Behinderung und Defizite

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Lisaneu
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Behinderung und Defizite

Beitragvon Lisaneu » 04.05.2019, 09:24

Hallo,

angeregt durch einen anderen Thread habe ich darüber nachgedacht, was "defizitär" eigentlich bedeutet. Es gab im anderen Thread verschiedene Meinungen von "menschlich ist niemand defizitär" bis hin zu "es gibt sehr wohl defizitäre Menschen, aber das hat mit Behinderung nichts zu tun". Ich habe jetzt über die Bedeutung der Worte nachgedacht und bin dazu anderer Meinung. Nicht, weil ich Behinderte per se als "defizitär" sehe, sondern weil laut Duden das Wort Defizit (nicht in der kaufmännischen Bedeutung) "Mangel" bedeutet. Und mangeln kann es an vielem, egal ob es sich um behinderte oder nicht behinderte Menschen handelt.

Ich sehe mal grob 3 Ebenen, auf denen Mängel möglich sind: Körper, Geist und Psyche. Kleinwüchsigen Menschen mangelt es an Wachstumshormonen, bei Diabetikern arbeitet die Bauchspeicheldrüse mangelhaft wodurch der körpereigene Zuckerhaushalt durcheinander kommt, blinden Menschen mangelt es an Sehkraft, usw. Geistig behinderten Menschen mangelt es an kognitiven Fähigkeiten, was MANCHMAL auch mit Mängeln im Gefühlsleben (Psyche) einher geht. Für "psychische" (oder seelische) Behinderung gibt es laut Duden gibt es folgende Synonyme: die Seele betreffend, emotional, gefühlsmäßig, nervlich, mental. Wikipedia schreibt beim Suchbegriff "psychische Behinderung" von einer dauerhaften und gravierenden Beeinträchtigung der Person auf Grund von Sypmtomen einer psychischen Störung". Später im Artikel werden noch Defizite bei Aufmerksamkeit, Handlungsplanung, Selbstregulation, Kommunikation und dem sicheren Bewegen in der Öffentlichkeit als Formen psychischer Behinderung angeführt.

Interessant finde ich auch die Definition von Behinderungen im Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen. Dort heißt es: "Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben und der Gesellschaft beeinträchtigt ist". Bei dieser Beschreibung wurde das Wort "normal" oder "neurotypisch" nicht verwendet. Die Umschreibung des "für das Lebensalter typischen Zustandes" wird der Einfachheit halber im Sprachgebrauch oft als "normal" bezeichnet - auch wenn das vielen nicht gefällt.

Die Grenze behindert/nicht behindert verläuft bei keiner der 3 Ebenen klar, es gibt immer eine mehr oder weniger große Grauzone dazwischen. Oft ist es Definitionssache von Psychiatern, ob wer als "psychisch behindert" diagnostiziert wird, oder nicht. Solchen Entscheidungen liegen mMn oft persönliche Definitionen von "normal" oder "abnormal" zu Grunde, wo "normal" grundsätzlich als der erstrebenswerte, richtige Zustand angesehen wird.

Zurück bei den Defiziten bedeutet es, dass Behinderte sehr wohl Defizite haben, sonst würden sie ja nicht als "behindert" eingestuft werden, wobei über die Korrektheit oder Falschheit von spezifischen Diagnosen vermutlich sehr viel diskutiert werden kann.

Mein jüngerer Sohn ist gehörlos und autistisch - ihm mangelt es an Hörvermögen, Kommunikationsfähigkeit und teilweise auch an Empathie und Selbstregulation. Mein älterer Sohn hat ADHS und ist Asperger Autist, ihm mangelt es hauptsächlich an Selbstregulation und Aufmerksamkeit. Ich habe ADHS und auch mir mangelt es an Aufmerksamkeit, den Mangel an Selbstregulation habe ich durch viel Arbeit an mir selbst (erst im Erwachsenenalter) beheben können. Das sind unsere Defizite. Natürlich haben wir auch Stärken. Mein jüngerer Sohn ist vom Wesen her eine neugierige, meistens fröhliche Persönlichkeit mit guter Selbsteinschätzung, was z.B. körperliche Fähigkeiten betrifft. Mein älterer Sohn ist sprachlich sehr gewandt und kreativ mit sehr guten kognitiven Fähigkeiten. Ich bin ebenfalls kognitiv ziemlich fit und außerdem kreativ und spontan. Das sind unsere Stärken. Die Summe der Dinge macht aus, wie unser Verhalten aussieht und wie unser Charakter ist. Das kann man nicht voneinander trennen, weil das Ganze mehr ist als seine Teile.

