Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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VladimirG
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Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Beitragvon VladimirG » 15.05.2019, 01:51

Guten Tag meine Damen und Herren
Ich wende mich an Ihnen auf Informations- und Ratsuche. Bin der stolze Vater meiner Zwillingstöchter Mianda und Cinzia Greavu im Alter von 7 Jahre und 6 Monaten, die an Autismusstörungen leiden. Wir leben derzeit in Bukarest, Rumänien.
Beide sind unter Behandlung und Therapie seit zka. 4 Jahren seitdem sie diagnostiziert wurden. Die positiven Entwicklungen sind sehr sichtbar aber auch unterschiedlich, da die einzelnen Töchter unterschiedlich Formen von Autismus aufweisen: Cinzia hat eine atypische, einfachere Form, Mianda - eine schwererwiegende Form.
Mir wurde ab dem Sommer einen Job in Berlin angeboten. Nun stehe ich vor der Entscheidung das Angebot zu akzeptieren und mit meiner Ehefrau plus die zwei Kinder nach Deutschland umzuziehen, jedoch kann ich dies nur tun, nachdem ich mich erkundige, was den Kinder und Eltern als Hilfe und Unterstützung angeboten werden kann in Deutschland und insbesondere in Berlin.
Ich wäre somit der einzelne Versorger und Arbeitsnehmer in der Familie werden, meine Frau würde nun nicht Arbeiten und sich um die Kindern kümmern.
In Rumänien sind die beiden Töchtern einem Behinderungsgrad eingegliedert, erhalten Behinderungsschutz und limitierter Begleitung. Die Möglichkeiten und Mitteln vom Sozialschutz sind daher sehr gering. Daher tragen wir in der Familie ausschließlich selbst die Kosten für die Gesamtherapie, die natürlich sehr hoch für 2 Kindern anfallen. Um nach Deutschland umziehen zu können, würde ich gerne Informationen brauchen über einige Punkte wie:

1. Schulung – Gibt es Sonderschulen in Berlin (für Mianda) aber auch öffentliche Normalschulen mit Integrationscharakter (eventuell mit Begleitung) für Cinzia mit der Sie als Eltern gute Erfahrungen hatten? Bitte einige angeben, eventuell vielleicht einige Erfahrungen mitteilen
2. Schulbegleitung – An wem muss ich mich wenden? Gibt es hier Wartezeiten?
3. Therapiezentren wo gute Erfahrungen und Ergebnisse für die Kinder erzielt wurden
4. Therapiesprache ausschl. Auf Deutsch? Gibt es in Berlin überhaupt irgendwo Englisch? WIe lüuft es mit der Sprachbarriere, haben SIe ähnliche Erfahrungen gemacht?
5. Welche sind die ersten Schritte für meine Töchter nach der Anmeldung in Berlin, bevor man überhaupt über die Schule und Therapie sprechen kann - Anforderung eines Behinderungsausweises mit Behinderungsgradbestimmung? Bitte um Schritte zur Aufnahme im "System" - und auch um Wartezeiten..
6. Schritte nacheinander oder parallel möglich - ich frage aus der Sicht der Wartezeiten 3. Hilft die bereits ausgestellte Diagnose und der rumänische Behinderungszertifikat bei der Diagnostizierung und Behinderungsgradausstellung in Deutschland?
7. Gilt ein z.B. in Berlin ausgestellter Zertifikat deutschlandweit - würden wir in einen anderen Bundeland umziehen, geht das gleiche von vorne nochmal los?

