Schematherapie und ADHS?

Hier könnt ihr euch über ADS und ADHS austauschen.

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_Marta
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Schematherapie und ADHS?

Beitragvon _Marta » 09.03.2019, 00:43

Ihr Lieben,

noch mitten in der Nacht versuche ich mich schlau zu lesen. Der Grund: Mein Sohn sollte eine kognitive VT beginnen und wir haben ihn am IVAH angemeldet. Der Therapeut dort meinte, er macht keine Verhaltens- sondern Schematherapie, hat aber nicht weiter erklärt, was das bedeutet. Und ich habe nicht weiter nachgefragt. (Ja, ich weiß, schön blöd). Jetzt hat es beim Elterngespräch Behauptungen seinerseits über mich gegeben, denen ich beim besten Willen nicht zustimmen kann. Ich will gar nicht detailliert berichten, ich versuche mich nur gerade aufzuschlauen um zu wissen, woran ich denn genau bin.

Wenn ich das jetzt richtig gelesen und verstanden habe, werden die typischen Verhaltensweisen von ADHSlern vorangig als Resulate der Familie und Erziehung gesehen ("enge Zusammenhänge zwischen ungünstigen familiären Bedingungen - unvollständige Familien, psychische Störung der Mutter - und ADHS" , "Mehrere Arbeitsgruppen haben belegt, dass negative Eltern-Kind-Beziehungesmuster in engem Zusammenhang mit ADHS steht. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf ungünstigem Interaktionsverhalten von Seiten der Mütter"). Das überemotionale Elternverhalten bewirkt, dass das Kind keine normalen, unaufgeregten, informativen Informationen bekommt, sondern heftige Gegenreaktionen (=ADHS) entwickelt.

Ehrlich - ich bin platt. Vielleicht sehe ich mich selber in zu gutem Licht. Ich kenne aber auch eine Familie mit ADHS-Kind, da triftt ziemlich sicher nichts zu.

Was will ich eigentlich sagen?
Mir geht diese "die Familie/die Mutter/die Erziehung ist Schuld"-Leier total auf den Nerv. Ja, natürlich: Wir alle sind durch unsere Kindheit geprägt. Verhaltensmuster können sich tradieren. Und als erste Bezugspersonen sind wir Eltern - wahrscheinlich sogar die Mutter - sehr entscheidend. Das diese Faktoren manchmal zu Ängsten, Depressionen, Borderline beitragen können, das kann ich gut nachvollziehen. Aber ADHS? (Und bei meinem Sohn kommen noch die autistischen Züge hinzu).

Hat eine/r von euch mehr Ahnung und/oder Erfahrung und kann erklären oder berichten?

Nachtgruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt
F90.0G, F84.1V, Entwicklungsverzögerung Feinmotorik, HB, Funktionsniveau: 3 - 4

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Engrid
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Beitragvon Engrid » 09.03.2019, 01:55

Hallo Marta,

ich hatte das noch nie gehört, und nun ein bisschen gegoogelt. Ich denke, das ist die Mühe nicht wert.
Dass eine Störung wie bei ADHS oder Autismus auch systemisch betrachtet wird, finde ich gut und richtig, und die Selbstreflektion und Selbstkritik grade als Mama ist etwas ganz Wichtiges beim Umgang damit. Aber die Herleitung von AD(H)S als Resultat von negativen Eltern-Kind-Beziehungsmustern ist erstens Unsinn und zweitens eine Frechheit. Schnell raus da, würde ich sagen.

Eigene Erfahrung damit habe ich gsd nicht.

Grüße
Engrid
mit Sohn vom anderen Stern (frühkindlich autistisch)
"Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind." (Anais Nin)

Bika
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Beitragvon Bika » 09.03.2019, 14:35

Hallo. Marta,

Ich habe über ein Jahr Psychotherapie mit meiner Tochter hinter mir und kann nur sagen,, dass die Muter-Kind- Beziehung und deren Analyse oft ein zentraler Aspekt innerhalb der Arbeit mit ADS-Kindern ist.

