Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Celeste
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Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon Celeste » 14.08.2019, 08:11

Schulbegleiter dem Kind erklären: wie habt ihr das gemacht? Welche Worte habt ihr da gewählt? Achso, es geht um meinen 10j. Sohn mit Autismus-Spektrum-Störung.

Ich tue mich damit gerade echt schwer, weil mein Sohn ja in keinem Fall auffallen will und seine Probleme gar nicht sieht/fühlt. Ich möchte auf keinen Fall, dass er denkt, wir trauen ihm die neue Schule nicht zu. Problem: er fühlt sich gerade nahezu andauernd immer falsch behandelt. Dh. es kommt wirklich auf jedes einzelne Wort an. Ein "für ihn falsches Wort" führt zu Wutausbrüchen und Weglaufen.

Mega schwer.

Mit der Familientherapeutin habe ich schon überlegt, ob ich das über die Schiene des "Dolmetschers" erkläre. Also es gab z.B. beim Sport häufig Situationen, wo er selbst eigentlich gut gesagt hat, wenn er Übungen (Körperkontakt) nicht machen möchte, aber die Sportlehrerin ist dann über ihn weggegangen. Dass dann jemand da wäre, der ihm dabei hilft?!

Also dass der Schulbegleiter ihm bei möglicher Überforderung entlasten kann?! Ich habe auch darüber nachgedacht, ihm von den neuen, möglich schweren Situationen zu erzählen (neue Schüler, neue Lehrer, verschiedene Räume, andere Abläufe), aber ich hab Angst, dass ich es damit noch schlimmer mache...

Großes Problem könnte halt auch sein, dass es - eventuell/wahrscheinlich - eine Frau wird und die lässt er sowieso nur schwer an sich ran. Grmpf.

[Achso, wir haben die Begleitung va. deshalb gewählt, weil er sich auf der Grundschule immer sehr angestrengt hat, sich anzupassen und dann nachmittags regelmässig zusammengebrochen ist. Wir brauchen jemanden, der ihm bei der Organisation/Bewältigung des Schulalltags hilft und va. beim Kontakt mit anderen Kindern.]

Oh man. Wie habt ihr das gelöst?

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IlonaN
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon IlonaN » 14.08.2019, 09:33

Mein Mittelster ist zwar nicht Autist(nur die größere) jedoch haben wir genau aus diesem Grund wie du auch, in der neuen schule einen SB gewählt. Erklärt haben wir ihm das genauso wie du das alles oben begründet hast. Er war zwar erstmal sauer, konnte es dann jedoch gut annehmen und merkt die Erleichterung .
Ich 1961 Ösophagusatresie
Großfamilie mit leibl.Kindern/Ado-Kind und Pflegekindern mit FASD, ADHS, Autismus, Bindungsstörung mit Enthemmung ,Asthma, Neurodermitis u.v.m.

kati543
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon kati543 » 14.08.2019, 10:05

Hallo,
weiß er denn, dass er behindert ist? Auch mit diesem Wort? Kennt er seine Einschränkungen?

Ich stand mit meinem Ältesten natürlich auch vor diesem Problem. Er ist auch Autist - zwar Frühkindlich, aber mit einem IQ von 101, also er hat definitiv kein Verständnisproblem. Irgendwie sind wir nie in die Situation gekommen, ihm das zu erklären. Er ging längst in die Schule und wusste es, trotz Schulbegleitung (die gehörte für ihn seit Kindergarten irgendwie dazu), einfach nicht. Die Schulbegleitung half offensichtlich auch mal anderen Kindern, also war das nicht so auffällig.
In der 3. Klasse wollte er seinen Geburtstag groß feiern mit anderen 3 Kindern aus der Schule. Ein Kind (ein Mädchen, ebenfalls eher leicht Betroffene HF Autistin) davon brachte noch einen Bruder (gesund) mit - den kannte er noch aus dem Kindergarten. Es hat sich ein Gespräch entwickelt zwischen beiden Geschwistern. Das Mädchen wusste von seiner Behinderung nichts. Sie besuchte eine andere Schule im Nachbarort (wie mein Sohn) - zwar eine Regelgrundschule, aber eben nicht die Sprengelschule. Der Bruder besuchte die Sprengelschule. Nun, auf sehr brutale, kindliche Art hat der Bruder seiner Schwester klar gemacht, dass sie auf eine „Behindertenschule“ geht, weil sie behindert ist. Gegen seine logischen Argumente kam sie nicht an.
Keine Woche später habe ich das Gespräch mit meinem Sohn geführt über Behinderung und Autismus.
Ich würde dir raten schon als Ziel setzen, dass du deinen Sohn vollständig informierst, bevor es unsensible Dritte tun. Danach dein Kind wieder aufzufangen wird ungleich schwieriger. Habt ihr noch Autismustherapie? Ansonsten würde ich den Kontakt zum ATZ suchen und dort eine Therapie beantragen mit dem Ziel deinem Sohn erstmal mitzuteilen, dass er behindert ist, wie sich diese Behinderung auswirkt und welche Hilfen er dafür benötigt und wie er diese einfordern, aber auch ablehnen kann. Wenn der Schulbegleiter plötzlich Aufgaben übernimmt, die er zwar hat, aber von denen dein Sohn nichts weiß, wird dein Sohn irritiert sein. Ich würde nichts weglassen, beschönigen oder verniedlichen aber auch nicht die brutale Schiene.
Mein Ältester ist jetzt 7. Klasse und hat unheimliche Probleme damit festzustellen, wann und womit er überlastet ist. Auch dabei hilft ihm sein Schulbegleiter. Übrigens hast du durchaus das Recht einen männlichen Schulbegleiter für ein männliches Kind zu fordern - dazu brauchst du keine Gründe, aber vielleicht untermauern Gründe ja die Dringlichkeit.
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

