Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Integrative Kindertagesstätte oder Sonderkindergarten? Kann mein Kind die Regelschule schaffen oder muss es doch eine Sonderschule besuchen? Hier dreht sich alles um Kindergarten- und Schulbesuch.

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Larissa7
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Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon Larissa7 » 08.04.2019, 17:05

Hallo zusammen,

ich habe folgende Frage:

mein Kind wird dieses Jahr eingeschult, mir ist wichtig, dass es aufgrund seiner Gehirnschädigung und schwerer körperlichen Einschränkung und kaum Sprache geistig aber nicht unterfordert wird, z.B. nicht als Baby bzw. viel jüngeres Kind behandelt und beschult wird, nur weil er noch nicht das Gegenteil beweisen kann.
Die Sonderpädagogin, die ein Bericht für das Schulamt geschrieben hat, hat die mentalen Fähigkeiten meines Kindes einem konkreten und zwar viel jüngerem Alter zugeordnet, womit ich nicht einverstanden bin, weil zum Einen stimmt das nicht, zum Anderen sind solche Angaben ja ein Anhaltspunkt, wie mein Kind gefördert werden soll. Bisher hat kein Arzt gesagt oder geschrieben, welchem Alter bzw. Punkten seine Intelligenz entspricht, warum darf bzw. soll die Sonderpädagogin das überhaupt für das Schulamt schreiben? Wer kann das sicher wissen, was mein Kind schon geistig kann? Es gibt so viele Menschen mit Gehirnschädigung, die später, als sie schon sprechen bzw sich auf eine andere Weise äußern konnten, über ihre bittere Erfahrungen berichtetet haben: ihnen wurde kaum was zugetraut, waren sehr lange als schwer geistig behindert wahrgenommen und entsprechend beschult... die konnten nicht das Gegenteil beweisen, das ist echt heftig. Traurig, dass es heutzutage immer noch oft normal scheint.
Also, meine Frage ist, ob sie das konkrete geistige Alter unbedingt in Ihrem Bericht schreiben muss? Sie müsse das, meint sie.

Vielen lieben Dank für Eure Antworten.

Grüße

Larissa

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melly210
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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon melly210 » 08.04.2019, 17:27

Hallo :-) Ja sie muß ihre Einschätzung schriftlich darlegen. Normalerweise wird wenn das möglich ist ein Intelligenztest verlangt, und wenn das nicht geht wird das geschätzte Entwicklungsalter angegeben.

kati543
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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon kati543 » 08.04.2019, 17:29

Hallo,
die Sonderpädagogin wurde geschickt um dein Kind zu begutachten. Es ist ihre Aufgabe, einen Bericht zu verfassen, mit dessen Hilfe Schreibtischtäter sich ein Bild von deinem Kind machen können. Klar kann dein Kind sich noch ganz toll entwickeln, nur nach aktueller Sicht sieht es eben so aus, wie sie es geschrieben hat. Hier geht es unter anderem auch darum, ob, wie und wieviel dein Kind gefördert wird. Dieser Bericht beschreibt die Defizite deines Kindes - Ja, sowas zu lesen deprimiert und ist schmerzhaft. Denn wir alle sehen unsere Kinder anders. Wir sehen das, was sie schon erreicht haben, trotz all der negativen Vorhersagen, die es gab.
Das Schulamt verlangt eine Eingliederung. Dein Kind wird entweder regelbeschult bei normalen IQ oder lernzieldifferent beschult - und hier gibt es nun gleich mehrere Optionen, die wieder teilweise vom IQ abhängig sind (ist der nicht feststellbar, geht es nach Verhalten, Entwicklungsalter).
Mein Jüngster wurde mit Förderbedarf Geistige Entwicklung beschult und wirklich NIEMALS als Baby oder Kleinkind behandelt. Was habt ihr für Schulen? Wenn du das deinem Kind zutraust UND ihr eine gute Schule habt, dann lass ihn inklusiv beschulen. So bekommt er, egal welche Intelligenz vorliegt, sehr viel von gesunden Kindern mit und kann lernen. Das haben wir damals gemacht. Die Fortschritte unseres Sohnes waren enorm - trotz allem ist der Förderbedarf korrekt. Aber bei Einschulung lag er in einer mittelgradigen geistigen Behinderung. Heute ist es nur noch eine leichte Geistige Behinderung an der Grenze zur Lernbehinderung. Das ist einfach ein Riesen Unterschied und man merkt es ihm auch an. Allerdings träume ich nicht davon, dass er mal studieren wird.
Mein Sohn hat übrigens auch 6 Jahre absolut gar nicht gesprochen. Er hat es erst nach der Einschulung zeitgleich mit Lesen und Schreiben gelernt.
LG
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Beitragvon Engrid » 08.04.2019, 17:40

