Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Anna-Nina
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Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon Anna-Nina » 07.05.2019, 10:35

Hallo zusammen,

meine Tochter hat sehr sicher eine Lernbehinderung. (erster IQ war 69 zweiter Test war 87 - wobei das scheinbar ein leichter Test war der zu gut misst, beim ersten war sie auch noch ohne Medis, beim zweiten mit). 100% kann man diese Diagnose noch nicht bestätigen, da E. zur Zeit der Testung eine noch nicht vollständig gut eingestellte Epilepsie hatte/bzw. hat.

Ich wollte mich jetzt einfach mal Informieren, wieviel Druck bzw. wie viel ihr so mit Euren Kindern gelernt habt. Und vorallem wie die Fortschritte waren. Ob aktives Lernen wirklch soviel bringt oder ob man evtl. auch einfach warten muss bis das Gehirn reifer ist.

E. hat in der ersten Klasse nun alle Buchstaben schreiben gelernt - weiß auch welcher der große und kleine jeweils ist. Aber die Synthese von Wörter fällt ihr schwer. Sie kann mir zwar Wörter Buchstabieren aber wenn sie quasi selber schreiben soll, dann bekommt sie es nicht hin sich zu denken welcher Buchstabe kommt und welchen sie Schreiben muss. Lesen kann sie theoretisch - zumindest kurze Wörter - aber sie hat einfach überhaupt keine Lust und es strengt sie auch total an. Man merkt richtig wie sie im Kopf dabei rotiert. Kennt ihr das auch. Ich finde es halt schade, weil ich weiß, dass sie theoretisch kann, praktisch es ihr aber zu anstrengent ist.

Mathe ist es das selbe. Sie kann die zusammenhänge theoretisch verstehen - praktisch weigert sie sich aber überwiegend mir Zuzuhören und mitzudenken. Es ist ihr einfach Wurst und intressiert sie nicht.

Ist das ein typischen Verhalten für ein Kind mit LB oder hängt das doch mit ihren Epilepsie vielleicht auch den Medikamenten (NW) und den doch so ein bisschen vorhandenen autistischen Zügen zusammen? Wie schnell lernen eure Kinder mit LB so können sie sich auf den Lernstoff einlassen? - Das würde mich einfach intressieren, damit ich vielleicht etwas enspannter an die Sache ranngehen kann oder ggf. mehr Zeit noch investiere ins Lernen/Üben.

Vielleicht hat jemand Lust zu schreiben, wie das lernen mit einem Kind mit LB so läuft.

Vielen Dank und liebe Grüße

Anna

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kati543
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon kati543 » 07.05.2019, 13:05

Hallo,
ich würde sagen, da spielt vielleicht eher alles mit rein.
1.: die Epilepsie:
Wie soll ein Kind, welches ständig Anfälle hat (dadurch entstehen ja „Gedächtnislücken“) gut und schnell lernen? Das Kind fängt ja immer wieder von vorn an! Glaube mir, selbst mit einem IQ im Bereich einer Hochbegabung ist das kein Spaß. Ein IQ - Test fällt natürlich entsprechend schlecht aus, wenn das Kind dank eines Anfalls, der vielleicht noch nicht mal beobachtet wurde, unausgeruht ist und Schmerzen verspürt. Da kann sich kein Mensch konzentrieren und Bestleistung zeigen.
Ein gut eingestellter Epileptiker kann dann „plötzlich“ im IQ - Test seine wahren Fähigkeiten zeigen. Ergebnis: Der Test fällt deutlich besser aus. Mein Jüngster hatte durch die Medikamente einen IQ-Sprung von 18 Punkten nach oben. Er hatte unbeobachtete Anfälle nachts. Erst als er einen Anfall am Tag hatte, gab es das Medikament.
Aber die Medikamente haben Nebenwirkungen und zwar nicht zu Kleine. Auch daher können die Probleme deines Kindes kommen. Bei der letzten Medikamentenumstellung hatte ich das Gefühl, als würde mich jemand beim Denken absichtlich bremsen. Ich wusste genau ich weiß das und ich kann das, aber ehe die Information aus meinem Gehirn dann tröpfchenweise floss, waren gefühlte Stunden vergangen. Heute habe ich mich daran gewöhnt.
Was ich damit sagen wollte...der Hohe IQ muss keinesfalls falsch sein.
2.: der Autismus:
Kinder mit Autismus lernen anders. Wie ich meinen Kindern etwas beibringen kann, wurde mir vom Autismuszentrum gezeigt. Nun weiß ich nicht, inwieweit dein Kind davon betroffen ist. Meine Kinder könnten nie den normalen Schulstoff mit der üblichen Schulmethode lernen. Die Lehrer wussten das aber und haben sich entsprechend angepasst. Ebenso haben die Kinder ja einen Schulbegleiter, der ihnen hilft.

