Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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LjubaK
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Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon LjubaK » 26.06.2019, 06:38

Guten Morgen!
Ich bin Lehrerin an einer Volks(Grund)schule, in einer mehrstufigen Ganztagesklasse.
Im kommenden Schuljahr kommen zu meinen jetzigen zehn SchülerInnen vier neue hinzu.
Darunter ist neben einem Kind mit geistiger Behinderung auch ein frühkindlicher Autist.
Ich hoffe nun, all meinen SchülerInnen gerechnet werden zu können.
Mit Kindern mit geistiger Beeinträchtigung habe ich schon gearbeitet, da gibt es auch Schulbücher, die ich schon bestellt habe.
Aber wie kann ich das autistische Kind bestmöglich unterstützen? (Er wird übrigens als Vorschulkind starten)
Meine Frage an die Eltern unter euch und eventuell an PädagogInnen: welche Schulbücher haben eure Kinder? Wie kann man sie begeistern ev beruhigen?
Mein autistischer Schüler hat eine Autismustherapeutin, mit der ich in Kontakt stehe und im September besuche ich eine Fortbildung zum Thema „Autismus in der Schule“. Aber ich würde mich schon gerne jetzt optimal vorbereiten.
Ich bin für jede Idee, für alle Tipps, die kommen, sehr sehr dankbar!!!
Liebe Grüße,
Ljuba

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Engrid
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon Engrid » 26.06.2019, 07:43

Hallo Ljuba,

Du sammelst Wissen über Autismus an, das ist super. Genauso wichtig ist, sich zu verinnerlichen, dass jedes autistische Kind anders ist, und zwar nochmal radikaler als nichtautistische Kinder - denn es gehört ja zum Wesen des Autismus, nicht autopilotenmässig im Strom der Gruppe schwimmen zu können, sondern vieles von innen heraus zu entwickeln. Solo quasi.
Wissen über Autismus, plus individuelles Massschneidern, gibt zusammen eine gute Basis.

Ich finde einen ganz wichtigen Punkt beim Lernen, über die Spezialinteressen des Kindes zu gehen, würde da also bei den Eltern nachfragen.

Ein anderer Punkt ist Strukturierung und Visualisierung, Stichworte TEACCH und Unterstützte Kommunikation. Ich empfehle Dir das Buch von Hallbauer und Castaneda: Einander verstehen lernen. Zu TEACCH gibt es eine ganze Buchreihe, zb „TEACCH in der Regelschule“ (von dem Ansatz profitieren übrigens auch nichtautistische Kinder)

Finde es toll, dass Du Dich da so reinhängst!

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

kati543
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon kati543 » 26.06.2019, 08:11

Hallo,
das Beste, was du machen kannst, tust du bereits. Du redest mit den Personen, die das Kind kennen. Bei uns war es so, dass die Autismustherapeutin ganz viele gute Tipps geben konnte, gerade auch als im Schulalltag dann das ein oder andere Problem auftauchte.
Autisten sind sehr, sehr verschieden. Hier jetzt pauschal Tipps zu geben, halte ich für falsch.
In der Grundschule war es bei uns üblich den Alltag sehr zu strukturieren. Das wurde nicht extra für meine Söhne gemacht - das kam einfach allen Kindern zugute. Es gab einen Tagesplan, der kurz vor Schulende am Tag vorher gemeinsam in der Klasse erstellt wurde. Am nächsten Morgen wurde der Tagesplan dann vom „Tageskind“ im Stuhlkreis nocheinmal vorgestellt. Jede Stunde hatte ein Bild und war mit Klett an diesem Plan befestigt. Immer wenn eine Stunde vorbei war, durfte das Tageskind das Bild dann abziehen und weglegen.
Welche Bücher haben meine Kinder:
Der Große wird regelbeschult und hat die ganz normalen Bücher, die jedes andere Kind auch hat. Er war übrigens auch in der Vorklasse wegen Sprache. Für ein Vorschulkinder ist das noch nicht so relevant, aber Autisten haben gewisse sprachliche Besonderheiten. Es kann also sein, dass diverse Texte, die Ironie/Satire, Sprichwörter oder komische Wörter, die es eigentlich nicht gibt, einem Autisten vollkommen unverständlich sind. Solche Texte wurden für meinen Sohn stets abgewandelt.
Mein Jüngster bekommt immer individuelle Dinge. Bücher gibt es nicht. In einem Buch könnte er von 150 Seiten maximal 7 überhaupt bearbeiten. Der Rest würde sich ihm nie erschließen. So wird sehr viel kopiert und vergrößert, da seine Feinmotorik auch noch sehr schlecht ist.
LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