Hallo Larissa,

eine Einschätzung ist schon sinnvoll, um Dein Kind gut zu fördern. Unterforderung ist schlecht, Überforderung genauso.
Hast Du denn Anhaltspunkte, dass Dein Kind fitter ist, als die Sonderpädagogin ermittelt hat? Dann solltest Du das mitteilen, und evtl auch belegen.

Grüße
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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon Lisaneu » 08.04.2019, 18:44

Mein Sohn hat überall ASO (außer in Mathe) und ist wegen zu großer Unterschiede in den einzelnen Teilbereichen nicht mit einem IQ-Test testbar. Er besucht als Erstklässler eine gebärdensprachige Gehörlosen-Autisten-Mehrstufen-Kleinklasse mit 4 Kindern und 2 Lehrern. Niemand behandelt ihn wie ein Baby und er wird seinen Fähigkeiten entsprechend beschult.

Von Außenstehenden wird er praktisch IMMER als geistig behindert wahrgenommen, die Lehrer kennen und sehen aber sehr wohl sein Potential und fördern ihn entsprechend. Warte mal ab, was wirklich kommt. Vielleicht sind deine Befürchtungen unberechtigt.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon lisa schrenk » 09.04.2019, 12:10

Hallo Larissa,

es schmerzt immer, wenn Außenstehende dein Kind beurteilen - vor allem wenn sie es "schlechter" beurteilen als du selbst. Du darfst aber nicht vergessen, dass dies immer nur eine punktuelle Beurteilung ist. Du kennst dein Kind sicher in und auswendig und kannst es so besser beurteilen. Trotzdem würde ich ersteinmal nicht gegen die Einschätzung vorgehen. Je mehr Förderung dein Kind bekommen kann, desto besser ist es. Am besten sprichst du mit der aufnehmenden Schule über Fördermöglichkeiten für dein Kind und über deine Wahrnehmung.
Meiner Erfahrung nach sind die meisten Lehrer sehr aufgeschlossen gegenüber Vorschlägen.
Hast du schon mal über den Einsatz eines Talkers nachgedacht? Vielleicht ist das eine Möglichkeit für dein Kind sich mitzuteilen.

Liebe Grüße
Lisa
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Sie ist stark entwicklungsverzögert und hat Pseudo Lennox. Sonst ist sie ein liebes, fröhliches Kind, das uns viel Freude macht.

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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon Larissa7 » 09.04.2019, 13:11

Mir gehts es in erster Linie nicht um meine Emotionen, welche ich empfinde, wenn man die Fähigkeiten meines Kindes unterschätzt, daran habe ich mich schon fast gewöhnt, sondern darum, dass es bei einem gehirngeschädigten Kind die Fähigkeiten pauschal einem Lebensalter zu zuordnen völliger Blödsinn ist. Außerdem glaube ich nicht, dass sie in Ihrem Bericht so schreiben muss. Kinder mit Gehirnschädigungen entwickeln seine Fähigkeiten bei Weitem nicht so mehr oder weniger parallell wie gesunde Kinder. Das sind so viele Teilbereiche, einige von denen entwickeln sich ganz gut und altersensprechend oder langsamer, andere gar nicht. Dabei ist Vieles überhaupt nicht bzw. nur eingeschränkt testbar. Nach einer Altersskala kann man die Entwicklung nicht messen, finde ich. Deswegen wäre aus meiner Sicht richtig zu schreiben, welche konkrete einzelne Fähigkeiten sie beobachtet können hat und wie diese aktuell entwickelt sind.