Was bei jedem Kind aber garantiert hilft ist, wenn man sich die Stärken des Kindes anschaut. Also wie lernt es optimal, welche Kanäle sind bei dem Kind wirklich gut ausgeprägt, wo hat es Schwächen? Die Schule nutzt üblicherweise primär den auditiven Kanal - Lehrer erzählt, Kinder hören zu und müssen verstehen. Meine Jungs haben eine absolute Schwäche im auditiven Kanal und eine Stärke im visuellen Kanal. Das bedeutet bei uns schlichtweg Karteikarten über Karteikarten. Wir lernen alles von Karteikarten. Ein Wort oder eine Rechenaufgabe pro Karte, hinten drauf die Lösung. Es ist wie ein Spiel. Jeden Tag kommen neue Karten dazu und es verschwinden alte. Die Kinder freuen sich über jede Karte, die verschwindet. Einmal pro Tag muss jedes Kind den Stapel durchgehen. Das ist die einzigste „Hausaufgabe“.
LG
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Beitragvon Engrid » 07.05.2019, 13:34

Hallo Anna-Nina,

die Frage, wie ein Kind mit LB lernt, ist - bisschen plakativ gesagt - ungefähr so wie die Frage: Wie schmeckt was Rotes.
Kommt drauf an, was es ist. Kommt drauf an, was die Lernbehinderung ausmacht. Leider sind auch Sonderpädagogen nicht alle in der Lage, die unterschiedlichen Lernweisen und -wege entsprechend zu erkennen und zu fördern. Vielleicht wird es klarer, wenn da noch zb eine gute Ergotherapeutin und/oder eine Lerntherapeutin drauf guckt?

Junior hatte zb in sieben Schuljahres mindestens sieben didaktische Wege, Lesen zu lernen. Mit manchen hätte er es vielleicht nie gelernt, dann vielleicht mit einem um Jahre schneller, wenn es konstant bei dem geblieben wäre. Den Durchbruch brachte dann eine Lesemethode, von der weder ich noch die Lehrkraft zuvor je gehört hatte.

Grüße
Engrid
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Re:

Beitragvon Alexandra2014 » 07.05.2019, 14:48

Engrid hat geschrieben:Den Durchbruch brachte dann eine Lesemethode, von der weder ich noch die Lehrkraft zuvor je gehört hatte.

:shock:
Huhu!

Magst du zur Methode mehr erzählen? :D

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Beitragvon Engrid » 07.05.2019, 15:01

Hallo,

ich kann gar nicht mehr alles aufzählen, hab einiges vergessen, manches hab ich nicht dem Namen nach mitbekommen. Die Buchstaben konnte Junior schon im ersten Kiga-Jahr alle, dann ging es lesemäßig nicht mehr wirklich vorwärts (daran merkt man schon, dass er ziemlich speziell im Lernverhalten ist).
Wie unsere Durchbruch-Methode heißt, kann ich Dir nicht sagen, jedenfalls liest jemand da hörbar mit, quasi als Stütze der „inneren Stimme“, und mit der Zeit wird diese Stütze unmerklich ausgeblendet. Wird also immer leiser, und fällt schließlich ganz weg.
Edit: das müsste es sein:
https://www.praxis-foerderdiagnostik.de ... rbuechern/

Ansonsten scheint mir für wahrnehmungsspezielle Kinder IntraAct plus gut, aber Junior hatte das wohl damals zu kurz (Lehrerwechsel).

Grüße
Engrid
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Beitragvon Engrid » 07.05.2019, 15:23

Noch eine Anmerkung, Alex: das „Lesen durch Hören“ hat beim Junior erst die Wortsynthese ermöglicht. Der war nicht leseschwach, sondern er konnte keine Wörter lesen davor.
Lief beim Junior nicht über Tonband (hätte nicht geklappt), sondern jemand saß neben ihm, las mit, und passte auf, dass Juniors mitlaufender Finger und die Vorlesestimme parallel waren.
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon Anna-Nina » 07.05.2019, 16:00

Hallo zusammen,

danke allen für die Antworten.

