Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Hier könnt ihr euch rund ums Thema Autismus austauschen.

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Lisaneu
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Lisaneu » 02.04.2019, 10:50

Hallo s.still,

für mich lag der Hauptvorteil der Diagnose darin, dass wir uns als Familie erst DANACH intensiv mit Autismus und den damit zusammenhängenden möglichen Schwierigkeiten und Lösungen beschäftigt haben. Vor der fixen Diagnose war es für meinen Mann und mich so wischi-waschi, nach dem Motto "das Kind ist zwar nicht ganz neurotypisch, aber auch nicht wirklich behindert". Daher haben wir zwar interessiert gelesen bzw. zugehört, wenn es wo um Autismus ging, uns aber nicht AKTIV damit auseinandergesetzt und Infos dazu gesucht.

Uns haben die Diagnosen, vor allem die beim älteren "unauffälligeren" Sohn, geholfen, mehr Verständnis zu haben und endlich mal nicht nur auf unserer "selber-schuld"- Einstellung zu beharren, sondern konstruktiv Lösungen zu finden, statt Schuldige zu suchen.

Auch die LehrerInnen, die wir bewusst über alle Diagnosen unserer Kinder informiert haben, tun sich mit diesem Wissen einfach leichter im Umgang mit unseren Kindern. Aber der Hauptvorteil war für uns als Eltern, ES endlich zu wissen und bei spezifischen Schwierigkeiten (z.B. geringe Frustrationsschwelle, herausforderndes Verhalten,...) mit mehr Verständnis reagieren und agieren zu können.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

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Engrid
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Engrid » 02.04.2019, 12:53

Hallo,

ich kenne einen jungen Mann mit Asperger, kurz vorm 18. Geburtstag diagnostiziert. Er ist eigentlich sehr fit, intelligent, sehr motiviert, vergleichsweise extrovertiert, charmant. Leider hat er sich aufgrund der späten Diagnose nicht wirklich mit seinem Autismus auseinander gesetzt, nicht wirklich hineingefunden. Er fasst beruflich nicht Tritt, aufgrund von Problemen (kann sich nicht genug zurücknehmen, zuwenig Perspektivwechsel, Tunnelblick für eigene Ideen, unrealistische Einschätzungen, reagiert verbal zu unbeherrscht), die alle mit dem Autismus zu tun haben. Prekäre Arbeitsverhältnisse, zwischendrin obdachlos, abhängig vom Elternhaus, verschuldet, privat ein dünnes Beziehungsnetz und die Neigung, Beziehungen zu anderen bei Schwierigkeiten schnell abzubrechen.
Leider kann er keine Hilfe annehmen, zb Coaching, Therapie, Wohnen, weil er unbedingt „normal“ sein will und es „so“ schaffen will - und setzt dabei grade seine Zukunft in den Sand.
Eine frühe Diagnose und eine frühe Autismustherapie hätte den Umgang mit Stärken und Schwächen sicherlich viel einfacher gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dann bei soviel Potential relativ reibungslos geklappt hätte ...

Ansonsten ist ja, bei allen Längen und Abschweifungen im Thread, eine Menge konkreter Gründe PRO Diagnose genannt worden. Letztlich entscheiden müsst Ihr als Eltern, das kann Euch keiner abnehmen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

grace
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon grace » 02.04.2019, 13:53

Hallo,

Also der Titel der TE heißt ja Vor-/Nachteil einer Diagnose und dann ist ja klar das eben auch einige Antworten zu sogenannten Nachteilen kommen können, wenn das nicht gewünscht war hätte man die Frage anders formulieren sollen.

Melly hat auch sehr ruhig und sachlich geantwortet und überhaupt nicht versucht jemanden zu überzeugen, sie hat auch mehrmals auf ihre eigene Erfahrung hingewiesen und gesagt das sie für IHREN Sohn so entschieden hat, das gilt doch nicht pauschal!

Bei einem so schwierigen und komplexen Thema wie Autismus streiten sich nun schon seit Jahren Experten, Wissenschaftler, Therapeuten und Psychiater, von Lehrern, Ärzten, Erziehern usw. will ich mal gar nicht reden....da ist es doch nur logisch das auch Eltern verschiedene Meinungen haben und jeder von seiner eigenen Erfahrung ausgeht.

Klar, ein typischer frühkindlicher Autist wird ohne Zweifel in jeder KJP Praxis der Welt nach kürzester Zeit eine Diagnose bekommen und das wahrscheinlich auch schon sehr früh, aber bei leichter betroffen Kinder ist das nun mal nicht so, Praxis A sagt ja, Praxis B sagt nein und Praxis C sagt abwarten....!

Es gibt da auch kein Richtig oder Falsch, jede Familie muss individuell abwegen was für ihr Kind stimmt und ich gehe jetzt mal stark davon aus das alle betroffenen nur das beste für das Kind wollen, auch wenn die Meinungen auseinander gehen.

Susanne, du hast schon viele gute Tipps bekommen, ich wünsche euch das ihr bald Klarheit schaffen könnt.

LG

Grace

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 02.04.2019, 14:41

@AnnalenaO: seit wann soll man seine Meinung nicht mehr sagen, weil es jemanden verunsichern könnte ? Wenn es jemanden verunsichert, dann denkt der nochmal drüber nach und kommt entweder zu dem Schluß daß es für das eigene Kind eh so passt wie man es handhabt, oder man ändert was. Aber ehrlich, das ist ein Diskussionsforum, und da nichts zu schreiben was irgendwen vielleicht verunsichert führt am Zweck vorbei.

