Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

Moderator: Moderatorengruppe

HeikeLeo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 677
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon HeikeLeo » 02.06.2019, 15:34

Liebe Susanne,

auch wenn hier viele nur die Vorteile einer Diagnose sehen, muss man das doch differenziert betrachten. Eine Diagnose bestimmt in gewissem Umfang auch die Zukunft - und zwar als Erwartungshaltung. Insofern kann eine Diagnose auch ein Nachteil an sich sein, im Sinn einer Self-Fulfilling Prophecy. Das muss es nicht, kann aber. Das hat Anna Mitgutsch schön zusammengefasst:
https://www.behindertemenschen.at/content/view/full/116183

Ansonsten sind Hilfen schön und gut. Nicht unbedingt sollte man sie aber überbewerten.

Liebe Grüße
Heike

Werbung
 
susannsch
Neumitglied
Neumitglied
Beiträge: 3
Registriert: 24.05.2019, 13:06
Wohnort: Wildau

Re: Vor/Nachteil einer Diagnose brauchen einen Rat

Beitragvon susannsch » 04.06.2019, 10:00

s.till hat geschrieben:Hallo,

Ja genau das ist unser Problem. Auf den ersten und auch manchmal auf den zweiten Blick fällt es nicht auf, dass er Autist ist. Wir sind bis jetzt immer auf Psychologen gestoßen, die nicht wirklich Ahnung vom Autismusspecktrum haben, bzw sie haben nur Erfahrung mit frühkindlichem Autismus.
Am Mittwoch haben wir das Abschlussgespräch mit dem Psychologen. Dieser sagte, dass er immer sehr vorsichtig mit der Diagnose sei, da diese ja weitreichende Konsequenzen hat.
Ich persönlich sehe im Moment keine negativen Auswirkungen sondern nur die positiven, wie Schulbegleiter usw.

LG Susanne


So ähnlich war es bei uns vor der Einschulung meines Sohnes. Geht mit V.a. Autismus-Spektrumstörung in die Tagesklinik und kommt mit "Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten" wieder raus, weil zwar viel für Autismus spreche, aber erst "zu gut auf Erziehungsmethoden" anspreche...

Bei der zweiten Diagnostik in der vierten Klasse konnte der dann Gefühle zu gut erkennen und daher trotz aller anderen erfüllten Punkte die Diagnose nicht bekommen.

Jetzt in der 7. Klasse, wo wir schon einen Schulbegleiter haben und mehrere Jahre Therapie u.a. aufgrund diverser Ängste durchhaben, hat der nun doch von der Tagesklinik die Diagnose erhalten (nach nochmaliger Diagnostik und Vgl. mit den alten Unterlagen).

Lange Rede, kurzer Sinn - ich würde auf die Diagnose bestehen, um dem Kind mögliche psychische Schäden aufgrund mangelnder Therapien und Hilfsmittel/Unterstützung zu ersparen.

Frag ihn, wie er das sehen würde, wenn es um sein Kind ginge. Im zweiten versuche einen anderen Arzt für eine zweite Meinung zu finden.

Lg Susann

Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2780
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 04.06.2019, 11:08

HeikeLeo hat geschrieben:Liebe Susanne,

auch wenn hier viele nur die Vorteile einer Diagnose sehen, muss man das doch differenziert betrachten. Eine Diagnose bestimmt in gewissem Umfang auch die Zukunft - und zwar als Erwartungshaltung. Insofern kann eine Diagnose auch ein Nachteil an sich sein, im Sinn einer Self-Fulfilling Prophecy. Das muss es nicht, kann aber. Das hat Anna Mitgutsch schön zusammengefasst:
https://www.behindertemenschen.at/content/view/full/116183

Ansonsten sind Hilfen schön und gut. Nicht unbedingt sollte man sie aber überbewerten.

Liebe Grüße
Heike


Nicht die Diagnose bestimmt die Zukunft, sondern die Einschränkungen, die der Mensch hat. Mit einer korrekten Diagnose ist es jedoch wesentlich einfacher, die passenden Hilfen zu bekommen, um die Einschränkungen für die Zukunft so weit wie eben möglich zu minimieren!

