Kleiner Bruder

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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MariaH83
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Kleiner Bruder

Beitragvon MariaH83 » 26.06.2019, 21:11

Hallo,

Hier sind ja etliche Menschen mit mehreren Kindern unterwegs. Mich treibt grad die Frage um: wie stelle ich fest, ob der kleine Bruder autistische Verhaltensweisen sich einfach nur abguckt oder ob doch auch bei ihm "etwas ist"?
Großkind ist Autist. Ich bin Autistin. Da liegt ja eine familiäre Neigung war.

Mittelkind wird jetzt 7, Erstklässler, hat ein wenig Schwierigkeiten mit der Konzentration, Handlungsplanung, Feinmotorik, Wahrnehmung. Alles nicht so gravierend. Und dennoch möchte ich nichts übersehen (darum kontaktiere ich jetzt den KJP).

Wem ging es auch so? Im Vergleich zum Großen ist er halt deutlich weniger auffällig...

LG Maria
Mama (´83, Asperger-Autistin mit diversen Baustellen) von S. (1/11; Mikroduplikation 2q13, Epilepsie, Asperger-Autismus, PG 3, SBA mit GdB 70 und G B H), J. (7/12, "normal" entwickelt, Asthma nach RSV) und L. (11/17), Z. n. Reflux, Apnoen, infektanfällig und sehr munter
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Engrid
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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon Engrid » 26.06.2019, 22:31

Hallo Maria,

kommt halt drauf an, was er sich abguckt oder abzugucken scheint. Wenn er zb ohne Punkt und Komma redet, wie der Große, weil er so mehr zu Wort kommt und mehr Aufmerksamkeit bekommt, dann macht abgucken Sinn.
Die meisten autistischen Verhaltensweisen machen aber wohl nur für Autisten Sinn, für Nichtautisten nicht. Und wenn etwas subjektiv keinen Sinn hat, wird es auch nicht abgeguckt ...

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon JasminsMama » 27.06.2019, 09:10

Hallo Maria,

als mein Kind früher in die Ferienbetreuung der Lebenshilfe gegangen ist, hat sie sich immer unheimlich viel abgeguckt bzw. angewöhnt.

Das waren nicht unbedingt austistische Verhaltensweisen, aber Sachen wie Hände flattern, Babysprache, Töne, Tics etc.

Das zog sich die ganze Ferienbetreuung durch, danach war der Spuck meist nach ein paar Tagen vorbei.

Ich nehme an, da sie dort immer einer der fittesten war, hat sie sich vielleicht mit der Übernahme dieser Verhaltensweisen "angepasst".

Ich kann mir schon vorstellen, dass Geschwister, die ja das andere Kind ständig (und nicht nur zeitweise wie in einer Ferienbetreuung) um sich haben, sich schon Verhaltensweisen (vllt. auch unbewusst) abgucken und übernehmen.

LG
Sandra
Sandra 06/76
Jasmin Marie 05/02 globale Entwicklungsverzögerung, vis. Wahrnehmungsstörung, Lernbehinderung, starke Hyperopie rechts, hochpathologisches EEG (Besserung seit Jan. 12),
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***Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht***

AnnalenaO
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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon AnnalenaO » 27.06.2019, 10:05

Hallo!

Meine Tochter guckt sich von meinem autistischen Sohn wirklich überhaupt nichts ab, auch nicht das viele reden. Im Gegenteil, sie ist schon öfter mal genervt von so manchen Verhaltensweisen des Bruders und käm nie auf die Idee das auch machen zu wollen. Ich muss ihm auch noch Haare waschen und Brot schmieren und Fleisch klein schneiden und sowas, trotzdem möchte sie sich überhaupt nicht bedienen lassen und legt Wert drauf wirklich alles alleine zu machen. Auch im Kiga ist sie gaaaaaanz anders als er war . In die Schule kommt sie diesen Sommer, ich bin sicher dass sie auch da nichts von ihrem Bruder abgucken oder übernehmen wird.
Ich würde daher schon ein Auge drauf haben und gegebenenfalls eine Diagnostik machen lassen.
Ich denke es ist so wie Engrid sagt,, diese Verhaltensweisen machen für nicht autistische Kinder keinen Sinn.
Dass man mal kurzzeitig was von anderen übernimmt zb in der Ferienbetreuung das kann ich mir vorstellen. Das würde aber ein Kind dass das nicht „braucht“ nicht ewig durchziehen. Irgendwann wär es lästig.
Ich denke normalerweise wollen Kinder ja „vorankommen“ und selbständig sein und nicht unbedingt auffallen. Das ist auf jeden Fall bei meiner Tochter so.

Viele Grüsse, AnnalenaO
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

steffimoppel
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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon steffimoppel » 27.06.2019, 11:06

Hallo,

ich sehe da immer die Leidensgeschichte im Vordergrund. Mein autistischer Sohn machte oft Dinge nicht, er würde sie aber gerne machen. Er kann einfach nicht. Also z.B. nach einem Fußballspiel noch spontan einen Freund treffen. Oder ähnliches. Sein Bruder, macht das auch nicht, aber der ist sich klar darüber, dass er es nicht möchte und wenn er es dann doch mal möchte, kann er es tun.
Verhaltensweisen abgucken ist für das Kind lustig und macht oft Sinn. Wenn ein Kind etwas nicht kann, wird ihm geholfen, also ist das Geschwisterkind faul und lässt sich auch helfen. Das bekommt man als Mutter schnell raus, wenn man die Situation genau beobachtet und die Kinder bittet, das Verhalten zu ändern.
Ich würde mir an Deiner Stelle alle Dinge aufschreiben, die Du bei Deinem kleinen Sohn beobachtest und dann genauer hinschauen. Was hat er davon, wann macht er die Dinge, immer oder nur wenn es besonders praktisch ist. Diese Beobachtungen helfen Dir auch bei der Diagnostik, Du kennst das ja schon, da musst Du eh alle auffälligen Sachen beschreiben.
Ich würde in Eurer Konstellation sicher testen lassen. Die Frage ist aber wann. Je älter das Kind ist, desto auffälliger ist vieles, eine frühere Testung bringt früher Hilfen.
Viel Erfolg

Steffi

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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon MariaH83 » 27.06.2019, 17:35

Danke euch allen!