Was ich damit sagen will: unabhängig ob behindert oder nicht gibt es kaum Menschen, die NICHT in irgendeinem Bereich defizitär sind. Auch neurotypischen Menschen kann es z.B. an Selbstwertgefühl, Emotionskontrolle oder Mut mangeln. Nicht alle Mängel sind so krass oder auffällig, dass jemand auf Grund dessen als behindert diagnostiziert wird.

Jetzt aber zu den "menschlichen Defiziten". Wenn kein Mensch menschliche Defizite hat frage ich mich, warum es so viel Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid auf der Welt gibt. Was sind das dann für Menschen, die in den Gefängnissen dieser Welt sitzen? Ich schreibe absichtlich keine Beispiele von Gewaltverbrechen, weil die ohnehin jeder kennt. Was ist die Ursache, dass Menschen andere Menschen oder Tiere quälen, verletzen, demütigen, töten? Sind das KEINE menschlichen Defizite? Meiner Meinung sind es welche!

Die nächste Frage lautet: was ist es, was aus einem Menschen einen Gewalttäter macht? Laut aktuellen Forschungen sind sowohl Gene als auch Umweltfaktoren an der Ausprägung des Charakters beteiligt. Bevor ich selbst Kinder hatte habe ich allen Ernstes geglaubt, wenn man ihnen nur VORLEBT, wie man liebevoll, friedlich und wertschätzend miteinander umgeht, dann können sie ja gar nicht anders, als das zu übernehmen. Denn diejenigen, die keine Achtung vor ihren Mitmenschen haben und andere unterdrücken, mobben und körperlich attackieren sind ja sicher aus asozialen Familien, wo sie es nicht anders erlebt haben.

Tja, ich wurde eines besseren belehrt. Natürlich hoffe ich, dass meine Söhne keine Gewalttäter werden, aber AUSSCHLIESSEN kann ich es nicht. Hier im Forum in der Rubrik "Familienleben" wird immer wieder von Eltern von besonderen Kindern über teils sehr heftige Gewaltanwendung geschrieben. Und ich gehe davon aus, dass die Personen, die davon berichten, keine seltsamen Asozialen sind, sondern im Gegenteil, Menschen, die sich nach bestem Wissen und Gewissen immer um das Wohl ihrer Kinder gesorgt haben und diese nach wie vor lieben.

Und wenn man genauer in diese Beiträge hinein liest erkennt man, dass sehr wohl einige Krankheitsbilder eine deutlich verminderte Emotionskontrolle in Kombination mit höherer Gewaltbereitschaft zur Folge haben. Ob man diese Menschen als "menschlich defizitär" betrachten will oder nicht ist Ansichtssache. Ein behinderungsbedingtes Defizit ist es allemal. Und das meine ich nicht (ab)wertend oder als Vorwurf!

Ich finde es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Ich bin gerne bereit, jetzt "Schwarzafrikaner" zu sagen, wenn ich weiß, dass sich die Menschen durch das Wort "Neger" diskrimeniert fühlen, obwohl ich das Wort selbst immer in neutralem Konsens gekannt und verwendet habe. Aber es gibt kaum mehr Wörter, die man in Diskussionen verwenden darf, ohne dafür als irgendwie (ab)wertend hingestellt zu werden.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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NicoleWW
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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon NicoleWW » 04.05.2019, 09:57

Hallo Lisa,

ich denke man kann nie 100% voraus sagen ob ein Mensch später Gewalttäter wird oder nicht. In vielen Fällen gibt es aber ganz klare Vorgeschichten (verschiedenster Art), also das kann sein von Misshandlung/Missbrauch in der Kindheit, Häufung von Gewalt in der Familie, ungezügelter Gewalt schon als Kind in der Kindheit (eventuell durch Behinderung, aber damit meine ich nicht "normale" Aggressivität sondern schon besonders auffällig aggressive körperliche Gewalt die über ein "normales" schlagen/Treten/schubsen/beißen usw rausgeht).

