Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Silvia & Iris
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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Silvia & Iris » 22.05.2019, 16:25

Hallo ihr Lieben,

also einen Betreuungsschlüssel von 1 : 12 das ist ja ... für welches Klientel? - Also wenn da ein Mensch 12 Behinderte (ICP, schwer betroffen, nonverbal...) jeden Morgen füttern, wickeln, anziehen muss... - wie geht das??
In der Einrichtung, wo meine Tochter hinkommen könnte, gibt es 48 Klienten und 4 Gruppen... - wobei alle die 2 höchsten Pflegeeinstufungen haben, non verbal sind, spastisch... - täglich gymnastiziert werden müssen, gefüttert werden (wobei 4 zumindest den Löffel zum Mund bringen...) - diese 4 können auch gehen... - aber natürlich keine weiten Strecken... - wie soll denn das gehen?? - Vor allem: man stelle sich vor, die Gruppen gehen raus... 1 Betreuer, 1 gehfähiger Klient schieben 11 Rollstühle??
Auch sonst... wenn die eine Person mit dem Füttern (Frühstück) und Wickeln fertig ist von allen 11 Klienten, dann ist ja schon wieder die Tagesstätte geschlossen... ??? Da gab es noch keine Gehstrecke, keine Mobilisation - gar nichts... da verhungern ja die Klienten und die Muskeln, Sehnen, Bänder verkürzen sich... Schmerzen kommen... - OP, Sehnen, Nervenschnitt... - und schon spüren die Betroffenen nichts mehr - können sich noch weniger bewegen, haben aber keine Gefühle mehr... -
Zumindest sehe ich immer mehr diese Form der Handhabe um schmerzfreie ICP-Patienten, vor allem jene, die wirklich nonverbal evtl. auch noch mit Button und mehr, unterwegs sind...

Ist das der Weisheit letzter Schrei??

und der nächste Schritt??
Die Klienten bleiben den ganzen Tag im Bett liegen, werden dort gefüttert (sondiert, weil einfacher), gewaschen, und kommen gar nicht mehr an die frische Luft??
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Stefanie Berlin » 22.05.2019, 17:08

Ja das ist gut möglich.
Ich habe jahrelang in der Pflege gearbeitet und weiß leider genau wie es nicht funktioniert. Sicher tun die allermeisten Mitarbeiter Ihr bestes, aber wenn Ich denke Ich betreue nur meinen Sohn einen Tag und bin danach abends nur noch reif fürs Bett und das ganze dann mal 5 oder 12 im Krankheitsfall, ja wie soll das gehen?
Ergo alle Eltern kündigen Ihren Job, bleiben zu Hause oder alle Eltern gründen eigene Pflege- WGs und schlagen sich ewig mit den Ämtern und Gerichten rum.
Wir sind Viele und sollten mehr Hebel in Bewegung setzten.
Steffi mit F. 9/01 Alström Syndrom, Blind, f. Autismus, Diabetes, Leberfibrose, metabolisches Syndrom, Microzhephalie, nonverbal

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon neue_Eva » 22.05.2019, 17:35

Hallo zusammen,

nach all den Erfahrungen, die ich die letzten Jahren als Selbstbetroffene machen konnte (Ärzte, Kostenträger, etc.) Wäre die Gründung einer Stiftung und der Aufbau eigener WGs die beste Option.

Ich bin inzwischen 54 Jahre alt und merke die körperlichen Einschränkungen deutlich - trotz intensiver Therapie! Für die Zeit - wenn nichts mehr ohne Hilfe geht, sehe ich leider sehr schwarz. Denn schon heute werden Menschen mit ICP im Erwachsenenalter nicht mehr angemessen versorgt (wenn man sich nicht ständig selbst kümmert) Ich habe nach 8 Stunden, Arbeit und Therapien ja auch sonst keine Hobbys!!!

Mein Fazit: Menschen mit Behinderung haben in Deutschland, ab dem Erwachsenenalter ganz schlechte Karten!

Sollte ich jetzt zu weit ausgeholt haben, entschuldige ich mich dafür.

Gruß Birgit
Idealismus. Die Fähigkeit, die Menschen so zu sehen, wie sie sein könnten, wenn sie nicht so wären, wie sie sind.

Curt Goetz

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Sinale » 22.05.2019, 17:52

Hallo Birgit,

so ist es - leider!
Viele Grüße
Sinale

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Stefanie Berlin » 22.05.2019, 18:08

Das kann Ich leider nur bestätigen.
Mir wurde heute im SPZ mitgeteilt das Sie auch nicht wissen wie die weitere ärztliche Betreuung für meinen Sohn im Erwachsenenalter weitergehen soll. Es gibt niemanden der alle Untersuchungen koordinieren kann wenn er erwachsen ist.
Bei meinem Sohn geht ja nur alles in Narkose zu untersuchen. Und danach 48 h Überwachung stationär.
Ich soll mich doch an die Presse wenden.
Nur mal so als Beispiel.
Ich komme mir schon vor wie eine Rabenmutter weil Ich mein Kind nicht in Ruhe lasse. Blutabnahme? Wozu? Ist doch eh schon so schwer beeinträchtigt. Blöd nur das er eine seltene Erkrankung hat die hier kein Mensch kennt. Bin heute richtig sauer....
Steffi mit F. 9/01 Alström Syndrom, Blind, f. Autismus, Diabetes, Leberfibrose, metabolisches Syndrom, Microzhephalie, nonverbal

