Autismustherapie

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Bika
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Re: Autismustherapie

Beitragvon Bika » 12.07.2019, 16:11

Anjali hat geschrieben:
mir schwebte ein „richtiges“ Elterngespräch mit Termin vor.
Nicht ein “überfallartiges“ Gespräch zwischen Tür und Angel im Beisein der Tochter.


Da muß ich ehrlich sagen, dass ich diesen Anspruch an die (insgesamt 3) Psychotherapeutinnen meiner Tochter immer hatte, also die Möglichkeit Unklarheiten/Unsicherheiten so zeitnah wie möglich und auch mal überfallartig anzusprechen.
Uns wurde aber auch von Anfang an klargemacht, dass das für den langfristigen Therapierfolg unerlässlich sei.

„Bitte sprechen sie uns sofort an, wenn es Probleme oder Fragen gibt, lassen sie nichts im Raum stehen!“
Das wurde immer mantramäßig mit auf den Weg gegeben und war für mich und meine Tochter unheimlich beruhigend und wurde auch genutzt.

Ein anderer Umgang hätte mir zu wenig von einem “Verhältnis auf Augenhöhe“.

Ich finde nicht, dass ein Therapeut bedingungsloses Vertrauen erwarten kann, das muß sich entwickeln und dafür sind beide Seiten verantwortlich.

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HeikeLeo
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Re: Autismustherapie

Beitragvon HeikeLeo » 12.07.2019, 20:38

Bika hat geschrieben:Ich finde nicht, dass ein Therapeut bedingungsloses Vertrauen erwarten kann, das muß sich entwickeln


dem möchte ich beipflichten.

Schon der Gang zu einem Therapeuten/einer Therapeutin ist ein Vertrauensvorschuss. Ist die Therapeutin adäquat damit umgegangen?

Liebe Grüße
Heike

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 12.07.2019, 22:34

Hallo,

Ja, das mag schon sein, dass die Therapeutin das nicht gut gemacht hat. Oder es war eine Kette gegenseitiger Missverständnisse.
So oder so bin ich für einen pragmatischen Ansatz. Unsere Kinder haben oft ein Perfektionismus-Denken. Aber es muss nicht von Anfang an perfekt sein. Andere machen auch Fehler. Dinge entwickeln sich. Nicht zu schnell aufgeben. Das sind alles Sachen, die unsere Kinder lernen können. Wenn sie sehen, dass das auch für andere gilt.
Therapien, gute zumal, sind nicht leicht zu bekommen. Es rentiert sich einfach, ganz pragmatisch, dran zu bleiben. :wink:

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Re: Autismustherapie

Beitragvon HeikeLeo » 13.07.2019, 15:12

Engrid hat geschrieben:Therapien, gute zumal, sind nicht leicht zu bekommen.


Das ist ja genau das Problem. Und es stellt sich in jedem Fall IMMER die Frage, wie groß die Kröte sein kann, die Patient bereit ist zu schlucken.

Ich finde die Größe der zu schluckenden Kröte ist dadurch begrenzt, wenn von der Therapie weniger Hilfe zu erwarten ist als von Nichtstun. Damit fallen automatisch auch alle Therapien/Therapeuten raus, bei denen man zusätzlichen Schaden erwarten darf.

Die Entscheidung pro oder contra ist natürlich abhängig von der Erfolgsprognose, die man einräumen kann. Das hängt eben auch IMMER von der Vorgeschichte, dem jeweiligen Problem und den bereits gemachten Erfahrungen ab. Je schlechter die gemachten Erfahrungen sind, umso höher werden die Ansprüche, weil der Entscheidungsspielraum/Vertrauensspielraum, den man als Eltern hat, auch mit jedem Fallen auf die Nase kleiner wird. Deshalb ist es manchmal durchaus sinnvoll eine Schadtherapie vorzeitig abzubrechen, um noch Potential für eine gute Therapie zu haben.
Leider tummeln sich im Therapiedschungel auch einige schwarze Schafe.

Bekannte von mir haben einen 30jährigen autistischen Sohn. Wegen erheblicher Schadwirkung durch eine Therapeutin werden sie jetzt klagen. So weit muss man es nicht kommen lassen.

