Geistig behindert oder nicht?

Unsere Kinder werden älter, verlassen die Schule und auch oft das Elternhaus. Wie sehen die Perspektiven für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene aus? Wo können sie arbeiten? Wo finden sie geeignete Wohnformen? Hier können sich Eltern austauschen und informieren!

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Tammyd0407
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Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon Tammyd0407 » 21.03.2019, 04:50

Guten Morgen zusammen,
Ich bin neu hier , kurz zu mir, ich bin 45 Jahre alt, meine Tochter ist 15 Jahre alt, ehemaliges Frühchen 26 Ssw, mit 900 gr , Rotaviren mit Ileus und anlage eines Stomas, Rückverlagerung des Stomas, Nierenversagen mit Anurie und Hyponatriämie, Krampfanfall und Hirnblutung. Sie hat sich zu einem ganz normalen Teenie entwickelt und geht auf eine Privatschule- Gesamtschule. Es ist eine chronische Niereninsuffizienz geblieben mit einem GFR wert von 53, leider hat meine Tochter durch die Hirnblutung eine Dyskalkulie, sie ist mit rechnen auf dem Stand einer 2. Klässlerin und auch Deutsch bereitet ihr große Probleme, somit kommt sie für die Hauptschulabschluss Prüfung nicht in Frage und bekommt nur einen Berufsorientierten Abschluss. Jetzt zu meiner eigentlichen Frage, ich hatte gestern ein Gespräch mit dem Rektor der Schule und der meinte ich solle meine Tochter als geistlich behindert einstufen lassen, da hätte ich mehr Möglichkeiten was die Ausbildung betrifft. Wenn sie einmal diesen status hat kann sie diesen auch nicht mehr abgeben oder ? Habe wir tatsächlich mehr Vorteile? Ich habe keine Ahnung was ich tun soll, ich bin alleinerziehend der Papa kümmert sich leider nicht. Könnt ihr mir bitte eure Meinung mitteilen ? Mich beschäftigt das unheimlich. Vielen lieben Dank

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Tammyd0407
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Re: Geistlich behindert oder nicht?

Beitragvon Tammyd0407 » 21.03.2019, 04:53

Ps . Sie hat einen Schwerbehindertenausweis mit 70% und den Merkzeichen G und B, sie hat zudem noch Orientierungsprobleme

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Engrid
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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon Engrid » 21.03.2019, 07:23

Hallo,

also wenn Deine Tochter bisher an der Regelschule klar kam, und bis ins letzte Schuljahr versetzt wurde, dann hat sie mit Sicherheit keine geistige Behinderung. Vielleicht maximal eine Lernbehinderung (das heißt IQ über 69 und unter 90). Der Rektor hat mit seiner Aussage eigentlich bewiesen, dass er keinen Schimmer davon hat.
Vielleicht hat sie auch einfach nur die unglückliche Kombi Dyskalkulie und Leseschwäche/Rechtschreibschwäche/Legasthenie. Um da zu helfen ist es aber jetzt bezüglich Schule wohl zu knapp, da hätte man schon in der Grundschule anfangen können/müssen. War sie denn bisher unauffällig? Oder habt Ihr da mal genauer hingucken lassen?
Wie gut kann sie denn im Alltag denken? Logische Zusammenhänge, Aussagen anderer richtig einordnen, Gedächtnis, Arbeitsschritte/Handlungen planen, all sowas ...? Das wäre Euch doch aufgefallen, wenn sie da Probleme hätte?

In die Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die der Rektor wahrscheinlich mit den „mehr Möglichkeiten“ gemeint hat, kann sie, wenn offiziell festgestellt wird, dass sie auf Dauer auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann. Das ist ja wohl noch nicht raus :wink: Und es gibt ja noch andere Möglichkeiten, zb Berufsbildungswerke. Was kann sie denn gut, was interessiert sie?

Guck mal hier rein: https://www.rehadat-bildung.de/de/
Deine Kommune hat einen Integrationsfachdienst (IFD), der Euch auch beraten können sollte (Die sind aber manchmal auch recht pro-Werkstatt, hab ich mir sagen lassen - in dem Fall einfach nicht blind auf deren Einschätzung verlassen)

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon JasminsMama » 21.03.2019, 08:41

Hallo,

meine Tochter hat lt. Testung eine Lernbehinderung und eine Dyskalkulie. Sie ist ein Grenzgänger, d.h. in einigen Bereichen ist sie klar in der "G-Schublade" - in anderen gilt sie als normal entwickelt.

