Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

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Alexandra2014
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Re: Vor/Nachteil einer Diagnose brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 31.03.2019, 09:35

Hallo melly,

das ist für ein Kindergartenkind alles richtig. Ab Schuleintritt sieht das Ganze schon anders aus, weil da niemand mehr ist, der helfend eingreifen kann, so wie das die Erzieherinnen noch getan haben. Es ist einfach ein ganz anderes Setting.

Eine Schulbegleitung zu bekommen, ist Heute mit Diagnose schon schwer, ohne Diagnose nahezu aussichtslos, auch wenn es eigentlich am Bedarf festgemacht werden soll.
Man geht ein hohes Risiko ein, dass das Kind dann allein da steht und gar nichts geht. Je nach dem wie belastend das für das Kind ist, dauert es sehr lange, das wieder aufzuarbeiten, bis hin zur Schulverweigerung.

Mein Neffe (Asperger) ist z.B. auch „ohne alles“ eingeschult worden. Das ist so eskaliert, dass er nach wenigen Monaten die Schule verlassen musste und ein halbes Jahr in einer psychiatrischen Tagesklinik verbrachte. Und abgesehen von der sozialen Komponente war er komplett selbstständig. Danach ging er dann auf eine Förderschule.
Es ist ein ganz schmaler Grat, auf dem man sich bewegt, wenn man die Diagnosestellung ablehnt, obwohl die Problematik so offensichtlich ist.

Gruß
Alex
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Lisaneu
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Re: Vor/Nachteil einer Diagnose brauchen einen Rat

Beitragvon Lisaneu » 31.03.2019, 10:01

Hallo melly210,

teils stimme ich mit dir überein, teils nicht.

melly210 hat geschrieben: Ich würde sagen es kommt darauf an wie fit das Kind so generell ist und wieviel Hilfe es braucht. Weil ja, natürlich bekommt man mehr Hilfe. Aber genauso stimmt es, daß gewisse Ding wie manche Berufe, Versicherungen etc ppp. mit einer Autismusdiagnose schwer bis unmöglich sind. Das ist dann einfach eine offiziell festgestellte Behinderung. Und zwar, solange die Diagnose nicht irgendwann wegen Irrtums wiederufen wird, im Gegensatz zu "Entwicklungsverzögerung" eine permanente.


Da gebe ich Dir 100%ig recht.

melly210 hat geschrieben: Dh, wenn das Kind ohnehin diverse Einschränkungen hat, und dann dieser "Stempel" eh nicht mehr ins Gewicht fällt,kann man die Diagnose ruhig anstreben. Wenn es aber um ein fittes, intelligentes Kind geht sollte man gut abwägen. Wieviel Hilfe braucht das Kind, bekommt man die auch ohne Autismus-Diagnose etc.


Das sehe ich anders. Ich bin Mutter von zwei diagnostizierten Autisten, einer davon wo es (gemein gesagt) "eh schon wurscht" ist, ob er eine (zusätzlich) Diagnose bekommt, und einen, wo es auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Fit und intelligent sind übrigens beide. Und gerade, als mein älterer, sehr intelligenter Sohn Hilfe brauchte (in dem Fall einen Hort, der mit seinen Eigenheiten umgehen kann), hätten wir diese ohne Diagnose nicht bekommen. Da waren wir froh, dass wir die Diagnose schon hatten. Wenn wir dann, in der Situation, erst alles hätten anleiern müssen, wäre das auf viel Leiden für ihn und uns alle hinausgelaufen.

melly210 hat geschrieben: Mein Sohn ist jetzt 4. Er hat Muskelhypotonie und Wahrnehmungsstörungen. Ich schätze wenn wir wollten könnten wir eine Autismusdiagnose bekommen. Seine Wahrnehmung ist einfach mitunter anders. Dh er ist nicht neurotypisch und hat teilweise autistische Züge. Hat wie er klein war gerne lange die Waschmaschine oder einen Ball gedreht, oder sich auch selber gedreht. Bis zu 20 min lang. Neues ist eher schwierig für ihn, und er hat auch Ängste. Er ist aber sehr empathisch und kann Leute gut einschätzen. Dieses Wissen benutzt er um sie elegant dazu zu bringen das zu tun was er gern hätte. Er weiß wie er wen "nehmen" muß. Demnach bin ich mir auch unsicher, ob er wirklich Autist ist.


