Zeugnis

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Dario
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Re: Zeugnis

Beitragvon Dario » 27.07.2019, 23:01

Hallo Rike,

ich akzeptiere deine Sichtweise, sehe es aber trotzdem ganz anders. Viele Autisten gehen an diesem ständigen Anpassungs-und Verheimlichungsdruck kaputt. Und für viele ist es eine Erlösung und ein unglaubliche Befreiung, wenn sie mit ihrem Autismus endlich offen umgehen dürfen und sich nicht mehr verleugnen müssen. Bedenkt das bitte, wo immer es um die Zukunft eurer Kinder geht!

Ich bin bei meinem Arbeitgeber geoutet und ich hab es nie bereut. Ich weiß auch, dass ich ohne einen offenen Umgang mit Autismus wahrscheinlich keine Chance hätte, auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bestehen. Es wird viele andere Autisten geben, für die ist ein offener Umgang ebenfalls die einzige Chance. Von daher kann ich dir aus eigener Erfahrung nicht zustimmen, wenn du schreibst, es wäre ein Schutz, sich nicht zu offenbaren. Genau das Gegenteil war bei mir der Fall.

In einem Punkt hast du aber wahrscheinlich Recht: Eine Pflicht zum Zwangsouting wäre vielleicht übertrieben, eine Pflicht zum Zwangsverbergen darf es aber auch nicht geben. Aus meiner eigenen Geschichte heraus bin ich immer für größtmögliche Offenheit. Wenn ein Arbeitgeber mit dieser Offenheit nicht umgehen kann und mich nicht einstellen will, dann ist das schlussendlich sein Problem und nicht meins.
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Engrid
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Re: Zeugnis

Beitragvon Engrid » 27.07.2019, 23:41

Hallo,

@Dario: es geht doch einfach darum, dass es ganz alleine das Recht desjenigen selber ist, über sein Outing zu entscheiden. Das ist ziemlich wichtig. Verbergen oder Outen - das entscheidet DER BETREFFENDE, niemand sonst.

Hier im Fall geht es aber konkret darum, ob die SB im Zeugnis stehen darf. Und dass sie nicht drinstehen darf hat auch damit zu tun, dass mit Erwähnung der SB der Eindruck entsteht, dass da weniger Leistung gebracht worden wäre. Das Zeugnis ist eine Bewertung der schulischen Leistung auf einer Skala von 1 - 6.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Dario
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Re: Zeugnis

Beitragvon Dario » 27.07.2019, 23:51

Hier im Fall geht es aber konkret darum, ob die SB im Zeugnis stehen darf. Und dass sie nicht drinstehen darf hat auch damit zu tun, dass mit Erwähnung der SB der Eindruck entsteht, dass da weniger Leistung gebracht worden wäre. Das Zeugnis ist eine Bewertung der schulischen Leistung auf einer Skala von 1 - 6.
Ich verstehe immer noch nicht so richtig, wo da das Problem liegt. Die meisten Autisten kommen ohne besondere Nachteilsausgleiche sowieso nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt zurecht. Das bedeutet, sie müssen sich sowieso outen. Ob die Schulbegleitung im Zeugnis erwähnt wird oder nicht, spielt dann keine entscheidende Rolle mehr. Wenn es mit der Einstellung scheitert, dann bestimmt nicht daran. Man muss nicht jedes Spiel mitspielen, das einem von der Gesellschaftsmoral und ihren verlogenen Werten aufgezwungen wird.
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Re: Zeugnis

Beitragvon sandra8374 » 28.07.2019, 04:19

@Dario: man muss das strikt trennen – Gesetz/Recht und der persönliche Umgang mit der eigenen Behinderung.

Im Gesetz steht, das die Nachteilsausgleiche nicht im Schulzeugnis stehen dürfen. Dieses geltende Recht muss zwingend umgesetzt werden.