Liebe Grüße
Nicole
Nicole (70, Morbus Bechterew, Asthma) mit

J.M. (92)
J.C. (93)
J.E. (95, ADHS, E80.4)
A.M. (04, F93.3, F98.8, F81,1)
S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)
V.L. (07, J45.1, F98.0)
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UrsulaK
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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon UrsulaK » 04.05.2019, 10:19

Hallo Lisa,

ich denke es kommt bei diesen Begriffen auch immer darauf an, in welchen Kontexten ich sie verwende.
Begriffe wie behindert, Behinderung, Defizit kann individuell eine ganz verschiedene gefärbte Bedeutung für den jeweiligen Menschen haben.

Ich kann also sagen, "Mensch bist du behindert!", was dann als Beleidigung gemeint ist.
Ich kann aber auch sagen "mein Sohn ist behindert", was dann als Feststellung gemeint ist, weil er ein Mangel an Kommunikationsfähigkeit, Handlungsplanung usw. hat und ohne Hilfen, die ihm zur Verfügung gestellt werden, kommt er nicht klar.

Aber Begriffe und was ich darunter verstehe schaffen auch ein Bewußtsein, weil wir damit postive oder negative Dinge assozieren.

VG, Ursula
Eric, (März 2005), Autismus Spektrum Störung, Verbale Dyspraxie, Dysgrammatismus

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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon melly210 » 04.05.2019, 10:34

Ich bin bei dir Lisa. Jeder Mensch hat Defizite, im Sinne von Teilleistubgsschwächen. Jemand mit einer anerkannten Behinderung hat eben in manchen Bereichen deutliche Teilleistungsschwächen. Das zu negieren macht für mich irgendwo keinen Sinn, wäre das nicht so, hätte man auch keine anerkannte Behinderung.

Dem gegenüber stehen aber ebenso bei jedem Menschen auch Stärken und Talente. Im Endeffekt ist dann eben jeder Mensch ein Samnelsurium seiner Stärken ubd Schwächen.

grace
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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon grace » 04.05.2019, 16:01

Hallo Lisa,

Das Wort Defizit ist ganz objektiv weder herabwürdigend noch diskriminierend, es kommt aus dem lateinischen und bedeutet einfach nur Mangel, sowohl kaufmännisch als auch medizinisch und es ist mir nicht bekannt das es geschichtlich oder gesellschaftlich irgendwie vorbelastet ist oder sonst irgendwann mal als Schimpfwort benutzt worden ist - wer andere Informationen hat kann mich gerne korrigieren.

Aus dieser Sichtweite heraus habe ich gar keine Problem dieses Wort sowohl für mich selber als auch für meine Kinder und Familie zu benutzen, wir haben alle unsere Defizite, die einen mehr die anderen weniger, sonst wären wir keine Menschen.

Die Welt ist schön weil sie nicht perfekt ist, sonst wäre sie furchtbar langweilig und Normal ist auch nur ein abstrakter Begriff/Wert, niemand ist 100%tig normal, ich denke da sind wir uns alle einig.

Wie man dann auf das Wort Defizit reagiert wenn es im Bezug auf die eigene Person, der eigenen Kinder/Familie geäußert wird ist dagegen eine sehr subjektive Sache weil es sehr von der eigenen Vorgeschichte und vom individuellem Selbstwertgefühl abhängt und deshalb jeder Mensch andere Maßstäbe hat.

Ich habe versucht meinen Kindern zu vermitteln das ich sie so liebe wie sie sind und immer unterstützen werde; das aber auch ich meine eigenen Grenzen und Defizite habe und deshalb auch nur begrenzt verstehen und nicht immer helfen kann.