Egal wie man es nennt.
Da geht es wohl um unterschiedliche Gewichtungen bezüglich des “Schuldanteils “ der Mutter.
Bei der Schematherapie scheint es ja eindeutig simpel zu sein.
Mama trägt die komplette Verantwortung.
Etwas so Komplexes wie frühkindliche Prägung und Hirnentwicklung auf
optimal gelingende oder eben gestörte Interaktion mit der Mutter runterzubrechen, ist so schön einfach und kommt so kernig und vermeintlich nachvollziehbar daher.

Die Mutter ist NICHT Schuld für das Vorliegen einer ADS.
Es gibt aber, bei einer angeborenen Disposition für Aufmerksamsamkeitsstörungen, Faktoren, die deren Verlauf verstärken oder abmildern können, und dazu gehört auch das Verhalten der Eltern.
Für diese banale Erkenntnis braucht man keine Fachleute, sie können einem aber dabei helfen, die Kommunikation mit seinem Kind zu verbessern.

Bei der Therapie meiner Tochter ging es nie um Schuld, sonderrn, immer nur darum, wie man bestehende Probleme lösen kann.

Vielleicht kennst du das nicht, aber ich musste wirklich lernen, das Verhalten. meiner Tochter ganz neutral wahrzunehmen und unaufgeregt darauf zu reagieren.
In ihrer Welt gab es soviel Unberechenbarkeit, soviel Chaos,
NUR Mamas Reaktion auf Provokakion war meist berechenbar und gab ihr das Gefühl von Handlungsmacht.
Selbstverständlich hat sie das stark ausgereizt, vollkommen nachvollziehbares Verhalten.
So gab es viele Baustellen in unserem Alltag, in denen sich eine ungesunde Dynamik entwickelt hatte und die wir innerhalb der Therapie nach und nach entschlüsselt haben.
Das heilt nicht die ADS, hilft aber miteinader klarzukommen und sich nicht im Kleinkrieg zu zerreiben.

Für das Gelingen solcher Therapieansätze ist es aber enorm wichtig, dass Eltern und Kind dem Therapeuten vertrauen, sich öffnen können und das Gefühl haben, dass ihnen mit Unvoeingenommenheit begegnet wird.

Schema, klingt schonmal nach dem genauen Gegenteil. :cry:

LG

SimoneChristian
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Beitragvon SimoneChristian » 09.03.2019, 15:08

Hallo _Marta,

ich kenne Schematherapie als therapeutischen Ansatz aus der Erwachsenen Psychotherapie.
Wenn mir meine Therapeutin hätte erklären wollen, dass mein ADHS das Ergebnis von einer ungünstigen Mutter Kind Bindung ist, hätte ich wohl schallend los gelacht.

Grundsätzlich ist der Ansatz unterschiedliche Anteile und derenEntstehung im eigenen Verhalten zu identifizieren, meiner Meinung nach sinnvoll.
Allerdings werden da normalerweise alle prägenden Beziehungen und Einzelsituationen mit einbezogen.
Häufig fällt es neurotypischen Therapeuten allerdings sehr schwer, die unterschiedlichen Denkmuster und Kompensationsstrategien zu begreifen.
Vieles lässt sich da meines Erachtens auch nicht "weg therapieren".

Außerdem ergibt sich dann meist zusätzlich das Gefühl, mal wieder nicht verstanden zu werden.