LG Larissa

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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon grace » 09.04.2019, 13:35

Hallo Larissa,

Ich wrüde diesem Bericht jetzt nicht zu viel Bedeutung geben und du kannst auch nicht verlangen das außenstehende Personen dein Kind so gut kennen wie du, ich meine auch verstanden zu haben das dein Kind noch nie ein einen Kindergarten gegangen ist, ist das richtig?

Vielmehr würde ich mich um die zukünftige Schule bemühen (weißt du schon welche infrage kommen könnte?) und dann mit den Lehrern offen und ausführlich über dein Kind und seine Möglichkeiten reden, es ist sehr wichtig das ihr die richtige Schule findet und das ist gar nicht so einfach.

LG

Grace

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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon Engrid » 09.04.2019, 14:00

Hallo,

ich seh das wie Grace. Die begutachtenden Pädagoginnen touren oft wochenlang durch die Kindergärten, schreiben die Berichte, beraten, da ist nicht unbedingt Zeit, allzuviele Details in die Gutachten/Berichte zu schreiben. Zumal allgemeine Formulierungen letztlich offener sind als eine Sammlung von Details. Junior wurde an seiner Förderschule auch ernst genommen, und aufmerksam beobachtet bezüglich seiner Fähigkeiten, obwohl im Gutachten „geratene“ 50 IQ-Punkte standen.
Beiß Dich nicht am Gutachten fest, sondern konzentriere Dich auf eine gute Einschulung und eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Lehrkräften.

Grüße
Engrid
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Re: Geistige Fähigkeit einem Lebensalter zuordnen bei der Schulwahl?

Beitragvon kati543 » 10.04.2019, 08:25

Hallo Larissa,
vor meinem Jüngsten war ich noch naiv und dachte, dass es nicht sehr viele neue GE-Kinder in einem kleinen Landkreis, wie unserem pro Schuljahr geben kann. Meine Annahme beruhte auf der Tatsache, dass ich wusste, dass es eine einzige Förderschule GE gab, die pro Schuljahr nicht mehr als 4 Kinder aufnehmen konnte. Auch ich hatte einige Probleme mit dem Gutachten meines Sohnes und kam so mit dem Zuständigen dort ins Reden...die Schule hatte über 100 Begutachtungen in dem Schuljahr zu erledigen - nur Erstklässler. Dazu kommen noch all die Kinder, die alle 2 Jahre begutachtet werden MÜSSEN, weil sie schon einen Förderbedarf GE haben. Die allermeisten Eltern lassen ihre Kinder mit Förderbedarf GE inklusiv beschulen - das war neu für mich. Heute weiß ich auch warum.
Ich weiß nicht, wie es bei euch im Bundesland ist, aber bei uns gibt es Förderschullehrer, die ausschließlich Begutachtungen machen. Die Dame erfüllt damit einfach eine gesetzliche Vorschrift. Die einzelnen Fähigkeiten deines Kindes sind ihr und dem Schulamt dabei vollkommen egal - so hart das jetzt klingen mag. Es geht um das Gesamtbild. Ich finde es unglaublich schwer, einem Kind, welches ich nur so kurz sehe und wo ich nur so knapp mit den Eltern und Erzieherinnen reden kann, einen passenden Förderbedarf zuzuordnen. Ich habe damals meine Kinder noch ganz anders gesehen und doch muss ich sagen, letztendlich war es gut so. Wie so ein Gutachten aufzustellen ist, dafür gibt es exakte Regeln. Auch die Förderschullehrer dürfen dort nicht alles reinschreiben. Sie müssen wirklich ihre Liste abarbeiten, sonst wird das Gutachten zurückgeschickt und sie dürfen es nochmal schreiben...das war damals bei uns passiert. Ehe wir Eltern ein Gutachten bekommen, wurde es schon von mehreren Stellen geprüft und für gut befunden.

Tja...das Gutachten landet dann in der Akte und wird abgeheftet.
In einem Förderplangespräch mit dem Lehrer beredet man dann, was das Kind wirklich kann und wie gefördert werden soll. Das ist dann schon wichtiger. Hier geht es um einzelne Fähigkeiten, die auch über den gesamten Schulbesuch beobachtet werden. Es werden Ziele gesetzt und es wird auf die Erfüllung der Ziele hingearbeitet.

LG
Katrin
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O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)

D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)


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