Autismus und Eitelkeit

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Bika
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Autismus und Eitelkeit

Beitragvon Bika » 01.07.2019, 11:39

Hallo,

Ich habe mal eine (vielleicht überflüssige) Frage.
Ist es Autisten grundsätzlich egal, wie sie rumlaufen?

Mein Sohn ist frische 13 und schaut von sich aus, außer zum Reinsetzen seiner Kontaktlinsen, nie in den Spiegel.
Sein Aussehen und seine damit verbundene Aussenwirkung interessieren ihn überhaupt nicht.
Wie geht ihr mit sowas um?
Lasst ihr sie komplett selbst entscheiden oder interveniert ihr bei der Kleiderwahl z.b., damit das Kind nicht noch mehr Angriffsfläche bietet?
Dazu kommt noch, dass seine große, durchaus modebewusste Schwester, im gleichen Jahrgang auf die gleiche Schule geht, selber ein dünnes Fell hat und wahnsinnig darunter leidet, wenn sie ihren Bruder als “peinlich“ wahrnimmt.
Dass sie gerne über ihn bestimmen und ihn zu einem “coolen“ Styling drängen würde, geht nicht und das sieht sie auch ein.
Sohnemann ist knapp über 170 cm groß, sehr dünn, ungelenk, steif und fällt so schon auf.
Darf ich dann als Mutter wenigstens in seine Kleiderwahl eingreifen oder ist sowas übergriffig?
Er würde sonst z.b. IMMER mit der gleichen Kapuzenjacke rumlaufen.
Ein anderes Problem ist seine Aversion gegen Friseurbesuche. Er weigert sich den Haaren einen feschen Schnitt zu verpassen und will sie immer länger tragen. Da er viele Wirbel hat, sieht das dann oft zottelig und ungepflegt aus. :?

Einfach in Ruhe lassen?
Er ist so ein hübscher Junge und ich denke halt immer, dass er diese Ressource ruhig ein wenig nutzen sollte, da er es eh schwerer hat als neurotypische Jugendliche.

Bin ich einfach nur grottenoberflächlich? :oops:


LG

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Jakob05
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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon Jakob05 » 01.07.2019, 11:58

Also "grottenoberflächlich" bist du wegen deiner Gedanken sicher nicht, aber Euer Problem ist auch kein ASS-spezifisches. 13jährige sind meist so, da hilft nur eine Eselsgeduld, ich versuche das seit fast 20 Jahren, da diese Entwicklungsphase bei uns immer noch nicht abgeschlossen ist.
Ich entscheide da immer nach dem "was du nicht willst,..."-Prinzip. Wenn er scheussliche Kombis tragen will, muss er sich die Rückmeldung bei anderen holen, das ist mir egal, aber wenn ich ihn schon auf 5m riechen kann, sag ich was (auch wenn es mal wieder zuviel DUFTspray war), denn das ist unzumutbar un der selbst ist da auch ( bei andern empfindlich). Auch auf Flecken oder schlechte Rasur weise ich ihn hin, denn das spürt er scheinbar nicht wirklich.
Bei uns darf die grosse Schwester aber viel mehr sagen und wird wahrgenommen als ich, also schicke ich sie oft vor oder sie nimmt ihn mit zum Einkaufen. Das wird von ihm nie als Übergriffig empfunden, mittlerweile geht er sogar selbsständig zum Friseur.
Cordula (65) mit I. (86), M. (88 mehrfachbehindert, HF-Autist), J. (†28.07.05,*02.08.05,37.SSW) + K. 10/07 (GS, HD, Rachenfehlbildung,Tracheostoma)

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 01.07.2019, 12:00

Hallo Bika,

also, in die Haarlänge würde ich ihm nicht reinquatschen, viele Jungs im Teeniealter haben lange Haare. Vielleicht mag er sich ja einen Bun machen, dann sind die Haare verräumt?

Ich glaube, wenn man als Autist Schwierigkeiten mit dem Perspektivwechsel hat, dann ist es oft folgerichtig, dass einem nicht klar ist, wie viel andere Menschen auf Äußerlichkeiten gucken. Und dann ist man selber halt eher uneitel. Aber auch das kann man ja sachlich erklären. (Die „Codes“ von Klamotten)
Ich finde es total okay, und auch normal bei Teenies, Lieblingssachen dauernd zu tragen, wenn sie gepflegt und sauber sind. Ehrlich gesagt fände ich es übergriffig, ihm seine Lieblingsjacke zu verwehren.
Außerdem hilft vertraute Kleidung, gibt Sicherheit.

Ich kenne übrigens auch eitle und sehr gepflegte Autisten, allerdings ist der Style halt dann nicht so arg von dem inspiriert, was Gleichaltrige tragen, sondern recht individuell, zum Beispiel „klassisch korrekt“. Oder alles schwarz und mit Kapuze.

