Medikamente?

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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JennyK
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Medikamente?

Beitragvon JennyK » 17.03.2019, 13:59

Hallo, ich frage hier mal nach, wie es aussieht, wenn aus dem schulischen Umfeld dringend zu Medikamenten geraten wird.
Wie erlebt ihr das als Eltern? Eher als unverschämte Kompetenzüberschreitung oder als Hilfe? Es geht um ein Kind im 5. Schuljahr, das zwar bemüht ist, aber immer und immer wieder an der fehlenden Impulskontrolle scheitert. Sowohl schulisch (dort dann oft mit Verweigerung) als auch sozial. Es zeichnet sich eine zunehmende Aggressivität ab, sowohl verbaler als auch körperlicher Art (gegen Türen und Wände treten, zuletzt flog ein Stuhl). An sich sind alle Beteiligten wirklich bemüht, damit gut umzugehen, doch stoßen hier alle an ihre Grenzen. Die Mutter verweigert Medikamente, das Kind leidet und steht total unter Druck. Es wird schulisch immer enger, was zu noch höherem Druck und somit noch heftigeren Reaktionen führt.
Was würdet ihr tun? Als Eltern, als Außenstehende, als Menschen, die mit dem Kind beruflich zu tun haben?
Lieben Dank fürs Lesen und hoffentlich für den einen oder Anderen Input
Sohn 1 (06), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
Sohn 2 (13), Asperger Autismus, leicht ausgeprägt

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 17.03.2019, 16:33

Hallo Jenny,

ich meine, es sollte kein Dogma sein, dass ein Kind keinesfalls Medikamente bekommt.
Wenn der Leidensdruck beim Kind groß ist (und das scheint so zu sein), wenn alle ratlos sind bzw keine kurzfristig entlastenden Alternativen da sind (zb verhaltenstherapeutische Erfolge), und die Schule Druck macht (was ich bei einem HB-Männchen mit fehlender Impulskontrolle auch grundsätzlich nachvollziehen kann, wobei ich jetzt ja keine Details kenne) - dann bleibt ja fürs erste nur die Medikamentierung als Lösung.
Immerhin beschreiben ja auch viele Betroffene selber die Medikamente als sehr hilfreich, teils als erlösend. Und man kann sie ja wieder absetzen, wenn die Wirkung nicht gut ist, oder starke Nebenwirkungen auftreten.

Vielleicht hat die Familie diesbezüglich grade nichts zu verlieren? Wenn Aggressionen auftreten, Stühle fliegen, dann steht Fremdgefährung im Raum, und es droht der Rausschmiss.

Aber wenn die Mutter sich dogmatisch sperrt, wird sie das auch nicht überzeugen.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 17.03.2019, 16:55

Ich stelle mir die Frage, ob generell BEHANDLUNG abgelehnt wird, oder nur Medikamente. Und ob Medikamente generell abgelehnt werden oder "nur" Ritalin und ähnliche MPH-Präperate. Gerade bei ADHS ist ja der multimodale Ansatz wichtig. Und als Eltern bestimmt man, was von den Empfehlungen angenommen wird, und was nicht.

Wenn das Kind bereits Ergo bekommt, vielleicht noch regelmäßige Termine beim Kinderpsycholologen hat, ev. auch schon Neurofeedback gemacht wird/wurde, Sozialkompetenztraining läuft, bei einem KJP fix in Betreuung ist, ein Vitamin-B-Komplex verabreicht wird, etc. und trotzdem wird die Situation immer schlimmer statt besser, dann würde ich allen Dogmen zum Trotz der Gespräch mit der Mutter suchen, wenn mir das Kindeswohl am Herzen liegt.

Ich fände bei so einem Gespräch sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass bei einem zeitlich begrenzten und ärztlich begleitetem Medikationsversuch KEIN bleibender Schaden beim Kind entstehen wird. Gerade bei ADHS-Medikamenten grassiert leider oft ein ziemliches Halbwissen und viele Leute glauben, die Medis machen vom ersten Tag an süchtig oder dass man sie kaum mehr absetzen kann, wenn man einmal damit begonnen hat. Diese Ängste sollte man mit ehrlicher Aufklärung aus der Welt räumen.

Im schlechtesten Fall wird die Mutter Medikation weiter dogmatisch ablehnen und man geht "im bösen" auseinander, weil sie sich angegriffen und bevormundet fühlt. Damit sollte man leben können.
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

Bika
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Re: Medikamente?

Beitragvon Bika » 18.03.2019, 10:33

Hallo, ich frage hier mal nach, wie es aussieht, wenn aus dem schulischen Umfeld dringend zu Medikamenten geraten wird.
Wie erlebt ihr das als Eltern? Eher als unverschämte Kompetenzüberschreitung oder als Hilfe?
Das hängt, so finde ich, stark vom Leidensdruck des Kindes ab.
Eltern, für die eine Medikamentengabe kategorisch ausgeschlossen ist und die ihre persönliche Einstellung/Weltbild nicht mit den speziellen Bedürfnissen ihres Kindes abgleichen, verstehe ich nicht.