Liebe Grüße
Heike

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Re: Autismustherapie

Beitragvon AnnalenaO » 13.07.2019, 16:08

Nichtstun wäre für mich in gar keinem Fall eine Option.
So ein Therapeuten Bashing finde ich echt nicht gut.
Ich habe bisher keine wirklich schlechten Erfahrungen mit Therapeuten gemacht und das waren viele. Einige waren nicht besonders gut, geschadet hat aber keiner! Manche haben halt nicht so gut geholfen. Das kenne ich aus meiner eigenen Branche natürlich auch dass es weniger gute Therapeuten gibt, gute und auch ganz besonders gute. Dass jemand einen Schaden verursacht, das ist wirklich eine sehr sehr seltene Erscheinung. Alle Therapeuten haben einen Abschluss, egal ob Psycho, Physio, Ergo, Logo, PM oder sonst was. Die allermeisten bilden sich regelmässig fort, es gibt Supervision.
Ich weiss nicht wie es kommt Heike dass du so extrem viele schlechte Erfahrungen machst eigentlich mit allen, mit Lehrern, mit Therapeuten, mit Schulbegleitern..... das ist so aber definitiv nicht representativ und ich finde es nicht besonders fair Therapeuten an sich so schlecht zu machen dass man besser nichts tut als eine Therapie zu machen. Das mag ich so einfach nicht stehen lassen.

Viele Grüsse, AnnalenaO
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

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Re: Autismustherapie

Beitragvon HeikeLeo » 13.07.2019, 19:49

Liebe Annalena,

AnnalenaO hat geschrieben:du so extrem viele schlechte Erfahrungen machst


kennst Du Festhaltetherapie? Das hat eine ausgebildete Ergotherapeutin als Schulbegleiterin unter begeistertem Beifall der Lehrerin an meinem Sohn ein Jahr lang gemacht. Was würdest Du davon halten, wenn man mit Deinem Sohn ohne Absprache Festhaltetherapie in einer Schule machen würde? Er konnte das als nichtsprechender Autist natürlich nicht kommunizieren.

Ich habe bei einer Hospitation Filmaufnahmen dazu gemacht. JEDER normale Mensch ist darüber schockiert. Leidtragende sind aber nur er und wir als Eltern. An den schulischen Bedingungen hat sich nichts geändert - außer, dass wir das Arbeitsverhältnis mit der Therapeutin nicht weitergeführt haben. Die beteiligten Missetäter sind inzwischen seelenruhig in den Ruhestand gegangen. Und Gras wächst darüber.

Kannst Dich ja mal zur Festhaltetherapie belesen. War eine Therapiesäule in Stuttgart bei Frau Dr. Schweizer und Frau Prekop bei Autismus. Da gibt es auch niedliche Literatur dazu analog zu den Behandlungsmethoden der Gelsenkirchener Klinik mit dem Film "Elternschule". Bei der Gelsenkirchener Klinik gibt es allgemein Einverständniserklärungen der Eltern.
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt des Erfahrungsrepertoires.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich einen schwer betroffenen Sohn habe. Ich wollte ja früher auch den schönen Hochglanzprospekten Glauben schenken. Mich hat nur die Realität eingeholt... Und ich spiele bei diesem Spiel schon ein wenig länger mit als Du.

Natürlich habe ich auch manch gute Erfahrung. Deshalb sind die Kontraste dann auch so groß. Mit unserem Großen hatten wir eine ganz wunderbare Kunsttherapeutin als Schulbegleitung. Die im richtigen Moment auch zupacken konnte. Leider ist sie von den Lehrkräften der damaligen Schule auch sehr grob angegangen worden. Sie hat es immerhin drei Jahre ausgehalten. Dann war aber Schluss. Die Lehrkräfte habe immer noch einen draufgesetzt. In der Summe haben leider die schlechten Dinge gewonnen.