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Inge » 22.05.2019, 19:36

Es gibt ein Urteil, dass in einer WfbM der Personalschlüssel nicht angepasst werden muss, in einer Tagesförderstätte schon. Darüber hatte ich schon mehrfach geschrieben. Leider geht das "punktgenaue" Verlinken nicht mehr.

Ich kopiere die enstprechende Passage deshalb hierher:
Eine weiteres Problem zeigt das Urteil des LAG Düsseldorf vom 11. November 2013 (Az. 9 Sa 469/13). Dort wird deutlich, dass Menschen mit einem hohen Pflege- und Betreuungsbedarf wesentlich schneller aus einer WfbM als aus einer Tagesförderstätte ausgeschlossen werden können. Wie das Gericht im Urteil mehrmals betont, würde das Problem einer Kündigung nicht auftreten, wenn der Betroffene eben nicht in einer WfbM, sondern in einer Tagesförderstätte im Sinne des § 136 Abs. 3 SGB IX wäre. Dort müsste ggf. der Personalschlüssel dem Bedarf des Betroffenen angepasst werden. Das gilt aber nicht für die WfbM als Instrument der Teilhabe am Arbeitsleben!
Menschen mit schwersten Behinderungen werden durch die immer größer werdenden Gruppen mit immer weniger Betreuung auffällig, aggressiv oder entwicklen - wie wir so schön sagen - "herausforderndes" Verhalten. Dadurch gibt es inzwischen immer mehr Eltern, deren erwachsene Töchter und Söhne völlig unzureichend versorgert werden – von einer guten Förderung und Betreuung ganz zu schweigen. Und es gibt immer mehr Eltern, die mit ihren erwachsenen Kindern regelrecht "hausieren gehen" müssen, weil keiner sie will.
Fazit: für jeden Menschen mit Behinderung muss die Wahlfreiheit der für ihn geeigneten Tagesstruktur mit einem personengebundenen Budget ermöglicht werden. Dies kann in den bereits vorhandenen Einrichtungen der Eingliederungshilfe (WfbM oder Tagesförderstätte) geschehen, am so genannten freien Arbeitsmarkt oder auch in Eigenregie. Eine solche Wahlfreiheit würde auch bewirken, dass die Einrichtungsträger sich entweder nach den Wünschen und dem Bedarf der behinderten Menschen ausrichten oder überflüssig würden.

Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

'Sommerkind' von Wortfront


Viele Grüße
Inge

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Silvia & Iris » 22.05.2019, 20:59

... wie funktioniert das mit dem peronenbezogenen Budget bei einem nonverbalen basalen Menschen? - Wie kann das gehen, sobald dessen Eltern nicht mehr können (ableben?)
Liebe Grüße

Silvia

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon neue_Eva » 22.05.2019, 21:31

Hallo Silvia,

ich glaube viele dieser Angelegenheiten regelt man am besten mit einer richterlichen Betreuung (eventuell eine bestimmte Person), die sich um alles kümmern kann.

Gruß Birgit
Idealismus. Die Fähigkeit, die Menschen so zu sehen, wie sie sein könnten, wenn sie nicht so wären, wie sie sind.



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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Stefan M. » 23.05.2019, 07:56

Ich habe es der Silvia auch schon geschrieben in einem anderen Thread.

Es ist scheinbar Fakt, dass zu wenig Personal da ist, um die behinderten Menschen zu mobilisieren, also etwas zu machen, was über satt und sauber hinausgeht.

Es gibt zwei Möglichkeiten für mich, damit unser Sohn im Erwachsenenalter nicht "vergammelt" . Entweder eine zusätzliche Betreuung in der Förderstätte durchsetzen oder selbst dafür sorgen, dass der behinderte Mensch mobilisiert wird usw.

Mit den damit verbundenen Konsequenzen. Umzug usw.

Und damit rechnen, dass man sein Kind bis zu dessen Lebensende versorgen und sich darum kümmern kann. Das ist Realität in diesem Land, in dem es sich gut und gerne leben lässt ( das war natürlich ironisch gemeint)

Einer Elterninitiative würde ich mich sofort anschließen.

Viele Grüße

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Re: Zu wenig Personal in den Einrichtungen für Erwachsene

Beitragvon Stefan M. » 23.05.2019, 07:58

Ach ja, mit den gesetzlichen Betreuern . Das sind oft Ehrenamtliche, die dafür im Jahr eine Aufwandsentschädigung von ca. 400 Euro bekommen.

Kann sich jeder denken, wie deren Engagement und Fachwissen einzuschätzen ist.


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