Fazit: der Therapeut wäre bei mir unten durch

LG
Simone
P.S. Schematherapie ist ein verhaltenstherapeutischer Ansatz
C. (*9/11) Sprachentwicklungsverzögerung, Regulationsstörungen des Kindesalters
atypischer Autismus (Diagnose 07/15)

_Marta
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Beitragvon _Marta » 09.03.2019, 19:08

Hallo zusammen,

so langsam sehe ich etwas klarer.
Ich habe selber Therapieerfahrung (tiefenpsychologische Gesprächsthereapie), auch wenn das schon etwas her ist. Und ja, die Kühlschrankmuttertheorien der Analytiker waren eine Katastrophe - einer sehr guten Bekannten mit autistischem Bruder haben sie noch in den späten 80ern die Familie gesprengt. Trotzdem war Verhaltenstherapie mir immer eher zu oberflächlich, aber ich weiß schon, dass es für manche Menschen und Probleme die richtige Therapieform sein kann. Gerade lösungsorientierte Ziele im hier und jetzt fand ich für Kinder ein gutes Vorgehen.

Bika hat geschrieben:... und kann nur sagen,, dass die Muter-Kind- Beziehung und deren Analyse oft ein zentraler Aspekt innerhalb der Arbeit mit ADS-Kindern ist.
...
Etwas so Komplexes wie frühkindliche Prägung und Hirnentwicklung auf
optimal gelingende oder eben gestörte Interaktion mit der Mutter runterzubrechen, ist so schön einfach und kommt so kernig und vermeintlich nachvollziehbar daher.

Bei mir regt sich da sofort der Widerstand. Es klingt für mich so nach der erwähnten Kühlschrankmutter, nur diesmal kommt es von den Verhaltenstherapeuten. Ich bestreite auf keinen Fall systemische Zusammenhänge. Aber hier geht es um Schuld - und diese Haltung ist für mich keine therapeutische.

Bika hat geschrieben:Vielleicht kennst du das nicht, aber ich musste wirklich lernen, das Verhalten. meiner Tochter ganz neutral wahrzunehmen und unaufgeregt darauf zu reagieren.
....
NUR Mamas Reaktion auf Provokakion war meist berechenbar und gab ihr das Gefühl von Handlungsmacht.
...
Das heilt nicht die ADS, hilft aber miteinader klarzukommen und sich nicht im Kleinkrieg zu zerreiben.

Ich kenne das tatsächlich nicht, denn mein Sohn hatte und hat keine typischen ADHS-Verhaltensweisen: Keine Regulationsstörungen als Baby, keine Trotzphase (1! Trotzanfall in seinem Leben), kaum Provokation (deutlich weniger als bei "normalen" Kindern), mir gegenüber. Ganz anders übrigens bei den Großeltern. Er ist "nur" irre hibbelig und träumt ständig weg. Er ist/war auch unfassbar impulsiv mit Verhaltensweisen, die regelrecht anti-sozial sind/waren - inzwischen scheint sich das nur noch auf die Schule zu beschränken. Diese sind mMn jedoch darin begündet, weil er Interaktion nicht deuten kann: Wutanfälle, weil die anderen "böse" sind und ihn provozieren (manchmal stimmt das laut Schulbegleitung, manchmal nicht). Oder körperliche Aggressionen (am schlimmsten war die Spuck-Phase) - weil er denkt, er müsse sich verteidigen. Dazu Verzweiflungs- und Angstanfälle, weil er sich überfordert fühlt. Kleinste Schramme - und schon hat er Angst zu verbluten und löst sich praktisch auf.

Bika hat geschrieben:Für das Gelingen solcher Therapieansätze ist es aber enorm wichtig, dass Eltern und Kind dem Therapeuten vertrauen, sich öffnen können und das Gefühl haben, dass ihnen mit Unvoeingenommenheit begegnet wird.
Schema, klingt schonmal nach dem genauen Gegenteil. :cry:
LG

Wen es interessiert, der kann ja mal auf Seite 45 bei "Störungsspezifische Schematherapie mit Kindern und Jugendlichen" von Loose und Graaf (übrigens Therapeut am WOI) nachschauen. Stichwort emotionale Aktivierung beim Elterninterview. In meinen Augen ist bewusste Provokation, damit der Befragte seine Fassung verliert, keine Methode um Vertrauen aufzubauen, sondern übergriffig. Kommunikation auf Augenhöhe geht in meinem Leben anders.
(Bei Amazon kann unter "Blick ins Buch" nach Stichwörtern suchen und dann die entsprechenden Seiten lesen: https://www.amazon.de/dp/3621280340/ref=rdr_ext_tmb)