Mein Sohn mit seiner geistigen Einschränkung ist da natürlich wieder anders, aber auch er hat Vorlieben bei Farben und Mustern, er freut sich, wenn jemand seine Shirts schön findet, oder seine Haare (die auch lang sind, und eher surfermässig „undone“).
Lange Haare kann man übrigens ganz gut selber schneiden.


Nimm’s leicht. Ein hübscher Junge bleibt er ja, auch in nicht so coolem Styling. :wink:

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon ehemalige Userin » 01.07.2019, 12:34

Ich habe mal eine (vielleicht überflüssige) Frage.
Ist es Autisten grundsätzlich egal, wie sie rumlaufen?
Hallo Bika,

egal wahrscheinlich nicht, aber die meisten Autisten machen sich nicht viel aus Mode. Der Gedanke, dass man bestimmte Klamotten (oder sogar bestimmte Marken) tragen soll, nur weil alle Anderen sie auch tragen, ist für Autisten schwer nachvollziehbar und logisch nicht wirklich begründbar.

Mir ist es heute wichtig, dass meine Kleidung sauber und gepflegt ist; dass sie keine Beschädigungen oder allzu deutliche Gebrauchsspuren (Löcher, abgewetzte Stellen) hat. Aber ob ein bestimmter Stil "modisch angesagt" ist oder, daraus mache ich mir nichts und ich wüsste auch gar nicht, woran ich das überhaupt festmachen sollte.

Ich hab auch Hosen bei mir im Schrank, die ich schon seit über 10 Jahren trage. Warum auch nicht, solange sie noch unbeschädigt und in Ordnung sind? Sicht ständig neue Klamotten zu kaufen, obwohl die vorhandenen noch in Ordnung sind, wäre doch reine Ressourcenverschwendung.

Ich sehe ein, dass es in bestimmten Bereichen der Gesellschaft gewisse Dresscodes gibt. Dass ein Bürgermeister oder ein Topmanager z. B. nicht im Trainingsanzug ins Büro kommt. Ich hab auch Verständnis, dass es bei mir in der Firma einige Richtlinien gibt, dass man Geschäftspartner nicht in Bermudashorts und T-Shirt empfängt, sondern sich z. B. ein Jackett überzieht.

Das man aber bestimmten Modewellen hinterläuft und bestimmte Kleidungsstücke nicht mehr tragen soll, nur weil "modisch out" sind (obwohl qualitativ noch einwandfrei), das war für mich noch nie nachvollziehbar.
Er würde sonst z.b. IMMER mit der gleichen Kapuzenjacke rumlaufen.
Dein Sohn denkt in Kleidungsfragen vermutlich rein pragmatisch, und ich kann das durchaus nachvollziehen: Die Kapuzenjacke erfüllt ja ihren Zweck, also warum einen Weg verlassen, der sich für ihn gut bewährt hat? Ich würde ihm trotzdem einige Alternativen zur Auswahl bieten, z. B einen Pullover oder eine Kapuzenjacke in ähnlichem Stil, aber z.B. in anderer Farbe, damit er zumindest ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln hat.

Zum Thema Friseurbesuch kann ich leider keine Tipps geben, denn das Problem hatte ich früher nicht.

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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon ehemalige Userin » 01.07.2019, 12:47

Zum Thema Mode, Dresscodes und Markenzwang noch eine Anmerkung, die mir dazu gerade wieder einfällt: Es wird so oft betont (auch von vielen Politikern), wie "offen", wie "bunt", wie "vielfältig" und "tolerant" unsere Gesellschaft angeblich doch ist. Gerade in der hochaktuellen Abgrenzung zum Rechtsextremismus wird die "offene, bunte und vielfältige Gesellschaft" immer wieder betont, was für eine wichtige kulturelle Errungenschaft das doch wäre. (Was ja auch stimmt, ich will das keinesfalls in Frage stellen.)

Was ich aber nicht verstehe: Beim Thema Bekleidung und Mode müssen dann doch wieder alle streng auf eine Linie gebracht und gewissermaßen "gleichgeschaltet" werden. Das ist es dann ganz schnell vorbei mit der angeblichen "Toleranz" und "Vielfalt". ;-)

Ist dieser Widerspruch und die dahinterstehende Doppelmoral wirklich noch niemandem aufgefallen? :roll:

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Regina Regenbogen
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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon Regina Regenbogen » 01.07.2019, 12:54

Mein Sohn ist frische 13 und schaut von sich aus, außer zum Reinsetzen seiner Kontaktlinsen, nie in den Spiegel.
Sein Aussehen und seine damit verbundene Aussenwirkung interessieren ihn überhaupt nicht.
Das war bei unserem Jüngsten mit 13 auch noch so. Das hat sich erst mit ca. 15 gegeben, seitdem geht er regelmäßig zum Friseur seines Vertrauens (seine Schwester hat ihm gesteckt, dass Monobrauen nicht gut aussehen, wenn Mama sowas sagt, ist die nur gemein :D ). Bei seinen Klamotten ist er noch recht eingefahren, Jeans, Kapuzenpulli, Kapuzenjacke, T-Shirts möglichst ohne auffällige Aufdrucke und natürlich Sneaker. Ist in Ordnung, bei uns laufen die meisten Jungs so rum.

