Am Abend nervös und dünnhäutig

Eltern, Geschwister, Großeltern - die ganze Familie ist gefordert, wenn es um die Belange des besonderen Kindes geht. Häufig ist das Familienleben durch die besonderen Bedürfnisse von Sohn oder Tochter großen Belastungen ausgesetzt. Ein Austausch mit Familien, die auch ein besonderes Kind haben, tut gut und kann sehr hilfreich sein.

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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 10.03.2019, 17:44

Angela77 hat geschrieben:Denn auch unsere reizoffenen Kids sind abend schon total überreizt und demenstprechend langsam und ablenkbar und gerade dieses Sich-indie Längeziehen" macht uns Mütter und Väter, die ihr letztes Minibisschen an Erholungszeit schwinden sehen, verständlicherweis grantig ...
Es ist ja nicht so, dass wir tagsüber wahnsinnig viel (oder übehaupt auch nur kleine?) Zeitinseln für uns hätten :evil: Wobei, auch die versuche ich mir mittlerweile zu nehmen, wo immer es geht ...


Bei mir ist es insofern anders, weil ich tagsüber durch meine geringe Arbeitszeit immer wieder einige Stunden Zeit für mich habe. Durch Hort und Betreuung kommen die Kinder meistens erst gegen 17h heim und ich habe schon um 12h30 Dienstschluss. Man sollte meinen, dass die Anspannung am Abend nicht so groß ist, wenn ich am Tag was "nur für mich" tun konnte. So ist es aber leider nicht. Ab ca. 21h ist der Ofen aus - egal, wie schön, entspannt und genussvoll MEIN Tag auch war.

Das "Mininisschen an Erholungszeit" bevor die Kinder schlafen fällt dafür bei uns völlig weg. Mein Mann geht mit Alexander schlafen (meistens zwischen 21h30 und 22h) und ich mit dem älteren Bruder (zwischen 22h und 22h30).
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Beitragvon Lisaneu » 10.03.2019, 18:09

Annemaries Mama hat geschrieben:Hallo Lisa,

das kenne ich auch. Abgesehen davon, dass ich das dann auch deutlich kommuniziere, dass ich müde bin, erwarte ich von mir auch nicht, immer ruhig und gelassen zu sein. Wenn auf normale Lautstärke keine Reaktion kommt, wird es eben auch mal lauter. Komischerweise funktioniert es dann. So schlimm finde ich es nicht, mal einen Brüller loszulassen. Wir sind schließlich auch Menschen, die mal irgendwann genug haben.


Den Brüller, den ich loslasse, kriegt nur meistens der "Falsche" ab - ich habe grundsätzlich kein schlechtes Gewissen dabei, bei meinem gehörlosen Kind laut zu werden. Nur helfen tut es nichts :P . Wenn ich Pech habe, findet es dieses Kind sogar lustig, wenn die Mama wild gestikulierend vor der Badezimmertür rumhüpft. DAS ist es ja, was mich dann noch weiter reizt. Obwohl ich vom Kopf her natürlich weiß, dass es kontraproduktiv ist.

Einen "Brüller loslassen" hilft super bei meinem hörenden Kind. Das versteht grundsätzlich auch, wenn ich sage, dass ich müde bin. Mein gehörloser Sohn schaut sofort weg, wenn ich was über MEINE Befindlichkeit gebärde. Und aus der Kurzinfo, dass Mama müde ist, zieht er keinerlei Schlüsse für sein Verhalten (was sein Bruder auch nicht immer tut, aber zumindest KANN). Längere Infos, was Müdigkeit bei mir bewirkt, und was ER mit seinem Verhalten zu meinem Befinden beiträgt, sind völlig sinnlos. Selbst wenn der Blickkontakt reichen würde (was er nicht tut) versteht mein Sohn das einfach nicht. Dafür kriegt der ältere Bruder alles voll mit.
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Beitragvon Lisaneu » 10.03.2019, 18:20