Wenn alle Alternativen ausgeschöpft sind und die Situation für das Kind immer unerträglicher wird, muss man alte Grundsätze auch mal über Bord werfen können.
Lehrer, die dann ein wenig Druck machen und explizit auf die verfahrene Situation hinweisen, empfinde ich nicht als übergriffig.

Das gilt aber nur, wenn das Kind wirklich leidet.

LG

Jakobspapa
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Re: Medikamente?

Beitragvon Jakobspapa » 18.03.2019, 11:01

Hallo Jenny,
Hallo, ich frage hier mal nach, wie es aussieht, wenn aus dem schulischen Umfeld dringend zu Medikamenten geraten wird.
Wie erlebt ihr das als Eltern? Eher als unverschämte Kompetenzüberschreitung oder als Hilfe?
Ohne die Vorgeschichte zu kennen, ob ist das Kind bereits diagnostiziert ist etc. - in jedem Fall ist das ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich da bewegt.

Niemand möchte, dass sein Kind krank, "gestört", oder wie auch immer man das bezeichnen möchte, ist; das ändert nichts daran, ob das Kind betroffen ist, aber es ist überhaupt nicht leicht, das zu akzeptieren. Wenn man dann gleich - womöglich als derjenige, der in den Augen der Eltern die Probleme mit verschuldet - das Thema Medikamente auf den Tisch packt, bedient das mit hoher Wahrscheinlichkeit das Klischee, das der öffentlichen Meinung entspricht: Kinder mit Drogen ruhig stellen, damit die Lehrer ein leichtes Leben haben. Sobald dieser Eindruck bei der Mutter entsteht, geht die Sache sehr wahrscheinlich komplett nach hinten los.

Bei uns hat die Schule immer wieder vor allem ihren Unmut abgeladen, ADS stand gar nicht im Raum, und als zwei Jahre später der Schulpsychologe eingeschaltet wurde, hieß es dann - ohne dass uns jemand das Thema ADS erklärt hätte - plötzlich: "Wenn er dann Medikamente bekommt, wird alles besser". Das war für uns ein zusätzliches rotes Tuch - das klang nach: dann haben wir endlich weniger Stress mit dem ungezogenen Blag.

Hilfreich wäre da in meinen Augen eine Lehrkraft etc., die sich der Familie gegenüber bisher wohlwollend verhalten hat, über Wissen zu AD(H)S verfügt, und der Mutter nahezubringen versucht, was eigentlich schief läuft, und aus welchen Gründen sich das Kind so verhält, wie es sich verhält, und dass es weder um Schuldzuweisungen geht, noch um eine "bequeme" Abstellmaßnahme. Es darf kein Zweifel aufkommen, dass es ausschließlich um Hilfe für das Kind geht, das unter dem Syndrom leidet.

Je nach Kenntnisstand der Mutter, und falls sich bereits Fronten zwischen Schule und Familie gebildet haben, würde ich das Wort "Medikamente" auf keinen Fall in den Mund nehmen. Das wäre aus meiner Sicht durchaus eine Kompetenzüberschreitung, die konkrete Therapie ist Sache des KJP! Falls das Kind bereits in Behandlung ist, dann würde ich maximal darüber berichten, dass medikamentierte Kinder keineswegs zu willenlosen Zombies werden, wie das häufig behauptet wird, über die Erfahrungen mit anderen medikamentierten Kindern sprechen, und in jedem Fall alle Hilfe anbieten, die möglich ist. Sobald die Mutter sich aber unter Druck gesetzt fühlt, und/oder Schuldzuweisungen erfährt, wird sie so sicher wie das Amen in der Kirche blockieren.

Wichtig zu wissen ist auch, dass die Eltern eines AD(H)S-Kindes nicht ganz so selten ebenfalls von AD(H)S betroffen sind, und das Verhalten ihres Kindes für sie daher oft sogar recht nachvollziehbar erscheint. Ebenso wichtig aus meiner Sicht ist es zu wissen, dass der Gedanke, das Verhalten würde nicht allein durch den Verstand bestimmt, für die meisten Menschen völlig fremd und schwer nachvollziehbar sein dürfte. Daher interpretieren sie eine Medikation als ruhigstellen, idem das Kind mit Drogen vollgepumpt wird.

Vielleicht wäre es hilfreich, die Mutter auf dieses Forum zu verweisen (warum nicht auf diesen Thread?). Unter ebenfalls Betroffenen fallen die unsinnigen Schuldzuweisungen weg, da ist auch kein Arzt, der an Medikamentenverordnungen verdient, und auch kein Lehrer, der seinen Berufsstress reduzieren möchte - kurzum: niemand, dem man unterstellen könnte, lediglich ein eigenes Problem lösen zu wollen.