Sie war in Klasse 1-6 auf einer Lernförderschule, nach der 6. Klasse habe ich sie auf die G Schule umschulen lassen aus zwei Gründen:

1. war dort eine Beschulung in einer Außenklasse inklusiv möglich, was im Nachhinein gesehen das Beste war, was wir machen konnten, sie hat dort eine großen Sprung gemacht und

2. weil sie eben tatsächlich in Bezug auf den späteren Beruf mehr Möglichkeiten hat und zwar nicht nur im Sinne eines Werkstattbesuchs, denn dafür ist sie definitiv zu fit.

Bei uns ist es so, dass wenn man den G Status hat, man eben auch einen, durch die Schule begleiteten Einstieg in den Beruf machen kann.

Zur Zeit besucht sie eine 1-jährige BO-Klasse (Berufsorientierungsklasse der G-Schule) als Außenklasse. Danach kann sie die 2-jährige BVE (Berufsvorbereitende Einrichtung) besuchen, das ginge ohne den G-Status nicht.

In diesen Schulstufen müssen in der BO 3 Praktika à zwei Wochen in einem Schuljahr gemacht werden, auf der BVE ist es im Block, d.h. die Jugendlichen gehen 3 Tage zur Schule und 2 Tage ins Praktikum. Man hofft, dass sie so in einem Betrieb Fuß fassen können, der sie auch ohne Abschluss bzw. reguläre Ausbildung übernimmt. Was an unserer Schule ein super erfolgreiches Konzept ist!

Mir (ich bin auch alleinerziehend und der Vater kümmert sich nicht) ist es auch nicht leicht gefallen, diesen Schritt zu gehen, ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht.

Ich habe mir alles ganz genau von der Rektorin erläutern lassen und habe lange hin und her überlegt. Ich habe mit meiner Tochter in der neuen Schule hospitiert und mir ein Bild gemacht.

Schlussendlich glaube ich, es war die richtige Entscheidung.

Ich würde mich an Deiner Stelle beraten lassen, wenn das nicht kompetent durch den Rektor Eurer Schule laufen kann, dann evtl. wirklich bei der G-Schule, die für Euch zuständig ist. Und ich würde versuchen einen Hospitationstermin für Euch zu bekommen. Bei so einer Hospitation kann man sich ein besseres Bild machen, als nur vom erzählen her.

LG
Sandra
Sandra 06/76
Jasmin Marie 05/02 globale Entwicklungsverzögerung, vis. Wahrnehmungsstörung, Lernbehinderung, starke Hyperopie rechts, hochpathologisches EEG (Besserung seit Jan. 12),
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kati543
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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon kati543 » 21.03.2019, 09:06

Hallo,
eine böse Frage, ich weiß...aber was zahlt ihr für die Privatschule?
Mein Jüngster ist Förderbedarf GE und besucht auch eine Privatschule, allerdings ist er erst 11. Ich weiß aber, dass bei Förderbedarf GE die Kinder deutlich länger in die Schule gehen. Hier in Hessen sind das also statt 9 Jahren Schulpflicht plötzlich 14 Jahre. Für eine Privatschule bedeutet das echt sehr viel mehr Geld. Zum einen gibt es viel Geld für den anerkannten Förderbedarf GE und dann noch 5 Jahre Schulgeld und Geld vom Schulamt extra, in denen das Kind größtenteils noch nicht mal da ist... Ich weiß nicht, ob der Vorschlag so selbstlos war.

Es ist sehr komisch, dass ein Kind 15 Jahre alt ist, die ganze Zeit irgendwie normal beschult wurde und jetzt sagt der Schulleiter das Kind ist geistig behindert. Hier hat die Schule ganz massiv und in jeder Richtung versagt. Schon so eine Aussage ist falsch, verletzend und diskriminierend.

Ob deine Tochter Vorteile hat durch den Förderbedarf ist abzuwägen. Geistig behindert ist sie sicherlich nicht. Ob man unter den Voraussetzungen diesen Förderbedarf überhaupt beim Schulamt durchbekommt ist fraglich. Es geht hier jedoch um den Anspruch auf einen Platz in der WfbM. Falls du einen Beruf kennst, den deine Tochter gern erlernen würde und falls du dann noch einen Betrieb kennst, wo deine Tochter lernen kann, wäre ihr mit Sicherheit viel mehr geholfen. Nachteilsausgleiche kann man auch bei der Ausbildung erhalten.

LG
Katrin
Katrin (Epilepsie)
O. (Frühk. Autismus (HFA), Sprachentwicklungsstörung, Ptosis, Hypotonie, AVWS, LRS, Vd. Valproatembryopathie)
D. (geistige Behinderung, Frühk. Autismus, Epilepsie, Esstörung, Trigonoceph., Hypertonie, Opticushypoplasie, Amblyopie, Mikrodeletion 3p26.3, Vd. Valproatembryopathie, Z.n. Schädelbasisfraktur)

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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon RikemitSohn » 21.03.2019, 09:42

Hallo,

deine Tochter hatte ja einige Baustellen. Wurde denn nie ein Entwicklungstest gemacht? Wurde irgendwann mal einIQ-Test gemacht? Ein Kind ohne genaue Testung als geistig behindert einzustufen, empfinde ich als absolut daneben. Ein Direktor kann das gar nicht.
Und ein Kind sollte nur als GE eingestuft werden, wenn es das auch ist. Nur für vermeintlich bessere Chancen finde ich das falsch und du würdest deinem Kind nicht gerecht werden.