SimoneChristian hat geschrieben:Grundsätzlich ist der Ansatz unterschiedliche Anteile und derenEntstehung im eigenen Verhalten zu identifizieren, meiner Meinung nach sinnvoll.. Er

Unbedingt. Ich weiß und ahne auch schon, welche Anteile von meiner Familie und welche vom Vater kommen... Und dann gibts ja noch die eigenen Anteile des Kindes :-)

SimoneChristian hat geschrieben:Häufig fällt es neurotypischen Therapeuten allerdings sehr schwer, die unterschiedlichen Denkmuster und Kompensationsstrategien zu begreifen.

Hier mal ein Beispiel: Mein Sohn versteht bspw. einfach nicht, wieso andere Sprache falsch verwenden. Früher hat er sich dann provoziert gefühlt, inzwischen regt er sich nur noch auf und greift niemanden mehr an. Begründungen wie "Dialekt" oder "noch jünger" kennt er theoretisch, erreichen ihn aber nicht "innen". Außerdem hat er recht, wenn er sagt: Das konnte ich aber schon mit 3 Jahren /vor der Schule. Wieso die nicht? Er erzählt dann "die anderen sind dumm", "ich kann eben besser denken". Ja - nicht gesellschaftsfähig. Ich weiß. Das ist für ihn aber nur ein theoretisches Konzept, an das er versucht, sich zu halten. Im Grunde empfindet er es als Lüge, denn von den Tatsachen her gesehen ist er doch im Recht.
--> Der Therapeut sieht es als Selbstüberhöhung. Er muss sich besser machen als andere und andere abwerten.
--> Das stimmt aber nur zum sehr kleinen Teil. Das "besser denken können" ist _auch_ wichtig für ihn, denn überall anders ist er schlechter: kleiner, schwächer, ohne Ausdauer, schlechte Motorik, kaum Freunde, selten darf er mitspielen. Die Ursache, weshalb er andere immer auf ihre Fehler hinweist, bleibt jedoch seine sehr schlechte Fähigkeit zur Perspektivübernahme und das blanke Unverständnis.

Da ich so schön am erzählen bin, mit Halsschmerzen auf dem Sofa sitze und eh nix anderes machen kann, beschreibe ich mal, wie das bei uns so lief bisher:

Der Therapeut beschäftigt sich mit meinem Sohn jetzt etwa 12 Stunden, also seit fast 4 Monaten, mit seinen Persönlichkeitsmerkmalen. Und mein Sohn macht offensichtlich nicht richtig mit. Es gibt jede Woche Hausgaufgaben (Wann in dieser Woche erlebe ich Anteil "xy, bspw glücklich"). Die mein Sohn konsequent vergisst. Letztes Mal kündigte er schon in der Therapie an, dass er das wohl nächste Woche auch nicht gemacht haben wird. Heute haben wir darüber gesprochen, und er meinte "Das ist doch langweilig, über meine Anteile zu reden. Und wie soll mir das helfen, wenn die Kinder mich in der Schule ärgern?"

Der Therapeut ist sehr dafür, dass mein Sohn in der Tagesklinik des WOI aufgenommen wird und hat ihn mit unserer (Eltern) Erlaubnis dort angemeldet. Als dann die Oberärztin zum Routinegespräch anrief, war sie der Meinung, mein Sohn käme, um medikamentös eingestellt zu werden. Es ist schon recht merkwürdig, dass der Psychologe so sehr die Medikation befürwortet, während der Psychiater und die Ombudsfrau Inklusion lieber noch ein Jahr abwarten wollen. Die hätten ihn gerne in der Tagesklinik, damit die autistischen Anteile besser identifiziert und bewertet werden können. Und damit Licht in die Schulverweigerung kommt ...