LG
Markus

maikeb
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Beitragvon maikeb » 18.03.2019, 12:16

Lehrer haben nicht das Recht, darüber zu befinden, ob ein Kind Medikamente bekommen muss oder nicht. Das IST eine Überschreitung ihrer Kompetenzen. Ein Kinder- und Jugendpsychiater kann eine Diagnose erstellen und danach mit den Eltern besprechen, was für das Kind das Beste ist. Ob das Kind entsprechende Medikamente ohne gravierende Gesundheitsgefährdung nehmen kann, müssen kinderärztliche Voruntersuchungen zeigen (EKG, Blutbild, Urinprobe).

Wenn das Kind allerdings fremd- und selbstgefährdend agiert, kann die Schule es vom Unterricht suspendieren, Kurzbeschulung anordnen oder einen Schulbegleiter beantragen. Die Schule hat ja auch die Verantwortung für die anderen Kinder.
Ein Kind, das mit Stühlen wirft, ist in einer Regelschule nicht ohne besondere Betreuung beschulbar.

Jakobspapa
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Beitragvon Jakobspapa » 18.03.2019, 12:43

Wenn das Kind allerdings fremd- und selbstgefährdend agiert, kann die Schule es vom Unterricht suspendieren, Kurzbeschulung anordnen oder einen Schulbegleiter beantragen. Die Schule hat ja auch die Verantwortung für die anderen Kinder.
Ein Kind, das mit Stühlen wirft, ist in einer Regelschule nicht ohne besondere Betreuung beschulbar.
Das mag richtig sein, wobei wir die Erfahrung gemacht haben, dass da auch gerne Mücken zu Elefanten aufgeblasen werden - und schon wird der umgeworfenen Stuhl zum Stuhl, der quer durchs Klassenzimmer geworfen wurde. Als Argumentation gegenüber der Mutter im Sinne eines Druckmittels wäre das in meinen Augen völlig kontraproduktiv!

Der Ausschluss wegen Unbeschulbarkeit ist eine der härtesten, möglichen Disziplinarmaßnahmen gegenüber einem Schüler, und ist eine der letzten Maßnahmen, zu der eine Schule greifen sollte, wenn sonst gar nichts geht.

RikemitSohn
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Beitragvon RikemitSohn » 18.03.2019, 14:23

Hallo,

ich denke nicht, dass Lehrer zu Medikation raten sollten, da sie dafür nicht ausgebildet sind und keine medizinische Erfahrung haben. Was sie aber dürfen und sollten ist die Eltern über die Not des Kindes zu informieren und auch ganz klar zu fordern, dass Hilfe benötigt wird. Dabei sollte es nicht gleich um drohende Strafe gehen, sondern um die Not auf beiden Seiten. Ein Lehrer kann auch anbieten die Eltern bei der Suche zu unterstützen. Aber bei der Diagnose und eventueller Medikation muss ein Lehrer sich raushalten, da er keine Kompetenz besitzt.

LG Rike
Mama mit Sohn 2004 ADHS und HB

Bärbel99
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Beitragvon Bärbel99 » 18.03.2019, 14:55

Ob das Kind entsprechende Medikamente ohne gravierende Gesundheitsgefährdung nehmen kann, müssen kinderärztliche Voruntersuchungen zeigen (EKG, Blutbild, Urinprobe).
Das wird heute nicht mehr pauschal vorher gemacht. Bei uns z. B. nicht und ich kenne auch andere bei denen es nicht nötig war.

Mir tun Kinder sehr leid, die nachweislich leiden, nur weil die Eltern es ablehnen, dass die Kinder mit Medikamenten behandelt werden.

Unser Sohn hat sehr gelitten, aber zum einen hat das SPZ bei ihm eine falsche Diagnose gestellt und zum zweiten haben wir auch erst mal alles andere ausprobiert, Naturheilkunde, Heipraktiker, Schulwechsel ect. bevor wir mit Medikamenten begonnen haben.

Inzwischen ist ADHS vom KJP eindeutig diagnostiziert und er bekommt Elvanse und ist super glücklich damit. Er möchte auf keinen Fall am Wochenende pausieren.

Ich kenne Eltern, die sich dafür entschuldigen, dass ihre Kinder medikamentös versorgt sind, oft auch mit dem Zusatz "die bekommt er/sie aber nur für die Schule".
So lange sich dieses Denken nicht ändert wird es immer schwer sein so ein Thema anzusprechen.
Ich denke man darf nicht leichtfertig einfach mal Medikamente geben, aber bei gesicherter Diagnose und entsprechendem Leidensdruck des Kindes sollte man sich nicht rechtfertigen müssen.

Aus Position der Lehrer kann man nur die Diagnostik empfehlen, der Rest ist nicht ihre Sache. Vielleicht kann man Beispiele bringen, dass es anderen Kindern geholfen hat, aber mehr auch nicht.
VG, Bärbel
(Pflege) Sohn *2011 ASS und ADHS
(Pflege) Tochter*2013 ASS

JennyK
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Beitragvon JennyK » 18.03.2019, 15:57

Danke für eure Hinweise und Erfahrungen!
Sohn 1 (06), ADS und Asperger Autismus; PG 3; SBA 50 mit B, G, H
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