Mir geht es bei meiner Fragestellung wirklich nur darum um Erfahrungswerte zu sammeln und vielleicht neue Möglichkeiten zu finden, damit ich meine Tochter besser Fördern kann sie aber nicht überfordere. Ich denke je mehr man zum Thema weiß, desto eher findet man den richtigen Weg.
Gerade in Bezug auf Authismus fehlt mir der Überblick. Ich habe es bisher auch noch nicht abklären lassen ob E. ASS hat. Ich habe etwas Angst vor einer Fehldiagnose, weil E. seit der medikamentösen Therapie ihre authistischen Züge auch immer mehr verliert. Nicht, dass sie jetzt eine Diagnose bekommt, die sie in zwei Jahren nicht mehr bekommen hätte. Ich möchte diesbezüglich einfach noch ein bisschen abwarten. (Sie bekommt erst paar Monate eine passende Therapie)
Trotzdem Intressiert mich aber, was spezielles Verhalten bzw. welche besondereheiten Authisten in Bezug aufs Lernen haben und was für Besonderheiten bei LB Kindern auftreten. Einfach damit ich besser damit umgehen kann es abgrenzen kann - wenn man das kann.
Klar wird man keine 100% ige Zuordnung machen können, was jetzt woher kommt. Aber ich denke, je mehr Infos man hat, desto eher kommt man zu einen Aussagekräftigen Ergebnis.

Auch würde es mich z.B. beruhigen, wenn man wüsste, in welchen Alter Kinder mit LB Lesen und schreiben lernen. Lernen sie es im ersten Jahr oder manche erst in der dritten/vierten/fünften KLasse.

Mir geht es einfach nur darum, dass ich vielleicht etwas Druck rausnehmen kann - aber eben nicht zuviel.

LG
Anna

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 07.05.2019, 16:11

Hallo,

auch Autisten sind individuell sehr unterschiedlich gestrickt beim Lernen. Als Anhaltspunkt würde ich sagen: Recht viele sind deutlich überwiegend visuelle Lerntypen - also visualisieren. Und sie lernen meist besser mit Eigenmotivation, das heißt dann zb Spezialinteressen einbauen, Lieblingscharaktere, ...
Dann gibt es noch ein Buch zum TEACCH-Ansatz in der Regelschule, vielleicht ist das was: https://www.socialnet.de/rezensionen/13604.php

Grüße
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon Anna-Nina » 07.05.2019, 20:02

Engrid, vielen dank für deine Tips.
Das mit dem Lesen durch hören werde ich mal ausprobieren. Intrakt haben wir schon - leider mag sie das nicht so gerne. - Aber vorlesen mag sie seit neuesten richtig gerne - und da werde ich mal schauen ob sie das vielleicht hinbekommt, dass sie den Finger mit laufen lässt.
Das mit dem visuellem trifft auf meine Tochter auch zu. Und über Spezialintressen kommt man fast ausschließlich an sie ran. Sie liebt ja gruseliges und schauriges (ganz die Mama:)). D.h. wir lesen gerade überwiegend Gruselgeschichten und Sachbücher über Sekeltte und RItter, Haie usw - das intressiert sie. Vielleicht sollte ich statt Walnüsse oder diesen Rechenchips mir mal was gruseliges zum Rechnen besorgen.

Katrin, vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Was den IQ betrifft hast du sicher recht. E´s Testergebnisse waren auch genau umgekehrt schlecht bzw. gut (im einen Test war sie im Sprachlichen bereicht gut - im anderen war genau der Sprachliche der der sie runtergezogen hat). Das sagt ja auch aus, dass es im Prinzip einfach Tagesformabhängig ist.
Leider gibt es bei uns in der Nähe keine Autismusambulanz o.ä. die nächste ist 130 km entfernt. Und da wir gerade eh einen Termin am anderen haben/hatten (es wird langsam besser) habe ich es noch nicht in Angriff genommen. Aber wenn ich so lese wie man da provitieren kann werde ich womöglich relativ Zeitnah versuchen das doch noch zu klären.

LG
Anna

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PaulaW
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Re: Wie schnell lernt ein Kind mit Lernbehinderung

Beitragvon PaulaW » 07.05.2019, 21:57

Hi Anna !
Unser Sohn ist 9 und hat auch eine Lernbehinderung. Wahrnehmung, Konzentration etc.
Was uns wirklich viel bringt ist interessenorientiert zu lernen.
Wenn er motiviert ist kann er über sich hinauswachsen.
Wir arbeiten mit allen Mitteln. Sticker, Lob, auch msl ein Eis oder gemeinsame Extra Zeit wenn ich sehe er hat sich angestrengt. Einfach gucken was er mag und daran anknüpfen.
Er liebt zB Computer und Handies und darf kleine Mails oder Whats App lesen oder selber schreiben. Solche Sachen.
Oder mal mit Smarties rechnen etc.
Klappt super.
Alles Liebe
Paula
Muskelschwäche, Entwicklungsverzögerung, Wahrnehmungsstörung, Feinmotorische Probleme, Konzentration, PG3, 70% GdB, GBH


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