Nur zwei Beispiele aus Elterngesprächen:

- Ich habe Fragebögen und Beantragungen etc. meist verzögert zurückgegeben. Eine pauschale Schweigepflichtsentbindung habe ich komplett abgelehnt. Ich bin einmal echt überarbeitet, und zum zweiten sehe ich den Vater, der ebenfalls unterschreiben muss, alle 10 Tage, manchmal länger nicht. Und ich habe mir aus Selbstschutz und zur Arbeitserleichterung angewöhnt, ihm nicht hinterherzulaufen, sondern auf die Treffen zu warten. Im schlimmsten Fall dauert es dann auch schon mal 3 bis 4 Wochen, wenn Ferien dazwischen sind, bis so ein Formblatt zurück ist. Solange keine Frist verstreicht, ist das für mich absolut OK. Ich mache das ganz bewusst, um mich zu entlasten. Mir ist schon klar, dass das von außen nach "unstrukturiert" aussehen kann - ist es aber nicht. Im Gegenteil, wenn ich eines kann, dann priorisieren und Fristen beachten (immerhin :-) ) .
Nun war der Therapeut der Meinung, ich wäre komplett unsortiert oder zumindest überfordert. Ich habe versucht, ihm meine bewusste Entscheidung zu erklären, und er war empört "Was, die Therapie ihres Sohnes ist nicht das Wichtigste für Sie?". Meine Antwort "Nein. Es gibt Faktoren im Leben (Job, Gerichtstermine), die sind wichtiger". Er war praktisch sprachlos. Und wollte dann die nächste(n) Stunde(n) meines Sohnes streichen, bis wir diese Einstellung von mir in weiteren Gesprächen geklärt hätten. Ich meinte daraufhin: "Ich soll meinem Sohn jetzt also die nächste Stunde, auf die er sich schon freut, absagen? Wollen Sie tatsächlich meinen Sohn bestrafen, weil ich mich nicht so verhalte, wie Sie es für richtig halten?" Wir haben dann 5 Minuten Gesprächspause gemacht, danach hat er die Absage wieder zurückgenommen.
--> Ich frage mich bis heute, was hat dieser Mensch für ein Mutterbild? Ist das eine persönliche Sache? Oder ein Postulat der Schematherapie?

- In einem anderen Gespräch meinte er, er wäre mir gegenüber immer so unsicher. Er hätte ständig das Gefühl, ich würde die Rollen umdrehen.
--> Tja, ich bin halt eher analytisch. Und eben schon etwas älter mit Therapieerfahrung. Vieles in meinem Leben habe ich bewusst gestaltet. Das kann man diskutieren, muss man aber nicht. Kommt drauf an, wie und womit derjenige auf mich zukommt. Schuldzuweisung und Provokation kommt bei mir nicht gut an. Ich hänge nicht an seinen Lippen. Ich frage kritisch nach.

Ich hoffe, einigen hilft diese Schematherapie- und Therapeuten-Diskussion etwas weiter. Mir ja :-)

Gruß von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt

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Lisaneu
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Beitragvon Lisaneu » 09.03.2019, 19:54

_Marta hat geschrieben:Nun war der Therapeut der Meinung, ich wäre komplett unsortiert oder zumindest überfordert. Ich habe versucht, ihm meine bewusste Entscheidung zu erklären, und er war empört "Was, die Therapie ihres Sohnes ist nicht das Wichtigste für Sie?". Meine Antwort "Nein. Es gibt Faktoren im Leben (Job, Gerichtstermine), die sind wichtiger". Er war praktisch sprachlos. Und wollte dann die nächste(n) Stunde(n) meines Sohnes streichen, bis wir diese Einstellung von mir in weiteren Gesprächen geklärt hätten. Ich meinte daraufhin: "Ich soll meinem Sohn jetzt also die nächste Stunde, auf die er sich schon freut, absagen? Wollen Sie tatsächlich meinen Sohn bestrafen, weil ich mich nicht so verhalte, wie Sie es für richtig halten?" Wir haben dann 5 Minuten Gesprächspause gemacht, danach hat er die Absage wieder zurückgenommen.
--> Ich frage mich bis heute, was hat dieser Mensch für ein Mutterbild? Ist das eine persönliche Sache? Oder ein Postulat der Schematherapie?