Die Diagnose stellt man auch nicht als Eltern, dafür gibt es Fachleute (leider nicht nur fähige). Ich kenne mittlerweile eine ganze Menge diagnostizierter autistischer Kinder, und davon erfüllt kein einziges ALLE Diagnosekriterien. Bei meinem älteren Sohn hat es im Alter von 4 Jahren noch so ausgesehen, als wäre er einfach ein bisschen "speziell" und sonst sei alles in Ordnung. Auf anraten des Kindergartens habe ich trotzdem eine Entwicklungsdiagnostik machen lassen, wo von einer leider unfähigen KJP Autismus und ADHS (beides Diagnosen, die er heute hat) explizit ausgeschlossen wurden. Dadurch hatten wir noch über 3 Jahre Weg, bis wir endlich doch die Diagnose hatten, die vieles erklärte. Bei Autismus werden die Auffälligkeiten schließlich mit zunehmenden Alter nicht weniger, sondern mehr.

So, wie bei Fehlsichtigkeit. Da kann man auch sagen "Oh, mein Kind stolpert leicht über etwas drüber, es erkennt seine Freunde auf der anderen Straßenseite nicht und sieht manchmal von hinten nicht vor bis zu Tafel! Aber es kann einwandfrei malen und Lego bauen, es sieht auch den Fußball auf sich zukommen, also wird mit seinen Augen schon alles in Ordnung sein. Ich gehe lieber nicht zum Augenarzt, sonst bekommt mein Kind noch eine Brille vorordnet. Und wenn es mal Pilot oder Fluglotse werden will, kann es das gar nicht mehr, wenn bekannt ist, dass es fehlsichtig ist. Also mache ich lieber gar nichts, mein Kind ist ja bisher auch so gut zurecht gekommen. Ich will ihm ja nicht die ganze Zukunft verbauen!".

melly210 hat geschrieben: Intelligent ist er auch.Hat mit etwas über drei die Uhr analog und digital sinnerfassend abgelesen und jetzt mit gerade 4 tut er sein Möglichstes um lesen zu lernen. Er kompensiert auch im Kindergarten gut, hat schon zwei Freunde dort. Kritisch sind immer noch Situationen die sehr laut/chaotisch sind oder wenn Kerzen im Spiel sind. Da kommt jetzt dann mal eine Sonderkindergärtnerin und beobachtet ihn in der Gruppe, um der Pädagogin Tipps zu egben wie sie in diesen Situationen besser mit ihm umgehen kann. Nachdem er aber im Kiga soweit zurechtkommt, werden wir keine weitere Diagnostik betreiben. Mal sehen wie es in der Schule läuft. Aber so es ohne weitere Diagnostik geht, werden wir ohne bleiben. Dann stehen ihm weiterhin alle Möglichkeiten offen.


Ich wehre mich gegen so Aussagen wie "Ein bisserl Autist ist jeder!" weil sie einfach nicht stimmen. Bestimmt laufen etliche nicht diagnostizierte Autisten herum (Kinder wie Erwachsene) und kommen mehr oder weniger gut zurecht. Bestimmt BRAUCHEN nicht alle von ihnen eine Diagnose bzw. Hilfe. Aber es ist nun mal klar definiert, ab wann jemand die Diagnose bekommt, bzw. nicht. Um wieder mit Fehlsichtigkeit zu vergleichen: jeder ÜBERSIEHT mal was, aber deswegen ist längst nicht jeder fehlsichtig!

Und auch nicht jeder, mit der gleichen Fehlsichtigkeit, kann gleich gut kompensieren. Mein Mann und ich sind etwa gleich stark kurzsichtig (aktuell ich -9,75 Dioptrin auf jedem Auge, mein Mann -9,5 und -10,5). Trotzdem kommt mein Mann ohne Brille WESENTLICH besser zurecht, als ich.