Engrid hat geschrieben:Hallo,

ich bin abends tatsächlich viel entspannter, seitdem ich meine Auffassung von Feierabend umgedeutet habe. Reframing quasi. Ich fokussiere jetzt nicht mehr so auf „Kinder verräumt“, sondern jeder macht sein Ding, das „Draußen“ hat Pause, ... Junior hat seine Routinen, aber die sind alle entschleunigt (das geht, weil er selber jeweils auch auf die nachfolgenden Programmpunkte Wert legt, und die gehen halt nur, wenn man die davor nicht zu sehr ausdehnt. :mrgreen: Für dieses Prinzip brauchte es allerdings von meiner Seite bei Bedarf beinhartes Durchziehen von „Punkt xy fällt aus wegen keine Zeit mehr“, unbeeindruckt von drohenden Wutanfällen. Und genug angenehme Programmpunkte natürlich.  8)
Außerdem haben mein Mann und ich routinemäßig eingeführt, dass regelmäßig jeder von uns abends mal weg ist, das braucht es auch öfters. :wink:


Da wir immer mit dem Kindern schlafen gehen ist "Kinder verräumt" ohnehin nicht unser Fokus. Mein Mann und ich sind auch regelmäßig jeder abends weg, ich 2x und mein Mann 4x die Woche. Aber gegen 21h30 kommen wir jeweils heim und im Normalfall sind trotz Mühe und "Anfang vom aufhören" um 20h meistens noch beide Kinder hellwach.

Ein straffes Punkt-für-Punkt-Programm könnte ich mir bei meinem älteren Sohn vorstellen. Alexander ist davon gänzlich unbeeindruckt. Wenn er der Meinung ist, dass 21h45 die Zeit ist, wo am Whitebord noch ein Labyrinth gezeichnet werden muss, dann tut er das auch - unabhängig davon, ob UNS das passt, oder nicht. Wenn wir ihm die Stifte wegnehmen bekommt er einen Kreischanfall, der im schlimmsten Fall im Meltdown endet. Natürlich nehmen wir sie trotzdem weg. Dann findet er eben eine andere Beschäftigung, wo man keine Stifte braucht. Er räumt z.B. die Holzeisenbahn aus. Wenn man ihn nötigt, im Bett zu bleiben, nutzt er es als Trampolin. Es ist teils einfach Überdrehtheit, teils auch bewusste Provokation, nicht weil er uns ärgern will, sondern weil wir so lustig aussehen, wenn wir wild gestikulierend um ihn rumhüpfen. Das ist soooo zäh! Ich bin ja froh, dass mein Mann und ich grundsätzlich gegen Gewalt in der Kindererziehung sind. Und Gott sei Dank gehen uns nur selten die Nerven TOTAL durch. Aber es ist soooo zäh....
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Beitragvon Lisaneu » 10.03.2019, 18:26

@all: DANKE für eure Rückmeldungen! Auch, wenn ich immer noch keine Lösung habe (ich habe auch nicht groß erwartet, gleich eine zu finden) tut es doch gut, mit dem Problem nicht allein zu sein :) !
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Beitragvon Engrid » 10.03.2019, 18:54

Es ist teils einfach Überdrehtheit, teils auch bewusste Provokation, ... weil wir so lustig aussehen, wenn wir wild gestikulierend um ihn rumhüpfen. Das ist soooo zäh!
Ha, wie ich das kenne. Es ist inzwischen eine meiner magischen Mama-Superkräfte, da fast immer stoisch ruhig bleiben zu können, auch innerlich (sonst geht es nicht). Das hab ich vom Junior gelernt, ging nicht anders, er hat mich konditioniert. :lol:
Als der Junior im Alter von Alexander war, war bei mir auch noch Luft nach oben in der Beziehung, die Kleinkindzeit zehrt einfach, diese ganzen superstressigen Aussetzer über die Jahre. Junior und ich, wir sind seitdem beide verträglicher geworden. :wink: Das dürfte bei Euch, wenn das Umfeld (Schule und so, Therapie, ...) einigermaßen stimmt, ähnlich sein.