Wie man als Betroffener persönlich für sich mit seinen Einschränkungen/Behinderung umgeht, hat damit nichts zu tun.

Eigentlich ermöglicht das Gesetz, das jeder selber entscheiden kann was er Preis gibt.
LG Sandra

S+F mit PT(*00 FAS, Microdelitation 16p11.2, ADHS, GB, Z.n.Absencen?, Sehfehler, Lordierung LWS, Skoliose 17,8%, Beckenschiefstand, Hüftkontraktur, Korsettversorgung, mit SBA 90 HBG) u. PS (*01 ADS, GB, Sehfehler, Knick-Senk-Füße, Z.n.Epilepsie, mit SBA 60)

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Re: Zeugnis

Beitragvon Silvia & Iris » 28.07.2019, 09:37

... bei uns war vermerkt, dass an Übungen teilgenommen wurde (ging hier aber nicht konkret um Schulbegleitung - und die Benotung erfolgte ja auch normal, wie vorgesehen... - nur es gab mehr Stunden...)
Liebe Grüße
Silvia
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Re: Zeugnis

Beitragvon Sophie-11 » 28.07.2019, 10:22

Entschuldigt, wenn ich mich auch kurz einklinke:

@Dario: Deine Sichtweise geht davon aus, dass ein Arbeitgeber in jedem Fall weiß, was eine Schulbegleitung bedeutet. Ich denke aber mal, dass das in den wenigsten Fällen zutreffen dürfte. Und wer zieht einen Bewerber in Betracht, bei dem man das Schulzeugnis bzw. die Bewertung nicht richtig einschätzen kann, weil sie unter unbekannten Bedingungen entstand?

Im Übrigen bin ich auch für größtmögliche Offenheit, aber sie sollte unter fairen Bedingungen erfolgen und von daher muss es jedem selbst überlassen bleiben, wie er in einem konkreten Fall die besonderen Herausforderungen vermittelt.

LG!
fünfköpfige, irgendwie ASS-nahe Familie mit dem Großen *12/2007, dem Mittleren *09/2010 mit Diagnose F84.5 und Vd auf ADHS, und der Kleinen *02/2014

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Re: Zeugnis

Beitragvon Silvia & Iris » 28.07.2019, 11:03

@ Dario: auch ich sehe nun, dass nicht immer alles so ein Segen ist... - so habe auch ich schon ein paar potentielle Arbeitgeber angesprochen, die meinten auch zu mir, wenn sich da jemand bewirbt mit einem Zeugnis aus dem Blindeninstitut oder dem Gehörloseninstitut, dann wandert diese Bewerbung in die Rundablage... - denn was macht man denn als Arbeitgeber mit einem Blinden oder Gehörlosen?? - Vor allem Kleinbetriebe sind hier sicherlich ge- bis überfordert... -
Daher wird ja versucht diese Integrationskinder in "normalen" Schulen unterzubringen und dort erscheint dann auch kein Hinweis... - Immer häufiger sehe ich auch Menschen mit Hörgeräten die normal im Arbeitsleben stehen... - Ihr Weg dorthin ist sicher schwieriger!
Aber ihnen diese Chance vollkommen zu verbarrikadieren ist doch unfair... Und manch einer lernt ja auch sich zurecht zu finden und braucht dann niemanden mehr, der ihn an die Hand nimmt... - natürlich nicht jeder, und hier gibt es ja dann persönliche Gespräche...