Bei Autisten ist es dasselbe. Da wird oft der Fehler gemacht, dass Außenstehende denken "Je auffälliger ein Kind ist, desto stärker ist es (von Autismus) betroffen!". Das stimmt aber nicht. Gerade anpassungsfähige, unauffällige Autisten werden viel seltener diagnostiziert als solche, wo es ständig zu Problemen kommt. Man geht davon aus, dass es dem Kind gut geht, solange es keine groben Schwierigkeiten hat und macht. Das ist aber nicht immer der Fall. Mein älterer Sohn ist ein Beispiel dafür. Der leidet immer wieder, wenn er autismusbedingt ganz normale, soziale Situationen missversteht. Dann reagiert er zwar nur selten aggressiv oder unberechenbar, aber für Außenstehende "komisch". Allein schon, dass die Personen, die STÄNDIG mit meinem Kind zu tun haben (Lehrerinnen, Hortbetreuerinnen) über seine Autismus-Diagnose informiert sind, macht da einen gewaltigen Unterschied!

Damit will ich dich nicht zur Diagnostik von jetzt auf gleich überreden. Mit 4 Jahren gibt es ohnehin noch nicht viele austimuspezifischen Therapie-Möglichkeiten, und wie die am Anfang deines Beitrages richtig schreibst, braucht man längst nicht für alles (Ergo, Logo, Frühförderung, Physio,...) eine Autismus-Diagnose. Daher finde ich im Fall deines Sohnes durchaus angebracht, erst mal abzuwarten, wie sich die Sache weiter entwickelt.

Aber ich sehe zwischen den Zeilen auch den Wunsch, eventuell die Behinderung (die Autismus ja ist) zu verschleiern, um dem Kind nicht später Chancen zu verbauen. Und diese Haltung sehe ich sehr kritisch. Da frage ich mich, wie die Gesellschaft lernen soll, mit Diversität umzugehen, wenn sich Eltern der Behinderung ihrer Kinder derart schämen bzw. sich so vor den "Folgen" fürchten, dass sie diese verstecken bzw. verheimlichen müssen und es gar nicht so genau "wissen wollen". Erinnert mich ein bisschen an die Zeiten, wo man Linkshändern mit Gewalt den Stift immer wieder in die "schöne" Hand gedrückt hat, weil MAN ja mit der rechten Hand zu schreiben hat. An meine eigene Kindheit, wo ich trotz großem Wunsch nicht geometrisch zeichnen DURFTE, weil ich ein Mädchen war. Heute ist das Gott sei Dank anders! Aber nicht durch diejenigen Menschen, die sich geduckt und angepasst haben, sondern durch die, die dazu gestanden sind, wer und was sie sind und was sie wollen!
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
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Re: Vor/Nachteil einer Diagnose brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 31.03.2019, 16:48

Alexandra2014 hat geschrieben:Hallo melly,

das ist für ein Kindergartenkind alles richtig. Ab Schuleintritt sieht das Ganze schon anders aus, weil da niemand mehr ist, der helfend eingreifen kann, so wie das die Erzieherinnen noch getan haben. Es ist einfach ein ganz anderes Setting.

Eine Schulbegleitung zu bekommen, ist Heute mit Diagnose schon schwer, ohne Diagnose nahezu aussichtslos, auch wenn es eigentlich am Bedarf festgemacht werden soll.
Man geht ein hohes Risiko ein, dass das Kind dann allein da steht und gar nichts geht. Je nach dem wie belastend das für das Kind ist, dauert es sehr lange, das wieder aufzuarbeiten, bis hin zur Schulverweigerung.

Mein Neffe (Asperger) ist z.B. auch „ohne alles“ eingeschult worden. Das ist so eskaliert, dass er nach wenigen Monaten die Schule verlassen musste und ein halbes Jahr in einer psychiatrischen Tagesklinik verbrachte. Und abgesehen von der sozialen Komponente war er komplett selbstständig. Danach ging er dann auf eine Förderschule.
Es ist ein ganz schmaler Grat, auf dem man sich bewegt, wenn man die Diagnosestellung ablehnt, obwohl die Problematik so offensichtlich ist.

