Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Hier könnt ihr euch über die unterschiedlichsten Therapiemöglichkeiten (Logopädie, Petö, Cranio Sacrale) für eure Kinder austauschen und Fragen rund ums Thema Krankengymnastik und Frühförderung stellen.

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Nadine.mit.Tino
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Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon Nadine.mit.Tino » 13.06.2019, 10:33

Hallo!

Ich stehe zur Zeit ein wenig zwischen den Stühlen, da mir der Kindergarten seit längerer Zeit in den Ohren liegt, dass die Sprache meines Sohnes (4 1/2 Jahre) im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern hintendran ist und die Schere eher weiter aufgeht. Es geht hier vor allen Dingen um seine verwaschene Aussprache.
Nun hat der Kinderarzt Sprache und Motorik in einem halbstündigen Test geprüft und es kam dabei heraus, dass seine Feinmotorik und die Bewegungsgeschwindigkeit nicht besonders gut sind. Bei der Sprache hapert es bei einigen wenigen Buchstaben. Der Arzt sagte nun, wenn es bei der U9 im November nicht weg ist, dann fangen wir mir Logo an, da man über den Sommer mit viel Bewegung draußen die Ergo teilweise ersetzen kann (so in der Art).

Nun schlagen seine Erzieherinnen im Kiga die Hände über dem Kopf zusammen und sagen auf einmal, dass die Feinmotorik ja ganz schlecht wäre und da unbedingt etwas getan werden müsse und November wäre da viel zu spät. :?:
Sie hätten erst mal den Termin beim Arzt abwarten wollen, bis sie mir das sagen :evil:
Für mich völlig unverständlich diese Taktik, ich weiß aber, dass sie unseren Kinderarzt nicht besonders schätzen, im Gegensatz zu mir.

Sie sagten aber, dass mit Logo anzufangen völlig falsch wäre, da immer zuerst die Motorik und dann die Sprache kommen würde. Also wenn ich die Motorik fördere, dann würde die Sprache von allein nachziehen.

Stimmt das?

Viele Grüße
Nadine
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Nadine (*1979) und J. (*1975)
L. (*05/2010) 34. SSW, ADS
L. (*05/2010 - 07/2010) 34. SSW, Omphalozele, Fallot-Tetralogie, Multi-Organ-Versagen nach Herz-Katheter-OP
T. (*11/2014) Infektasthma

sandra8374
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon sandra8374 » 13.06.2019, 10:44

Ich kenne es auch so, erst Motorik und dann Sprache.
Vielleicht findest du eine Praxis, die Beides anbietet und kombinieren kann.

Wir haben das früher so gemacht in einer Doppelstunde teilweise auch mit Tier. Unseren Kinder hat’s gefallen und gut getan.
LG Sandra

S+F mit PT(*00 FAS, Microdelitation 16p11.2, ADHS, GB, Z.n.Absencen?, Sehfehler, Lordierung LWS, Skoliose 17,8%, Beckenschiefstand, Hüftkontraktur, Korsettversorgung, mit SBA 90 HBG) u. PS (*01 ADS, GB, Sehfehler, Knick-Senk-Füße, Z.n.Epilepsie, mit SBA 60)

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HeikoK
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon HeikoK » 13.06.2019, 11:41

Hallo Nadine,

die Aussage, das man mit viel Bewegung die Ergo teilweise ersetzen kann, finde ich etwas dreist von Eurem Arzt. Ein Kind das den ganzen Tag draußen mit dem Dreirad im Kreis fährt hat auch viel Bewegung...aber die Wahrnehmung ist damit noch nicht im Ansatz gefördert. aber das nur zur Aussage des Arztes (Die viel Ärzte leider über Ergos treffen, und ich kenne da einige sehr gute Ergos (Ja, auch andere...wie in jedem Beruf)
Aber zu warten bis die Feinmotorik besser wird bevor man mit der Logo anfängt ist gelinde gesagt Quatsch. Wir Logos arbeiten ja nicht nur an der Sprache, sondern auch an den Grundlagen. Ich setze mich ja nicht vor den Spiegel und arbeite an der genauen Artikulation, sondern fördere Haltung und Motorik gezielt auf meine angestrebten Ziele hin. Und Artikulationstherapie hat auch immer etwas mit Feinmotorik zu tun, sei es die Förderung der Abstimmung und Koordination, sei es die Ausdifferenzierung von Bewegungen, sei es die Planung von Bewegungsabfolgen.
Wenn die motorischen Probleme so groß sind, das diese unterstützende Förderung nicht ausreicht, kann dann auch noch zusätzliche Förderung zugeschaltet werden. Grundsätzlich zu sagen : Erst Motorik dann Sprache ist schlicht und einfach zu kurz gedacht.
Ich hoffe ihr könnt dann im November endlich beginnen (jetzt wäre natürlich besser) und bekommt eine gute und über den Tellerrand schauende Logopädin oder Logopäden.
Alles Gute Euch
Heiko
Logopäde
Sprachanbahnung, Fachtherapeut für kindliche Schluckstörungen

