Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Maike_aus_S
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Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 09.06.2019, 16:27

Hallo,

wie ich in der Vorstellung geschrieben habe, ein guter Freund von mir ist schwerer Asperger-Autist (jedoch ohne intellektuelle Einschränkungen: über WhatsApp oÄ würde man lange brauchen, bevor man merkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt, im persönlichen Kontakt sieht es natürlich anders aus).

Er lebt gerade in einem Heim der Jugendhilfe, das er verabscheut. Dort möchte er unbedingt ausziehen, wenn er bald volljährig wird.
Er hat mich schon vor einiger Zeit um Hilfe gebeten, als seine Eltern eine gesetzliche Betreuung über ihn beantragt haben.

[Das Verhältnis mit seinen Eltern ist im Prinzip sehr gut, nur zur Zeit etwas belastet, weil sie ihn vor einem knappen Jahr in dieses Heim gesteckt haben. Dass sie überlastet waren, war verständlich, nur hat sich das Heim eben nicht gerade als sehr nett herausgestellt...]

Ich habe ihm da dann geholfen, sich eine Anwältin zu beschaffen und es sieht jetzt auch sehr danach aus, als ob er das Betreuungsverfahren gewinnen würde. Jetzt steht er nur vor dem Problem, dass er eben seinen Auszug selbst organisieren müsste. Ich kenne mich damit auch nicht gut aus.

Seine Ausbildungssituation ist so, dass er jetzt heimintern den Hauptschulabschluss nachgemacht hat. Als nächstes bietet ihm das Jugendamt eine Fernschule für den Realschulabschluss an. Das würde er auch sehr gerne machen (sein Traum ist eine Ausbildung zum Fachinformatiker), aber das Jugendamt verknüft das wohl mit seinem gegenwärtigen Heim, also kommen da vermutlich auch ein paar Probleme auf ihn zu.

Wegen dem Auszug, wie weit wir jetzt gekommen sind: Er könnte ja wohl einen Pflegegrad und damit ein persönliches Budget beantragen. Am liebsten wäre ihm ein ambulant betreutes Wohnen nach dem Heim. Mit seinen Einschränkungen (in einer Wohnung sollte er das meiste hinbekommen, sobald er sie verlassen muss, naja eher nichts...) käme er wohl auf PG 2, nachdem was wir uns jetzt umgesehen haben.

Was ich also fragen wollte:
Kann er diese Dinge überhaupt schon mit 17 ohne das Einverständnis seiner Eltern beantragen? Die und das Jugendamt hätten nämlich lieber, dass er bleibt, wo er ist.

Macht dieser Plan soweit einen gewissen Sinn, oder haben wir da etwas übersehen?
Wie sieht es mit der Wohnung aus, die ambulant zu betreuen ist, wird die auch über das persönliche Budget finanziert, muss da Ausbildungsunterhalt von den Eltern gefordert werden, wie bei gesunden Jugendlichen, oder sonstiges?
Was diese Fernschule für schwer beschulbare angeht, gibt es da einen Anspruch, die auch nach einem Auszug aus der Jugendhilfe vom Jugendamt einzufordern?

Vielen Dank im Voraus!

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 09.06.2019, 16:54

Hallo Maike,

da lauern einige Untiefen. Sich aus der Betreuung herausklagen, gleichzeitig aufgrund der seelischen Behinderung eine Assistenz beantragen, und PS 2 anpeilen, ist natürlich nicht grundsätzlich ein Widerspruch, aber zumindest werden es viele dafür halten. Das ist einiges an Stress, an Papierkrieg, erfordert eine Menge Zielstrebigkeit und Belastbarkeit.
In Zeiten heftiger Wohnungsnot ist auch die Beschaffung einer passenden Wohnung nicht ohne, um nur eines der Dinge auf dieser Agenda zu nennen.

Es gibt für junge Erwachsene mit Asperger Programme für ambulant betreutes Wohnen, wo die Betreuung (als Coaching) je nach Bedarf nur wenige Wochenstunden ist, oder eben mehr, da werden auch Dinge eingeübt (Orga, Einkaufen, Mobilität, Bewerbungen, was halt gebraucht wird). Wenn die Hilfe nicht mehr gebraucht wird, läuft sie aus, das ist der Sinn der Sache. Da gibt es verschirdene Modelle, unterscheidliche Träger, vielleicht findet er da was? Dann müsst Ihr das Rad nicht neu erfinden.

