bemerkten. Er kann auf schwere Aufforderungen ohne hilfe verstehen...stelle die Schuhe AUF den stuhl. Stelle sie UNTER den stuhl. Er kann alle körperteile zeigen. Er kann Formen, Tiere, Gegenstände zeigen. Er versteht Fragen. Ja/Nein Fragen. Wo/Was und Wie fragen.
Also eine wahnsinnge Entwicklung in 10 Monaten.
Mit dem Sprachverständnis kam die aktive Sprache.
Momentan merkt man die auditiven Auffälligkeiten noch in lauter und unübersichtlicher Umgebung z.b. vollen Indoorspielplätzen und tlw. Kita. Er wirkt dann orientierungslos. Bekommt nicht mehr alles mit. Braucht eine bezugsperson. Er wird aber nicht aggressiv, sondern braucht eine Andockstation. Lässt sich leiten.

Die Spielsituation hat sich wahnsinnig verändert. Er spielt echt schön. Mit uns und alleine.
Sachen gedreht oder stereotyp war er nie. Er wusste einfach nicht was er spielen kann.

Wir haben sehr engagierte Therapeuten.
Für die Kita haben wir 2 h Heilpädagogik pro Tag bewilligt bekommen. Unsere I Kraft ist aber spitze. Sie ist den ganzen Tag an ihm dran. Nimmt ihn überall mit hin. Wechselt sie Gruppe, nimmt sie ihn mit. Er ist immer bei ihr. Die 2 h verbringt sie mit ihm in der Einzelförderung im Therapieraum oder geht alleine mit ihm spazieren um ihm die nötige Ruhepause vor den Geräusche zu gönnen. Das hilft im sehr.

Fest steht, dass er in 10 Monaten wahnsinnig viel gelernt hat. Er hat schneller gelernt als es es die Entwicklung bei normalen entwickelten Kindern vorsieht.
Wir sind gut aufgestellt. Haben derzeit aber keine Diagnose.
Er kommunziert super. Ist sehr sozial. Wir haben eine sehr enge Bindung.
Ob Autist, warnehmungsstörung oder eben was ganz anderes...ich weiss es nicht.
Die Zeit wird es zeigen. Aber er entwickelt sich. Rasant. Und das ist die Hauptsache. Wir sind in guter Dinge.

Das wünsche ich euch auch.

Liebe Grüsse

MamaEmiljan
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Re: Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

Beitragvon MamaEmiljan » 22.08.2019, 20:42

Im Übrigen muss ich Regina Recht geben. Dein Kind ist noch sehr jung. Da werden sich auch gute Diagnostiker noch zurückhaltend zeigen.
Ich konnte nur durch sehr sehr gute Kontakte an einen Spezialisten kommen, der sonst nur ab 5 Jahren mit Aufnahme in einer Tagesklinik diagnostiziert, der sich mein Kind anschaut.
Wir stehen in Kontakt. Derzeit will er uns nicht sehen :-)
Selbst wenn sich eine ASS Diagnose ergeben sollte, auch Autisten entwickeln sich weiter. Das habe ich hier gelernt. Ob ein Kind später mal selbstständig leben kann, hängt nicht von einer ASS Diagnose. Viele Autisten hier haben sich in einem annehmbaren gut geförderten Umfeld gut entwickelt.
Also Kopf hoch. Alles wird gut.
Vor 10 Monaten war ich ähnlich verzweifelt...heute gehören die meisten Tränen der Vergangenheit an.

Karina H BS
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Re: Wieso ist Autismus so schwer zu diagnostizieren?

Beitragvon Karina H BS » 23.08.2019, 19:30

Hallo JonasMama,
so richtig "Autistisch" klingt das bei deiner Beschreibung noch nicht wirklich und dann war da ja noch das Hörproblem - das Sehvermögen ist gut?

Die Diagnose hilft den Eltern zu verstehen, dass sie nichts falsch gemacht haben und öffnet Türen für bestimmte Therapien und Unterstützungen . Mehr hilft sie nicht, denn sie ändert das Kind in keiner Weise.

Für uns Eltern war der Verdacht schon ziemlich gesichert, da war das Kind nicht mal zwei Jahre alt. Allerdings wusste ich bereits nach 24 Stunden, dass er ganz anders ist und irgendetwas nicht stimmt . Nur was??? Ja und die Ärzte sagen dann, ach das ändert sich noch, ach das machen Sie doch ganz toll, nein alles noch im Rahmen....
Eine richtige Abklärung kann erst ab ca. 4 Jahren stattfinden, dann erst greifen die gängigen Tests und das Kind kann auch einigermaßen mitmachen. Zudem hast Du dann Fragebögen, die auf Kita, soziales Umfeld und viele Dinge abzielen, die man mit einem zweijährigen gar nicht beantworten kann.
Es gibt zig Bücher über Autismus und ganz viele Ratgeber, Diagnoseideen usw. Ich lese gerade " die geniale Störung". Was hat man nicht alles innerhalb der letzten mehr als 100 Jahre für Ideen gehabt wie man es diagnostiziert, wie man es überhaupt nennt, wie man es behandelt, tatsächlich auch "heilen" will man es. Es gab zig Theorien die AS Menschen sogar das Leben gekostet haben- Vererbung, die Kühlschrankmutter oder die Impfungen, das falsche Essen usw. Schuldige gesucht und gemeint gefunden zu haben.
"Geniale Störung" ja das ist es, weil es Menschen im Spektrum befähigt über den Tellerrand hinaus zu blicken, weil sie sich selten mit einfachem zufrieden geben, weil sie Sprache genau nehmen und hinterfragen und vieles mehr. Viele Dinge hätten wir heute nicht , würde es Menschen im Spektrum nicht geben. Sie wirken manchmal schroff und seltsam, sie haben merkwürdige Rituale und anderes aber sie sind jeder für sich einzig nicht artig und wer mit ihnen lebt lernt über sie oft noch vieles dazu wenn er sich darauf einlässt die Welt mal anders zu sehen.
Aber Du hast Recht- als ich einige Jahre später die Mama eines AS Jungen, dessen jüngeres Geschwister mit meinem in der Krippe war auf einem Fest des Leistungserbringers für FED und Schulbegleitung traf sagte sie mir, ja das wusste ich bei deinem Kind damals schon. Ach hätte sie doch damals was gesagt, dann hätte ich mich nicht trotz anderweitiger Äußerungen von Ärzten usw nicht schuldig gefühlt für das komische Verhalten meines Jüngsten. Andere sehen es oft nach kurzer Zeit, wenn sie selbst ein Kind im Umfeld haben, dass ähnlich ist.


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