mel1220
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon mel1220 » 26.06.2019, 09:12

Hallo,

ich finde es toll dass Du so bemüht bist! Wie auch oben schon beschrieben wurde ist der beste Weg mit Therapeuten und Eltern zu sprechen.
Wir haben einen schwer traumatisierten Adoptivsohn. Mittlerweile sind wir so belesen und fast "Experten" im Thema dass wir sehr dankbar sind wenn Lehrer uns und der Psychotherapeutin zuhören.
Eine gute und enge Zusammenarbeit ist für mich das A und O.
Die Eltern können sich heute schon glücklich schätzen Dich als Lehrerin zu bekommen weil du offen bist.
Das ist leider nicht immer der Fall, und dann wird alles ganz schön schwierig.

Danke für alle Special Edition Kinder und Eltern

käthe
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon käthe » 26.06.2019, 10:26

Hallo,
auch von mir ein Dankeschön für deine Offenheit und dein Engagement.
Für unseren Sohn war im Grundschulalter sehr wichtig, dass Arbeitsmaterialien keine Ablenkung boten. Also Verzicht auf lustige Rechendrachen, Lesebären etc. Wir haben mit laminierten weißen Papierstreifen gearbeitet, die alles außer der aktuellen Ausgabe abdeckten.
Viele gute Erlebnisse und eine beglückende Beschulung!
Käthe
Käthe, Mama von drei Jungs. Der Mittlere *2004 mit schwerem Herzfehler (HLHS, Fontan-Palliation, Herzschrittmacher, portale Hypertension). Diagnose 24. SSW.
Asperger-Autismus, Diagnose 07/2011

"Loslassen. Immer wieder loslassen. Das ist alles."

maikeb
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon maikeb » 26.06.2019, 11:26

Empfohlen wird landläufig dieses Werk:
https://www.amazon.de/dp/3942976242/
Ich bin damit eingestiegen:
https://www.amazon.de/dp/3497026468/

Für den theoretischen Hintergrund ganz sinnvoll. Wenn du die Autismustherapeutin schon im Boot hast, ist das für die Praxis sehr viel wert. Sie wird passendes Material und gute Ratschläge haben.

Interessant ist auch der Flyer von Philip Knorr.

Anne_mit_2
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon Anne_mit_2 » 26.06.2019, 11:50

Hallo LjubaK,

zuerst einmal ein ganz großes Lob, dass Du Dich der Aufgabe nicht nur stellst, sondern sie als Anlaß nimmst, daran zu wachsen und Dich auf die Situation so gut einzustellen, wie es eben geht.