Gruß
Alex


Mein Sohn hat keine Probleme mit den anderen Kindern. Er geht sehr gern hin, hat auch schon Freunde. Womit er aktuell immer noch Probleme hat ist mit Situationen die ihm Angst machen. Zb wenn Kerzen oder helles Licht/Blitzlicht im Spiel sind, oder wenn die ganze Gruppe eine Aktivität macht und es sehr laut wird, zb weil alle Kinder gleichzeitig rufen sollen oder so. Da reicht ihm dann die Gruppe als Halt nicht aus, da hat er dann manchmal Angst und weint und muss dann getröstet werden. Manchmal auch bei neuen Situationen, das aber mittlerweile nurmehr sehr selten.
Er wird in die Volkusschule gehen die im selben Haus ist wie der Kindergarten. Die meisten Kinder gehen weiter und kennen sich somit, er kennt die Räumlichkeiten, die Kinder sind im letzten Kiga-Jahr schon oft drüben in der Schule, und auch die Lehrerin besucht sie im Kindergarten und tauscht sich mit den Erziehern aus. Dh, es wird nicht so sein, daß er da wo völlig neu reinkommt und die Lehrerin baff erstaunt ist wenn er noch irgendwo Probleme haben sollte. Es wird bekannt sein, wo es ev. Probleme geben könnte. Aller Voraussicht nach wird er als Regelkind in eine I-Klasse kommen. Falls es doch gröber Probleme gäbe, könnte er dann ohne Klassenwechsel den I-Status oder sonstige Hilfen bekommen. Aktuell sieht es aber nicht danach aus daß er das brauchen würde. Sehen auch unsere Ergotherapeutin und seine Erzieherin im Kiga so.

Lisaneu hat geschrieben:
Damit will ich dich nicht zur Diagnostik von jetzt auf gleich überreden. Mit 4 Jahren gibt es ohnehin noch nicht viele austimuspezifischen Therapie-Möglichkeiten, und wie die am Anfang deines Beitrages richtig schreibst, braucht man längst nicht für alles (Ergo, Logo, Frühförderung, Physio,...) eine Autismus-Diagnose. Daher finde ich im Fall deines Sohnes durchaus angebracht, erst mal abzuwarten, wie sich die Sache weiter entwickelt.

Aber ich sehe zwischen den Zeilen auch den Wunsch, eventuell die Behinderung (die Autismus ja ist) zu verschleiern, um dem Kind nicht später Chancen zu verbauen. Und diese Haltung sehe ich sehr kritisch. Da frage ich mich, wie die Gesellschaft lernen soll, mit Diversität umzugehen, wenn sich Eltern der Behinderung ihrer Kinder derart schämen bzw. sich so vor den "Folgen" fürchten, dass sie diese verstecken bzw. verheimlichen müssen und es gar nicht so genau "wissen wollen". Erinnert mich ein bisschen an die Zeiten, wo man Linkshändern mit Gewalt den Stift immer wieder in die "schöne" Hand gedrückt hat, weil MAN ja mit der rechten Hand zu schreiben hat. An meine eigene Kindheit, wo ich trotz großem Wunsch nicht geometrisch zeichnen DURFTE, weil ich ein Mädchen war. Heute ist das Gott sei Dank anders! Aber nicht durch diejenigen Menschen, die sich geduckt und angepasst haben, sondern durch die, die dazu gestanden sind, wer und was sie sind und was sie wollen!


Ich verstehe was du meinst, absolut. Allerdings ist Autismus aus meiner Sicht zurecht eine Spektrum-Erkrankung. Es gibt keine scharfe Trennlinie zwischen jemanden der im autistischen Spektrum liegt und jemand der außerhalb liegt. Die Summe der Merkmale und auch ihre Auprägung macht es dann aus ob man als autistisch diagnostiziert wird oder nicht. Hätte ich ein Kind daß klar im Spektrum liegt, und bei dem auch ev. zu erwarten ist, daß er öfter aneckt, Hilfe braucht oder sonst was, würde ich ihn ganz klar diagnostizieren lassen und selbstverständlich dafür kämpfen, daß er trotzdem alle Chancen hat. Aber was ist mit den Grenzgängern ? Solche, zu denen vielleicht, vielleicht auch nicht mein Sohn gehört ? Wie du richtig sagst gehen sehr, sehr viele von ihnen ohne gröbere Probleme durchs Leben ohne jemals diagnostiziert zu werden. Ich glaube auch unser Sohn wäre generell nicht aufgefallen, wenn wir nicht von Geburt an schon Entwicklungsdiagnostik gehabt hätten. Ich finde in solchen Fällen einfach, da muß man abwarten, sehen wie das Kind sich entwickelt. Gilt aus meiner Sicht auch für Kinder die grenzwertig am ADHS oder ADS liegen.