MamaMonika0912
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon MamaMonika0912 » 14.08.2019, 10:42

Mein Sohn ist auch 10 Jahre alt und wird in ein paar Wochen auf die weiterführende Schule wechseln. Wir haben das Glück, dass er schon seit vielen Jahren eine Schulbegleiterin hatte. Allerdings wird für die neue Schule ein neuer Schulbegleiter für ihn zuständig sein und wir hatten das gleiche Problem. Er wollte eigentlich keinen mehr, braucht ihn aber mit dem Wechsel umso mehr. Das ist ihm nur noch nicht so richtig bewusst.
Seine bisherige Schulbegleiterin hat immer sehr geschickt agiert, sie hat ohnehin (das war mit allen so abgesprochen) auch andere Kinder mitbetreut, was es meinem Sohn sehr erleichtert hat, nicht als Sonderfall zu gelten. Sie hat ihn unterstützt wenn er es brauchte aber auch in Ruhe gelassen, wenn es nicht notwendig war ihm zu helfen. Er hat trotzdem eine gewisse Distanz zu ihr gewahrt, was er allerdings zu allen Erwachsenen außerhalb der engsten Familie tut.
Genauso wie du es beschreibst habe ich es auch gehandhabt. Ich habe ihm erklärt, dass er in schwierigen Situationen Unterstützung bekommt und ein paar Beispiele herausgesucht, von denen ich wusste, dass er sich in diesen Situationen schwer tut. Mittlerweile hat er seinen neuen Schulbegleiter kurz kennengelernt (in unsererm Fall sogar ein Mann) und hat sich nach einiger Zeit des gedanklichen "Daran Gewöhnens" damit abgefunden.
Ich habe ihm auch erklärt, dass er mitreden darf wenn er der Meinung ist ihn nicht mehr zu brauchen, es vorher aber ausprobieren muss.
Mein Sohn weiß von seinem Autismus. Auch, dass das als Behinderung gilt (schon wegen seines SBA, mit dem er Bahn fahren kann), spricht aber nicht darüber und möchte erstmal kein Outing in seiner neuen Klasse (seine alten Klassenkameraden wissen bis heute nichts davon).

Celeste
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon Celeste » 14.08.2019, 10:55

Mein Sohn weiß, dass er Autist ist (er bekommt seit einem Jahr Autismustherapie) und dass dies zu den nicht-sichtbaren Behinderungen zählt. Also das ist hier dauernd Thema, zuletzt beim Anwenden des SBAs. Für ihn sind Behinderungen weiterhin *eigentlich nur* die sichtbaren und da versuche ich dauernd, ihn dzbgl. aufzuklären. Ich bin sehr sicher, dass er selbst stark im Zwiespalt ist. Er möchte so gern sein wie alle anderen, ABER merkt, dass er es nicht ist. Es häufen sich Äußerungen wie "niemand versteht mich" oder "wieso weiß nur Papa, wie ich das meine" [Papa ist sehr wahrscheinlich selbst Asperger...] Dass er seine Einschränkungen verbalisieren könnte, glaube ich nicht. Eigentlich bin ich mir sogar sicher, dass er bei vielen Dingen eher denkt, dass die anderen "falsch" handeln/sind und er es nicht als Einschränkung wahr nimmt. Ein bisschen in die Richtung, ich komme zwar nicht klar, aber das ist nicht MEIN Problem. Mit seiner Adaptionsfähigkeit ist er ja auch fast vier Jahre gut klar gekommen. Er ist ein kleines Chamäleon, das sich so gut anpassen kann, dass keiner merkt, was los ist. Er toppt das sogar noch mit Aussagen wie "alles ok", nur um seine Ruhe zu haben und bloß nicht in Erklärungsnot zu gelangen.
Wie genau meinst du das, dass er Recht auf einen Mann hat? Also klar, Wunsch- und Wahlrecht, ABER hier gibt es nur zwei "autismus-spezifische Schulbegleitungs-Dienste", ich befürchte, ich muss nehmen, was da ist, wenn ich möchte, dass er am 1. Schultag einen Begleiter hat. Dass sein Therapeut nochmal mit ihm über ASS redet, finde ich eine gute Idee - derzeit sind sie nach Therapeutenwechel - allerdings noch im Kennenlern-Modus.