Aus Sicht einer Lehrenden (nicht Lehrerin, da nicht im Schuldienst), die bereits verschiedene Autisten (Aspies und HFA -- junge Erwachsene) in verschiedenem Kontext kennengelernt und unterrichtet hat, habe ich noch ein paar weitere Tipps für Dich:
- hinterfrage Deine unausgesprochenen Erwartungen an den Ablauf des Schultages (gerade eine Diskrepanz zwischen ausgesprochenen Erwartungen und unausgesprochenen ist sehr verwirrend für einen Autisten)
- zwinge Dich zu verläßlichen Strukturen für die gesamte Gruppe, aber führe nichts ein, von dem Du nicht sicher bist, dass Du es durchhalten kannst
- der situationsbezogene Ansatz kann problematisch werden, wenn er zu mangelnder Verläßlichkeit im Ablauf führt -- hinterfrage diesen für die konkrete Gruppe und ihre konkreten Bedürfnisse
- Frontalunterrichtsphasen können (auch wenn sie in der Regel didaktisch verpönt sind) ein Mittel darstellen, Ruhe und Struktur in den Ablauf zu bringen und können je nach Situation (z.B. bei Kindern mit sehr verschiedenen Bedürfnissen) einen wichtigen Baustein im Tagesablauf darstellen -- für manche sogar einen Anker zum Festhalten in den Wirren des Tages
- werde Dir klar über die jeweiligen nicht-akademischen Entwicklungsziele (Sozialkompetenz, Verhalten etc), die für jedes einzelne Kind (!!) der Klasse sinnvoll und realistisch sind. Eine Sichtweise von einer Klasse mit einem besonderen Kind ist für den richtigen Blick auf die Entwicklung der Gruppendynamik nicht unbedingt die beste. Manchmal hilft es, den Blickwinkel zu verändern und die Klasse zu sehen als eine mit einem besonders breiten Spektrum an Bedürfnissen.

GANZ WICHTIG: Es gibt kein Patentrezept, es gibt kein klar abgegrenztes richtig und falsch, sondern auch eine Grauzone dazwischen. Finde Deinen persönlichen Weg vor dem Hintergrund fundierten Wissens über die Breite der Spielarten von Autismus, aber berücksichtige auch die Persönlichkeiten der Kinder in Deiner Gruppe und auch Deine eigene (und ggf. die Deiner Kollegen oder der Schulbegleitungen).

Du hattest nichts konkreteres über das autistische Kind geschrieben. Daher sind konkrete Tipps auch nur sehr schwer zu geben.

Viele Grüße,
Anne

Nadine mit Mirko
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon Nadine mit Mirko » 26.06.2019, 12:45

Hey,

ich begleite ein autistisches Kind an einer Regelschule. Aus diesem Kontext heraus hast du ja schon einige tolle Tipps bekommen.
Einen wichtigen möchte ich noch hinzufügen.
Es sind Strukturen und Verlässlichkeit wichtig. Bei mir wird der Autist ausgenommen von Platzwechseln und Sitzänderungen.
Auch sollte überlegt werden es bei dem Nachbarn zu belassen, den er sich aussucht, bzw der dazu passt.

LG
Nadine

LjubaK
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon LjubaK » 26.06.2019, 20:15

Vielen herzlichen Dank für all eure tollen Antworten! Ihr habt mir jetzt schon sehr weitergeholfen!
M + G haben beide übrigens eine Schulassistenz (früher Eingliederungshilfe) zugeteilt bekommen, die die beiden unterstützen und begleiten wird. Ich bin sehr dankbar, dass sie bei uns sein wird.
Die beiden waren heute zu Besuch und durften im Rahmen eines Schnuppertages auch schon fleißig mitmachen und an ihrem- in Zukunft fixen - Platz arbeiten.
Der Start war holprig, dann wurde es immer besser und ich habe gespürt, dass sich die beiden und auch alle anderen Kinder in der Klasse wohlfühlen.
Ich bin gespannt auf das kommende Schuljahr ☺️
Sollte euch noch etwas einfallen, bitte schreibt wieder!
Danke noch einmal für eure Antworten!
Liebe Grüße,
Ljuba

maikeb
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Re: Bitte um Tipps für autistischen Schüler

Beitragvon maikeb » 26.06.2019, 21:22

Wichtig ist, dass die Schulassistenz in das Thema eingearbeitet ist. Sie ist viel näher dran am Kind und muss die Konflikte austragen. Dabei muss sie genug Sachverstand haben, dass sie Verweigerungen und Attacken nicht persönlich nimmt, sondern auf die Störung zurückführen kann. Gut wäre auch, wenn sie das Verhalten analysieren und auf konkrete Ursachen zurückführen könnte (Reizüberflutung oder Missverständnis oder soziale Überforderung oder ...), um Probleme kommen zu sehen und zu verhindern, bevor sie entstehen. Daher sollte man immer auf eine fachliche Assistenz bestehen. Ein kleines Bufdi-Mädchen ist der Situation nicht gewachsen.


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