- In einem anderen Gespräch meinte er, er wäre mir gegenüber immer so unsicher. Er hätte ständig das Gefühl, ich würde die Rollen umdrehen.
--> Tja, ich bin halt eher analytisch. Und eben schon etwas älter mit Therapieerfahrung. Vieles in meinem Leben habe ich bewusst gestaltet. Das kann man diskutieren, muss man aber nicht. Kommt drauf an, wie und womit derjenige auf mich zukommt. Schuldzuweisung und Provokation kommt bei mir nicht gut an. Ich hänge nicht an seinen Lippen. Ich frage kritisch nach.


Ganz ehrlich - mir scheint, als hätte hauptsächlich der Therapeut das Problem. Es kommt so rüber, als wäre sein Selbstbild an seinen Beruf geknüpft, und jedes kritische nachdenken oder hinterfragen wird als persönlicher Angriff gesehen.

Wie soll ein Kind von einem Therapeuten ein gesundes Sozialverhalten lernen, der die Prioritäten seiner Klienten nicht akzeptieren kann, weil sie nicht SEINEM EIGENEN Weltbild entsprechen?

Erinnert mich ein bißchen an den Klassenlehrer meines jüngeren Sohnes, mit dem ich telefonisch schon einige Grundsatzdiskussionen in Sachen Erziehung hatte. Nicht, dass ich nicht auch bereit wäre, von einem kinderlosen Pädagogen Anregungen anzunehmen. Aber ich habe mich bewusst für einen bestimmten Weg mit meinen Kindern entschieden und das, was mir der Lehrer (in Erziehungsfragen) als der Weisheit letzter Schluß präsentiert, ist bei mir in der Praxis mit meinen Kindern schon vor Jahren ausgemustert worden. Ich habe halt nicht den pädagogischen Zugang zu Schülern, die mir eine gewisse Stundenanzahl anvertraut sind, sondern bin ein wichtiger Teil der Familie, in der mein Kind vermutlich mindestens 20 Jahre seines Lebens verbringen wird. Da geht es nicht um "Konsequenz" (unter der wir völlig verschiedenes verstehen) sondern um einen Weg zu einem Alltag, der für uns alle "passt".

Daher kann ich sehr gut verstehen, dass du mit diesem Therapeuten und seinen Ansätzen (die er sich SEINEM Weltbild entsprechend ja ausgesucht hat) deine Probleme hast. Ganz ehrlich - ich würde wechseln! Nicht unbedingt von jetzt auf gleich, aber mittel- und langfristig hätte ich zu dem Typen auch in Bezug auf mein Kind kein Vertrauen!
Sohn 3/2010 hochfunktionaler Asperger-Autist + ADHS
Sohn 7/2012, gehörlos + kurzsichtig + frühkindlicher Autist
Mama und Papa stark kurzsichtig (Kommentar eines Optikers: Wie habt ihr euch überhaupt gefunden?)

Bika
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Beitragvon Bika » 09.03.2019, 20:40

Hallo Marta,

Ihr habt da einen Machtkampf laufen, auf den ein fähiger Psychotherapeut sich niemals einlassen darf.

Euer Therapeut wirkt so, als wäre er ein intelektueller Flachbohrer und du kannst ihn nicht ernstnehmen.