Was vielleicht auch eine Überlegung wäre: Einen runden Tisch mit Eltern, JA, evtl. Therapeut, und versuchen, das ganze einvernehmlich auf einen guten Weg zu bringen? (Das macht natürlich nur Sinn, wenn die Beziehung zu den Eltern nicht extrem belastet ist)


Ich kenne einen jungen Menschen mit Asperger, total fit, voller Ideen, an denjenigen erinnert mich das alles hier ein bisschen. Bei demjenigen gibt es leider die Tendenz, die Dinge in ihrer alltäglichen Komplexität zu unterschätzen, das führt zu Fehleinschätzungen, und es läuft ohne professionelle Hilfe leider überhaupt nicht gut.

Grüße
Engrid
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 09.06.2019, 17:27

Dankeschön. :)

Nein, die Beziehung zu den Eltern ist nicht dauerhaft gebrochen. Zu Jugendamt und Heim allerdings schon. Mit "nicht gerade sehr nett" meinte ich "er hat vor das Heim wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und Freiheitsberaubung zur Rechenschaft zu ziehen, wenn er erst mal sicher draußen ist." :(

Im Betreuungsgutachten steht eben "Betreuungsbedarf in allen Angelegenheiten, kann selbstständig praktisch gar nichts, aber sehr intelligent und keine Einschränkungen der freien Willensbildung", also kann jetzt ja sowieso keine mehr gegen seinen Willen eingerichtet werden.

Mit Papierkrieg hat er auch keinerlei Problem (das dann auf die Post zu bringen dagegen schon...).

Es ging uns jetzt auch mehr um das praktische Vorgehen. Seine Einschränkungen sind erheblich, aber jetzt auch nicht größer, als sie z.B. bei einem taubstummen Querschnittsgelähmten wären. Der dürfte ja dann auch seine Angelegenheiten selbstständig entscheiden.

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Engrid
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Engrid » 09.06.2019, 19:52

Als erstes sollte er dann Kontakt aufnehmen mit einem Trägerverein, der ambulant betreutes Wohnen anbietet. Wenn es da für ihn einen Platz gibt, er aufgenommen werden kann, dann wird das JA da auch nicht viel gegen einen Umzug haben können, denn im ambulant betreuten Wohnen arbeiten ja auch Profis, und gibt es klare Konzepte und Zielgruppen. Wenn er also einen passenden Platz findet, dann kann er natürlich umsteigen.
Das persönliche Budget ist Eingliederungshilfe (vom Amt), das hat mit der Pflegestufe nichts zu tun.

Grüße
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 09.06.2019, 20:14

Vielen Dank :)

Persönliches Budget ist mit einem Pflegegrad schon höher, oder?
Und wer finanziert abW genau, bei einem Schüler?

LG

Michaela44
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Michaela44 » 09.06.2019, 21:09

Der Fall ist sehr komplex und ich würde euch gerne folgendes an Input mitgeben:

Der Pflegegrad und Eingliederungshilfe sind zwei völlig unabhängige Dinge. Solange er in einer vollstationären Einrichtung lebt, und dazu dürfte auch auch betreutes Wohnen in einer trägereigenen Wohnung gehören, erhält er kein Pflegegeld.

Er hat ein WAHLRECHT!!!!! Wenn diese Einrichtung so schrecklich ist, muss er dort nicht bleiben. Er kann auch in eine andere ziehen oder in betreutes Wohnen, solange fachlich nichts dagegen spricht.

Ab 15 Jahren darf jeder alleine Sozialleistungen beantragen. Die Eltern müssen dann später zustimmen. Wenn er bald 18 ist, erübrigt sich das. Er kann seine Eltern als Betreuer ablehnen, wenn er sie nicht möchte.

Das JA darf die Web-Schule nicht von der Unterbringung abhängig machen, außer sie sind der Meinung, in einer anderen Wohnform schafft er die Schule nicht. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen.

Eine Alternative wäre vielleicht eine Ausbildung/Berufsvorbereitung in einem Berufsbildungswerk. Dann ist er das JA los.

Das betreute Wohnen in trägereigenem Wohnraum finanziert das JA. Bei einer eigenen Wohnung mit ambulanter Betreuung zahlt das JA die ambulante Betreuung. Den Rest muss er selber finanzieren bzw. er hat Anspruch auf Unterhalt von seinen Eltern (735 € pro Monat, gilt für alle 18jährigen, die zur Schule/UNI gehen und nicht mehr zu Hause wohnen). Eventuell hat er Anspruch auf Schülerbafög, das reduziert dann den Umterhalt entsprechend.

Alle Leistungen des JA kann er auch als persönliches Budget erhalten und wird dann selbst Auftraggeber oder gar Arbeitgeber. Das halte ich aber für wenig sinnvoll, wenn er das Budget nicht selber verwalten kann. Seine Eltern als seine gesetzlichen Betreuer könnten es, aber was bringt es? Einen Träger der Jugendhilfe kann man in der Regel nicht selbst bezahlen, weil es bei ihnen einfach nicht vorkommt. Das PB wäre dann sinnvoll, wenn eine andere, trägerunabhängige Person für die persönliche Unterstützung engagiert werden soll.

