Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Mirjam_P
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Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon Mirjam_P » 12.08.2019, 23:09

Liebe Berliner Eltern,

ich bin seit über einem Jahr mit dem Thema 1:1 Assistenz für den Schulunterricht beschäftigt und komme zu dem Fazit: von der Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention ist diese Schullandschaft meilenweit entfernt.

Das Problem scheint meines Erachtens zu sein, dass der Antrag von den Schulen mitgetragen werden muss. Für die Schulen, die meistens unter einem Personaldefizit leiden, sind aber Kinder mit reichlich Schulhelferstunden viel vorteilhafter, weil diese Stunden entweder der ganzen Klasse zugute kommen (die Assistenz nur dem einen Kind) oder sie still und heimlich gesplittet auf andere Kinder mitverteilt werden.
Das macht es für die Schulen wohl recht unattraktiv die Hilfe auf eine persönliche Assistenz mit den Eltern zu beantragen.

Ich fange jetzt nicht an, unsere Misere zu schildern, die durch mangelnde Unterstützung entstand - ich möchte mich heute lieber erkundigen, wie vielen von euch, diese Hilfe für eure Kinder eher wie eine Fata Morgana erscheint, denn als Hilfe, die es tatsächlich geben soll und zu deren Umsetzung Deutschland und somit Berlin verpflichtet ist.

Ich für meinen Teil bin es sehr leid mir von allen möglichen Stellen anhören zu müssen, was warum nicht geht und wie toll die Anzahl der Schulhelferstunden doch sei, die mein Sohn erhält (bzw. seine Klasse - seine Malsachen waren nach 2 Monaten noch nicht einmal angerührt worden). Ich möchte die „Fehlende Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention“ nicht länger hinnehmen, da es mir endlos stinkt mit wie viel Bürokratie und lahmen Entschuldigungen die schwächsten Mitglieder dieser Gesellschaft samt ihrer Eltern) in Schach gehalten werden.

Ich frage mich, warum es nicht einmal wie in einem Hollywoodstreifen sein kann, in dem sich ein paar (um ihre Freizeit und Nerven) Betrogene zusammentun und den Verschlepper dieser Misere (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) per Sammelklage verklagen.

Wie ich von mehreren Stellen gehört habe, sind sie beim Monitoring des Institus für Menschenrechte (die sind für die Überwachung der Umsetzung zuständig) sehr sehr lieb und kauen jede Beschwerde erst einmal vier Jahre.
So viel Zeit und Glauben habe ich nicht.

Ich möchte daher einen ungefähren Eindruck davon bekommen, wie viele Berliner Eltern sich mit dieser Frage herumschlagen und diese Zahlen dann weitertragen. Ich würde mich auch sehr über Mitstreiter freuen, die Lust haben, den Kampf für eine inklusive Beschulung, auf einen neuen Level zu heben.
Es gibt Kontakte zum Kinderpflegenetzwerk und zum rbb - das sollte man doch mal nutzen :-)

Ich freue mich auf eure Posts
Mirjam mit Sohn, 2011 geboren, F83, zerebrale Bewegungsstörung, noch ohne Sprache - aber - vor allem:sehr kommunikativ, humorvoll, feinfühlig und charmant

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HeikeLeo
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Re: Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon HeikeLeo » 13.08.2019, 13:44

Liebe Mirjam,

das ist sicher nicht spezifisch für Berlin. Unbd es ist auch nicht ein Problem der mangelnden Mittel. Es ist vielmehr ein Einstellungproblem:
Bei uns sagte der Schulleiter wörtlich: "Es können doch nicht 500 Kinder auf ein Extra verzichten, damit ein Kind auf das Minimum kommt." Bei uns ging es um ein Zuviel an Ausflügen und ein Zuwenig an Stundenplan.

1:1 Assistenz stehe ich nach jahrelanger Erfahrung sehr kritisch gegenüber. Durch die 1:1 Assistenz ziehen sich Schulen NOCH MEHR aus ihrer Verantwortung raus. Bei einer Schule, die wir angeschaut haben, sagte die Lehrerin: "In der dritten Klasse gibt es schon einen Autisten. Der hat aber eine Schulbegleitung. Mit dem habe ich nichts zu tun."

An sich ist die Idee der 1:1 Assistenz gut. Aber sie sollte nicht in der Schule verschleudert werden. Wenn schon 1:1, dann bitte richtig. Ich habe in Baden-Württemberg den Antrag gestellt, eine Fernschule als Regelschule einzurichten. Das Killerargument bislang ist das soziale Miteinander als oberstes Ziel der Pflichtschule. Wenn das wichtig ist, dann braucht eine 1:1 Assistenz einen Status auf Augenhöhe zu den Lehrkräften. Und den Eltern muss das gesetzliche Mitbestimmungsrecht fair eingeräumt werden. Es kommt ansonsten zu merkwürdigen Deals in der Schule - unabhängig von den formalen äußeren Regelungen.

Liebe Grüße
Heike

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Sigrid Zas
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Re: Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon Sigrid Zas » 14.08.2019, 07:55

Hi

Was ist für dich der Unterschied zwischen Schulhelfer und 1:1 Assistent?

In der Klasse meiner Tochter gibt es neben dem Lehrer eine pädagogische Unterrichtshilfe und für die Stunden und Pausen wo es nötig ist Schulhelferstunden.