Insbesondere bei autistischen Kindern, ist das Verständnis von Außenstehenden (Erziehern, Lehrern etc.) für die „Verhaltensoriginalitäten“ um ein vielfaches höher, wenn die Diagnose von erfahrenen Fachleuten gestellt wurde. Nicht nur gegenüber dem Kind, sondern auch gegenüber den Eltern.
Wir haben das 10 Jahre ohne „richtige“ Diagnose durch. Es war schrecklich! Man hat meinem Kind zeitweise unterstellt, es würde das alles absichtlich machen und sie sei ja selbst Schuld, wenn sie dann aneckt (Kindergarten)! :roll:
In der Schule ging das ziemlich ähnlich weiter, was uns dann sogar den Wechsel zur Förderschule bescherte.
Mir wurde von Neuropädiatern im SPZ unterstellt, ich würde die Behinderung meines Kindes nicht annehmen können, wenn ich Einwände gegen die offenbar falschen Diagnosen brachte, wenn ich erklärte, dass sie Zuhause ganz anders ist. Man hat sie nach einem 10 Minuten Gespräch als „geistig behindert“ abgestempelt, ohne jeden Test, weil sie so still war und keine adäquaten Antworten gab.
Hast Du eine Ahnung, was es mit einem Kind macht, wenn in seinem Beisein so geredet wird? Das wird dann irgendwann eine self-fulfilling prophecy! „Alles sagen, ich kann nichts, ich bin blöd, dann muss es auch so sein.“

Seit der Diagnose hat man ein ganz anderes Auge für das Kind. Man weiß, dass sie manchmal nicht anders kann und man weiß, damit umzugehen. Man bringt Verständnis auf! Seit dem geht es auch dem Kind wesentlich besser. Sie ist jetzt im 5. Schulbesuchsjahr und geht zum ersten Mal in ihrem Leben gerne in die Schule! Sie lernt erstmals willig...

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

HeikeLeo
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 677
Registriert: 18.05.2015, 19:34
Wohnort: Baden-Württemberg

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon HeikeLeo » 04.06.2019, 17:42

Liebe Alexandra,

Alexandra2014 hat geschrieben:Seit der Diagnose hat man ein ganz anderes Auge für das Kind. Man weiß, dass sie manchmal nicht anders kann und man weiß, damit umzugehen. Man bringt Verständnis auf! Seit dem geht es auch dem Kind wesentlich besser. Sie ist jetzt im 5. Schulbesuchsjahr und geht zum ersten Mal in ihrem Leben gerne in die Schule! Sie lernt erstmals willig...


Da habt Ihr eben Glück gehabt. Wir hatten jahrelang die Diagnose. TROTZDEM wurde Sohn in der Förderschule trotz Schulbegleitung beständig so schikaniert, wie Du es von Deiner Tochter beschreibst - einschließlich vom Schulleiter, der sich angeblich auf Autismus spezialisiert hatte, aber nicht einmal mit dem Namen Kanner etwas anfangen konnte - ganz zu schweigen von den pädagogischen Kompetenzen. Formale Hilfen hatte er ja, z.B. eine Schulbegleitung oder eine Therapie im ATBZ. ABER: Diagnose und die dafür vorgesehenen Therapien darf man nicht überbewerten. Es kann gut laufen und es kann schlecht laufen.

Aber vielleicht liest Du auch mal etwas, was ich reinstelle - also hier das Essay von Anna Mitgutsch. Es lohnt sich in der Tat. Wichtig ist eben ein differenzierter Blick.

Liebe Grüße
Heike

Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2780
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 04.06.2019, 17:55

Heike, dass ihr an eine schlechte Schule geraten seid, liegt aber doch nicht an der Diagnose. Idioten bleiben Idioten, ob mit oder ohne Diagnose. Denkst du ernsthaft, deinem Kind wäre es dort besser gegangen, hätte es die Diagnose nicht gehabt?

Und wenn die Therapie nicht gut läuft, dann suche ich mir eine andere. Ich habe unser ATZ auch bereits nach dem zweiten Termin verlassen, weil es dort chaotisch zuging. Jetzt sind wir an ein anderes angebunden und es passt.

Das Essay, dass du eingestellt hast, kenne ich bereits und ändert auch nichts an meinen eigenen Erfahrungen. ;-)

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

Silvia & Iris
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 3632
Registriert: 20.03.2007, 18:32
Wohnort: Österreich

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Silvia & Iris » 04.06.2019, 19:34