Ja, ich möchte ihn unserem KJP vorstellen. Ich halte ihn für einen guten Diagnostiker und er wird es gut abgrenzen können, vermute ich.
Ein wenig könnte man auch ADS aus J.s Verhaltensweisen lesen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es weder für die eine noch die andere Diagnose "reicht", aber auch dann sind wir ja schlauer. Ich werde berichten!

LG Maria
Mama (´83, Asperger-Autistin mit diversen Baustellen) von S. (1/11; Mikroduplikation 2q13, Epilepsie, Asperger-Autismus, PG 3, SBA mit GdB 70 und G B H), J. (7/12, "normal" entwickelt, Asthma nach RSV) und L. (11/17), Z. n. Reflux, Apnoen, infektanfällig und sehr munter

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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon MamaMonika0912 » 28.06.2019, 08:46

Meine Tochter (7J.) schaut sich Verhaltensweisen vermeintlich auch ab. Allerdings nicht solche, die zur Regulierung dienen, wie stereotypes Trampolinspringen. Das ist das "Stimming" ihres Bruders (10J.). Sehr wohl reagiert sie jedoch auch Frust von außen betrachtet sehr ähnlich, nämlich mit Wutausbrüchen. An ihrer Art des Ausbruchs merkt man jedoch, dass "Wut" als Gefühl überwiegt, beim Bruder ist es in der Regel die pure Verzweiflung.
Da sie selbst oft mit ihrer Wut überfordert ist habe ich sie auch der Psychologin vorgestellt. Das Ergebnis ist ein mildes ADS mit leicht depressiver Neigung. Da sie sehr sozial ist und in der Schule gut klar kommt, dachte ich mir schon, dass es sich nicht um ASS handelt. Die Psychologin geht davon aus, dass durch die Schwierigkeiten mit ihrem Bruder (leider viel Ablehnung von seiner Seite) und ihr Temperament diese Kombination zusammenkommt.

JennyK
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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon JennyK » 13.07.2019, 17:40

Bei uns war es exakt so wie bei euch, darum haben wir eine Diagnostik noch vor der Einschulung angestrebt. Er ist sozial besser aufgestellt, hat Freunde und kommt gut zurecht, aber im Rahmen des Vorschuljahres und der Suche nach der passenden Grundschule wurden wir unsicher und wollten einfach Gewissheit haben. Er hat eine Diagnose am unteren Rand des Spektrums bekommen, was unserem Empfinden auch ganz gut entspricht. Nun haben wir bereits die Diagnose, so dass wir schneller handeln können, falls es in der Schule Schwierigkeiten gibt.
Sohn 1 (06), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (13), Asperger Autismus, leicht ausgeprägt

Lisaneu
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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon Lisaneu » 13.07.2019, 17:52

Ich bin Mutter von zwei diagnostizierten Autisten, aber die gucken sich gegenseitig höchstens ab, wie man bei Tablett-Spielen weiterkommt ;-).

Beide habe total unterschiedliche Schwierigkeiten und auch total unterschiedliche Strategien zur Stressbewältigung. Ein wenig ist es auch, wie MamaMonika 0912 es von ihren Kindern beschreibt. Die Wutanfälle meines älteren Sohnes sind "normale" Wutanfälle, die immer wieder auftreten, wenn was nicht nach seinem Kopf geht. Dann kreischt und weint er kurzfristig, aber nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Die Meltdowns des jüngeren Sohns hingegen sind overloads und das ganze Kind besteht dann nur aus Verzweiflung. Dauer ist je nach Situation 20 bis 45 Minuten (der längste war 2 Stunden!), und in der Zeit ist mein Kind wirklich total "außer sich" und es ist unmöglich, es von außen zu beruhigen.

Mein älterer Sohn ist im unteren Bereich des ASS-Spektrums, hat aber eine (mMn ziemlich ausgeprägte) ADHS als zusätzliche Diagnose, was es schwer macht, das eine vom anderen abzugrenzen. Mein jüngerer Sohn ist sehr klar im Spektrum, aber ohne ADHS (dafür gehörlos).
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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Re: Kleiner Bruder

Beitragvon Regina Regenbogen » 14.07.2019, 10:04

MariaH83 hat geschrieben:Wem ging es auch so? Im Vergleich zum Großen ist er halt deutlich weniger auffällig...


War bei uns andersherum. Der Kleine wurde mit 5 Jahren diagnostiziert. Die Auffälligkeiten des Großen (nur 1,5 Jahre älter) traten erst im 2. Schuljahr zu Tage und wir haben lange überlegt ob er sich was abguckt oder auch Autist ist oder zumindest autistische Züge hat. Er wurde dann im 3. Schuljahr mit ADS diagnostiziert. Und es passt. Erziehungsmäßig war da nie ein großer Unterschied, der Große hat auch von der Therapie des Kleinen profitiert.
Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Sohn * 01/2003 - Frühkindlicher Autismus mit komorbider ADHS
Sohn * 09/2001 - ADS
Tochter * 04/1998 - nix
Tochter * 08/1989 - Peronaeusparese


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