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 02.04.2019, 14:53

Nachtrag:
@ Susanne, wenn du nur Argumente PRO haben wolltest, hättest du das eben auch so formulieren sollen. Du hast ja extra nach Vor und Nachteilen gefragt.

Generell noch zu der Berufssache: das betrifft nicht nur Polizisten, das betrifft genauso Piloten, Busschauffeure und eine Menge anderer Berufe in denen man Verantwortung für das Leben Anderer trägt. Ob man als Autist geeignet ist einen solchen Beruf auszuüben, lässt sich gerade bei Leuten im Graubereich absolut nicht sagen finde ich, wird auf den Einzelfall ankommen. Das ist auch nicht der Grund für einen generellen Ausschluß aus heiklen Berufen. Bei einer bestehenden Autismus-Diagnose wird einfach niemand dieses Risiko eingehen, weil die Versicherungen eine Deckung eines beruflichen Unfalls oder Verschuldens jedenfalls ablehnen würden. Das ist der Grund.

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 02.04.2019, 15:08

Hallo melly,

weißt du das, weil du das recherchiert hast, oder vermutest du das, weil es Dir logisch erscheint?

Mein Asperger Neffe arbeitet nämlich in so einem Beruf, in dem er Verantwortung für sehr viele Menschen hat. Gerade seine pedantische Zuverlässigkeit ist das, was seine Chefs an ihm schätzen. Ich weiß nicht, wieviele Asperger Menschen du kennst, aber du scheinst ihr Können und ihre Möglichkeiten sehr zu unterschätzen, um nicht zu sagen, in Schubladen zu stecken. Ich glaube ehrlich gesagt, dass du ein völlig falsches Bild von Menschen mit Asperger (vielleicht sogar Autismus allgemein) hast, nach dem was du hier schreibst.

Gruß
Alex
R. *12/2007, Autismus-Spektrum-Störung, okzipitale Epilepsie mit Ausbreitung nach frontozentral

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon AnnalenaO » 02.04.2019, 16:21

@Melly: es geht mir nicht darum dass man nicht prinzipiell auch Argumente gegen die Diagnostik anbringen kann und diskutieren kann. Es geht um die Art und Weise. So wie du das schreibst kommt es einfach rüber als würde man das als verantwortungsbewusstes Elternteil so und nicht anders machen weil man dem Kind sonst Chancen verbaut. Das wird mir zumindest so suggeriert wenn du schreibst ihr könntet wenn ihr wolltet eine Autismusdiagnose haben machtes aber nicht weil ihr an die Zukunft des Kindes denkt. Das hat etwas was mir zumindest erstmal ein schlechtes Gefühl macht meinem auch nicht extrem betroffenen Kind eine Diagnose vergeben zu haben. Es ist zumindest für mich was anderes als wenn jemand völlig wertfrei schreibt Nachteile einer Diagnose sind dass man bei Versicherungen evtl ausgeschlossen wird und dass man keinen Zugang zu bestimmten Berufen haben kann. Vielleicht empfinde nur ich das so als unterschwelligen Vorwurf Eltern gegebüber die eine Diagnose anstreben zu schreiben dass man das beim eigenen Kind nicht macht obwohl es ginge. Je nachdem wie man Aussagen verpackt wirken sie unterschiedlich, auf mich zumindest.
Viele Grüsse, Annalena
Sohn 5/2009 Asperger Syndrom
Tochter 10/2012 Topfit

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 02.04.2019, 17:28

Ich habe ohne Wertung gesagt was für mich die Nachteile einer Diagnose sind. Daß dem auch viele Vorteile gegenüber stehen ist unbestritten. Daß eine Diagnose einen Ausschluß von den meisten Versicherungen und damit auch aus manchen Berufen mit sich bringt ist so. Ich weiß nicht warum mir jetzt eine schlechte Meinung von Autisten unterstellt wird, weil ich auf diesen Fakt hingewiesen habe ?

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon NicoleWW » 02.04.2019, 17:51

Melly, es wurde nur gefragt, wo du die Info her hast dass Autisten von bestimmten Berufen ausgeschlossen sind und Alex schrieb dass ihr Asperger Neffe in so einem Beruf mit Verantwortung für viele Menschen arbeitet.

Wenn man so eine Behauptet schreibt, ist doch klar dass die anderen fragen woher Du das weißt oder ob das nur eine Vermutung von dir ist. Es gibt zB auch Ärzte mit Diagnose, die dürfte es ja dann auch nicht geben, denn die haben auch eine sehr große Verantwortung für das Leben anderer und ich bezweifel dass sie die Diagnose verheimlichen denn sie werden bei Vorträgen mit Diagnose angekündigt.
Nicole (70, Morbus Bechterew, Asthma) mit

J.M. (92)
J.C. (93)
J.E. (95, ADHS, E80.4)
A.M. (04, F93.3, F98.8, F81,1)
S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)
V.L. (07, J45.1, F98.0)
J.K. (07, F84.5, F98.0)

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 02.04.2019, 18:08

Ich habe nur geschrieben, daß es etliche Berufe gibt in denen man solche Diagnosen melden muss. Bei Piloten und Polizisten weiß ich es definitiv, weil ich selber je einen Piloten und einen Polizisten kenne und weis, daß due alles offenlegen mussten. Ob das für Ärzte gilt weiß ich nicht, genausowenig wie ich weiß für welche anderen Berufe das noch gilt. Fazit ist das was ich geschrieben habe, nämlich daß damit viele Versicherungen und manche Berufe nicht möglich sind.


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