Liebe Grüße
Heike

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Re: Autismustherapie

Beitragvon Regina Regenbogen » 14.07.2019, 09:56

HeikeLeo hat geschrieben:kennst Du Festhaltetherapie? Das hat eine ausgebildete Ergotherapeutin als Schulbegleiterin unter begeistertem Beifall der Lehrerin an meinem Sohn ein Jahr lang gemacht. Was würdest Du davon halten, wenn man mit Deinem Sohn ohne Absprache Festhaltetherapie in einer Schule machen würde?


Ich kenne das. Das hat ein Schulbegleiter (ebenfalls ausgebildeter Ergotherapeut) in der Grundschule bei meinem Sohn genau ein Mal gemacht, dann habe ich beim Träger umgehend einen anderen Schulbegleiter gefordert und meinen Sohn bis zum Wechsel (ca. 2 Wochen später) krankschreiben lassen. Niemals hätte ich mir das ein ganzes Jahr lang angeguckt. Ich komme aber deswegen nicht auf die Idee, alle Schulbegleiter und/oder ausgebildeten Ergotherapeuten über einen Kamm zu scheren. Der nächste Schulbegleiter (ausgeb. Ergotherapeut) war dann richtig super.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

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Re: Autismustherapie

Beitragvon AnnalenaO » 14.07.2019, 10:49

Hallo!
Nein Festhaltetherapie kenne ich nicht.
Es tut mir Leid Heike dass du schlechte Erfahrungen machen musstest.
Aber so etwas ist wie ich ja schon schrieb etwas seltenes. Die allermeisten Therapeuten sind Idealisten (anders kann man so einen Job für so einen Hungerlohn auch gar nicht machen) die sehr viel eigenes Geld und Zeit in teure Fortbildungen Investieren um Patienten möglichst gut helfen zu können.
Ich hab 10 Jahre in einer Reha Klinik wo Neurologische und Orthopädische Reha unter einem Dach angeboten wird gearbeitet. Im Zuge dass überall alles effizienter werden muss wurden die ehemals getrennten Therapieabteilungen Orthopädie und Neurologie zusammengelegt um flexibel mal mehr Neuro Patienten oder mehr Ortho Patienten aufnehmen zu können damit in keiner Klinik Leerstand herrscht. In der Neuro waren auch Phase C Patienten, richtig schwer Betroffene. Den Therapeuten wurden 5 Tage für Fortbildung gewährt und 300€. Das ist ein Witz, wenn man Phase C Patienten behandeln KÖNNEN möchte langt das vorne und hinten nicht und ausnahmslos alle Physios, Ergos und Logos haben sich intensiv auf die Aufgabe Vorbereitet mit weit mehr Zeit und Geldeinsatz als gewährt wurde eingesetzt um eben KEINEN Schaden anrichten zu können.
Das sind meine Erfahrungen. Und da ich selber Therapeutin bin würde ich jetzt auch nicht unbedingt sagen dass ich weniger Erfahrung habe als du.
Ich hatte auch mal eine Ergotherapeutin für meinen Sohn die war eher weniger Interessiert. Sowas hab ich öfter erlebt, auch mal bei einer Logopädin, die wollte halt eine ruhige Kugel schieben, mehr nicht. Ich hab mir das 6 Einheiten lang angesehen und dann gewechselt. Da muss man noch nicht mal daneben sitzen, allein an dem was er zu Hause machen sollte bzw. eben nicht machen sollte hat man gemerkt dass das nix ist. Die Mehrheit der Therapeuten die ich für meinen Sohn kennengelernt habe waren/sind super engagiert. Und mein Sohn ist mit seiner Dyspraxie und extremer Überempfindlichkeit im Mund weder für Ergo noch für Logo ein ganz einfacher Patient. Die Logo muss schon auch Hand anlegen und nicht nur Lotti Karotti spielen bei ihm. Das kann halt nicht jede. Da muss man eben gucken und suchen.Die jetzige Ergotherapeutin ist so toll. Sie hat so eine super Verbesserung mit der Schrift hinbekommen und endlich kann er die Haustür aufschliessen, daran übe ich schon ewig mit ihm.
Deshalb sag ich ja auch tür TE überhaupt nicht dass es ihr völlig egal sein soll wie ihre Tochter sich bei der Therapeutin fühlt. Sie soll ihr ruhig auf den Zahn fühlen, eMails schreiben, per Telefon einen Termin für sich ausmachen. Aber halt nicht vor ihrer Tochter für ihre Tochter sprechen. Das ist alles was ich sage. Ich sage nicht dass man sich als Mutter nicht interessieren soll oder wegsehen soll. Bei meinem Sohn war ich sehr lange bei allen Therapien zumindest Stichprobenartig zugegen weil er mir auch nur wenig bis gar nichts erzählt hat (obwohl er gekonnt hätte). Klar muss man da gucken! Und bei einem 16 Jährigen nonverbalen und geistig behinderten Patienten sollte ein guter Therapeut die Mutter auch enger mit einbinden und hospitieren lassen. Das ist die Tochter der TE aber nicht. Dahersollte man sich mit dem Therapeuten über das Konzept und Ziele Verständigen und davon ausgehen dass die Tochter von Misshandlungen oder ähnlichem berichten würde. Die Kinder werden halt größer, man muss ihnen auch zeigen dass man ihnen was zutraut.
Das war jetzt viel und hatte auch nicht mehr unbedingt etwas mit dem Ausgangsthread zu tun, es ist mir aber ein Anliegen dass Therapeuten nicht grundsätzlich als Schadensbringer diskreditiert werden.