Versuchen wir unsere Kinder zu stärken und nicht ihnen alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu schaffen.

LG

Grace

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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon Beate139 » 05.05.2019, 14:14

Hallo Lisa,

die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Speziell die Frage, wann ist man geistig behindert, wann sind es Lernschwächen.
Ich habe bei meinem Sohn von 2 verschiedenen Psychologen genauso unterschiedliche Befunde erhalten. Die eine hält meinen Sohn für leicht geistig behindert mit einem IQ von 68 und die andere sagt, er hat auch Stärken und ist deshalb nicht geistig behindert sondern hat nur eine Lernschwäche.
Mein Sohn war während der Schulzeit mit Schwerpunkt lernen in einer Förderschule völlig deplaziert, einfach, weil dort seine Stärken nicht erkannt und gefördert wurden. Und manchmal frage ich mich schon, ob eine Schule für geistig Behinderte ihn nicht vielleicht doch ein Stück weiter gebracht hätte.
Vielleicht liegt mein Sohn auch direkt in dieser Grauzone : Für Förderschule überfordert, für geistig Behindertenschule unterfordert. Ich weiß es nicht, nun ist er auch durch mit der Schule und dem Manko, keinen Abschluß zu haben und dem Gefühl des Lernversagens.

Ich weiß nicht, was aus Menschen Gewalttäter macht, aber in bestimmten Situationen glaube ich, das absolut jeder dazu fähig wäre, einem anderen Gewalt anzutun. Ich habe mich auch schon oft in dem Gedanken erwischt, jemanden, der mir oder meinem Sohn Unrecht angedeien lässt, einfach mal nachts aufzulauern. Ich werde es sicherlich nicht tun, mir reicht die Vorstellung, um ein Stück weit wieder herunter zu kommen, aber bei einigen reicht der Gedanke nicht aus und sie setzen den Gedanken in die Tat um. Um jemanden anzugreifen, muss man diesem sehr nahe kommen. Viele haben eine Scheu davor, jemand anderen anzupacken, ihn zu berühren, aber andere wiederum haben keine Berührungsängste. Wenn dann noch aufgestaute Aggressionen hinzu kommen, ist die Mischung schon äusserst brisant.

Klar werde auch ich meinem Sohn immer vorleben, das man mit Freundlichkeit, Friedlichkeit und Liebe weiter kommt, aber auch ich kann es nicht ausschliessen, das mein Sohn nicht irgendwann mal "so richtig austickt"

Lg Beate

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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon Engrid » 05.05.2019, 15:59

Hallo,

JEDER Mensch hat Schwächen und Stärken, das gilt natürlich auch für Menschen mit Behinderung.
Setzen sollte man das ganze, wenn es um den Umgang mit Behinderung geht, in einen Kontext:
Früher schaute (schlechte) Pädagogik leider oft auf die Defizite, nicht nur im Sondersystem, sondern bei Kindern generell. Inzwischen ist längst klar, dass Stärkenzentrierung und Empowerment nicht nur mehr Lernerfolg bringen, sondern einfach auch ein Erfordernis von Humanität und Respekt sind.
Da lässt sich bei Google eine Menge Input finden.


Eine Veranlagung zu Gewalttaten oder Kriminalität gibt es nicht, es kommt ja immer drauf an, wie der Einzelne seine Anlagen entwickeln kann. Aggression entsteht ja nicht im luftleeren Raum. Und Aggression gehört zu jedem Menschen, nicht jeder wird deshalb aber gewalttätig oder straffällig. (Es gibt zb ein Buch von Juul dazu)
Man muss mit solchen „Aggressiv-per-genetischer-Ausstattung-Theorien“ auch sehr aufpassen, da wurde schon viel Schaden angerichtet.


Zu den Begrifflichkeiten: ich finde es immer hilfreich auf die Gruppe zu hören, die sich verletzt fühlt, um die es also geht. Deshalb akzeptiere ich auch gerne, dass zb Autisten Autismus nicht als Defizit bezeichnet haben wollen (zumal ich da konform gehe).