LG
Silvia
Liebe Grüße
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Re: Zeugnis

Beitragvon Dario » 28.07.2019, 12:20

Ich halte den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema immer noch für verlogen. Es kann nicht sein, dass wir im Zeitalter der Inklusion leben, aber gegenüber einem (potentiellen) Arbeitgeber muss man seine Behinderung verbergen. Die Gesellschaft sollte sich endlich mal entscheiden was will: Inklusion ja oder nein?
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Re: Zeugnis

Beitragvon Senem » 28.07.2019, 12:46

Hallo,

@Dario

gebe dir bezüglich deines letzten beitrags recht.
Gruß

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Re: Zeugnis

Beitragvon TinaJuni » 28.07.2019, 12:50

Hallo,

soweit ich weiß soll die I-Kraft im Zeugnis nicht erwähnt werden, wurde bei meinem ältesten Sohn aber auch einige Male erwähnt. Mir war es nicht wert da ein Fass aufzumachen, denn wenn es nicht das Übergangszeugnis für die weiterführende Schule oder das Zeugnis mit dem man sich bewerben muss, ist, wird das Zeugnis dann nicht mehr so beachtet.

@Dario: Ich muß dir widersprechen, mein Sohn hatte in der weiterführenden Schule (Werkrealschule) eine I-Kraft, die absolut kontraproduktiv für seine Selbstständigkeit war. Sie hatte zwei Gesichter, vor uns Eltern hat sie meinen Sohn gelobt, wie intelligent er wäre und er wäre der Beste in seiner Klasse, der Schule gegenüber jedoch, sie wollte bei jedem Lehrer-Eltergespräch dabei sein, kamen dann so Aussagen wie "er schafft keine normale Ausbildung", " er muß eine Ausbildung im BBW machen" usw. Bei den runden Tischen wurde dann dementsprechend immer eine hohe Stundenzahl Begleitung (21 Stunden in der 10. Klasse noch) festgelegt. Die Lehrer waren um eine zusätzliche Hilfe froh, denn entgegen den Absprachen war sie nicht nur für meine Sohn da, sondern half auch der Lehrerin bei Festen organisieren. Leider hatten wir Eltern nicht die Kraft um eine andere Hilfe zu bitten, wir haben erst nach ca. 4 Jahren erkannt, wie diese Frau tickt. Heute bin ich der Meinung, das sie einfach eine hohe Stundezahl wollte, damit ihr Lebensunterhalt gesichert war.
In der 7. Klasse schon wurde ihm vom Arbeitsamt empfohlen die Rehaschiene zu fahren, also Ausbildung in der BBW o.ä. und zwar auch aus diesem Grund, da er soviel Schulbegleitung hatte. Man hätte die Stunden konsequent reduzieren sollen, stattdessen wurde nur der Status Quo beibehalten, und das hatte auch Auswirkungen auf seine Beurteilung beim Arbeitsamt, da bin ich mir sicher. Ich weiß es wurde getestet, aber ich hatte den Eindruck, es sollte nur die Berechtigung für die Ausbildung am BBW legitimiert werden.
Er hatte eine Arbeitserprobung am BBW im Gärtnerbereich, wo er absolut der am wenigsten Beeinträchtigste war. Er fühlte sich überhaupt nicht wohl, trotzdem sollte er ein diese Ausbildung sozusagen gezwungen werden. Er hatte eine guten Hauptschulabschluss und einen durchschnittliche mittlerer Reife, doch er sollte wegen eines Testes der im Hochsommer bei 35 Grad unter Zeitdruck zu absolvieren war, den er in allen Bereichen überdurchschnittlich absolvierte, nur in Mathe hatte er Defizite, das war auch sein Problem an der Schule, die Sonderberufsschule besuchen.
Um zum Schluß zu kommen, er macht jetzt eine Ausbildung zum Zierpflanzengärtner am ersten Arbeitsmarkt und besucht eine ganz normale Berufsschule mit einem Notenschnitt von 2.0 ! Er wird von seinem Chef wegen seiner Leistungen dauernd gelobt, und sein Chef meinte zu mir für das BBW wäre er doch viel zu stark. Ich denke es besteht einfach die Gefahr in eine gewisse Schiene zu kommen, wenn dauerhaft Hilfe in der Schule dokumentiert ist, die vielleicht ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nicht mehr nötig ist.

Viele Grüße
TinaJuni


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