TinaJuni
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon TinaJuni » 14.08.2019, 12:26

Hallo,

mein Sohn, ebenfalls 10 Jahre und Asperger bekommt jetzt auch eine SB für den Wechsel an die Realschule. Er hat auch geäußert, das er das doch gar nicht möchte, die anderern würden ihn auslachen etc. Ich habe ihm erklärt dasß die SB ihm nur hilft wenn es nötig ist und hoffe das dann auch so ist. Er hat sich jetzt damit abgefunden, aber es wird eine Gratwanderung werden und ich hoffe, das die SB wirklich sensibel ist.
Ich denke das im pädagogischen Bereich immer noch die Mehrzahl der Beschäftigten Frauen ist und deshalb die Wahrscheinlichkeit eine weibliche SB zu bekommen ungleich höher liegt.

Viele Grüße
TinaJuni

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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon Regina Regenbogen » 14.08.2019, 13:39

Celeste hat geschrieben:Er möchte so gern sein wie alle anderen, ABER merkt, dass er es nicht ist. Es häufen sich Äußerungen wie "niemand versteht mich" oder "wieso weiß nur Papa, wie ich das meine" [Papa ist sehr wahrscheinlich selbst Asperger...] Dass er seine Einschränkungen verbalisieren könnte, glaube ich nicht. Eigentlich bin ich mir sogar sicher, dass er bei vielen Dingen eher denkt, dass die anderen "falsch" handeln/sind und er es nicht als Einschränkung wahr nimmt. Ein bisschen in die Richtung, ich komme zwar nicht klar, aber das ist nicht MEIN Problem.


So war unser Jüngster auch in der Grundschulzeit, deshalb hatte er ab dem 6. Lebensjahr Autismustherapie und ab dem 2. Schuljahr eine Schulbegleitung, erst 3 Frauen und im 3. und 4. Schuljahr einen jungen Mann - der war richtig super und hat bei unserem Sohn mehr erreicht als die Damen vorher. Die Autismustherapeutin hat eng mit dem Schulbegleiter zusammengearbeitet, so dass unser Sohn recht schnell seine Einschränkungen erkennen und verbalisieren sowie seinen Schulalltag jederzeit aufarbeiten konnte. Ebenso konnte er seine Adaptionsfähigkeit schon in der Grundschule trainieren. Er hat mit Hilfe dieser wunderbaren Unterstützung seinen Autismus akzeptiert und gelernt, damit umzugehen. Den Übergang auf die Realschule haben wir auf Wunsch unseres Sohnes (und nach Rücksprache mit der Schulleitung der Realschule) ohne Schulbegleiter versucht und es hat super funktioniert. Wir Eltern hatten zwar Bauchschmerzen dabei, aber die Autismustherapeutin und auch sein Schulbegleiter waren zuversichtlich, dass er es schafft. Da die Autismustherapie im ersten Jahr der Realschule noch weiterlief, hätten wir jederzeit erneut einen Schulbegleiter beantragen können, wenn der Versuch fehlgeschlagen wäre - wobei ich mir sicher bin, dass unser Sohn in dem Fall einen derben Rückschritt gemacht hätte. Aber unser Sohn hat schon in der Grundschule alles gegeben, damit es nicht soweit kommt - er das erreicht, was er sich vorgenommen hat, ein Schüler von vielen zu sein.

10 Jahre ist ein schwieriges Alter um mit der Schulbegleitung zu beginnen, das steht fest, da muss die Autismustherapie dringend mit ins Boot.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

kati543
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon kati543 » 14.08.2019, 15:40

Hallo,
sicherlich gibt es mehr weibliche SB als männliche. Aber aktuell ist es bei uns so, dass ich begründen muss, warum ich für meinen Jüngsten einen weiblichen SB haben möchte. Grundsätzlich gibt es einen männlichen - ein weiblicher wird gar nicht vermittelt vom Träger aus...naja, mal abgesehen von den ganz jungen Jahren in der Grundschule vielleicht. Mit 10 ist dein Kind aber definitiv nicht mehr so jung.
LG
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O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)

D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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Celeste
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Re: Wie bloß die Schulbegleitung dem Kind erklären?

Beitragvon Celeste » 14.08.2019, 16:34

Und schon wieder ein Kopf um Nix gemacht. Ich hab es ihm gesagt und er hat es einfach hingenommen. Er fand und findet Monologe/ruhige Gespräche oft seeehr nervig, umso froher bin ich, dass ich zumindest das für mich wichtigste sagen konnte. Als ich ihn auf die Situation mit dem Sportunterricht hingewiesen habe, und dass die Begleitung dann auch sozusagen als Hilfe in solchen Situationen bekommen kann, hat er kurz eine andere "positiven" Blick gehabt - aber den Rest hat er jetzt erstmal nur hingenommen. Das ist jetzt schon mal gar nicht soooo schlecht. Ablehnung kann natürlich immer noch kommen. Aber zumindest weiß er jetzt endlich Bescheid. Und auch, dass morgen die Koordinatorin der Schulbegleitung zum ersten Gespräch kommen wird. Er wird sicher kein Wort sagen, aber das kenne ich ja schon :roll: :D


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