Solange er seine Körperhygiene nicht schleifen lässt (was in dem Alter auch nicht ungewöhnlich ist) würde ich ihn in Ruhe lassen.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese

mijo

Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon mijo » 01.07.2019, 19:34

Hallo Bika.

Ich mus zugeben,auch ich gehöre zu der Sorte Autisten die sich nichts aus Kleidung macht.

Sie mus zum Wetter passen und Praktisch sein.
Ich hab überwiegend Männer tshirts :lol:
Einfach weil s die in "normal"gibt,ohne spitze aufdruck ect.und nicht so auf Figur wie viele Frauen t shirts.
Auch sonst habs ich nicht mit Mode,und fühl mich in chic auch nicht wohl.

Vg

Tina4K
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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon Tina4K » 01.07.2019, 20:19

Ich denke man kann das nicht verallgemeinern. Ich kenne sehr sehr wenige eitle Autisten.
Mein Mann (Autist) ist es egal wie er rumläuft. Er geht sehr sehr ungern zum Friseur, ich schneide seit 20 Jahren seine Haare. Die der Jungs auch, d.h die Frisur bestimme ich und alle 6 Wochen die Haare. Ich habe das durch YouTube Bideos und Versuch und Irrtum gelernt - also außer der Not heraus.

Kleidung: ich kaufe sie und ich suche das aus und zeige den Autisten hier Zuhause was zusammen passt. Standart: jedes Kleidungsstück habe wir 2 oder bis zu 4 mal. D.h gleiche Hosen, gleiche Pullis, gleiche T-Shirts. Finde ich nicht so schlimm. Alles Unifarben ohne Aufdruck und hauptsächlich Blautöne. Da passt es immer irgendwie zusammen.

Mein Sohn fällt dadurch nicht auf. Meine anderen Kinder ( eins jünger und eins älter) finden ihn nicht peinlich und die Klassenkameraden sind zum Teil Adsler oder auch Autisten, das beachten die gar nicht. Modisch ist er nicht, er ist bequem und neutral gekleidet.

Anjali
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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon Anjali » 02.07.2019, 08:03

Hallo Bika,


Wer kauft denn bei euch die Klamotten für deinen Sohn und wer sucht sie beim Kauf aus? Du oder er?

Mit 13 Jahren war meinem Sohn noch völlig egal, was er anhatte. Klamotten einkaufen mochte er sowieso noch nie gerne. Also habe ich ihm einfach die Klamotten gekauft. Er zog das an, was im Kleiderschrank war.
Bei jemandem, dem es völlig egal ist, wie er herumläuft, finde ich es nicht übergriffig, wenn ihm jemand anderes die Klamotten für ihn auswählt.
Viele Grüße
Anja

Mutter mit Sohn (18 Jahre / Asperger-Autist)

der kleine kurt
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Re: Autismus und Eitelkeit

Beitragvon der kleine kurt » 02.07.2019, 11:42

Hallo!

Mein Sohn ist noch 11 und bislang kaufe ich seine Kleidung nebenbei. Da mir bestimmte Marken nicht so wichtig sind, achte ich eher nur auf den Style der Kleidung, also oft uni oder gemäßigt mit Aufdruck oder so. Und mit Kapuze, er liebt Hoodies.

Ich achte darauf, dass alles mit allem zusammenpasst, so das es dann de facto egal ist, was er sich aus dem Schrank nimmt.

Ich finde es auch nicht übergriffig, auch in Zukunft noch seine Kleidung zu kaufen, so lange das für ihn in Ordnung ist.

Immer dieselbe Kapuzenjacke würde ich jetzt auch nicht schlimm finden, man sieht doch an Hose und T-Shirt, dass es mal variiert.

Beim Anziehen selbst impfe ich ihm immer noch täglich ein, dass es wichtig ist, dass er sich die Hose vernünftig hochzieht und das T-Shirt/Pulli komplett ÜBER dem Bund getragen werden (und nicht halb halb irgendwie wie es sich beim Anziehen halt zufällig ergibt... :lol: )

Als Schuhe trägt er einfach Sneakers.

Meine persönliche Baustelle sind die Haare: Er trägt sie lang und hat sehr dickes, dichtes, lockiges Haar - das er nur sehr halbherzig kämmt. Pferdeschwanz will er nicht, weil er in der Schule Angst vor blöden Sprüchen hat.
Da kämpfe ich gerade mit dem Dilemma: Es laufen lassen, bis ne Taube auf seinem Kopf nisten könnte und am Ende nur ein Radikalschnitt hilft (was wohl nur ein paar Tage dauert, schon nach 24h ohne Kämmen bilden sich die ersten "dreads"), oder Abend für Abend mit Engelszungen die Matte wieder aufdröseln...

Kurzum: Weder übergriffig noch oberflächlich, sondern lenkend und pragmatisch.

Viele Grüße
Kurtine


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