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Alexandra2014
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Alexandra2014 » 31.03.2019, 18:44

Hallo Melly,

mir ging es auch diesbezüglich weniger um dein Kind, als um das der Thread-Starterin, auf dessen Frage du dich ja bezogen hast.

Gruß
Alex
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon s.till » 31.03.2019, 21:08

Hallo zusammen,

Danke für eure Antworten.
Wir hatten jetzt über den Onkel meines Mannes Kontakt zum Gerichtspräsidenten von einem Gericht. Dieser meinte, dass es seiner Erfahrung nach es mehr Vorteile mit sich bringt die Diagnose zu bekommen, als sie aus Angst vor Nachteilen nicht geben zu lassen.

LG Susanne
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon NicoleWW » 31.03.2019, 21:28

Hallo Melly,

ich schreibe dir warum eine Diagnose so früh wie möglich sinnvoll ist.

Meine Tochter die Autistin ist, kam durch den Kindergarten augenscheinlich problemlos los (zumindest fast), dass es ihr da aber nicht sonderlich gut ging merkte man daran dass sie nicht gerne hinging. Die Schule war überzeugt dass wir keine Schulbegleitung brauchen, wir haben sie ihnen Gott sei dank aufgezwungen denn aber der 4. Klassen traten plötzlich Probleme auf die die Klassenlehrerin nicht mehr hätte alleine händeln können/wollen und ohne Schulbegleitung hätte die Lehrerin sie nicht mit ins Schullandheim genommen. Hätten wir da erst mit der Diagnostik angefangen, hätte das ewig gedauert bis man überhaupt einen Termin bekommen hätte,vermutlich wäre über 1 Jahr vergangen bis wir die Diagnose gehabt hätten und erst dann hätten wir eine Schulbegleitung beantragen können und auch das dauert Monate.

Klar bleibt es jedem selbst überlassen ob er sein Kind diagnostizieren lässt oder nicht, es wird aber nicht funktionieren nach dem Motto, wir versuchen es ohne Diagnose und wenn es nicht klappt dann wollen wir schnell Hilfe , bis man die Diagnose und dann auch die Hilfen hat können viele Monate vergehen, das sollte man dabei bedenken.

Liebe Grüße
Nicole
Nicole (70, Morbus Bechterew, Asthma) mit

J.M. (92)
J.C. (93)
J.E. (95, ADHS, E80.4)
A.M. (04, F93.3, F98.8, F81,1)
S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)
V.L. (07, J45.1, F98.0)
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 31.03.2019, 21:42

Liebe Nicole, es ist klar, daß man Kinder mit Baustellen, egal welcher Art, immer gut beobachten muß um ggf. frühzeitig zu reagieren wenn sich Probleme anbahnen sollten. Wenigstens für mich versteht sich das von selbst. Meine Schwester ist selbst Entwicklungspsychologin, die erzählt da auch immer mal wieder aus dem Nähkästchen. Mein Sohn geht übrigens sehr gerne in den Kindergarten. Fragt oft schon am Wochenende wann er wieder hin darf :-) Darüber bin ich sehr froh.

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon NicoleWW » 31.03.2019, 21:46

noch ein Zusatz:

Es stehen auch mit Diagnose alle Wege offen, man muss sie ja nicht bekannt geben, auch einen Schwerbehindertenausweis muss man nicht vorlegen. Nur wenn man Nachteilsausgleiche möchte muss man natürlich mit offenen Karten spielen. Klar bei Versicherungen muss man es angeben aber sonst. Als Beispiel kann ich das Legoland nennen, wenn wir den Nachtteilsausgleich wollen dass wir ohne Zusatzkosten nicht an den großen Schlangen anstehen müssen, dann müssen wir mit den Diagnosen unserer Kinder an die Info gehen und bekommen ein Armbändchen mit dem wir nicht mehr anstehen müssen, aber die Kinder dürfen dann nicht mehr alleine fahren, es muss ein Erwachsener mitfahren und die 3D-Brille dürfen sie dann auch nicht benutzen (in der Bahn). Wir sind aber nicht gezwungen die Diagnose unserer Kinder dem Park mitzuteilen, dann bekommen wir aber auch das Armband nicht müssen normal anstehen und die Kinder können auch alleine Bahn fahren .
Beim Beruf ist es genau so, nicht die Diagnose verhindert den ein oder anderen Beruf (die muss man ja nicht angeben) sondern das Verhalten beim Vorstellungsgespräch oder auch in der Probezeit (egal ob mit oder ohne Diagnose) ...... klar kann es sein dass wenn man die Diagnose bekannt gibt der ein oder andere Arbeitgeber sagt "nein danke", aber wie ja schon geschrieben es ist einen selbst überlassen ob man sie bekannt gibt .
Die Diagnose macht einen ja nicht fähiger oder unfähiger für einen Beruf !