Eine eigene Wohnung kann man nicht über ein PB finanzieren! Das ist keine JA-Leistung.
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Michaela44 » 09.06.2019, 21:16

Ach ja, noch was: wenn ihn das Heim misshandelt oder der Freiheit beraubt, sollte er umgehend das JA informieren.

Außerdem kann er sich an diverse Stellen wenden, zum Beispiel Behindertenbeauftragten oder Bürgerbeauftragten des jeweiligen Bundeslandes oder das Landesjugendamt. Die helfen ihm und vermitteln dann.
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 09.06.2019, 22:21

Er hat ein WAHLRECHT!!!!! Wenn diese Einrichtung so schrecklich ist, muss er dort nicht bleiben

Seine Eltern, sein örtlichen Jugendamt und sein Heim haben gemeinsam eine gesetzliche Betreuung für alle Angelegenheiten, mit einem Einwilligungsvorbehalt für die Aufenthaltsbestimmung beantragt, damit er das eben nicht kann. Wenn er nicht über Monate selber eine Anwältin organisiert hätte, die bereit war, nur schriftlich zu kommunizieren, dann wäre das auch durchgegangen...
Das halte ich aber für wenig sinnvoll, wenn er das Budget nicht selber verwalten kann. Seine Eltern als seine gesetzlichen Betreuer könnten es, aber was bringt es?

Er möchte doch überhaupt keine gesetzliche Betreuung.
Wieso zur Hölle sollte er das Budget nicht selbst verwalten können? Er kann alles, was man ohne direkte zwischenmenschliche Kommunikation oder unabhängige Fortbewegung tun kann.

Silvia & Iris
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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Silvia & Iris » 10.06.2019, 07:17

Ich kenne mich ja in diesen Sachen nicht wirklich aus, daher eine Verständnisfrage: Hört die Einwirkungsgewalt des JAs nicht mit dem 18. Geburtstag auf? Wenn er dann gerade mittendrin in einer durch das JA angeleierten Maßnahme steckt, dann stoppt doch das dann? - Wenn nicht jemand anderer weiter macht...
Aber wie soll denn das laufen mit alleine wohnen? - Ohne Interaktionen geht es nur selten... Abschließen von Versicherungen, Bankangelegenheiten... - Müllentsorgung, auch dafür muss er die Wohnung verlassen... selbst wenn er das mit dem Einkaufen managt, der gesamten Wäschepflege, der Hygiene im Haushalt... Ein eigenes Konto hat er? -
Habe da auch einen 15-jährigen, den sie ins betreute Wohnen gesteckt haben, 90 km von seinen Eltern entfernt - da kümmert sich auch niemand drum... - er würde gerne wieder in die WG zurück, das wird nicht zugelassen... (Interaktionen zwischen den Jugendlichen der WG haben wohl zu der Maßnahme geführt, und auch weiteres in der Vorgeschichte...) Seine Mutter ist sehr bemüht, kann natürlich auch nicht alles machen...

So einfach ist das sicher alles nicht...

Lebst du bereits in deiner eigenen Wohnung, hast keinen Kontakt mehr zu deinen Eltern, erhältst keinerlei Unterstützung? (Weder finanziell noch arbeitstechnisch?)
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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Re: Asperger-Autist wird volljährig und möchte ausziehen

Beitragvon Maike_aus_S » 10.06.2019, 07:42

Naja, unsere Überlegung war ja, dass er sich mit dem persönlichen Budget Pflegepersonal anheuern könnte, dass ihm speziell bei den Dingen, die er nicht kann hilft.

Beispiel Bank: Ein eigenes Konto hat er nicht. Alleine zur Bank käme er auch nicht und dort mit dem Schalterpersonal reden könnte er auch nicht alleine. Wenn da aber jemand mitginge und für ihn "dolmetscht", dann könnte er von da an alles per online-banking selbst problemlos erledigen.
Abschließen von Versicherungen: Er bräuchte uU jemanden, der zum ersten Mal für ihn dort anruft und der einmal mit ihm einen Drucker kaufen geht. Wenn er den hat, kann er die Anträge schon suchen, ausfüllen, Drucken in einen Umschlag stecken und addressieren.

Wie gesagt: Man muss ihn ein wenig wie einen taubstummen Schwerst-Gehbehinderten betrachten, auch wenn die Ursache eine andere ist.

Und alleine leben ist ihm jetzt einfach extrem wichtig.

Daher eben die Frage, wie und von wo er das größtmögliche persönliche Budget bekommen kann und wie er eine Wohnung finanzieren kann.
(Das Jugendamt denkt nicht, dass er die WebSchule alleine schafft, er will das Risiko eingehen).


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