In diesem Sinne, AnnalenaO
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

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Re: Autismustherapie

Beitragvon HeikeLeo » 14.07.2019, 12:57

Regina Regenbogen hat geschrieben: Niemals hätte ich mir das ein ganzes Jahr lang angeguckt.


Siehst du wohl. Und dann sprecht Ihr mir hier Geduld ab.

Ich habe mich damals von der Therapeutin und der Lehrerin in gewissem Umfang kaltstellen lassen. Die waren auch beide jeweils doppelt so alt wie ich. Und sie haben mich auch mit Literatur zugedeckt. Trotzdem ist Festhaltetherapie als Therapie an sich ungeeignet. Jemand, der solche Therapien einsetzt, ist damit auch nicht geeignet. Und gerade im schulischen Umfeld hat man wenig Möglichkeiten, das eigene Kind zu schützen - gerade, wenn die Gegenseite ihre Methode eloquent gut präsentiert.

Ich habe daraus gelernt. Und ich gebe Gelerntes gerne weiter. Und in diesem Fall heißt das: Blindes Vertrauen ist mit autistischen Kindern gefährlich. Man braucht gesundes Missvertrauen. Es muss ja nicht jeder die gleichen Fehler wiederholen. Und es ist besser, RECHTZEITIG gegenzusteuern. Das ist das, was ich der TE im Ausgangspost wiedergebe. Ich habe hier nirgends generelles Therapeuten-Bashing gemacht. Ich sage vielmehr, man muss genau schauen und dem eigenen Patientengefühl gut zuhören. Das Bauchgefühl ist mehr Wert als alle Therapieflyer und Therapietheorien zusammen.

Autismus ist eine schwere Entwicklungsstörung. Manche Kinder sind stärker betroffen, andere weniger stark. Der Einfluss, den man über pädagogische und therapeutische Maßnahmen hat ist gemessen am Autismus selbst eine Kleinigkeit. Das kann viel an Lebensqualität bedeuten. Dennoch ist das Grundproblem ein viel größerer Einflussfaktor.

Aus diesem Grund ist die Bringschuld von Therapeuten und Therapien nochmal größer.

Liebe Grüße
Heike

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Re: Autismustherapie

Beitragvon HeikeLeo » 14.07.2019, 13:09

AnnalenaO hat geschrieben:so einen Job für so einen Hungerlohn


im Lehramt wird auch über Hungerlöhne geklagt. Was bedeutet das dann für die Gegenleistung, also das Therapie- oder Lehrangebot?

Oder muss man mit ewiger Dankbarkeit noch etwas drauflegen und damit in einer zusätzlichen Währung bezahlen? Wenn es dies dann als "Leistungsprämie" gibt, darf man sich dann über die Flatangebote NICHT beklagen und muss man UNKRITISCH sein? Muss man jede Therapie durchziehen?

Liebe Grüße
Heike


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