Wohngruppe

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Dario
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Re: Wohngruppe

Beitragvon Dario » 22.07.2019, 22:58

Das ist schade, dass die Situation bei euch so angespannt ist. Hier im Forum wirkst du ernsthaft, freundlich und machst dir viele Gedanken über deine Situation.

Könntest du dir vorstellen, mit deinen Eltern genauso offen und ehrlich zu reden wie du es hier mit uns kannst? Vielleicht an einem ruhigen Tag, wo wenig Stress ist und alle halbwegs entspannt sind?

Ich kann mir schwer vorstellen, dass deine Eltern ständig verzweifelt oder verärgert sind. Wissen sie, dass du dir auch selber so viele Gedanken machst? Es sind ja längst nicht alle Kinder und Jugendlichen so gesprächsbereit wie du. Eigentlich sollte das eine gute Voraussetzung sein, dass sich doch noch eine Lösung findet, mit der ihr alle leben könnt.
Heimerziehung ist ein Verbrechen. Kinder gehören in die liebevolle Geborgenheit einer Familie und nicht ins Heim!

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 23.07.2019, 07:50

Hallo,

ich weiß von Müttern, die mit ihren autistischen Kindern sich über so persönliche und emotionale Dinge per E-Mail (oder sonstwie schriftlich) unterhalten, weil die Kommunikation da sachlicher bleibt und weniger schnell eskaliert.
Vielleicht hilft das bei Euch auch, dass Ihr wieder zueinander findet.

Grüße
Engrid
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Re: Wohngruppe

Beitragvon Rita2 » 23.07.2019, 08:36

Hallo,

das war auch mein Gedanke. Hast du schon einmal versucht mit deinen Eltern ruhig und sachlich darüber zu sprechen?
Wenn das nicht geht, dann schreibe deinen Eltern das Ganze so, wie du es hier getan hast.

Deine Eltern wollen dir helfen, wissen aber einfach nicht mehr weiter. Und als letzte Lösung bleibt dann ein Wohnheim.

Du mußt deinen Eltern vermitteln, daß es auch anders gehen kann. Das du bereit bist an einer Lösung mitzuarbeiten.

Viel Erfolg
Rita
Rita mit Sohn *Dezember 1995, ohne Diagnose,
cerebrale Koordinations- und Tonusregulationsstörung mit Zehenspitzengang, kognitive und sprachliche Entwicklungsstörung, süßer Bengel

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Re: Wohngruppe

Beitragvon Jorise » 23.07.2019, 14:59

Danke nochmal für die Antworten. Ich kann versuchen mit meinem Vater zu sprechen. Die Idee Emails zu schreiben ist sehr gut. Meine Mutter ist leider nicht mehr bereit Kompromisse einzugehen. Sie meint zwar dass sie mich nicht für immer lot werden will, aber sie braucht erst einmal Abstand.
Joris (13 adhs und Autismus)
Vorstellung: viewtopic.php?f=19&t=135525&p=2180805#p2180805

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Re: Wohngruppe

Beitragvon Engrid » 23.07.2019, 18:44

Wenn Deine Mutter für sich die Entscheidung schon gefällt hat, dann macht es vielleicht Sinn - zumindest als Plan B für Dich - an der Suche nach einer GUTEN und für Dich und Deine Probleme passenden Wohngruppe mitzuarbeiten. Es gibt für Autisten ganz gute Projekte (leider halt auch schlechte, und dann noch solche die nicht primär auf Autisten zugeschnitten sind).

Das muss ja nicht für lange Zeit sein. Manchmal tut Abstand und Neuanfang gut, auch wenn‘s schwer fällt.
Engrid
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Re: Wohngruppe

Beitragvon IrisB » 23.07.2019, 18:55

Hallo Joris,

ich schreib' Dir mal auf, was bei meinen Kindern gegen Wutanfälle hilft.

Am Wichtigsten ist, wann immer möglich zu bemerken, dass gleich ein Wutanfall droht - also solange man noch reagieren kann. Dann ist bei meinen Kindern das beste, wenn sie sofort aus dem Raum rennen und dann irgendwo alleine bleiben, bis sie sich beruhigt haben. Damit das in der Schule geht, haben wir allen Lehrerinnen und Lehrern einen Brief gegeben, in dem steht, dass wir das erlauben und dass sie bitte nicht noch nachfragen oder gar das Kind festhalten sollen.

Einem meiner Kinder hilft es oft, wenn er anfängt wütend zu werden, Salz zu essen. Er hat immer ein Tütchen Salz in der Hosentasche. Dadurch beruhigt er sich manchmal so weit, dass er zum Beispiel eine Schulstunde bis zu Ende durchhält. Das andere Kind kann, wenn es wütend ist, nicht mehr reden, aber man kann ihm per Messenger schreiben, das geht dann meistens noch.