Seine Methodik scheint grundlegend auf Vorabkategorisierungen zu beruhen.
Er lässt sich nicht ergebnisoffen auf sein Gegenüber ein und ist nicht bereit, seine Hypothesen zu revidieren, wenn er zusätzliche Informationen erhält, die auch andere Interpretationsansätze zuließen.

Um herauszufinden, welche frühkindlich geprägten und automatisierten Handlungsmuster ursächlich für mißlingende Interaktion sein KÖNNTEN, müsste er sich in die Rolle des neutralen Beobachters begeben, der zuhört und aus dem Gesagten, die richtigen Schlüsse ziehen kann.
Erst wenn ihm das gelänge, wäre das Provozieren einer emotionalen Reaktion deinerseits, gerechtfertigt.

Dafür bräuchtest du jemanden, der deinen Respekt genießt. Das ist offensichtlich nicht der Fall und wird ihm nicht entgangen sein.

Aber was ich am schlimmsten und unprofessinellsten finde ist, dass er dir gegenüber seine Unsicherheit auch noch umunwunden zugibt.

Damit ist der Aufbau einer Vertrauenbasis nicht möglich.
Auch von seiner Seite nicht.
Er wird tendenziell alles eher zu deinem Nachteil hin auslegen, das kündigt er ja schon an.

LG

SimoneChristian
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Beitragvon SimoneChristian » 10.03.2019, 13:26

Hallo _Marta,

die Hausaufgabe ist die klassische Schematherapie Hausaufgabe.
Und das meinte ich, mit Problemen im Denken, was interessiert mich (als ADHSler) mein Gefühl von letzter Woche Montag. :wink:
Dazwischen waren x andere Situationen und Gefühle.
Und wenn ich mein Gefühl dann schon erinnere, dann versteht es der Therapeut vielleicht so überhaupt nicht?!

Was den Rest angeht, finde ich die Persönlichkeit des Therapeuten problematisch.
Er soll euch Handwerkszeug an die Hand geben und nicht euer Leben bestimmen.

Bei Schulverweigerung und den sonstigen Problemen (gerade auch auf sprachlicher Ebene) würde ich auch auf eine deutliche autistische Komponente tippen.
Gerade dann wäre es um so wichtiger, dass der Therapeut die andere Wahrnehmung kennt und sinnvoll in die Therapie mit einbezieht.

Ich weiß jetzt nicht, wie alt dein Sohn ist.
Ich habe ein ganz gutes Selbsthilfe Buch für Erwachsene ADHSler hier.
Für die sprachlichen/sozialen Schwierigkeiten würde ich Comic Strip Conversations und social Stories von Carol Grey empfehlen.

LG
Simone
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_Marta
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Beitragvon _Marta » 13.03.2019, 18:59

Hallo ihr,

vielen Dank für eure Gedanken, Anregungen und Tipps. Und so gehts jetzt weiter:

Heute war ich bei unserem Kinderpsychiater und habe mit ihm über die Situation gesprochen. Er selber kennt die Therapieform Schematherapie nicht. Ich habe ihm u.a. erzählt, dass diese Therapie verschiedene Elemente bisheriger Therapien vereint. Dass die wichtigsten Ursachen von ADHS bei Familie gesehen werden mit besonderem Augenmerk auf der Mutter. Und ihm die Zitate oben vorgelesen.

Er meinte unter anderem, er kann mein Unbehagen/Unwillen gut verstehen. Einmal ist die Diagnose ADHS eine Symptomsammlung, hinter der sich alles Mögliche als Ursache verstecken kann. Und ihm würden sich die Nackenhaare aufstellen (ist jetzt echt zitiert :-) ), wenn neurobiologische Ursachen einfach ausgeblendet werden. Und moralische Schuld verteilt wird - und immer gerne auf die Mütter.
Ich fragte ihn dann nach dem Studienergebnis aus 2002 von O'Connor & Rutter und er meinte: genau davon redet er. Da war ich jetzt mal platt. Dass er unsere Situation so im Kopf hat...
Zur Info und Erklärung: Es gibt eine britische Längsschnittstudie, die zeigt, dass pränatale Angst und Stress der Mutter beste Prädiktoren für ADHS im 4. Lebensjahr sind.
https://www.cambridge.org/core/services/aop-cambridge-core/content/view/6CD985E3E9DA4A797EAED34E77081EE8/S0007125000161100a.pdf/maternal_antenatal_anxiety_and_childrens_behaviouralemotional_problems_at_4_years.pdf