Vielen lieben Dank voraus
Vladimir

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Engrid
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Re: Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Beitragvon Engrid » 15.05.2019, 07:30

Hallo Vladimir,

willkommen im Forum.
2. Schulbegleitung – An wem muss ich mich wenden? Gibt es hier Wartezeiten?
Das Prozedere für Schulbegleitung ist in Berlin wohl speziell. Deshalb bitte für dort erkundigen, vielleicht weiß es auch hier jemand. Grundsätzlich finanziert die Schulbegleitung für ein Kind das nur eine seelische Behinderung hat (Autismus ohne geistige und körperliche Behinderung) das Jugendamt nach Paragraph 35a SGB 8, für ein Kind mit körperlicher und/oder geistiger Behinderung das Sozialamt nach Paragraph 53, 54 SGB 12.
3. Therapiezentren wo gute Erfahrungen und Ergebnisse für die Kinder erzielt wurden
Es gibt in Deutschland Autismustherapie-Zentren, auch in Berlin. Die Wartezeiten können länger sein.
4. Therapiesprache ausschl. Auf Deutsch? Gibt es in Berlin überhaupt irgendwo Englisch? WIe lüuft es mit der Sprachbarriere, haben SIe ähnliche Erfahrungen gemacht?
Ich schätze, englisch dürften schon einige Therapeuten gut genug sprechen. Ich empfehle dringend für Ihre Frau, zügig deutsch zu lernen, denn sie ist es ja, die die Kinder im Alltag begleitet, und es macht viel aus in der Art, wie man als Mutter wahrgenommen wird, wenn man alle Belange gut kommunizieren kann.
Hilft die bereits ausgestellte Diagnose und der rumänische Behinderungszertifikat bei der Diagnostizierung und Behinderungsgradausstellung in Deutschland?
Die Diagnose, wenn sie von einem Kinder- und Jugendpsychiater, also einem Facharzt ist, sollte gelten, übersetzen und beglaubigen wird gut sein. Den Schwerbehindertenausweis mit der Einschätzung des Grades der Behinderung wird das hiesige Amt wohl neu machen wollen, dabei hilft es sicherlich, wenn Ihr Arztberichte, Schulberichte usw. als Belege habt.
7. Gilt ein z.B. in Berlin ausgestellter Zertifikat deutschlandweit - würden wir in einen anderen Bundeland umziehen, geht das gleiche von vorne nochmal los?
Nein, hier gilt der Schwerbehindertenausweis und auch die Gesetze zur Eingliederungshilfe (allgemein: Sozialrecht) für das ganze Bundesgebiet. Das Schulsystem ist aber Ländersache, und so gibt es da einige Unterschiede.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Beitragvon Engrid » 15.05.2019, 07:43

Nachtrag: Ich empfehle Dir die Informationsbroschüre des BVKM: https://bvkm.de/mehrsprachige-broschuere-2/

und die Seite des Bundesverbandes Autismus e.V. www.autismus.de
Engrid
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VladimirG
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Re: Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Beitragvon VladimirG » 03.07.2019, 23:06

Hallo Engrid, vielen lieben Dank fuer die ausfuehrliche Antwort. Ich wuensche Dir und Deinem Sohn das Allerbeste,es sind halt wir Eltern mit Kindern vom anderen Stern, wie Du gemeint hast, die den Unterschied machen.

Eine Frage: Kannst Du eine gesetzliche KK empfehlen, die fuer unsere Kinder die passende Variante ist zwecks Abdeckung der noetigen Therapien/Mitteln?

Vielen Dank
Vladimir

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Re: Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Beitragvon Karina H BS » 04.07.2019, 17:46

Was die Kassen leisten ist gesetzlich geregelt und daher einheitlich. Unterschiede gibt es nur im Bereich Alternative Medizin(Heilpraktiker z.B.) oder auch Zuschuss zur professionellen Zahnreinigung ggf Boni für Gesundheitskurse oder auch halbjährliche Zahnarztkontrollbesuche, besonderes Programm zur Schwangerenvorsorge. Therapien wie Logopädie,Ergotherapie,Krankengymnastik und ähnliches zahlen alle gesetzlichen Kassen gleich. Es gibt im Internet ganz gute Vergleichsportale, Zusätzlich seid ihr dann auch in der Pflegeversicherung versichert und darüber gibt es dann auf Antrag Pflegegeld und auch Verhinderungspflege wofür man dann z.B. Unterstützung durch caritative Vereine wie DRK,Lebenshilfe,Caritas erhalten kann, welche euch jemanden schicken können, der mal mit den Kindern spielt,sie begleitet oder auch Ferien und Wochenendaktionen , Tagesausflüge,Schwimmen usw... Berlin sollte da ein vielfältiges Angebot haben auf Grund der Größe der Stadt.