LG sigrid
Sigrid mit Tochter L *2005 geistig behindert, nach umfangreicher Diagnostik immer noch ohne Diagnose

Mirjam_P
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Re: Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon Mirjam_P » 14.08.2019, 08:15

Hallo Sigrid,

Schulhelfer (PUs) arbeiten gruppenbezogen, kümmern sich also auch um andere Kinder, eine Assistenz ist ausschließlich für das eine Kind da.
Von so einer Schulhelferstunde kommt also nicht alles bei dem jeweiligen Kind an und bei Kindern mit sehr hohem Unterstützungsbedarf bleibt nach der betreuerischen Arbeit (Essen, Toilette, Wege) kaum Zeit für Hilfe beim Lernen.

Die Sachen von meinem Sohn waren jedenfalls nicht angerührt worden.

Dann gab es auch einen Fall an der Schule, wo Schulhelferstunden einem Kind weggenommen wurden, um sie einem anderen Kind zu geben. Die Mutter war zu schüchtern, um sich zu beschweren...
Für Kinder mit rel. Selbstständigkeit reicht eine PU.
Für Kinder mit Pflegestufe 5 nicht.

Liebe Grüße
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Re: Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon Mirjam_P » 15.08.2019, 11:42

Hallo noch einmal,

mich würde auch interessieren WIE VIELE Eltern es gibt, die diesen Antrag erfolglos gestellt haben, um diese Zahl - ausschließlich die Zahl, wenn es gewünscht ist - an die Senatorin Scheeres einmal heranzutragen.

Wenn Ihr keine Hilfe bekommen habt, könnt Ihr euch noch nachträglich mit geringem Aufwand am Versuch die Situation zu verbessern, beteiligen.

Liebe Grüße
Mirjam mit Sohn, 2011 geboren, F83, zerebrale Bewegungsstörung, noch ohne Sprache - aber - vor allem:sehr kommunikativ, humorvoll, feinfühlig und charmant

kati543
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Re: Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon kati543 » 15.08.2019, 13:46

Hallo,
mal ein anderes Beispiel aus Hessen:
Bei uns schimft sich das übrigens offiziell Teilhabeassistenz. Besagte THA kann man in wirklich jeder Form haben:
- von 1 Stunde pro Woche bis zum ganzen Schultag, inklusive An-/Abfahrt, Unterrichtsstunden, Pausen, Nachmittagsbetreuung
- entweder eine Kraft für ein Kind allein ODER mehrere Kinder teilen sich eine Kraft
Eine THA ist zwar immer zuständig für „ihr“ Kind oder „ihre“ Kinder, jedoch ist praktisch bei jedem irgendwie beeinträchtigten Kind eine der Aufgaben der THA die Kommunikation zwischen dem Kind und Mitschülern aufzubauen. Dazu muss sie sich zwangsweise auch um die anderen Kinder „kümmern“, z.B. im Rahmen von Gruppenarbeiten, Gesprächsanbahnung auf dem Schulhof, Konfliktlösung bei Spielgeräten,...
Mein Jüngster hat eine THA für sich ganz allein für den gesamten Schultag inkl. Pausen und Nachmittagsbetreuung.
Mein Ältester hat eine THA für 15 Stunden. Diese teilt er sich aber mit weiteren Kindern, die ebenfalls eine gewisse Anzahl genehmigt bekommen haben. Durch alle Kinder zusammen hat der Schulbegleiter einen Vollzeitjob mit 35 Stunden.
Wir kommen mit beiden Lösungen gut zurecht. Sie orientieren sich an den Bedürfnissen der Kinder. So profitieren Alle davon. Wichtig für mich ist nur der wirklich permanente Austausch mit den THA. Ich möchte eben nicht, dass mein Ältester Sohn bei der Poollösung irgendwie hinten runterfällt, weil der SB generell in der Klasse sehr beliebt ist.
Eine 1:1 Assistenz für den kompletten Schultag inkl. Pause wird bei uns sehr, sehr selten gewährt. Das muss schon sehr gut begründet sein und da braucht es eindeutige Diagnosen. Bei uns ist die Hälfte der Schule irgendwie beeinträchtigt, entsprechend viele THA gibt es. Aber mir wurde schon von mehreren Seiten bestätigt, dass mein Jüngster Sohn der Einzige ist an der Schule mit vollen 35 Stunden, üblich sind 10-15 Stunden.
Eine Poollösung hat eindeutig Vorteile für weniger betroffene Kinder. Aber man muss echt hinterher sein. Super ist, dass die THA den ganzen Tag anwesend ist und jederzeit eingreifen kann.
Eine Poollösung für ein Kind mit richtig heftigen Diagnosen, wo die THA noch Grundpflege übernehmen muss, die Gefahr von Anfällen besteht, Weglauftendenzen, ... ist denkbar ungeeignet. So ein Kind braucht eine 1:1 „Überwachung“.
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

Mirjam_P
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Re: Berlin und die 1:1 Assistenz in Schulen

Beitragvon Mirjam_P » 16.08.2019, 09:10

Liebe Katrin,

das hört sich für mich nach einer guten Lösung an. Zurzeit hat mein Sohn noch Pflegestufe 5, auch weil er beim Kommunizieren über den Talker eine Stütze benötigt.
Ich habe auch vom Cluks Forum (Forum für UK) noch Input bekommen und werde sehen, was die Anwältin heute sagt.

Es ist aber in Berlin wohl so, dass es hier für Eltern und Kinder schwieriger ist als in anderen Bundesländern.

Danke für den Austausch!!

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Mirjam
Mirjam mit Sohn, 2011 geboren, F83, zerebrale Bewegungsstörung, noch ohne Sprache - aber - vor allem:sehr kommunikativ, humorvoll, feinfühlig und charmant


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