Straff ist unser Programm übrigens gar nicht, aber Deine Buben sind da, scheint mir, auch einfallsreicher und variabler als Junior. Der liebt es, immer das gleiche zu machen: jeden Wochentag zb ein gleicher Besuch, gleicher Spaziergang, gleiches Essen, Baden, nach dem Essen immer xyz, vor dem Zähneputzen immer abc, sowas ... das ist wie ein Zug mit Lok, auf Schienen. (Unvorhersehbarkeit und Fremdbestimmung hat er in der Einrichtung mehr als genug)

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Beitragvon grace » 10.03.2019, 19:23

Liebe Lisa,

Verabschiede dich mal ganz schnell von der Idee eine perfekte Mutter sein zu müssen die für alles eine Lösung finden muss, das gibt es nähmlich nicht!

Deine Reaktion ist ganz normal und in deiner Lage auch für alle gut verständlich, du kommst halt an deine Grenzen und das ist menschlich; besser mal losbrüllen und den Frust rauslassen als sich alles reinzufressen um dann irgendwann mal krank zu werden.

Kinder nehmen schaden wenn sie von ihren Eltern nicht akzeptiert oder abgelehnt werden und nicht wenn Mutter abends dann mal mit ihrer Geduld am Ende ist und die Stimme erhebt....irgendwann wird es übrigens besser werden, nur Mut!

LG

Grace, die auch keine endlose Geduld hat und dann zu verbalen Ausbrüchen neigt

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Beitragvon Lisaneu » 10.03.2019, 19:57

Engrid hat geschrieben:Als der Junior im Alter von Alexander war, war bei mir auch noch Luft nach oben in der Beziehung, die Kleinkindzeit zehrt einfach, diese ganzen superstressigen Aussetzer über die Jahre. Junior und ich, wir sind seitdem beide verträglicher geworden. :wink: Das dürfte bei Euch, wenn das Umfeld (Schule und so, Therapie, ...) einigermaßen stimmt, ähnlich sein


Ja, ganz ehrlích - ich will mich nicht beklagen! Zu dem, wie es noch vor einem Jahr ausgeschaut hat, ist die jetztige Situation eigentlich leicht. Vor allem der Wechsel vom Kindergarten in die Schule hat eine deutliche Verbesserung gebracht. Vor einem Jahr stand echt die Überlegung im Raum, Alexander in ein Heim zu geben, weil mein Mann und ich nervlich einfach so fertig waren. Dagegen sind meine abendlichen Auszucker jetzt wirklich harmlos. Danke für´s erinnern :wink: !
Engrid hat geschrieben:Straff ist unser Programm übrigens gar nicht, aber Deine Buben sind da, scheint mir, auch einfallsreicher und variabler als Junior. Der liebt es, immer das gleiche zu machen: jeden Wochentag zb ein gleicher Besuch, gleicher Spaziergang, gleiches Essen, Baden, nach dem Essen immer xyz, vor dem Zähneputzen immer abc, sowas ... das ist wie ein Zug mit Lok, auf Schienen. (Unvorhersehbarkeit und Fremdbestimmung hat er in der Einrichtung mehr als genug)


So was würde meinem älteren Sohn gefallen! Dem ist Gewohnheit und Struktur einfach wichtig. Alexander hingegen ist sehr spontan. Unvorhersehbarkeit ist für ihn kein Problem (untypisch für Autismus, aber wir müssen ja nicht überall "HIER" schreien! :P ), aber Fremdbestimmung mag er auch gar nicht. Dabei kann er in einer "Herde" (sofern überschaubar) recht gut und unauffällig mitlaufen - wenn er gut drauf ist!

Ich erinnere mich noch an die Samstags-Spiele-Nachmittage im Kindergarten meines älteren Sohnes. Da durfte Alexander auch dabei sein. Und beim abholen habe ich immer gehört, wie problemlos er war, dass er schön gespielt und gut gegessen hat! Und das war wirklich dasselbe Kind, welches damals fast täglich im Sparring mit MIR einen Meltdown hatte!