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Re: Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Beitragvon JohannaG » 04.07.2019, 18:09

Ein wichtiger Hinweis vielleicht - ich weiß ja nicht, in welcher Einkommensklasse Vladimir unterwegs ist.

Es gibt in Deutschland zwei Systeme parallel: die "gesetzliche Krankenkasse" und die "private Krankenversicherung".

In der gesetzlichen KK müssen sich alle Angestellten bis zu einer gewissen Gehaltsgrenze versichern. Über dieser Grenze können sie wählen, ob sie sich freiwillig gesetzlich versichern oder privat versichern.
Beamte und Selbstständige sind in aller Regel nur Privat versichert.

Für Familien mit behinderten Kindern empfiehlt sich aus meiner Sicht nd Erfahrung eine gesetzliche Krankenkasse, auch wenn du, Vladimir, dich vielleicht sogar privat versichern könntest. Deine Frau könnte, wenn sie nicht arbeitet, auch beitragsfrei mitversichert werden, die Kinder sowieso.
Bei einer privaten Vericherung ist zudem fraglich, ob sie deine Töchter überhaupt nehmen würden...

Herzliche gRüße,

Johanna
Johanna, *73, Morbus Bechterew;
C., (w), 11/2004, adoptiert, FASD, Bindungsstörung, lernbehindert, juvenile Polyarthritis;
J. (m) 01/2008, adoptiert, ADHS; Depressionen und ???,
M. (w) 01/2012 FG bei 23+6 SSW, Kleinwuchs, GÖR, Nahrungsmittelallergien, leichte ICP, Schielen, Weitsichtigkeit, allg Entwicklungsverzögerung

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Re: Einleitung in der deutschen Autismuswelt

Beitragvon Rita2 » 04.07.2019, 20:10

Was die Kassen leisten ist gesetzlich geregelt und daher einheitlich. Unterschiede gibt es nur im Bereich Alternative Medizin(Heilpraktiker z.B.) oder auch Zuschuss zur professionellen Zahnreinigung ggf Boni für Gesundheitskurse oder auch halbjährliche Zahnarztkontrollbesuche, besonderes Programm zur Schwangerenvorsorge. Therapien wie Logopädie,Ergotherapie,Krankengymnastik und ähnliches zahlen alle gesetzlichen Kassen gleich. Es gibt im Internet ganz gute Vergleichsportale, Zusätzlich seid ihr dann auch in der Pflegeversicherung versichert und darüber gibt es dann auf Antrag Pflegegeld und auch Verhinderungspflege wofür man dann z.B. Unterstützung durch caritative Vereine wie DRK,Lebenshilfe,Caritas erhalten kann, welche euch jemanden schicken können, der mal mit den Kindern spielt,sie begleitet oder auch Ferien und Wochenendaktionen , Tagesausflüge,Schwimmen usw... Berlin sollte da ein vielfältiges Angebot haben auf Grund der Größe der Stadt.
Das obige stimmt zwar, aber es gibt trotzdem Unterschiede wie die KK über Anträge entscheidet. Einige machen bei fast jeden Antrag Probleme, andere genehmigen recht problemlos.
Früher wurde die Techniker Krankenkasse empfohlen. Sie hat früher vieles problemlos genehmigt. Das scheint sich in letzter Zeit leider geändert zu haben.
Über die AOK berichten hier im Forum ganz viele, daß sie Probleme mit Genehmigungen haben. Das scheint aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich zu sein.

Hier im Forum findet man einiges dazu.

LG
Rita
Rita mit Sohn *Dezember 1995, ohne Diagnose,
cerebrale Koordinations- und Tonusregulationsstörung mit Zehenspitzengang, kognitive und sprachliche Entwicklungsstörung, süßer Bengel


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