Für uns Eltern ist wichtig, dass wir aufpassen, wie gestresst die Kinder sind. Wenn ein Kind schon schlecht geschlafen hat oder wenn am Tag vorher schon ein großer Wutanfall passiert ist, dann machen wir es so, wie wenn ein Kind Fieber hat - wir lassen es zu Hause, bis es wieder im Gleichgewicht ist. Dann müssen wir den Unterrichtsstoff halt von den Mitschülern besorgen und mit dem Kind nacharbeiten. Aber ein total gestresstes Kind in die Schule zu schicken, bringt gar nichts - weil dann nämlich ganz schnell der nächste Wutanfall kommt.

Für die Lehrerinnen und Lehrer ist es wichtig zu wissen, dass das keine "Ich will was und bekomm es nicht und tobe jetzt so lange bis ich es bekomme"-Wutanfälle sind, sondern dass das Kind gerade ein Chaos im Kopf hat oder Panik, dass etwas schiefgeht oder von etwas total überfordert ist. Es ist auch wichtig, dass man darüber erst reden kann, wenn es dem Kind wieder gut geht.

Für die Mitschülerinnen und Mitschüler ist es wichtig, dass sie wissen, dass man das Kind in Ruhe lassen muss. Ärgern macht natürlich alles schlimmer, aber auch Versuche, zu trösten und zu helfen sind bei meinen Kindern dann einfach zu viel. Das ist bei Nichtautisten wohl anders, deshalb müssen die das tatsächlich lernen.

Viele Grüße
Iris
Iris mit Johannes (Herbst 2003), Asperger Syndrom, und Konstantin (Frühling 2006), HFA
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Re: Wohngruppe

Beitragvon Jorise » 24.07.2019, 18:15

Hallo Engrid,
Ich glaube nicht dass es eine Wohngruppe gibt, die wirklich gut ist und besser als Zuhause ist. Meine Eltern wissen einfach am besten wie sie mir helfen können und so. Aber ich glaube auch, dass ich keine Chance habe dem zu entkommen. Mein Vater und ich haben gestern viele Mails geschrieben (die Idee war echt sehr gut, obwohl er es anfangs sehr komisch fand). Er meinte er kann meine Sorgen verstehen und so weiter, kann aber auch meine Mutter verstehen. Er will mich nicht ins erst beste Heim abschieben sondern nach einer guten Lösung suchen.

Hallo Iris,
Da sind auf jeden Fall coole Ideen bei. Ich werde das mal probieren. Nur bin ich manchmal selbst so überrascht von der Wut und dem ausrasten, da merke ich vorher nichts.
Joris (13 adhs und Autismus)
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Re: Wohngruppe

Beitragvon Senem » 24.07.2019, 19:02

Hallo Jorise,

Herzlich Willkommen auch von mir.

Jorise hat geschrieben:
Ich glaube nicht dass es eine Wohngruppe gibt, die wirklich gut ist und besser als Zuhause ist. Meine Eltern wissen einfach am besten wie sie mir helfen können und so.



In dem Punkt muss ich dir recht geben.

Es gibt keine Wohngruppe oder Heim, die wirklich richtig gut ist.

Und ich bin so wie Dario auch dafür, das Heimerziehung ein Verbrechen ist. Und Kinder in die liebevolle Geborgenheit einer Familie und nicht ins Heim gehören!
Gruß

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Re: Wohngruppe

Beitragvon Engrid » 24.07.2019, 19:26

Hallo,

Jorise, wir sind uns einig, dass zuhause bei den Eltern für Minderjährige grundsätzlich der beste Platz ist. Ein funktionierendes Zuhause. Wenn aber die Umstände grade so sind, dass man zuhause aus gewohnten unguten Verhaltens- und Beziehungsmustern nicht mehr rausfindet, wenn es eben NICHT funktioniert, kann in die Zukunft gedacht (!) eine Wohngruppe der bessere Platz sein. Deine Eltern wissen vielleicht ja grade nicht, wie sie Dir helfen können.
Und ja, es GIBT auch gute Projekte.

Grüße
Engrid
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Re: Wohngruppe

Beitragvon Dario » 24.07.2019, 19:37

Senem hat geschrieben:Und ich bin so wie Dario auch dafür, das Heimerziehung ein Verbrechen ist. Und Kinder in die liebevolle Geborgenheit einer Familie und nicht ins Heim gehören!


Das ist meine Signatur, die erklärt sich aus meiner ganz persönlichen Geschichte heraus. Man sollte Joris jetzt aber nicht unnötig Angst machen, die Situation ist für ihn und seine Eltern schon schwierig genug.

Joris, du schriebst hier sehr vernünftig und kooperativ. Ich wünsche dir, dass die Erwachsenen (vor allem deine Eltern) ebenfalls merken, wie sehr du dich selbst um Lösungen bemühst. Und dass sie dir noch eine Chance geben, es vielleicht doch mal ohne Heim bzw. Wohngruppe zu versuchen.
Heimerziehung ist ein Verbrechen. Kinder gehören in die liebevolle Geborgenheit einer Familie und nicht ins Heim!


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