Ich bin zwar alles andere als ängstlich und war in der Schwangerschaft überraschend positiv (die Hormone?), aber Strss und auch Ängste gab es: Praeeklampsie seit der 20. Woche, mehrere Notaufnahmen im Krankenhaus, schließlich wochenlanger Krankenhausaufenthalt, ratlose Ärzte, welche Medis ich noch nehmen darf, schlussendlich Notsectio.
Beim Sohn gab es zwar sehr früh Auffälligkeiten mit Interaktion und Körperwahrnehmung und -spannung. Erst und sozusagen "plötzlichg" im 4. Lebensjahr kamen dann die ADHS-Sypmtome Hyperaktivität etc. auf. Der KiPsychiater erklärte mir auch, das inzwischen neurobiologisch geklärt ist, was beim Fötus/Säugling geschieht. So werden z.b. vermehrt Cortisolrezeptoren gebildet. Ist mega-kompliziert, muss ich noch mal nachlesen.

Es wäre jetzt albern, alles auf die Neurobiologie zu schieben. Wer einige meiner Postings gelesen hat, hat schon mitbekommen, wie schwierig die familäre Situtation mit einem Vater ist, der sich z.B. einfach nicht an Absprachen halten kann. Die Ursache für die Impuslivität liegt allerdings mit ganz schön großer Wahrscheinlichkeit in der Neurobiologie - sozusagen Lehrbuchfall.

Ich habe bereits nächste Woche einen Termin mit der Leiterin der Lehrpsychologie und dem Psychologen. Und einige Fragen des Psychiaters, die ich klären soll. Die wichtigste: das IVAH steht für Verhaltenstherapie. Genau das, was mein Sohn bei seiner neurobiologischen Vorbelastung der Impulsivität helfen könnte. Wieso bekommt er jetzt Schematherapie mit Fokus auf Familie?

Ich muss einfach mal einen großen Erleichterungsseufzer loswerden: Ich bin nicht nur so froh, dieses tolle Forum zu kennen. Ich bin auch so froh, bei so einen tollen Kinderpsychiater gelandet zu sein.

Nicht ganz so optimistisch und immer weniger begeistert bin ich vom geplanten Tagesklinikaufenthalt im Werner-Otto-Institut (das WOI). Ich nehme jetzt den pragmatischen Standpunkt des KiPsychiaters: Schauen Sie, ob Sie dort etwas für sich finden können. Vielleicht können die zum Thema Schule etwas beitragen. Und sonst gehen Sie eben wieder. Sie müssen dort nicht bleiben, wenn es nicht passt.
Interessant finde ich noch diese Info-Splitter: Laut unseres KiPsychiaters hat das WOI (die Klinik) noch bis vor "kurzem" analytisch gearbeitet und deshalb auch die Mutterbindung gerne für vieles verantwortlich gemacht. Nun hat es dort viele Wechsel gegeben und die WOI-Klinik scheint sich der Verhaltenstherapie zugewendet zu hABEN. Und wieder wurde eine Form, die Schematherapie, gewählt, die sich vor allem auf Familie und Mutterbindung konzentriert. (Zumindest arbeitet dort der Supervisor unseres Schematherapeuten und Mitautor des Standardwerkes für Schematherapie für Kinder).
Mmmmhhhhh.
(Aber das ist eher eine gesellschaftspolitische Diskussion).

Hoffnungsfrohe Grüße von Marta
Sohn *09/10, Frühgeburt

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