Alexander reichen grundsätzliche Tagespläne um sich zu orientieren. Die schreibt er auch selbst, oder er schreibt meine "um", wenn sie ihm nicht in den Kram passen. Mit der Zeit (Uhrzeit, Datum, Wochentag, Monat,...) kennt er sich gut aus und liebt es, alles was "fix" ist (z.B. dass am Samstag und Sonntag die Schule geschlossen hat) schriftlich festzuhalten. Mit spontanen Unternehmungen kommt er meistens gut zurecht, nur machen wir die selten, weil sein Bruder damit ziemlich Probleme hat.
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Beitragvon SimoneChristian » 10.03.2019, 20:01

@ Trampolin hüpfen:
Bei C. nehmen abends die Wahrnehmungsstörungen meist zu.
Heftiges Toben, festes massieren, ihn an Armen und Beinen lang ziehen, Hüpfen auf dem Bett helfen ihm deutlich beim runter kommen.

Wir haben sehr früh angefangen, ihn mit unserer vollen Konzentration auf seine Reaktion, einfach fest zu halten, teilweise uns auch auf ihn zu legen.
Heute fordert er es in stressigen Situationen oder abends von selbst ein.

@Meltdown am Abend
Hier wären solche Reaktionen ein Hinweis auf schwierige Situationen (in der Schule) am Tag, meist verbunden mit Kontrollverlust.
Früher hat dann geholfen, zwar Struktur vorzugeben, aber trotzdem Auswahl zu lassen.
"Jetzt Hörspiel oder Vorlesen?"

@eigener Stress trotz Freizeit
Es ist ja nicht nur die Freizeit. Ich bin z.B. oft nach der Arbeit entspannter, als an meinen Kind-Tagen, weil einfach mein Bedürfnis nach anspruchsvollen Gesprächen und Kontakten besser erfüllt sind.
Außerdem kann ich die Arbeit besser auf der Arbeit lassen. Zu Hause und mit unseren besonderen Kindern findet sich ja leider immer etwas, was noch zu erledigen ist. :wink: :roll:

LG
Simone
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

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Beitragvon MamaMonika0912 » 10.03.2019, 21:34

@Lisaneu Ich bewundere dich sowieso sehr. Mit zwei Special Editions potenziert sich ja so einiges. Ich weiß, was bleibt einem anderes übrig, man liebt seine Kinder ja so wie sie sind und so sind sie ja auch toll. Aber du leistest so viel mit den Beiden. Hut ab!
Ich habe nur einen Aspie und könnte trotzdem ihn und meine dickköpfige NT Tochter manchmal einfach gegen die Wand klatschen, in anderen Momenten bin ich aber auch einfach nur stolz was sie sich mit unserer Hilfe schon erarbeitet haben.

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Annika1
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Re: Am Abend nervös und dünnhäutig

Beitragvon Annika1 » 22.03.2019, 11:42

Hallo Lisaneu,
einfach so als Gedanke, weil das bei uns - allerdings bei nicht-autistischen Kindern - abends wirklich Stress rausgenommen hat: Es gibt hier ein festes Abendritual mit evtl. Baden/Duschen, Zähne putzen etc. und Gute-Nacht-Geschichte. Danach ist Ruhe und wir Eltern haben "frei"! Das heißt nicht, dass unsere Kinder nach dem Abendritual unbedingt schlafen müssen, sondern sie dürfen noch ruhig in ihrem Zimmer spielen, wenn sie noch nicht müde sind (kommt inzwischen selten vor) oder meinen noch nicht müde zu sein. Es kommt ab und zu vor, dass ich bevor ich selbst ins Bett gehe, insbesondere bei der Tochter noch das Buch weglege und Licht ausmache. Diese Linie fahren wir schon seit Kleinkindalter (seit sie so ca. 2 Jahre alt war) und fahren damit sehr gut….
Dir gute Nerven!
Annika


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