Liebe Susanne,

bei uns stellte sich die Frage nicht wegen Diagnose... auch wenn es bis jetzt ein eigener Weg war, heute, nach 7 Schuljahren, erzähle ich dir dieses: - in der normalen Grundschule wollte man ihn nicht nehmen, ich habe - nach der Einschulungsuntersuchung nur eine Zuweisung in die nahe Sonderschule erhalten.. da meine Tochter schon auf der speziellen Schule war, habe ich ihn dann auch dort hin geschickt, samt einem Jahr Vorschule...
nach den ersten 5 Jahren in der Integration (die waren hammerhart und ich bin froh, dass es hinter und liegt, was allerdings an der Lehrerin der Regelschule lag, dennoch waren die täglich 10 Stunden außer Hause sehr anstrengend... am Nachmittag wurde dann mit den betroffenen Kindern spezifischer gearbeitet und sie haben sich als Gruppe finden können...) Nach diesen Jahren habe ich nun gewußt was genau ich suche und habe das auch gefunden, wenn ich dafür auch den Wohnort real wechseln musste... - Jetzt hat er keinen I-Status mehr und läuft ganz normal in der Klasse mit, wohl mit FM-Anlage und LRS-Ausgleich... und ich bin nun zuversichtlich, dass auch die kommenden 2 Schuljahre noch gemeistert werden... - Ich weiß nicht ganz ident, aber doch mit Parallelen! Ich will dir nur Mut machen, da Rahmen auch an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden können! Ich denke, dass Mütter sehr wohl spüren und wissen, was ihren Kindern gut tut und was sie brauchen was sie ihnen zumuten können... - dennoch, in einer anderen Schule wäre das wohl nicht gegangen... man muss daher auch bereit sein gewisse Anstrenungen zu unternehmen um zum Ziel zu kommen... - bzw. den Weg wählen, wo ersichtlich ist, dass das Kind unbeschadet durch die Schulzeit kommt (zumindest nahezu unbeschadet).

Ich wünsche dir viel Erfolg! Es ist manchmal mühsam das zu finden, was passt! Und mit Aufwand verbunden!!
Liebe Grüße
Silvia
Tochter *03/2003, PCH, HG-versorgt, ein Sonnenschein
Sohn *03/2006 AVWS + was so dazu gehört

s.till
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 501
Registriert: 25.02.2012, 23:47

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon s.till » 25.06.2019, 23:13

Hallo zusammen,

wir haben die Diagnose bekommen.
Was mich im Moment nur so sprachlos macht ist, dass wir jetzt mit Hilfsangeboten regelrecht überschüttet werden. Früher haben wir um Hilfe fast gebettelt und keiner konnte oder wollte uns ohne Diagnose helfen. Jetzt mit Diagnose sieht es ganz anders aus. Auch die Schule überschüttet sich mit Hilfsangeboten. Vor der Diagnose waren wir die Eltern die da nur was rein interpretiert haben. Frei nach dem Motto, die wollen nur eine extra Wurst....
Hoffentlich werden all die Versprechen und Hilfsangebote auch wirklich umgesetzt und sind nicht nur leere Versprechungen.

LG Susanne
M *2010 Frühchen der 27SSW, Pneumothorax, Meningitis, diverse RSV Infektionen, Pneumonien, dystroph, kleinwüchsig, stimulationsbedürftige Apnoen, Asperger Autismus, Koordinationsstörung, PEG/PEJ seit 07/16 weg :D Pflegegrad 4 und SBA von 80% G,aG,B,H
B*2008 ADS

Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2780
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 26.06.2019, 11:28

s.till hat geschrieben:Hallo zusammen,

wir haben die Diagnose bekommen.
Was mich im Moment nur so sprachlos macht ist, dass wir jetzt mit Hilfsangeboten regelrecht überschüttet werden. Früher haben wir um Hilfe fast gebettelt und keiner konnte oder wollte uns ohne Diagnose helfen. Jetzt mit Diagnose sieht es ganz anders aus. Auch die Schule überschüttet sich mit Hilfsangeboten. Vor der Diagnose waren wir die Eltern die da nur was rein interpretiert haben. Frei nach dem Motto, die wollen nur eine extra Wurst....
Hoffentlich werden all die Versprechen und Hilfsangebote auch wirklich umgesetzt und sind nicht nur leere Versprechungen.

LG Susanne


So ähnlich haben wir es ja auch erlebt! Ich drücke die Daumen, dass euch jetzt adäquat geholfen werden kann.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

s.till
Stamm-User
Stamm-User
Beiträge: 501
Registriert: 25.02.2012, 23:47

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon s.till » 27.06.2019, 17:31

@ Alex: Danke :)
M *2010 Frühchen der 27SSW, Pneumothorax, Meningitis, diverse RSV Infektionen, Pneumonien, dystroph, kleinwüchsig, stimulationsbedürftige Apnoen, Asperger Autismus, Koordinationsstörung, PEG/PEJ seit 07/16 weg :D Pflegegrad 4 und SBA von 80% G,aG,B,H
B*2008 ADS

Werbung
 
Benutzeravatar
Alexandra2014
REHAkids Urgestein
REHAkids Urgestein
Beiträge: 2780
Registriert: 04.12.2014, 14:04

Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 27.06.2019, 18:36

:)
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral


Zurück zu „Krankheitsbilder - Autismus“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste