Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Michael2
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Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Michael2 » 24.06.2019, 11:01

Hallo Forengemeinden,

unsere Tochter ( 4.5J ) wurde mit PMDS diagnostiziert. Das betroffene Shank3 Gen gilt als 'Autismus-Gen'.

Unsere KiA im SPZ meinte, dass wir für unsere Tochter keine Autismus Diagnose bekomen werden, da sie wohl "nur" Autistische züge aufweist.

Meine Frage:
- welche Vorraussetzungen müssen vorliegen für eine Autismus Diagnose?
- was ist der Unterschied zwischen ASS und Autistischen Zügen? Von der Definition sollten doch autistische Züge zum ASS gehören?
- isst eine Autismus Diagnose gleichzusetzen mit ASS oder gibt es hier eigene Definitionen?
- wer stellt die Diagnose. Psycholog oder Kia?

Vielen Grüße
Michael

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 24.06.2019, 11:16

Hallo Michael,
schau mal hier rein, da sind die Diagnosekriterien besprochen: https://autismus-kultur.de

Auf einen KiA in einem SPZ würde ich da nichts geben. SPZ neigen eh häufiger dazu, die „unsichtbaren“ Behinderungen zuwenig auf dem Schirm zu haben. Lass das also lieber von einem ASS-spezialisierten Kinder- und Jugendpsychiater abklären.
Autismus bzw autistische Anteile gehören ja zu vielen Syndromen. Ich würde auf jeden Fall dazu raten, sich damit zu beschäftigen, denn es bringt schon eine ganze Menge „Spezialitäten“ mit sich (andere Wahrnehmung, Gefühls-„Management“, ausgeprägte Besonderheiten in der Kommunikation, spezielles Lernverhalten, ...), so dass man viel besser klarkommt, und auch viel besser fördern kann, mit Wissen über Autismus.

Grüße
Engrid
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Lisaneu
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Lisaneu » 24.06.2019, 11:51

ASS ist der Überbegriff "Autismust-Spektrums-Störung", damit sind alle Arten zusammengefasst. Früher wurde noch in Asperger und Kanner-Autismus unterteilt (Kanner-Autismus ist auch unter "frühkindlicher Autismus" bekannt). Doch da die Grenzen nicht so scharf zu ziehen sind spricht man jetzt von ASS entweder MIT oder OHNE Sprachentwicklungsstörung und entweder MIT oder ohne Intelligenzminderung.

"Autistische Züge" ist so ein schwammiger Begriff. Es hat sich im Sprachgebrauch (leider) teilweise eingebürgert, bei Andersartigkeiten schnell von autistischen Zügen zu sprechen. Aber ein- und dasselbe Verhalten kann verschiedene Gründe haben. Ein Kind kann sich z.B. zurückziehen, weil es schüchtern ist, weil es Ängste hat, weil es sich unsicher fühlt, oder auch, weil es (wie es bei Autismus der Fall ist) eine andere Wahrnehmung hat als die meisten anderen Kinder. Da kann z.B. Hintergrundmusik (gar nicht so laut) verwirrend oder stressig wirken oder eine vermeintliche Kleinigkeit (z.B. hat Mama den Knopf beim Lift gedrückt und nicht das Kind) kann sehr heftige Gefühlsausbrüche auslösen.

Es gibt keinen "typischen" Autisten, und - was immer man Dir auch erzählt - es gibt auch kein "Autismus-Gen"! Autismus hat zwar genetische Komponenten, aber es ist das Zusammenspiel von vielen Genen (mehreren Hundert) und nicht ein einzelnes! Es kann sein, dass ein bestimmtes Gen HÄUFIGER bei Autisten vorkommt als bei neurotypischen Menschen (z.B. dass 10% der Träger des Gens autisitsch sind, und in der Normalbevölkerung sind es nur 2%) , aber es gibt definitiv KEINE Genvariante, welche ausschließlich bei Autisten vorkommt.

Diagnostiziert wird entweder beim KJP (Kinder- und JugendPSYCHIATOR - nicht Psychologe!) oder in einem Autismus-Kompetenzzentrum. SPZ oder auch "normaler" Kinderarzt ist nicht so geeigent, Engrid hat bereits beschrieben warum.

Ich bin Mutter von zwei diagnostizierten Autisten, die vom Wesen her sehr unterschiedlich sind. Obwohl mein jüngerer Sohn seine Diagnose schon mit 4 Jahren bekommen hat, war der ältere 7 1/2 Jahre alt, als wir endliche fix hatten, dass auch hinter seinen Auffälligkeiten Autismus steckt.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

kati543
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon kati543 » 24.06.2019, 12:19

Hallo Michael,
also bezüglich des Gens kann ich dich beruhigen - es gibt eine ganze Menge Gene, bei denen bekannt ist, das eine Veränderung Autismus hervorrufen KANN. Mein Jüngster hat auch einen Gendefekt, der unter anderem Autismus hervorrufen kann - aber Shank3 ist es nicht.
Auch wenn mich jetzt einige hier steinigen:
Einfach ausgedrückt liegt der Unterschied zwischen ASS und autistischen Zügen in der Häufigkeit der verschiedenen Auffälligkeiten und der Dauer der Auffälligkeiten (ASS ist nicht heilbar, nicht therapierbar, es gibt keine Medikamente, das Gehirn funktioniert einfach grundlegend anders - autistische Züge kommen und gehen während der Entwicklung eines Menschen, das Gehirn funktioniert normal - sofern nicht eine weitere Behinderung vorliegt).
Daher kann eine Diagnose nicht am IST-Zustand gemacht werden. Es fließt einfach auch sehr viel Beobachtung von Dritten und die Vergangenheit mit ein.
Was das SPZ betrifft...nun, meiner Erfahrung nach hat ein SPZ keine Ahnung von seelischen Behinderungen (und dazu zählt Autismus nun einmal). Ich empfehle eine erneute Diagnostik in einem KJP mit angeschlossenem ATZ. Meine Jungs hatten auch vom SPZ eine falsch-negativ-Diagnose erhalten.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Dario » 24.06.2019, 19:01

Michael2 hat geschrieben:was ist der Unterschied zwischen ASS und Autistischen Zügen? Von der Definition sollten doch autistische Züge zum ASS gehören?


Hallo Michael,

autistische Züge werden gelegentlich auch als "subklinischer Autismus" oder engl. "broader autism phenotype" (BAP) bezeichnet. Der Betroffene zeigt einzelne autistische Persönlichkeitsmerkmale, erfüllt aber nicht das Vollbild einer Autismus-Spektrum-Strörung.

Für die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung müssen "klinisch bedeutsame Einschränkungen" vorliegen, bei denen der Betroffene sein Leben ohne besondere Unterstützung (Autismustherapie, Eingliederungshilfe, schulische und berufliche Integration usw.) nicht alleine bewältigen könnte.
Bei autistischen Zügen wird hingegen davon ausgegangen, dass die Einschränkungen und der Leidensdruck (noch) nicht groß genug sind, um eine offizielle Autismusdiagnose rechtfertigen. Autistische Züge sind somit ein Teil des autistischen Spektrums, gelten aber nicht als medizinische Diagnose, sondern als Persönlichkeitsmerkmal, dass gerade noch im Normbereich liegt.

Soweit die Theorie. In der Praxis sind das oft ganz schwierige Ermessensentscheidungen, ob eine Diagnose vergeben wird oder nicht. Bei Kindern ist man da (nach meinem Informationsstand) im Zweifel eher großzügig und vergibt die Diagnose, wenn das Kind in seinem Umfeld (Familie, Kindergarten, Schule) nicht zurecht kommt. Bei Erwachsene ist es sehr viel schwieriger, später noch eine Diagnose zu bekommen.
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon NataschaSte » 24.06.2019, 19:14

Lisaneu hat geschrieben:Diagnostiziert wird entweder beim KJP (Kinder- und JugendPSYCHIATOR - nicht Psychologe!) oder in einem Autismus-Kompetenzzentrum. SPZ oder auch "normaler" Kinderarzt ist nicht so geeigent, Engrid hat bereits beschrieben warum.


Lisaneu, wie kommst du drauf das Psychologen nicht diagnostizieren?
Es sind ja auch bei Autistenhilfe etc die Psychologen die den ados adir etc machen.


Liebe Grüße
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Engrid » 24.06.2019, 19:51

Hallo,

in Deutschland dürfen außer Kinder- und Jugendpsychiatern auch Psychologen und Neurologen Autismus diagnostizieren, allerdings rate ich zur fachärztlichen Diagnostik, denn die besteht sicher zb gegenüber Kostenträgern - und der Facharzt für Autismus bei Kindern ist der Kinder- und Jugendpsychiater. Wie das in Österreich ist, weiß ich nicht. In KJP-Abteilungen usw machen oft Psychologen Teile der Diagnostik, aber unter dem Diagnoseschreiben steht die Unterschrift eines KJP.

Grüße
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Dario » 24.06.2019, 21:01

Engrid hat geschrieben:in Deutschland dürfen außer Kinder- und Jugendpsychiatern auch Psychologen und Neurologen Autismus diagnostizieren, allerdings rate ich zur fachärztlichen Diagnostik, denn die besteht sicher zb gegenüber Kostenträgern - und der Facharzt für Autismus bei Kindern ist der Kinder- und Jugendpsychiater. Wie das in Österreich ist, weiß ich nicht. In KJP-Abteilungen usw machen oft Psychologen Teile der Diagnostik, aber unter dem Diagnoseschreiben steht die Unterschrift eines KJP.


Ja, aus formalen Gründen ist es sicherer, wenn es ein Facharzt macht. Über die tatsächliche Autismuskompetenz des Diagnostikers sagt es jedoch wenig aus, ob er Mediziner oder Psychologe ist. Auch unter Ärzten gibt es welche, die Autismus nur aus dem Lehrbuch kennen, während mancher Psychologe viel näher dran ist an seinen Klienten.
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Felicitas E. » 25.06.2019, 00:06

Hi Ihr!
Ich sprenge mit dieser Frage sicher den Thread, aber ich frage mich warum hier davon ausgegangen wird, dass die Psychologen im SPZ keine Ahnung haben von seelischen Behinderungen? Das erschreckt much etwas. 1. arbeiten auch viele Kinder- und jugendlichenpsychotherapeuten im SPZ und zweitens sind es genauso Psychologen wie in der Kjp auch. Die Psychologen die Autosmusdiagnostik im SPZ machen sollten genau so eine Fortbildung im ADOS haben wie alle anderen die dies tun. Habt ihr wirklich so schlechte Erfahrungen gemacht? Was macht die Diagnostok in der KJP denn besser außer die Unterschrift vom Facharzt?
Liebe Grüße Felicitas,26 Jahre, Spina Bifida und Diabetes
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Re: Ab wann wird Autismus bzw. ASS diagnostiziert und was ist der Unterschied zu Autistischen Zügen

Beitragvon Engrid » 25.06.2019, 10:31

Hallo Felicitas,

das fußt auf einer relativ breiten Erfahrungsbasis von Eltern, wie Du zb hier im Forum über die Jahre gut nachlesen kannst. Selbstverständlich gilt es nicht grundsätzlich für alle SPZ, aber es gibt doch offenbar recht viele, denen bei der Breite ihrer Aufgaben die Lupe für die sehr speziellen seelischen Behinderungen fehlt. Es gibt natürlich auch keine Garantie auf einen autismuskompetenten KJP außerhalb von SPZ zu stoßen.
Zum Gang ins SPZ würde ich jedenfalls bei Autismusverdacht nicht raten. Hier in meiner Grossstadt kann ich dafür definitiv (so wie ganz viele ASS-Eltern hier) vom SPZ abraten.

Ich will hier nicht die Qualifikation von Psychologen für ASS diskutieren, aber dass ASS im Psychologiestudium (wie auch im Medizinstudium) keine wesentliche Rolle spielt, weißt Du selber. Und von einem Qualifizierungskurs für ADOS wird man leider (egal ob Arzt oder Psychologe) noch kein guter Diagnostiker, dafür braucht es viel Erfahrung. Vielleicht geben SPZ bei der Vermittlung dieser Erfahrung ja häufiger eine bestimmte Perspektive mit auf den Weg? Zb die Mär vom Stempel, oder von der „Modekrankheit“?

Grüße
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