"Wie hast du den Vogel zum Singen gebracht, Momo? Niemand hat das bisher geschafft!" "Ich denke, man muss ihm auch zuhören, wenn er nicht singt!" (M.Ende)

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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon UrsulaK » 13.06.2019, 12:10

Hallo Nadine,

ich bin zwar kein Logopäde, habe mich aber auch schon wegen meinem Sohn viel mit Sprachtherapie beschäftigt.
Ich finde auch, daß die Aussage erst Motorik und dann Sprache ziemlich veraltet ist. Man ging dabei davon aus, daß die Fähigkeiten bausteinartig aufeinander aufbauen.
Gegen diese Aussage spricht auch, daß es Kinder gibt, die feinmotorische Schwierigkeiten haben, aber sehr gut sprechen können.
Man sollte auch immer bedenken, daß es Zeit braucht, bevor eine Logopädische Therapie greift.

Spricht etwas dagegen beides zu machen also Ergo und Logo, zwei Termine in der Woche?
Ich würde das so handhaben!

VG,
Ursula
Eric, (März 2005), Autismus Spektrum Störung, Verbale Dyspraxie, Dysgrammatismus

Nadine.mit.Tino
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon Nadine.mit.Tino » 13.06.2019, 13:03

Danke für eure Meinungen und Ideen!

@Ursula
Wir gehen schon privat mit ihm zur psychomotorischen Bewegungsförderung und nach den Sommerferien kommt noch Schwimmen hinzu. Da sind noch zwei weitere Termine für einen vierjährigen zuviel.
Dass die Aussage veraltet ist, passt zu unsere Erzieherinnen. Die sind schon etwas älter (so ca. 45) und haben sicherlich noch die Lehren aus ihrer Ausbildung im Kopf. Sie sind ansonsten aber top, ich möchte mich keinesfalls beschweren.

@Heiko
Da mein Sohn erst in zwei Jahren eingeschult wird, sitzt uns nicht so die Zeit im Nacken. Ich schreibe dir noch eine PN.

Viele Grüße
Nadine
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon HeikoK » 13.06.2019, 13:32

Hallo Nadine,

"Die sind schon etwas älter (so ca. 45)" *räusper... ich bin auch knapp 45...;o)
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon melly210 » 13.06.2019, 13:45

Hallo, ich würde die Aussage mit Motorik und Sprache bei einem Vierjährigen auch nicht mehr so strikt sehen. Bei Babies ist es schon so, daß in 90 % der Fälle die Sprache erst in die Gänge kommt wenn sie laufen können, weil ihnen laufen meistens wichtiger ist und sie sich daher erstmal darauf fokussieren. Später ist es natürlich schon so, daß die Motorik viel beeinflusst. Mein Sohn (hypoton, daher generell schlechte Motorik incl im Mundbereich, und dazu noch Wahrnehmungsstörungen) hat nachdem wir ihn rund um seinen 3. Geburtstag endlich dazu bewegen konnten aus dem Kinderwagen auszusteigen und draußen zufuß zu gehen in allen Bereichen große Sprünge gemacht. Da hat man richtig gemerkt wie ihn die Motorik ausgebremst hat. Aber daß eine Logopädische Behandlung erst nach der Ergotherapie Sinn hat, das ist nicht so, bzw sehe ich auch nicht so.
Schafft ihr es beides parallell zu machen, bzw wäre das eine Option für euch ? Wenn nicht würde ich sagen überlegt euch was aus eurer Sicht für euren Sohn aktuell die drängendere Baustelle ist und fangt damit an. Bei uns war der Focus ganz klar auf den Wahrnhemungsstörungen, das macht ihm im Alltag viel mehr Probleme als die verwaschene Sprache. Abgesehen von etwas verwaschen spricht er auch altersgemäß. Wir haben daher Folgendes gemacht: seit einem Jahr Ergotherapie bei einer wirklich guten, auf SI-Störungen spezialisierten Ergotherapeutin und dazu haben wir zwischendrin mal einen Logo-Block gemacht. Die Logo hat erhoben wo er sprachlich steht und was noch Probleme macht. Bei uns ist das eben die Mundmotorik, und dafür hat sie uns Übungen für zuhause mitgegeben. Die machen wir jeden Tag, und demnächst haben wir jetzt nach einem halben Jahr wieder Kontrolle um zu sehen wie es angeschlagen hat. Er sabbert jetzt aber schon deutlich weniger und spricht viel deutlicher :-)
Ach, und wie bereits gesagt wurde. klar ist viel Bewegung gut, aber das ist mit einer guten Ergotherapie nicht zu vergleichen ! Die Zeit bis zur Schule läuft, und man hat ja immer auch noch Wartezeiten bis man Therapieplätze hat. Ich würde daher definitiv darauf drängen jetzt sofort Überweisungen für Ergo und/oder Logo.

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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon Katja_S » 13.06.2019, 14:31

Hallo Nadine,
ich würde an deiner Stelle auch mit Logo anfangen (wenn nicht beides parallel möglich ist). Es geht dir doch hauptsächlich um die Sprache (wenn ich das richtig verstanden habe) und dann ist Logo einfach das Passendere. Auch wenn natürlich beides automatisch auch Inhalte des anderen beinhaltet (so werden bei meinem Sohn in der Logo durchaus auch Spiele gemacht, die einer gewissne Feinmotorik bedürfen und in der Ergo wird ja auch gesprochen und es geht um Aufforderungen verstehen, Aufmerksamkeit usw.).
2 Jahre gehen schnell rum, da würde ich nicht zu lange zögern. Es ist ja selten so, dass 1 oder 2 Rezepte Logo ausreicht, sondern es dauert eine Zeit, bis die Logo Erfolge zeigt, ihr bekommt nicht unbedingt sofort einen Therapieplatz, evtl. ist die 1. Logo nicht die Richtige, es entsehen automatisch immer wieder Therapiepauseb durhc Urlaube, Krankheiten etc. usw. usw.
Es liest sich ja auch so, als ob ihr schon einiges an Bewegungsförderung macht, oder? Das könntet ihr doch gut durch die Logo ergänzen.
Ich wünsche euch die für euch richtige Entscheidung!
Nach der Defininition bin ich übrigens auch schon "etwas älter" :lol: und trotzdem sehe ich es nicht so, dass man immer erst die Motorik fördern sollte und dann erst mit Logo starten sollte. OK, bei meinem Sohn war von vorneherein klar, dass er alles benötigt (wobei er momentan (mangels Therapieplatz) Logo nur in Intensivtherapiewochen hat (3 x im Jahr und dann 6 x die Woche, die Mundmotorikübungen mache ich auch zu Hause ca. 5 x die Woche mit ihm) ) und zu Hause nur Physio und Ergotherapie wöchentlich).
Viele Grüße
Katja
Katja mit E. (geb. April'08), Frühchen 26. SSW, Hirnblutungen, Hydrocephalus (Shunt-versorgt), gehörlos (2 CIs), Epilepsie, geistige und körperliche Behinderung

Nadine.mit.Tino
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon Nadine.mit.Tino » 13.06.2019, 15:29

:D
Ich bin selbst kein junger Hüpfer mehr und gerade 40 geworden.
Ich wollte mit der Angabe von „etwas älter“ nur deutlich machen, dass die Berufsausbildung der beiden schon etwas her ist und man ja oft an früher gelernten Grundsätzen festhält.

Ich war gerade wegen einer anderen Angelegenheit beim Kinderarzt und habe das Thema dort angesprochen. Ich hole mir nun einen Termin für nach unserem Sommerurlaub und bekomme eine Verordnung über sechs Einheiten für Logopädie. Dann kann dort erst mal eingeschätzt werden, wie der Status Quo ist und es entstehen durch unseren Urlaub nicht sofort Lücken.

Viele Grüße
Nadine
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Lisaneu
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Re: Zuerst Motorik oder zuerst die Sprache fördern?

Beitragvon Lisaneu » 13.06.2019, 15:52

Ich denke man muss sich nur bei den Therapien, die man bei Experten macht, für eines von beiden (Motorik ODER Sprache) entscheiden. Sowohl grob- als auch feinmotorisch kann man selbst viel mit dem Kind machen.

Wenn beide Bereiche (Motorik und Sprache) Defizite aufweisen ist meiner Beobachtung nach (was professionelle, regelmäßige Therapie betrifft) Logo wichtiger als Ergo. Vor allem kann man bei eigenstäniger Förderung zu Hause in Sachen Motorik kaum was falsch machen, in Sachen Sprache aber sehr wohl. Bei unserem Sohn haben z.B. Wanderungen über Stock und Stein, barfußlaufen in der Wiese, Trampolinspringen, Ballspiele, klettern auf Spielplatzgeräten und im Sommer viel planschen im Wasser deutliche Verbesserungen in der Grobmotorik gebracht. Feinmotorisch waren Ausmalbilder, Bügelperlen, Puzzles, Holzeisenbahn (wo man die Schienen zusammenstecken muss) und Kugelbahn super. Und das geht ganz locker spielerisch, ohne Druck oder Zwang.

Auch logopädisch kann man zu Hause einiges üben, aber das gibt es nichts pauschales. Man braucht die Anregungen und das feedback vom Profi, sprich vom Logopäden, der regelmäßig mit dem Kind arbeitet, um das richtige zu machen.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)


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