Liebe Grüße
Nicole
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S.F. (04,F84.5, F98.8, J30.3, E80.4, J45.0)

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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon melly210 » 31.03.2019, 23:59

Nicole, so einfach ist das bezüglich der Berufe nicht ! Da gibt es bei vielen Berufen, genau wie bei Versicherungen, die Pflicht solche Daten offenzulegen. Natürlich nicht wenn man zb Gärtner werden will, aber wnen man Pilot werden will, sehr wohl. Und das ist dann ein Ausschließungsgrund. Manche Berufe darf man nur als komplett gesunder Mensch machen. Genau wie man eben auch bei Versicherungen sehr hohe Aufschläge hat, falls sie einen überhaupt nehmen. Daher meine ich ja, "permanente" Diagnosen wie Autismus sind ein anderes Paar Schuhe als so "Kinderdiagnosen" wie Entwicklungsverzögerung. Letzteres wächst sich ja auch mitunter aus, das wird nicht als permanente Behinderung gewertet, und man muss es dann als Erwachsener nirgends angeben.

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Engrid
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Re: Vor-/Nachteil einer Diagnose - brauchen einen Rat

Beitragvon Engrid » 01.04.2019, 07:22

Hallo,

nun ja, Nicole Schuster hat ja bekannterweise ihre Diagnose zurückgegeben, geht also sehr wohl. Und weil mein Kind später nicht Pilot werden kann eventuell ihm jetzt keine Diagnose machen zu lassen, wenn es vermutlich ins Spektrum passt, finde ich etwas seltsam gewichtet. Bei den allermeisten Berufen müsste man die Diagnose selber nicht angeben, relevant sind allerdings zB Wahrnehmungsstörungen als Hinderungsgrund für bestimmte Berufe, und zwar unabhängig von einer offiziellen Diagnose.
Melly, offenbar habt Ihr optimale Bedingungen, was zB ärztliche Langzeit-Verordnungen ohne Listendiagnose oder barrierearme Schulsituation betrifft. Die allerallermeisten hier haben das nicht.
Das lange Zögern zur Diagnostik ist leider schon vielen bitter auf die Füße gefallen.

Würden wir in einem Land leben, wo Kinder auch ohne Diagnose das bekommen, was sie brauchen, könnte man wohl ab und an mal raten, noch zuzuwarten. Meistens wird es aber auch dann so sein: Je früher das Kind und die Eltern wissen, woran sie sind, desto früher können sie das Anderssein (das ja meist auch die Kinder empfinden) benennen, positiv belegen, und sich über Autismus informieren. Autismus ist eben bei weitem nicht nur eine medizinische Diagnose, sondern auch die Verortung im neurodiversen Spektrum. Das geht weit über Medizin hinaus, und hat viel mit Identität zu tun.
Mir fällt eigentlich kein Autist ein, der sagt ich hätte es lieber nicht gewusst, aber viele die sagen: Ich wünsche, ich hätte nicht so spät den Grund erfahren, für mein gefühltes Anderssein, für die Schwierigkeiten in der Schule, im Job, usw ...

Unter den unzähligen undiagnostizierten Autisten sind sicherlich auch viele, die gut zurecht kommen. Das sind aber vermutlich nicht die, wo man schon im Kindergartenalter so viele Auffälligkeiten gesehen hat, dass über Autismus oder anderes nachgedacht wird ...


Edit: Das Thema kommt hier ja öfter hoch, wenn Euch ein alter langer Thread mit vielen Meinungen interessiert, bitteschön: ftopic99817.html
Der Threaderöffner Norbert hat übrigens seinem Sohn dann doch noch eine Autismusdiagnose machen lassen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)


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