Am Rande:
„Schwarzafrika“ ist übrigens auch ein diskriminierender Begriff. (Er sagt nichts aus, außer einer Zuschreibung nach Hautfarbe.) Das ist kein Vorwurf, manche Begriffe benutzt man, ohne drüber nachzudenken.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon mariannna » 05.05.2019, 19:42

Hallo,

JEDER Mensch hat Schwächen und Stärken, das gilt natürlich auch für Menschen mit Behinderung.
Klar hat jeder Mensch Stärken und Schwächen. Bei Menschen mit einer Behinderung ist jedoch mindestens eine (oder mehrere) Schwächen überdurchschnittlich stark ausgeprägt, ansonsten würden sie keinen (Schwer) Behindertenausweis, Pflegegrad, Nachteilsausgleiche usw bekommen.

Auch du Engrid hast ja für deinen Sohn einen SBA sowie Pflegegrad beantragt. Warum? Weil er Stärken und Schwächen hat wie jeder andere Mensch? Dafür bekommt man keinen SBA oder Pflegegrad.

Ich z.B. bin relativ stark kurzsichtig , ca -4 Dioptrien, plus Hornhautverkrümmung. Ich habe also gegenüber einem Normalsichtigen einen Mangel (Defizit) an Sehkraft. Mein Brennpunkt liegt ohne Brille 25cm vor meinen Augen, d.h. alles was weiter als 25cm weg ist, sehe ich (ohne Brille) unscharf. Trotzdem reicht dieses Defizit an Sehkraft nicht aus, dass ich als behindert gelte (weder als leicht, noch als schwerbehindert).
Ich finde das ok so, denn ich kann meinen Mangel an Sehkraft mit einer Brille gut ausgleichen und habe dadurch nur sehr wenig Einschränkungen (manchmal stört es mich im Schwimmbad/Sauna, dass ich nicht sehen kann, ob mich jmd ansieht, man schwitzt mehr mit Brille im Gesicht, bei 3D-Filmen ist es schwierig/unmöglich, die 3D-Brille über die normale Brille drüber zu setzen). Insgesamt sind es jedoch wenig Einschränkungen und ich verstehe, dass nicht jeder Fehlsichtige als behindert gilt, sondern erst, wenn der Mangel an Sehkraft ein bestimmtes Maß erreicht. (Trotzdem wäre ich natürlich froh, wenn ich normal sehen könnte und keine Brille bräuchte).

Um einen Behindertenausweis oder einen SBA zu bekommen reicht es also nicht aus, Stärken und Schwächen zu haben wie jeder andere Mensch auch , sondern die Schwächen müssen schon signifikant größer sein als beim Durchschnitt der Bevölkerung.

LG,Marianna

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RikemitSohn
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Re: Behinderung und Defizite

Beitragvon RikemitSohn » 05.05.2019, 20:11

Hallo,

ich sehe Behinderungen, Erkrankungen oder andere Wahrnehmungen als Defizit und nicht als eine einfache Schwäche. Im Gegenteil fände ich es anmaßend einfache Schwächen von Menschen mit diesen Einschränkungen gleichzusetzen. Denn im Gegensatz zu einer kleinen Schwäche können Behinderungen usw. das Leben deutlich erschweren und die Menschen müssen viel mehr kämpfen als andere. Wären all diese Dinge nur die üblichen Schwächen, bräuchte es keine Inklusion, keine Pflege, kein REHAkids. Denn besonders hier zeigt sich ja immer wieder, dass das Leben mit Defiziten nicht so wie bei anderen läuft.
Diese Menschen sind dadurch aber keine schlechteren Menschen. Dort sehe ich den Unterschied. Ein Leben mit Defiziten ist oft anstrengender, aber kann einen trotzdem glücklich machen. Trotzdem finde ich Anerkennung für das Mehr an Leistung im Alltag, das durch Defizite nötig ist, sehr wichtig. Nach meiner Meinung kann erst so Verständnis für Behinderungen entstehen.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB


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