LG Rike
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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon Anna-Nina » 21.03.2019, 09:52

Ich habe das bisher auch so verstanden, dass das Kriterium für eine geistige Behinderung ein IQ unter 69 ist.

Hat sie den nicht und liegt im Bereicht von 69-85, hat sie eine Lernbehinderung. Ich frage mich - welcher Arzt würde dir eine geistige Behinderung hier Diagnostizieren?
Ich würde das mit dem Facharzt durchsprechen. Womöglich ist gar niemand bereit deiner Tochter eine Diagnose zu geben, die sie an sich nicht hat.

Liebe Grüße
Anna

Tammyd0407
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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon Tammyd0407 » 21.03.2019, 19:57

Hallo ihr Lieben,
Also sie wurde in eine normale Grundschule eingeschult man hat aber nach 6 Monaten festgestellt das sie einfach nicht mithalten kann. Es wurden verschiedene Tests gemacht und es wurde vorgeschlagen, das sie eine Förderschule besuchen soll, sie ging auch einige Jahre zur Frühförderstelle, bekam Ergotherapie und hatte von Anfang an, eine Rechen und Deutschschwäche, ich hatte mich dann auf dem Jugendamt kundig gemacht ob sie denn eine Rechentherapie haben könnte , die wiederum haben mich zur Psychologischen Ambulanz geschickt und den I-Test gemacht, da die dann aber einen falschen Test gemacht haben fiel der I-Test dementsprechend niedrig aus und das Jugendamt verwehrte uns die Rechentherapie. Ich war bei verschieden Stellen aber es war nichts zu machen , so ging sie bis zur 6. klasse in die Förderschule. Da kam sie 0 weiter also hab ich sie in eine Privatschule, sie hat sich um 100 Grad seitdem gedreht, aber Mathe war die ganze Zeit schlecht. Als sie in die 8 Klasse kam hab ich sie nochmal bei einem anderen Institut testen lassen und siehe da, sie bekam genau die 69 die sie für die Therapie brauchte und bekommt jetzt auch von dem Jugendamt die Therapie. Im Alltag kommt sie alleine zurecht, sie macht sich essen , bleibt alleine , nur mit Geld umgehen kann sie nicht. Wenn ich mit mehrmals einen Weg mit dem Bus fahre kann sie es auch alleine. Es kommt also nicht von heute auf morgen

Es wurde gefragt wieviel ich an Schulgeld zahle , es sind 380€ und 110 € Essensgeld, ich hab den Mindestsatz da ich alleine bin

Vielen lieben dank für eure Antworten

Tammyd0407
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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon Tammyd0407 » 21.03.2019, 20:24

Meine Tochter spricht fließend Englisch, sie hatte eine amerikanische Tagesmutter, sie spricht etwas Norwegisch und Koreanisch, das kommt daher das sie erst auf Marcus und Martinus gestanden hat (Boygroup) und jetzt die koreanische BTS Gruppe mag, sie ist mit Englisch auch in der Hauptschulklasse nur halt mit Deutsch und Mathematik in Förder

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Engrid
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Re: Geistig behindert oder nicht?

Beitragvon Engrid » 22.03.2019, 08:10

Hallo Tammy,

ehrlich gesagt, versteh ich nicht ganz, was Du schreibst.
da die dann aber einen falschen Test gemacht haben fiel der I-Test dementsprechend niedrig aus und das Jugendamt verwehrte uns die Rechentherapie. ...
Als sie in die 8 Klasse kam hab ich sie nochmal bei einem anderen Institut testen lassen und siehe da, sie bekam genau die 69 die sie für die Therapie brauchte und bekommt jetzt auch von dem Jugendamt die Therapie.
Dyskalkulie-Therapie wird von JA nur bei normaler Intelligenz (ab 90 aufwärts) übernommen, nicht bei Lernbehinderung (70-89). 69 wäre ja eine geistige Behinderung, da ist nichtmal mehr das Jugendamt zuständig, Dyskalkulie-Therapie wird da auch nicht bezahlt.


Deine Tochter kann ja eine ganze Menge, und manches halt nicht, es wurde ja geschrieben und verlinkt, was es für Möglichkeiten gibt, das Richtige für sie zu finden. Das wird schon!

Grüße
Engrid
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